Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Jeder ist sich selbst der Nächste.“ sagt der Volksmund. Aber genauso gilt: „Gemeinsam sind wir stark.“ Und was passiert, wenn beides zusammen kommt? Das lehrt uns ein arabisches Sprichwort:

„Ich gegen meinen Bruder;
ich und mein Bruder gegen unsere Vettern;
ich, meine Brüder und Vettern gegen die, die nicht mit uns verwandt sind;
ich, mein Bruder, meine Vettern und Freunde gegen unsere Feinde im Dorf;
sie alle und das ganze Dorf gegen das nächste Dorf.“

Gut beobachtet. Sprichwörter fangen die Wirklichkeit ein. So funktioniert es. So verhalten sich die Menschen. Was dieses Sprichwort beschreibt, das scheint fast eine Gesetzmäßigkeit zu sein. Die ist auch nachvollziehbar. Sie hat eine gute und eine gefährliche Seite.

Es ist gut, wenn jemand seine berechtigten Interessen vertritt. Es ist gut, wenn ich weiß, wer zu mir steht und wo ich hin gehöre. Es ist gut, wenn eine Gemeinschaft zusammen hält und füreinander einsteht.

Aber wenn das auf Kosten Anderer geschieht, wenn sich das gegen die Anderen richtet, dann ist etwas gekippt. Dann wächst ein Gruppenegoismus. Und manche Gruppen brauchen sogar ein gemeinsames Feindbild, sonst wäre es um ihren Zusammenhalt schlecht bestellt. Keine soziale Gruppierung ist vor einem Freund-Feind-Denken gefeit. Aber so wachsen Intoleranz und auch Fremdenfeindlichkeit. Menschen, die nicht so direkt zu uns gehören, Menschen, die anders sind, die werden ausgegrenzt. Eine Herausforderung für unsere Gesellschaft, die immer bunter und komplexer wird.

Da tut eine Übung gut, die die Wahrnehmung schult und das Denken prägt. Die Übung ist, dass ich mich immer wieder in den Anderen hineinversetze; dass ich die Welt mit den Augen des Anderen sehe. In vielen Situationen täte ein solcher Perspektivwechsel gut. Da können mir die Augen aufgehen, was gerade abläuft oder was ich beim Anderen anrichte. Wenn ich diesen Perspektivwechsel übe, dann kann eine neue Grundeinstellung dem Mitmenschen gegenüber wachsen.

In der Bergpredigt legt uns Jesus die Goldene Regel ans Herz: „Alles, was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen!“ (Mt 7, 12)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5521
„Was man nicht hat braucht man nicht.“ Ein provozierender Satz. Auch missverständlich. Der Satz soll kein billiger Trost sein für Menschen, denen es am Lebensnotwendigsten fehlt.

„Was man nicht hat braucht man nicht.“ Das ist einer der Aussprüche unserer verstorbenen Mutter. Von ihrer Lebensgeschichte her kann man verstehen, was sie damit gemeint hat – und welche Weisheit darin steckt.

1927 wurde meine Mutter geboren. Das bedeutet: Kindheit und Jugend vor und im Zweiten Weltkrieg. Und die schwierige Zeit nach dem Krieg. Die Familie musste schauen, wie sie über die Runden kam. Der Vater, ein tüchtiger Schreinermeister, hat Möbel gebaut und sie bei Bauern gegen Kartoffeln getauscht – damit seine Familie etwas zu essen hatte. Das waren prägende Jahre für meine Mutter. Einerseits war es schwer für sie, es war eine Zeit der Entbehrungen. Aber andererseits hat sie gelernt, mit wenigem auszukommen, mit dem, was man hatte. Das hatte auch seine gute Seite: Sie hat einen Blick dafür gewonnen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Vom Materiellen, vom äußeren Wohlstand konnte ihre Generation das Lebensglück damals nicht erwarten. Also war der Blick frei für tiefere Werte, die das Dasein lebenswert und schön machen.

„Was man nicht hat braucht man nicht.“ Darin spiegelt sich eine Grundhaltung. Eine gewisse Anspruchslosigkeit in dem, was ich brauche oder eben nicht brauche, um glücklich zu sein. Es ist wichtig, dass jemand sich seines Lebens freut und sich auch etwas gönnen kann. Genauso wichtig ist das Gespür für das, was uns innerlich erfüllen kann, was ein Menschenleben sinnvoll macht. Wohl dem, der sich die eigene innere Freiheit bewahrt – statt sich abhängig zu machen von den Glücksversprechungen der Werbung. „Wenn ich das und das nicht habe, dann kann es mir nicht gut gehen.“ Solch eine unbewusste Bedingung schleicht sich leicht ein. Aber damit mache ich mein Lebensglück abhängig von etwas, das es gar nicht bringen kann – und ich verpasse ein gutes Stück wirkliche Lebensqualität. Schade, wenn das Herz besetzt ist vom Haben-Wollen und von künstlich geweckten Bedürfnissen. Da kann die Lebensweisheit meiner Mutter eine hilfreiche Provokation sein: „Was man nicht hat braucht man nicht.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5520

Geschäfte werden geplündert, Autos in Brand gesteckt, ganze Straßenzüge verwüstet: Immer wieder kommt es zu Krawallen, oft von jungen Menschen. Straßburg und Paris werden öfter davon heimgesucht. Im Dezember kam es in Griechenland zu Unruhen. Kürzlich sind sie wieder aufgeflammt. Dabei wird nicht nur der öffentliche Friede gestört. Es kommt zu beträchtlichen Zerstörungen. Das ist natürlich kriminell und entsprechend zu ahnden. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Wichtig wäre, auch die andere Seite zu betrachten: Was sind die Ursachen? Wie kommt es dazu, dass gerade junge Menschen sich so verhalten? Warum brauchen sie ein solches Ventil?

Wir haben ein Zeugnis davon. Bei den Unruhen in Griechenland kam der 15jährige Alexandros ums Leben – durch eine Polizeikugel, vermutlich einen Querschläger. Seine Freunde haben danach einen offenen Brief verfasst. Darin halten sie der Gesellschaft einen Spiegel vor. Sie schreiben:

„Wir sind eure Kinder!
Wir haben Träume, wir sind übermütig –
tötet unsere Träume nicht, tötet nicht unseren Übermut.
Auch ihr wart mal jung. Aber das habt ihr vergessen.
Jetzt jagt ihr nur noch dem Geld nach.
Wir hatten erwartet,
dass ihr uns unterstützt,
dass ihr euch für uns interessiert,
dass ihr uns stolz macht –
vergeblich.
Ihr lebt ein verlogenes Leben,
ihr lasst die Köpfe hängen,
ihr habt die Hosen voll
und wartet auf den Tag, an dem ihr sterben werdet.
Ihr habt keine Phantasie,
ihr verliebt euch nicht,
ihr seid nicht kreativ.
Ihr kauft nur und verkauft.
Überall Waren.
Nirgendwo Liebe – nirgendwo.“

Dieser Brief ist ein Hilfeschrei. Die Jugendlichen sind bodenlos enttäuscht – von ihrer Elterngeneration, von der Gesellschaft. Ihnen fehlt das Entscheidende im Leben: Verständnis, Zuneigung. Bezeichnend der Schlusssatz: „Nirgendwo Liebe – nirgendwo.“ Es fehlen ihnen Vorbilder, überzeugende Lebenskonzepte. Die Krawalle sind Ausdruck ihrer Verzweiflung: Sie verzweifeln an der Gesellschaft, weil sie ihnen keinen Halt gibt und keine Perspektiven eröffnet.

Bei uns gibt es noch keine solchen Krawalle. Aber es gibt genügend Anzeichen dafür, dass es vielen jungen Menschen ähnlich geht. Es täte den Jugendlichen und der Gesellschaft gut, wenn wir uns dieser Herausforderung stellen.

Quelle für den Brieftext: Die Rheinpfalz – Sonntagszeitung vom 12.12.2008
https://www.kirche-im-swr.de/?m=5519
Das wars für dieses Jahr! Die Fastnacht ist vorbei. Gestern noch Helau, Täterä und übermütige Menschen, und heute Katerstimmung, das ganz normale Leben, Alltag.
Aber Halt. Für Christen ist heute noch nicht der ganz normale Alltag. Für sie ist es der jähe Sturz aus dem Fastnachtstrubel in den Aschermittwoch.
Viele Christen gehen heute zum Gottesdienst. Dort erhalten sie ein Kreuzzeichen aus Asche auf die Stirn gezeichnet – zur Erinnerung an ihre Sterblichkeit - mit den Worten „Gedenke, dass Du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst“.
Jeder Mensch weiß, dass das Leben endlich ist. Jeder Mensch weiß um sein eigenes Sterben und um seinen Tod. Doch im Alltag beschäftigen wir uns nicht so viel damit, meistens. Der Aschermittwoch erinnert dann und mahnt: „Denk dran, du lebst nicht ewig.“ Nicht zum Einschüchtern, oder um Lebensfreude zu verderben. Sondern genau andersherum: Um des Lebens willen.
Weil der Tod unausweichlich ist, sollte er einen Platz im Leben bekommen. Mit dem Wissen um den Tod werden ganz andere Fragen wichtig, verschieben sich Gewichte: Weil im Tod und damit vor Gott alle Menschen gleich sind. Die neue Frühjahrsgarderobe, das nächste Urlaubsziel - das sind ehrbare Fragen; Ärger am Arbeitsplatz oder Geldnöte sind ernste Sorgen. Der Alltag will schließlich gelebt werden. Und gleichzeitig ist es gut, im Blick zu behalten, wie relativ das alles ist. Denn am Ende des Lebens sind andere Fragen wichtig: „Wie habe ich gelebt? Habe ich meinen Platz im Leben gefunden? Habe ich Liebe schenken können?.........oder bin ich gelebt worden, habe mich verloren im Klein-Klein?“
Die Fragen rund um das sterbliche Leben sind unbequem –und es ist menschlich, diese Fragen ein wenig zu verschieben – auf später......? Für mich enthält dieser Satz viel: „Gedenke, dass Du Staub bist und zum Staub zurückkehrst“. Er heißt: Tu heute, was du nicht aufschieben sollst, weil es vielleicht schnell zu spät sein kann. Er heißt: Kann ich heute etwas von dem tun, was mir wirklich wichtig ist?
Habe ich mich heute schon liebevoll angeschaut?
Kann ich heute etwas tun, damit ein anderer Mensch sich freut? Oder dass es einem anderen leichter ums Herz wird? Weil all das heute nötig ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5518
Immer noch ist Fastnacht. In Mainz und Umgebung, in Köln und so weiter am Rhein. Nicht anders in den Gebieten der alemannischen Fasnet. Anderswo wird schon wieder normal gearbeitet. Aber es ist schon fein, noch einen Tag zu haben hier, noch einen Tag mit dieser besonderen Freude, einen ausgelassenen Tag, einen freien Tag........?
Früher gab es die Fastnacht nur in katholischen Gegenden. Einmal noch wollten alle über die Stränge schlagen vor der strengen Fastenzeit, einmal noch viel essen und trinken und feiern und der Obrigkeit eine lange Nase drehen.
Freude und Glauben – das ist kein Gegensatz. Kein bisschen. Einer meiner Lieblingssätze lautet: „Die Freude an Gott ist unsere Kraft!“
Freude – Kraft – Gott. Ein feiner Dreiklang – für manche vielleicht überraschend?
Aber das geht ganz gut zusammen.
Freude und Lachen, ausgelassen sein und Übermut – das sind wichtige Haltungen im Leben. Freude steckt an, wenn Menschen zusammen sind. An Fastnacht besonders, da geht’s lockerer zu, sind alle Anstrengungen egal und die Menschen stecken sich gegenseitig an mit der Fröhlichkeit. Für ein paar Stunden werden sie großzügiger und freier. Sie genießen es, mal alles ohne größere Absichten zu machen außer der einen, vergnügt zu sein und „den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen“.
Und genau das....mit einem ganz klein wenig anderen Ton, kann auch einem gläubigen Menschen mit seinem Gott geschehen. Wenn mir klar wird, dass ich Gott einen guten Gott sein lassen kann. Wenn mir klar wird, dass ich vor Gott keine Anstrengung brauche und loslassen kann. Wenn ich spüre, dass ich so, wie ich gerade bin, sein darf. Dass ich locker lassen darf. Weil er für mich sorgt. Und mich sein lässt.
„Die Freude an Gott ist unsere Kraft!“
Es ist gut, mit anderen zusammen auf die Suche danach zu gehen. Denn gemeinsam lässt sich die Freude an Gott leichter finden. Und dann wächst Kraft fürs Leben. Und Mut.
Manchmal – vielleicht - sogar ein bisschen Übermut.
Und auch das ist gut so vor Gott.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=5517
Rosenmontag – da wackelt der Dom. In Mainz. In ein/zwei Stunden wird die Stadt voll sein mit hunderttausenden von Fassenachtern, die zum Rosenmontagszug kommen. Und mitten in dem Brodeln und Schreien und Schunkeln steht der Dom, der schon viele Rosenmontagszüge gesehen hat, und ganz andere Umzüge und Aufzüge – da steht er und schaut auf die Stadt, und das seit tausend Jahren.
Ausgerechnet heute – am höchsten Feiertag vieler Fassenachter – ist auch der Gedenktag und Todestag des Heiligen Erzbischof Willigis. Da treffen sich zwei ganz wichtige Ereignisse. Denn der Heilige Willigis bedeutet viel für Mainz. Er hat den Dom geplant und bauen lassen, und die Stephanskirche – ja genau die mit den wunderbaren Chagall-Fenstern. Willigis wollte einen Dom, der so groß ist, dass alle Einwohner der Stadt Mainz damals hineingepasst haben. Der Dom sollte Staatsdom des Heiligen Römischen Reiches sein, die größte Kirche nördlich der Alpen in der damaligen Zeit, groß genug für Königskrönungen. Vor genau tausend Jahren wurde der Dom fertig.
Der Mainzer Dom und Erzbischof Willigis: das ist eine starke Verbindung. Willigis war ein sehr mächtiger Bischof, der zweite Mann nach dem Papst, und so baute er auch . Den Dom ließ er einfach in sumpfiges Gebiet setzen, nach dem Motto: Was ich will, das muss auch klappen. Und am sumpfigen Rheinufer fand er in Mainz genug Platz für seine gewaltige Domkirche. Für die Architekten und Bauherren wurde es eine unglaublich mühsame Aufgabe, mit ihren damaligen Mitteln einen festen Untergrund für das Fundament dieses riesigen Baus herzustellen. Aber die Konstruktion dieses Untergrunds ist ihnen hervorragend gelungen – sie hat fast 1000 Jahre lang gehalten. Kirchenpolitisch war Willigis ebenfalls sehr geschickt. Unter seiner Regentschaft wurde das Erzbistum Mainz reich und gewann viel Einfluss auf die Politik, für einige Jahre wurde er auch Regent des Deutschen Reichs.
Mit der Fassenacht hat Willigis nichts zu tun. Die kam erst später über Mainz.
Aber dass heute diese beiden großen Ereignisse zusammenfallen: der Gedenktag des Willigis im 1000. Jahr des Mainzer Doms, und der Rosenmontagszug –
das habe ich schmunzelnd wahrgenommen. Und ich finde: es passt ganz gut, wie zwei Seiten einer Medaille. Fassenacht und Glaube, schunkelnde Ausgelassenheit und das Wissen um das eigene Können und Wollen, gehören zusammen, . Und wenn heute der Dom mitten im Fassenachtstreiben steht, dann kommt das ganz gut zum Ausdruck. https://www.kirche-im-swr.de/?m=5516