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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der heilige Valentin ist offensichtlich der Schutzpatron der Blumenhändler. Heute, an seinem Gedenktag, werden wieder viele ihrer Frau oder Freundin einen Blumenstrauß kaufen. Der Legende nach soll das auf die Gewohnheit des Heiligen zurückgehen, Jungverliebten Blumen zu schenken. Ein schöner Brauch.
Tatsächlich wissen wir nicht viel über einen heiligen Valentin. Er sei als Christ wegen seines Glaubens im alten Rom hingerichtet worden. Heimlich soll er Ehepaare nach christlichem Ritus getraut haben. Das aber war verboten und galt als strafwürdiges Verbrechen.
Dabei waren die Römer sehr großzügig in Fragen der Ehe. Eine staatliche Trauung wie heute gab es nicht. Die Ehe war an keinen öffentlichen Rechtsakt gebunden und war jederzeit auflösbar. Allerdings ging mit der Eheschließung die Frau in die Familie und die Vormundschaft des Gatten über.
Vielleicht steckt hier das Problem, das der römische Staat mit der christlichen Ehe und mit den heimlichen Trauungen Valentins hatte. Die Christen stiegen nicht aus der Gesellschaft aus und waren von der Gleichberechtigung der Frau noch weit entfernt, aber sie hatten doch eine andere Auffassung von der Ehe. Die Partner sind grundsätzlich gleichberechtigt und sind nur einander und Gott gegenüber verantwortlich. Die Römer spürten: Eine solche Auffassung von der Ehe trägt den Keim des Widerstandes gegen die bisherige patriarchalische Ordnung in sich.
Es hat viele hundert Jahre gedauert, bis aus solchen und anderen Ansätzen tatsächlich die Gleichberechtigung der Geschlechter hervorging – und sie musste leider häufig gegen die christlichen Kirchen durchgesetzt werden. Valentins Einsatz für die Freiheit der Eheleute, dieses Anliegen wurde in den eigenen christlichen Reihen oft nicht verstanden. Dabei ist dieses Anliegen immer noch aktuell. Heute würde sich Valentin vielleicht dafür einsetzen, dass Paare nicht durch gesellschaftliche, familiäre, religiöse oder ethnische Grenzen an einer Ehe gehindert werden. Vielleicht würde er sich wieder dafür stark machen, dass Menschen frei als Eheleute die Liebe leben dürfen, die Gott zwischen ihnen gestiftet hat. Diese Freiheit können Sie heute auch mit einem Blumenstrauß feiern.

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Die Frau auf dem Plakat sieht nicht gepflegt aus. Ihr T-Shirt ist ausgeleiert. Die Mütze sitzt schief auf dem Kopf. Die Frau lebt offensichtlich als Wohnungslose auf der Straße. Sie schaut mich an und legt ihre beiden Zeigefinger an die Mundwinkel, verzieht sie zu einem Lächeln. Darunter der Spruch „Ein Lächeln erfreut jeden. Auch mich.“ Mit diesem Plakat wirbt die Caritas in diesem Jahr für ihren Slogan „Soziale Manieren für eine bessere Gesellschaft.“
Die Frau macht deutlich, was damit gemeint ist: Jedem Menschen tut es gut offen angesehen, gegrüßt und menschlich behandelt zu werden. Auch wenn er in Armut oder auf der Straße lebt. Jeder Mensch hat das Recht auf Respekt und Achtung – gleichgültig ob er eine Wohnung hat oder nicht.
Solche Worte können sehr schnell konkret werden: Ich war auf dem Weg zu einem kirchlichen Empfang, da trat ein Wohnungsloser auf mich zu und bat: „Haben Sie mal einen Euro für einen alten Mann?“ Zusätzlich wollte er noch etwas wissen: „Wo gehen denn all die Leute da hin?“ „Zu einem Empfang.“ „Ach ja, kann da denn jeder hin?“ „Nein, nur die Eingeladenen.“ „Ach so.“-
Fünf Minuten später war ich im gewohnten Kreis der kirchlichen Vertreter und Funktionäre. Die Atmosphäre war offen, freundlich und anregend. Aber ich konnte den Reden dennoch nicht folgen. Denn mir ging der kurze Wortwechsel nicht aus dem Kopf: Kann denn da jeder hin? Nein, nur die Eingeladenen. Und der Mann von der Straße war eben nicht eingeladen.
Genau dieses Verhalten kritisiert Jesus: So lange ihr nur denen Gutes tut, von denen ihr im Gegenzug auch Gutes erwartet, so Jesus, handelt ihr nicht anders als alle. Auch Egoisten und Sünder handeln so. Von euch wird erwartet, dass ihr Gutes tut, wo ihr nichts zu erwarten habt. Denn ihr habt auch alles von Gott umsonst bekommen, und umsonst sollt ihr geben.
Das ist freilich mehr als soziale Manieren und Respekt. Aber Respekt ist der erste Schritt, ist der Türöffner zu einem solchen Verhalten. Jemanden respektvoll anzusehen ist der erste Schritt, in ihm allmählich trotz aller Äußerlichkeiten den Bruder zu erkennen. Den Bruder, dem man die Hand gibt. Den man vielleicht sogar einmal einlädt. Auch zu einem Empfang.

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Ich rede mit Jugendlichen, die sich auf ihre Firmung vorbereiten, über den Glauben und frage sie: „Was ist schwerer im Leben, weil du an Gott und Kirche glaubst?“ Ihre spontane Antwort: „Akzeptanz zu finden“. Und die jungen Leute hatten gleich eine Reihe von Beispielen zur Hand, wie sich das bemerkbar macht: Auf jeder Party kommt es zu Diskussionen, teils auch Angriffen, wenn sie zu ihrem Glauben stehen. Und dann sollen sie für alles gerade stehen: Für Kreuzzüge und Hexenverbrennung, Zölibat und Empfängnisverhütung, Waffensegnung und Geldgeschäfte des Vatikans.
Ich frage die Jugendlichen: „Was hilft denn in einer solchen Situation?“ Und auch hier haben die Firmlinge Antworten parat: „Es hilft, wenn ich nicht alleine bin. Und wenn ich mehr über den Glauben weiß, dann kann ich besser argumentieren.“
Beide Antworten sind naheliegend. Bin ich nicht der Einzige, dann fällt es leichter, mit Kritik umzugehen. Mit dem Wissen ist es nicht so eindeutig. Natürlich kann man mit guten Argumenten manchen Einwand entkräften. Aber viele Einwände bestehen auch zu recht. Und häufig geht es in solchen Gesprächen gar nicht um Wissensfragen. Hinter den vordergründigen Anfragen an Gott, Kirche und Glauben verbirgt sich die eigentliche Frage: Wie kannst Du bei all dem Ballast überhaupt glauben? Warum verlierst du nicht das Vertrauen?
Diese Fragen sind nicht neu. Schon die ersten Christen mussten sich damit herumschlagen. Die Bibel sagt aber nicht: Sammle Argumente und Beweise und widerlege deine Gegner. Der Petrusbrief zum Beispiel rät: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“ Ein Christ muss nicht die ganze Kirchengeschichte in Schutz nehmen. Er soll sagen können, worauf er seine Hoffnung stützt. Zum Beispiel die Hoffnung, dass Gott mir im Alltag beisteht, oder die Hoffnung, dass er für die da ist, die offensichtlich zu kurz kommen. Da geht es auch um Wissen, noch mehr aber um die Frage: Wie erfahre ich Gott, und wie kann ich diese Erfahrung mit anderen Christen teilen. Hoffnungen und Erfahrungen, die man mit anderen gemeinsam hat, das sind starke Argumente für den Glauben.

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Gibt es Wunder? In letzter Zeit frag ich mich das doch manchmal. Eigentlich bin ich eher eine Christin und Katholikin von der sehr vernünftigen, rationalen Sorte. Klar, ich glaube an einen allmächtigen Gott - aber die Vorstellung, dass er Naturgesetze außer Kraft setzt, die ist mir doch eher fremd. Die Vorstellung auch, dass er Kranke heilen könnte. Auf solche Wunderorte wie Lourdes sehe ich mit einer gehörigen Portion Skepsis. Kann denn ein Mensch wirklich plötzlich geheilt werden von seinen Krankheiten, von jetzt auf gleich wieder gehen, wieder sprechen, ohne Schmerzen sein? Ich weiß ja nicht..
Und doch hab ich mich das in letzter Zeit öfter gefragt: Gibt es Wunder? Dann nämlich, wenn ich an kranke Menschen gedacht hab, die mir etwas bedeuten. Menschen zum Bei-spiel, die seit ein paar Monaten im Rollstuhl sitzen oder bei denen der Krebs die Metasta-sen wachsen lässt. Ich mag diese Menschen so sehr und ich wünsche mir so sehr, dass sie wieder gehen können oder dass der Krebs endgültig besiegt wird. Ich will einfach, dass sie geheilt sind. Auch mit meinem Gott spreche ich darüber. Und dann erwische ich mich dabei, dass ich ihm sage: Bitte, lieber Gott, mach sie wieder gesund! Ich weiß, dass es unwahrscheinlich ist. Dass die Ärzte nicht davon ausgehen. Aber dann tu eben ein Wunder, dann mach etwas, was all unsere Erwartungen übertrifft. Und mit einmal glaube ich dann doch an Wunder, ein bisschen wenigstens. Indem ich sie so sehr erbitte und mir wünsche.
Heute gedenkt die katholische Kirche „Unserer Lieben Frau von Lourdes“, wie es heißt. Und sie begeht den „Welttag der Kranken“. Für mich ist das Gelegenheit, wieder einmal besonders an die Kranken unter meinen Freunden und in meiner Familie zu denken. Und für sie zu beten. Ob ein Wunder geschieht, wie ich es mir vorstelle: Ich weiß es nicht. Aber was ich weiß: Die Menschen, für die ich bete, und ich, wir sind durch dieses Beten und Hoffen besonders verbunden, wir rücken einander näher. Und ich weiß auch: Gott ist nicht taub, er hört mein Beten. Auf irgendeine Art und Weise wird er reagieren.

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Er war keiner, der seine Kritik vorsichtig formulierte. Diplomatie war für ihn ein Fremd-wort. Und das Vier-Augen-Gespräch lag ihm nicht. Paulus, einer der großen Apostel da-mals vor zweitausend Jahren, übte seine Kritik deutlich und öffentlich. Nicht nur die ge-genüber seinen Gemeinden – sondern auch die gegenüber Petrus, dem Felsen, dem Chef der Jerusalemer Urgemeinde. Paulus schreibt in einem Brief: „Als Petrus nach Antiochia gekommen war, bin ich ihm offen entgegengetreten, weil er sich ins Unrecht gesetzt hat-te.“ (Gal 2,11ff.). Und weiter heißt es: „In Gegenwart aller“ habe er Petrus zurechtgewie-sen. Es ging natürlich nicht um irgendwelche Kleinigkeiten. Es ging für Paulus ums Gan-ze: Petrus hatte die neuen Christen in Antiochien vor den Kopf gestoßen. Feige hatte er sich von der Tischgemeinschaft mit ihnen zurückgezogen, weil er auf seine alte Gemeinde und deren Regeln Rücksicht nehmen wollte. Paulus war entsetzt und gab Petrus vor aller Augen und Ohren zu verstehen: So geht es nicht, lieber Petrus!
Das klingt mutig, und man möchte fast rufen: richtig so, gib’s ihm! Aber wenn es darum geht, selbst so mutig zu sein, zieht man ja doch oft eher den Kopf ein. Offen entgegen-treten, das ist gar nicht so einfach. Jedenfalls gegenüber denen, die etwas zu sagen und zu entscheiden haben. Leichter fällt es einem, die zu kritisieren, die einem nicht viel an-haben können. Untergebene mal ordentlich zusammenstauchen oder gegenüber den Kin-dern laut werden: Das ist vergleichsweise einfach. Schwerer wird es, wenn der Kollege neben einem Mist gebaut hat oder gar: der Chef eben. Da hält man sich mit Kritik eher mal zurück. Wer weiß, wie der andere reagiert und wie einem die Kritik schaden könnte.
Für den Paulus damals aber war klar: Wenn ich zu einer Sache wirklich stehe, vor allem aber: wenn ich zu den Menschen, zu meiner Gemeinde stehe: Dann muss ich auch mal den Mut haben, dem anderen öffentlich meine Meinung zu sagen.
Übrigens: Die Reaktion des Petrus auf die Strafpredigt des Paulus ist nicht überliefert. Nur eins ist sicher: Paulus hat Recht behalten. Und ohne seinen Widerstand wäre das Christentum nicht zu dem geworden, was es heute ist.
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Jesus übrigens war Jude. Das vergessen viele viel zu schnell. Ich kann als Christin mei-nen Glauben gar nicht denken, ohne an diese jüdischen Wurzeln zu denken. Das heißt: Ein Christ, der Antisemit ist, der judenfeindlich ist, der kann überhaupt kein Christ sein.
Es sind vor allem Fest- und Feiertage, an denen ich diese jüdischen Wurzeln entdecke. Ich lasse mich von ihnen inspirieren für mein Leben. Heute zum Beispiel. Da hab ich zwar keinen christlichen Festtag im Kalender stehen. Aber einen jüdischen: Tu Bischwat, das Neujahrsfest der Bäume. Was für eine gute Idee, eine Art Frühlingsfest schon Mitte Feb-ruar! Im Februar krieg ich richtig Sehnsucht nach wärmerer Luft und nach ersten, zarten Knospen an den Bäumen. An Tu Bischwat, dem Neujahrsfest der Bäume, wird genau das gefeiert: Dass die Bäume wieder ausschlagen – vor allem in wärmeren Gegenden, in Is-rael etwa. Viele Jüdinnen und Juden pflanzen heute auch einen Baum ein. Ein anderer Brauch sagt, man solle eine Frucht verspeisen, die man im laufenden Jahr noch nicht gegessen hat. Vielleicht werde ich das tatsächlich machen: In eine Frucht beißen, die ich in diesem Jahr noch nicht gegessen hab, vielleicht in eine Ananas oder Kiwi. Und dabei an Frühling, Sommer, Sonne denken.
Jüdische Feste sind oft auch mit den christlichen eng verbunden. Das Paschafest feierte Jesus damals mit seinen Jüngern am ersten Frühjahrsvollmond, kurz danach starb er am Kreuz und wurde zu neuem Leben erweckt. Zeitlich ganz nah am Paschafest wird bis heute das christliche Ostern gefeiert. Die Juden sind unsere älteren Brüder und Schwes-tern im Glauben. Es hat lange gedauert, bis die Christen das im Laufe ihrer Geschichte wieder entdeckten. Der Frühling zwischen Katholiken und Juden begann so richtig erst mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil vor knapp fünfzig Jahren. Davor aber hatte es schreckliche Winter gegeben: Christen haben Juden diskriminiert, verfolgt und ermordet.
Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil erkannte die katholische Kirche: Die Juden sind ja unsere älteren Brüder, wir stehen auf ihren Schultern, wir haben ein großes gemeinsa-mes Erbe. Auch an diesen Frühling denke ich heute, an Tu Bischwat. Und bin dankbar für meine jüdischen Wurzeln und jüdischen Geschwister.
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