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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Über Gott reden – kein einfaches Unternehmen. Gerade wenn man nur so miteinander spricht. Etwa beim Smalltalk. Smalltalk heißt übersetzt: Unverbindlich miteinander plaudern. Das machen wir ständig. Auf der Arbeit, zwischen Nachbarn, im Supermarkt. Smalltalk, das ist die Kunst, freundlich über Belangloses zu reden.
Lange Zeit galt als wichtigste Regel beim Smalltalk: Man darf über alles reden, nur nicht über Geld und Gott. Das hat sich mittlerweile geändert. Spätestens seit der Bankenkrise wird überall über Geld geredet. Über riesige Bürgschaften und das eigene Sparbuch. Und spätestens, als ein Deutscher Papst wurde, begann eine »Wiederkehr der Religion«. Nicht nur die berühmte Gretchenfrage – „Wie hält’s du es mit der Religion?“ – darf seitdem wieder gestellt werden. Insgesamt wuchs das Interesse für die Fragen nach dem Woher und Wohin. Und mit ihm die Erkenntnis, dass der Mensch trotz seines Könnens die Welt und sein Leben eben doch nicht völlig im Griff hat. Darüber kann – wieder – geredet werden.
Doch auch die modernen Religionskritiker und ihr »Neuer Atheismus« treten auf den Plan. Sie warnen vor Gotteswahn und der Unlogik der Religion. Wenig daran überzeugt. Aber ein Gedanke von ihnen steckt als Stachel im Fleisch jedes Glaubens: Gott selbst bleibt eine unbewiesene Hypothese. Er lässt sich einfach nicht fassen. Das heißt: Die Frage nach Gott bleibt offen – und deshalb auch umstritten und spannend.
Sicher: Die biblischen Texte lassen uns diesem Gott nahe kommen. Lassen ihn als Freund der Freiheit, als Kämpfer gegen Ungerechtigkeit erkennen. Gerade im menschenfreundlichen Jesus lässt sich etwas von dem menschlichen Gesicht Gottes sehen. Aber wir müssen uns bewusst bleiben: Immer reden wir über und mit Gott in Annäherungen. Was Gott nicht ist, lässt sich leichter sagen, als das, was er ist. Aber das ist auch eine Chance. Die Chance, sich immer wieder neu diesem unbekannten Gott anzunähern. Seine Spuren in dieser Welt zu entdecken. Und darüber zu reden. Auch beim Smalltalk. Auch beim leichten Miteinander-Reden. Und vielleicht ergibt sie ja doch auch hier und da ein tiefergehendes Gespräch. Über Gott und die Welt.
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Der Mann steht da. Steht einfach nur an der Ecke, rührt sich nicht vom Fleck. Und hofft, dass genau an dieser Ecke, wo er das erste Mal sein Mädchen sah, dass er genau hier seine Liebe wieder treffen wird. Die Gruppe »The Script« erzählt die Geschichte von dem Mann, der sich nicht vom Fleck rührt, in einem wunderbaren Popsong. »The man who can't be moved«. Erzählt von einem Mann, der für die Liebe sogar so etwas Verrücktes tut wie still stehen zu bleiben. Viele Menschen verstehen ihn nicht. Manche wollen ihm Geld geben, weil sie ihn für einen Penner halten. Ein Polizist will ihn zum Gehen bewegen. Er soll sich endlich vom Acker machen. Aber er hält die Stellung, wartet auf die Frau, die er liebt.
Jemand, der einfach nur da steht: Das ist mehr als ein Liebeslied – das ist eine Provokation. Denn der Stillstand ist heute doch verdächtig. Man muss sich bewegen, schnell sein, viel erledigen und schaffen. Einfach nur da stehen und warten, das gehört sich irgendwie nicht. Wer still steht, der ist doch fast schon tot.
Die Religionen der Welt, auch das Christentum, kennen die andere Seite der dauernden Bewegung, kennen Ruhe, Meditation, Stille. Sich nicht vom Fleck rühren, an einen Ort verwurzeln, dass ist wichtig. Dann können die Gedanken und Sinne sich richtig ausstrecken, Neues denken und fühlen. Neuen Kontakt mit der Wirklichkeit bekommen. Die Religionen sagen allesamt: Leben entstammt nicht nur dem schnellen oder hektischen Hin und Her, sondern sicher auch und erst recht der Ruhe, dem An-einem-Platz-stehen-Können.
Daran erinnert mich das Lied von dem wartenden, unbeweglichen Mann. Denn »Der Mann, der sich nicht vom Fleck rührt« erzählt eben davon, wie gut es ist, nicht allem hinterher zu rennen. Nicht allem, was durchs Dorf getrieben wird, nachzuhecheln. Nicht jeder Mode zu folgen. Dass es auch wichtig sein kann, auf dem Posten zu bleiben. Weil hier und nur hier, da, gerade da, wo ich stehe, Wichtiges passieren kann.
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Wie sich Liebe anfühlt? Liebe fühlt sich wie Freiheit an, schreibt Otfried Preußler in seinem Buch «Krabat«. Jetzt läuft »Krabat« in den Kinos und es gibt wunderbare Bilder zu dieser These: Liebe fühlt sich wie Freiheit an.
Die Geschichte: Krabat kommt als Lehrling in eine geheimnisvolle Mühle. Hier bringt der Müller seinen Lehrjungen bei, was sie für das Müllern wissen müssen. Und noch mehr: Er führt seine zwölf Gesellen in die schwarze Magie, in die Zauberei ein. Krabat, der hungernde Waisenjunge, ist fasziniert, will das alles lernen. Was er nicht ahnt: Für das dunkle Wissen müssen die Lehrlinge des Müllers einen hohen Preis bezahlen. Sie verlieren ihre Freiheit und letztlich auch ihr Leben. Nur eine Chance haben die Gesellen, den Fängen des Zaubermüllers zu entkommen. Wenn sie eine junge Frau liebt. Und wenn diese Frau genug Mut hat, beim Müller um ihren Geliebten zu bitten. Krabat hat Glück. Er findet eine Freundin mit Mut und Verstand. Sie lässt sich von dem Müller nicht abwimmeln und kann schließlich ihren Krabat befreien. Krabat erzählt davon, dass die Liebe Menschen frei macht.
Wie fühlt sich Liebe an? In dem vielleicht wunderbarsten Liebesgedicht der Welt wird die Frage umgedreht: Wie fühlt sich das Leben ohne Liebe an? Paulus hat das Gedicht verfasst. Es findet sich in der Bibel. Paulus schreibt: „Wenn ich wie ein Mensch rede oder wie ein Engel und bin ohne Liebe, bin ich ein schepperndes Blech und eine gellende Zimbel. Und wenn ich alles, was ich kann und habe, für andere aufwende und mein Leben auf Spiel setze, selbst unter der Gefahr auf dem Scheiterhaufen zu enden, und bin ohne Liebe, hat das alles keinen Sinn.“ (Auszüge 1 Kor 13)
Paulus erzählt, was Preußler in »Krabat« in eine spannende Geschichte packt: Dass erst die Liebe das Leben rund macht, glücklich macht. Und dass erst die Liebe frei macht – von allem, was scheinbar zählt. Nicht Magie, nicht Zauberei, nicht Macht und Ansehen lassen leben, sondern erst die Liebe. Aber die Liebe kommt meistens nicht einfach so; die Liebe muss oft ganz schöne Hindernisse aus dem Weg räumen, mit Gefahren umgehen. Aber dann winkt sie unübersehbar mit der Freiheit.
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„Bildung“ ist ein Mega-Thema geworden in Deutschland. Die Verantwortlichen haben erkannt: unsere Schulen müssen besser werden. Auch deshalb hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ministerpräsidenten heute zum nationalen Bildungsgipfel eingeladen.
Zur Bildung gehören aber nicht nur Mathematik, Deutsch oder Fremdsprachen. Wenn Kinder und Jugendliche tatsächlich in der „Bildungsrepublik Deutschland“ ankommen sollen, dann ist auch der Religionsunterricht gefragt. Ohne grundlegende Kenntnisse des Christentums ist die abendländische Kultur überhaupt nicht zu verstehen. Das erfahren die Schülerinnen und Schüler etwa in der Auseinandersetzung mit Geschichte, Literatur, Musik oder Kunst. Könnte man die Werke eines Johann Sebastian Bach begreifen, ohne die Evangelien zu kennen? Oder die Dramen der Klassiker? Und was ist mit den Themen der Malerei und Bildhauerei – von Michelangelo und Rembrandt bis zu Barlach und Beuys?
Zu einer ganzheitlichen Bildung gehört auch ein guter Religionsunterricht. In den meisten Bundesländern gibt es ihn, so auch bei uns in Rheinland-Pfalz. Dort, wo er nicht angeboten wird, nimmt man jungen Leuten konkrete Bildungschancen. Dagegen wehren sich Eltern und Schüler jetzt gerade in Berlin – mit einem Volksbegehren.
Im Religionsunterricht geht es nicht um bloße Information. Hier kommen die Fragen der Jugendlichen nach Gott und der Welt zur Sprache. Die Lehrerinnen und Lehrer tragen ihre Überzeugungen offen vor. So entsteht ein Dialog zu den großen Themen unserer Zeit. Orientierung wird möglich. Werte wie Freiheit, Toleranz, Gerechtigkeit und Solidarität werden diskutiert. Wenn in der Schule zu Mitmenschlichkeit und Verantwortung erzogen wird, dann leistet der Religionsunterricht einen wichtigen Beitrag.
Übrigens: Umfragen zeigen, dass „Reli“ bei den Schülern zu den beliebtesten Fächern gehört. Wenn also in Deutschland das Thema „Bildung“ diskutiert wird, dann gehört die religiöse Bildung unbedingt dazu.
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Wir schreiben das Jahr 1943. Ein Abend in einem Konzentrationslager. Der Lagerkommandant befiehlt, den Häftling mit der Nummer 17531 zu ihm zu bringen. Es ist der Italiener Dapozzo.
Mit blankem Oberkörper und barfuss, muss der Mann vor dem gedeckten Tisch des Kommandanten stehen. Dapozzo wiegt noch 45 Kilo. Der SS-Mann lässt sich das Essen schmecken. Der Häftling muss zuschauen. „Na, Dapozzo, glaubst Du immer noch an den Psalm 23, wo es heißt: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang?“ Dapozzo, ein gläubiger Christ, antwortet: „Ja, ich glaube daran.“
Da lässt sich der Sadist Kaffee und Kuchen bringen. Er sagt: „Deine Frau kann sehr gut backen, Dapozzo. Der Kuchen ist von ihr. Sie schickt dir immer wieder Pakete mit Gebäck. Ich esse das gern.“ Nach diesen Worten schickt er den Häftling zurück in die Baracke.
Bei Kriegsende taucht der KZ-Kommandant unter. Dapozzo überlebt das Lager und sucht nach seinem Peiniger. Zehn Jahre später macht er ihn ausfindig. Er besucht ihn. „Ich bin Häftling 17531. Erinnern Sie sich an 1943?“ Der Mann ist geschockt. „Dapozzo, Sie sind gekommen, sich an mir zu rächen?“ „Ja, genau.“ Doch dann öffnet Dapozzo ein Paket und zieht einen Kuchen heraus. Er bittet die Frau des Kommandanten, Kaffee zu kochen. Schweigend essen und trinken sie zusammen. Schließlich bittet der Verbrecher unter Tränen um Verzeihung. Dapozzo erklärt: „Ich habe Ihnen vergeben - um Christi willen.“
Eine faszinierende Geschichte. Wie schafft ein Mensch das? Vergebung nach so viel Schmerz und Erniedrigung? Könnte ich so handeln? Ich glaube, nein.
Aber ein Wort der Schriftstellerin Gertrud von Le Fort gibt mir eine Ahnung, wie das möglich sein kann; woher Menschen diese Kraft zur Versöhnung nehmen: „Im Verzeihen des Unverzeihlichen ist der Mensch der göttlichen Liebe am nächsten.“
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Rom im Jahr 1610. Die Ewige Stadt erstrahlt im Glanz des Barock. Der Neubau des Petersdoms geht gerade seiner Vollendung entgegen. Der Bauherr, Papst Paul V., ist ein mächtiger Kirchenfürst und ein Freund der Künste.
An diesem Sommertag aber hat der Papst einen Termin in der Altstadt – im Heiliggeistspital. Kein Krankenhaus wie jedes andere. Hier gibt es eigene Stationen für Patienten mit ansteckenden Krankheiten, unterschiedliche Speisezettel und vor allem ein gut ausgebildetes Fachpersonal.
Geleitet wird das Hospital von Pater Camillo. Er hat gerade einen Orden gegründet, der sich der Krankenpflege widmet. Paul V. will die Einrichtung besuchen. Ohne Voranmeldung. So ist Camillo gerade bei der Arbeit, als ihn der Papst überrascht. Ein Begleiter des Papstes faucht ihn an: „Zieht doch wenigstens Euren schmutzigen Kittel aus, wenn Ihr mit dem Heiligen Vater sprecht!“ „Wieso?“ fragt Camillo zurück. „Wenn ich mit Christus selber beschäftigt bin, habe ich keine Zeit, mich für seinen Stellvertreter umzuziehen.“
Ein mutiger Mann, dieser Camillo. Für ihn ist klar: In jedem Kranken und Leidenden trifft er Christus selbst. Das ist der Grundsatz einer christlich motivierten Pflege. Wie viele Pflegerinnen und Pfleger setzen das auch heute noch Tag für Tag um! In Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen.
Wer Verwandte und Freunde in solchen Einrichtungen besucht, der weiß, was diese Frauen und Männer leisten. Sie verrichten grundlegende Dienste: Waschen, Saubermachen, Essen reichen. Oft ist die Arbeit schwer und belastend. Viele Häuser sind personell unterbesetzt. Der Zeitdruck ist groß. Es gibt wechselnde Schichten und Wochenenddienste. Und das zu meist niedrigen Löhnen.
Kranken- und Pflegekräfte werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Dabei sind sie unverzichtbar in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen alt und hilfsbedürftig werden. Wenn ihre Arbeit nicht gewürdigt wird, dürfen wir uns über Fachkräftemangel nicht wundern.
Wie menschlich eine Gesellschaft wirklich ist, zeigt sich im Umgang mit ihren Kranken. Und jeder von uns wünscht sich doch, menschenwürdig betreut zu werden, wenn die eigenen Kräfte erlahmen. Was wäre das für ein Glück, dann Pfleger vom Schlage eines Paters Camillo zu haben ...

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„Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ (Mt 22,21) Ein Jesus-Wort. In den katholischen Gottesdiensten wird es heute wieder gelesen. Das klingt staatstragend und politisch korrekt. So wurde die Aussage Jesu meist verstanden: Der Bürger soll dem Kaiser, dem König, den Regierenden gehorchen und die Mächtigen nicht in Frage stellen.
Ein grandioses Missverständnis, wie die Geschichte zeigt: Jesus ist in Jerusalem. Da kommen einige Pharisäer zu ihm. Scheinheilig fragen sie ihn: „Sag uns: Ist es nach deiner Meinung erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ (Mt 22,17) Eine Fangfrage. Die Römer halten das jüdische Land besetzt. Erklärt Jesus die römische Steuer für rechtmäßig, dann ist er in den Augen seiner Landsleute ein Feigling und Verräter. Lehnt er die Steuer ab, macht er sich zum Rebell gegen die heidnische Besatzungsmacht.
Jesus kontert glasklar: „Ihr Heuchler! Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt!“ (Mt 22,19) Da ziehen die Pharisäer eine Silbermünze aus der Tasche. „Wessen Bild und Aufschrift ist das?“ (Mt 22,20) fragt Jesus. Natürlich zeigt das römische Geld den Kopf des göttlichen Imperators. So müssen sie antworten: „Des Kaisers.“ Jesus entgegnet: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!“ Im griechischen Originaltext heißt es sogar: „Gebt dem Kaiser zurück, was ihm gehört.“
Für Jesus steht fest: die Menschen gehören zuallererst Gott selber. Denn Gott hat sie erschaffen, nach seinem Bild. Ihm gebühren deshalb Ehrfurcht, Dankbarkeit und Vertrauen und nicht dem Kaiser in Rom.
Jesus verkündet also gerade nicht das Bündnis von Thron und Altar. Er stellt den Mächtigen keinen Blankoscheck aus. Der Staat ist nachgeordnet. Dort, wo die Staatsgewalt die Menschenrechte verletzt, da wird auch Gott angegriffen. Wenn das geschieht, sind Kritik und Widerspruch gefordert.
Jesus hat gewiss nicht die offene Revolte gepredigt, schon gar nicht die Gewalt. Aber er hat Gott und den Menschen Vorrang eingeräumt vor allem anderen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
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