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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Pippi Langstrumpf – erinnern Sie sich noch? Der Klassiker von Astrid Lindgren. Als Kind habe ich keine Folge mit dem rotbezopften, sommersprossigen und superstarken Mäd-chen im Fernsehen verpasst. Vor einiger Zeit habe ich mir wieder einmal eine Sendung angesehen. Jetzt, beim Wiedersehen, hatte ich den Eindruck: auf dem Bildschirm passiert praktisch nichts! Pippi und ihre Freunde liegen auf einer Sommerwiese und machen nichts. Sie betrachten nur endlos lang den Himmel, die Blumen, die Schmetterlinge. Wa-rum kam mir – anders als damals, als ich Kind war – das Ganze jetzt so unendlich lang-sam und langweilig vor?

Die Antwort bekam ich einige Tage später in Gestalt einer Zahl. Ein kluger Mann hat aus-gerechnet, dass bei einem Spielfilm aus Hollywood im Durchschnitt alle zwei Sekunden die Einstellung der Kamera verändert wird. Diese Zeitspanne wird seit Jahren regelmäßig immer kürzer. Schnelle Schnitte – schneller Film – Abwechslung. Unsere Sehgewohnhei-ten haben sich im wahrsten Sinne des Wortes rasant verändert. Fünfzehn Sekunden lang nichts als eine Blumenwiese sind da nicht mehr drin. Dann schalten wir um oder sind mit den Gedanken woanders. Die Hirnforscher sagen: unser Gehirn hat sich daran gewöhnt, möglichst rasch mit immer neuen, aufregenden Bildern belohnt zu werden.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass sich auch unser Leben insgesamt so verändert hat. Vieles muss schneller gehen Es wird rationalisiert und eingespart, wo es nur geht. Man hat für dieselbe Tätigkeit weniger Zeit als früher. Und dazu noch die Schnitte: Be-rufswechsel, Partnerwechsel, Ortswechsel. Damit muss man erst einmal zurechtkommen. Manche fallen vor Schwindel bei dem Tempo vom Gleis.

Ich kann das Leben nicht langsamer machen. Aber ich will darauf vertrauen, dass Gott mitgeht. Dass er stehen bleibt, wenn ich eine Pause brauche, und sich auch nicht abhän-gen lässt, wenn es schnell gehen muss. Vor allem aber: dass er über alle Schnitte hinweg für mich da ist. Nicht nur für zwei Sekunden, sondern für ein Leben lang.
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Mind the gap! Jedes Mal, wenn sich in London die Türen einer U-Bahn öffnen, kommt aus den Lautsprechern dieser Hinweis: Mind the gap – auf deutsch: Achtung, Spalte. Damit weisen die Briten ihre Fahrgäste auf den Abstand zwischen Zug und Bahnsteig hin. Die Briten sind eben fürsorgliche Menschen. Und britische Philosophen sind besonders fürsorglich. Sie weisen immer wieder darauf hin, dass es so einen gap, eine Spalte, nicht nur auf dem Bahnsteig gibt, sondern auch im Leben. Ja, dass diese Spalte sich durch das ganze Leben zieht: Pass auf, wo du hintrittst! Denn das Leben hat zwei Seiten, sagen sie: Auf der einen Seite das Leben, wie es nun mal ist – und auf der anderen Seite das Leben, wie es eigentlich sein sollte.
Das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Wehe, wenn man das durcheinander bringt!

Das Leben, wie es ist, und das Leben, wie es sein sollte. Und dazwischen eine Spalte. In die man fallen kann, wenn man sich zum Beispiel mit Dingen abquält, die sich beim bes-ten Willen nicht ändern lassen. Zum Beispiel: ich kann die anderen nicht verändern. Ich kann sie bitten, etwas anders zu machen. Aber ich kann nicht machen, dass sie anders werden. Manchmal ist es gar nicht so leicht, „so ist es“ zu sagen und etwas auf sich be-ruhen zu lassen. Und doch ganz wichtig: Mind the gap! Kämpf’ dich nicht müde! Deine Energie ist hier fehl am Platze. Setze sie lieber für etwas anderes ein.

Nicht immer sehe ich deutlich, was jetzt gerade zu tun und zu lassen ist. Deshalb ist aus der Einsicht in die zwei Seiten des Lebens ein altes Gebet entstanden: Herr, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; gib mir die Kraft, die Dinge anzupacken, die ich ändern kann; und gib mir die Fähigkeit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Mit dieser Fähigkeit erspare ich mir viel Durcheinander. Es ist ein echtes Gottesgeschenk, wenn ich mich nicht ständig darum sorgen muss, wie das Leben eigentlich laufen sollte. Gut, wenn ich Gelassenheit und Kraft jeweils an der richtigen Stelle einsetzen kann. Mind the gap!
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„Martin, Tim und Lukas fuhren gerne sportlich.“ Diesen Satz lese ich fast täglich. Er steht auf einem Plakat am Autobahnkreuz Mainz ganz in meiner Nähe. Über dem Satz ist ein Kreuz abgebildet. Und jeder weiß: Kreuz bedeutet Tod. Wer zu schnell fährt, gerne „sportlich“ unterwegs ist, der bezahlt das mit seinem Leben. Runter vom Gas, steht des-halb außerdem noch auf dem Plakat. Die Botschaft ist klar: Macht langsam, wenn euch euer Leben lieb ist! Haltet euch an die Geschwindigkeitsbegrenzungen!

Ganz offensichtlich setzt das Plakat zur Verkehrserziehung auf Abschreckung. Wenn ihr nicht wollt, dass es euch auch geht wie Martin, Tim und Lukas, dann fahrt nicht so schnell. Der Bleifuß auf dem Gaspedal ist der sichere Weg ins Grab.

So ganz verkehrt finde ich das nicht. Ich fahre nämlich gern sportlich. Einfach so, Ohne groß nachzudenken. Deshalb kann man mich gar nicht oft genug an die Straßenver-kehrsordnung erinnern. Nicht auszudenken, wenn ich einfach aus Nachlässigkeit oder Hektik oder Lust an der Geschwindigkeit meiner Verantwortung nicht gerecht werde und einen Unfall verursachen würde!

Wenn ich an das Kreuz auf dem Plakat denke, das Kreuz über Martin, Tim und Lukas, dann denke ich allerdings nicht nur an Schuld und Tod. Dann denke ich auch an den, der an diesem Kreuz gehangen hat. Und der lässt uns eben nicht allein, wenn alle Abschre-ckung nicht geholfen hat. Der bleibt auch bei uns, wenn wir einen Unfall haben. Daran jedenfalls glaube ich.

Wenn Sie heute morgen auch wieder unterwegs sind, lassen Sie sich nicht hetzen. Weder von äußeren Terminen noch von falscher Sportlichkeit. Und wenn sie wollen, können Sie mit mir mit einem Gebet in den Tag starten. Vielleicht so:

Gott, ich mache mich jetzt auf den Weg. Behüte mich und alle, die mit mir unterwegs sind, vor Leichtsinn und Unfällen. Lehre mich Rücksicht und sei da, wenn es doch zu ei-nem Unfall kommt. Amen.
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Fast acht Millionen Menschen haben ein „atypisches Beschäftigungsverhältnis“. So nennt man das, wenn jemand z. B. in Teilzeit, im 400-Euro-Job, als Leiharbeiter oder befristet arbeitet. Allerdings frage ich mich: Wenn so viele Menschen unter solchen Bedingungen arbeiten müssen, was ist dann daran noch atypisch? Viel mehr Menschen als wir glauben leben in unserem Land von der Hand in den Mund. Da ist das Geld ganz schnell ganz schön knapp und auf dem Konto herrscht Ebbe.

Dabei steht doch schon in der Bibel: der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Und der muss auch für den Lebensunterhalt ausreichen. Jesus stellt Gott einmal als reichen Winzer vor. Der zahlt für einen Tag Arbeit im Weinberg einen Silbergroschen. Das war ordentlich und reichte zum Leben. Im Laufe des Tages braucht er immer wieder zusätzliche Arbeiter. Also werden ohne viel Federlesen den ganzen Tag über Männer aufs Feld geholt. Wer keine Arbeit hat, nimmt gerne an und fragt auch nicht groß, was dabei finanziell für ihn herausspringt. Selbst eine Stunde vor Arbeitsende werden noch Leute eingestellt.

Am Abend wird dann der Lohn für den Tag ausgezahlt. Die Überraschung ist groß: jeder bekommt einen Silbergroschen, egal, wie lange er dafür gearbeitet hat. Die Reaktionen fallen sehr unterschiedlich aus. Die einen sind dankbar und begeistert. Sie werden heute Abend satt werden, auch wenn sie zunächst keine Arbeit hatten. Die anderen aber sind richtig sauer. Sie haben frühmorgens angefangen, die Hitze des Mittags ertragen und den ganzen Tag schwer geschuftet. Was soll daran gerecht sein, dass alle gleich entlohnt werden? Wie soll man mit der Güte so eines göttlichen Winzers zurechtkommen? Viel-leicht so: dieser Winzer stellt nicht die Leistung an die erste Stelle. Sondern das, was ein Mensch zum Leben und Überleben braucht. Wichtiger als eine Leistungsprämie ist es, dass auch der, der ein atypisches Beschäftigungsverhältnis hatte, am Abend nicht hung-rig schlafen geht. Dafür steht er mit seiner Güte ein.

Ich meine: wenn wir schon so viele atypische Beschäftigungsverhältnisse haben, dann brauchen wir auch mehr atypische Arbeitgeber wie Gott. Damit alle genug zum Leben haben.
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Mit einem verschuldeten kleinen Bauernhof fing alles an. Einige Kaufleute legten Geld zusammen und kauften ihn. Sie haben keine Wellness-Oase für gestresste Manager und kein Kaufhaus daraus gemacht. Es ging ihnen überhaupt nicht ums Geschäft und sie wa-ren auch nicht auf Profit aus. Stattdessen richteten sie das Haus für epilepsiekranke Jun-gen ein und sorgten auch für das nötige Kleingeld zum Unterhalt.

Nicht einmal steuerliche Vorteile brachte es diesen Unternehmern. Denn die waren nicht nur geschäftstüchtig, sondern auch fromm. Ja, die gab und gibt es bis heute. Unterneh-mer, die einfach etwas Gutes für die Gemeinschaft tun wollen, die eine Stiftung gründen oder Mäzen und Förderer sind – aus Liebe zu den Menschen und vielleicht auch aus Liebe zu Gott.

Geschäftstüchtige Leute – Jesus hatte Respekt vor ihnen. Gott hat er sich in einer seiner Geschichten als einen Superreichen vorgestellt, der zentnerweise Geld und einen schar-fen Blick für Gewinn und Verlust hat. Das ist auch außerhalb des Geschäfts von Nutzen!

Denn es ist doch ein Verlust - für die Menschlichkeit unserer Gesellschaft, wenn chronisch kranke Menschen vor allem als Kostenfaktor gesehen und nicht ordentlich und gut ver-sorgt werden. Denn wo bleibt dann unser Bekenntnis zur Würde des Menschen, die doch unantastbar ist?

Und ist es ein riesiger Gewinn – für das Gemeinwohl, wenn Menschen nicht warten, bis die Regierung oder andere etwas tun, sondern selbst Zeit, Kraft und vor allem Geld bereit stellen. Was für eine Wachstumsrate an Barmherzigkeit!

Die Initiative der Geschäftswelt, die den Gewinn für alle suchte, kam schon im 19.Jahrhundert in Bielefeld zustande. Im Lauf der Jahrzehnte entstand aus dem kleinen Hof für epilepsiekranke Jungen der Ort Bethel. Aus bescheidenen Anfängen wurde eine diakonische Einrichtung, wie es sie in Europa kein zweites Mal gibt. Bethel ist Arbeitsplatz und Zuhause für viele tausend Menschen. Vielleicht gehören auch Sie zu denen, die ab-gestempelte Briefmarken auf Umschlägen ausschneiden und nach Bethel schicken, um Menschen mit Behinderung Arbeit zu geben.

Heute feiert die Idee der frommen Kaufleute ihren 141. Geburtstag. Herzlichen Glück-wunsch, Bethel!
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Im Finanzbereich läuft es zur Zeit alles andere als rund. Wer sich dort nicht auskennt, hat den Eindruck, mit einem Mal in eine andere Welt zu blicken: Milliarden von Euro lösen sich scheinbar in nichts auf, Kredite werden weiter- und weiterverkauft, man wettet dar-auf, ob Kurse steigen oder fallen. Und trotz der vielen scheinbar objektiven Zahlen spie-len Gefühle und Stimmungen eine große Rolle. Immer wieder ist von einem Wort die Re-de, das man eigentlich eher in Kirchen ausspricht als im Bankenviertel: das Wort „Ver-trauen“. Denn Vertrauen ist nichts anderes als „Glauben“. Aber woran glauben Banker und Broker? Woran glauben wir?

Ich jedenfalls glaube, dass Gott auch in der Welt des Geldes etwas zu sagen hat. Und ich hoffe, dass Gott auch in Zeiten der Krise fest im Regiment sitzt und uns unser tägliches Brot gibt.

Denn von einer gewaltigen Wirtschaftskrise erzählt uns schließlich schon die Bibel. Da-mals traf es den gesamten Orient. Dabei schien alles so gut zu laufen. Üppige Erträge Jahr für Jahr. Ganz offensichtlich gab es keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Alles schien auf Wachstum und Wohlstand für alle programmiert, keine Krise weit und breit in Sicht.

Doch plötzlich kommt es zu einem Klimaumschwung. Die Niederschläge gehen zurück, die Ernten fallen viel kleiner aus, Getreide wird fast unbezahlbar. Jahrelang geht das so. Damals greift der ägyptische Staat rettend ein. Der junge Vizekönig hat in den fetten Jahren Rückstellungen vorgenommen und Reserven gebildet, um eventuelle magere Jah-re zu überstehen. Und alles andere als selbstverständlich: die ägyptischen Vorräte wer-den auch an Menschen jenseits der Landesgrenzen verteilt. Der Name des dynamischen Vizekönigs ist Joseph. Gott selbst hat damals Joseph im Traum gezeigt, was zu tun war. Und Joseph hat sein Vertrauen nie verloren. Sein Vertrauen in Gott. Als alles überstanden ist, da sagt er: der Mensch hat es böse gewollt, aber Gott hat es gut gemacht.

Das wünsche ich auch unseren Bankern, Brokern, Politikern und uns allen heute: Das Vertrauen, dass Gott das Geld nicht zum Teufel gehen lässt. Das Vertrauen, dass Gott diese Welt von Anfang an bis heute zum Guten führen will. Gott ist im Frankfurter Ban-kenviertel genauso zu Hause wie in jeder Kirche.

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Heute vor 516 Jahren erreichte Kolumbus Amerika. Am 12. Oktober 1492 ging er vor der Insel Guanahani vor Anker. Er entdeckte eine neue Welt. Sie war geprägt von fremden Menschen und Sprachen, einem anderen Klima und unbekannten Pflanzen und Tieren. In den ersten Tagen stand Kolumbus immer wieder staunend vor der Größe und Vielfalt der Schöpfung. Sie war für ihn und seine Schiffsbesatzung auf einmal so viel größer und viel-fältiger geworden. Gern wäre ich dabei gewesen, wie sie damals ihren Horizont im wahrs-ten Sinne des Wortes erweiterten. Bis heute gehört das zum Menschsein: offen sein für neue Entdeckungen und Staunen können

Leider war dieses Staunen damals nur von kurzer Dauer. Denn Kolumbus blieb nicht lan-ge nur begeisterter Entdecker. Nach ganz kurzer Zeit wurde er auch zum Eroberer. Er sah die neue Welt vor allem als einen unerschöpflichen Vorrat an Gold, Sklaven – und Heiden, die getauft werden könnten.

Was für ein Zweispalt: der Mensch als Zeuge dafür, wie schön Gottes Schöpfung ist. Und gleichzeitig ein Geschöpf, das eigene Ziele verfolgt – manchmal zum Besten aller, oft genug aber zum Schaden des ganzen Planeten. Was Menschen in die Hände bekommen, wird allzu oft zerstört. Die Menschen sind merkwürdige, zweispältige Geschöpfe.

Martin Luther hat das so beschrieben: Jeder Mensch ist gleichzeitig ein Geliebter und ein Sünder. Letzteres liegt auf der Hand. Unsere Schuld, Fehler und Irrtümer kommen aus der Sünde. Aus der Gottesferne. Aber wo kommt denn die Liebe her?

Sie kommt von Gott. Sie kommt aus dem liebevollen Blick des Vaters, der nicht aufhören kann, seine Kinder zu lieben, was auch immer sie tun. Sie kommt aus seinem Plan, uns mit der Erde einen Ort zum Leben zu geben. Sie kommt aus seinem Entschluss, in Jesus selbst Mensch zu werden und mit uns das Leben zu teilen, so schwer wir es ihm damit auch machen.

Martin Luther wusste: diese Liebe Gottes ist viel stärker und mächtiger als alles, was wir tun. Selbst mit all unserer Zweispältigkeit ist sie nicht kaputt zu kriegen.

Darum: heute ist ein guter Tag, loszuziehen. Heute am Sonntag. Ein bisschen wie Ko-lumbus – auf Entdeckungstour durch Gottes Schöpfung: uns zur Freude hat Gott sie ge-macht. Damit wir immer wieder und immer neu ins Staunen kommen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.
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