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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Im Krankenhaus besuche ich einen jungen Mann aus Tschetschenien. Er hat seine Frau durch eine Gasexplosion verloren; seine einjährige Tochter erlitt schwerste Verbrennungen im Gesicht und am Arm. Das Kind ist für sein Leben gezeichnet und muss immer wieder operiert werden, damit es ein halbwegs normales Leben führen kann.
Was für ein Schicksal! Und doch: Der Mann ist fröhlich und das Kind ist voller Tatendrang, obwohl sein Gesicht verbunden ist und an seinem Arm ein Schlauch hängt von der Infusion.

„Woher nehmen Sie diese Kraft?“ frage ich ihn.
Er sagt: „Ganz einfach: Ich schaue nicht nach Leuten, denen es besser geht. Wissen Sie, es gibt so viele auf Welt, die sind unzufrieden, weil sie dies nicht haben und das nicht haben. Sie merken gar nicht mehr, dass sie ein Dach
über dem Kopf haben und genug zum Essen und vielleicht auch noch gesund sind.
Ich bin einfach glücklich, weil meine Tochter noch ihr Augenlicht hat; sie kann ihre Hände benutzen und sie kann herumspringen und laufen. Die Ärzte hier tun ihr Möglichstes und die Deutschen nehmen uns immer wieder freundlich auf. Und zu hause hilft mir meine Familie. Sollte ich da nicht glücklich sein?“
„Schon“, sage ich, „aber mir würde das sehr schwer fallen.“

Ein Schatten huscht über sein Gesicht. „Am Anfang war es auch sehr schwer“, sagt er. „Ich wusste ja nicht einmal, ob die Kleine überlebt. Aber dann, als es bergauf ging, wurde ich dankbar. Das Gute nehme ich gerne aus Gottes Hand. Muss ich dann nicht auch das Schwere annehmen?“

Die Tochter streckt ihm die Ärmchen entgegen. Als er sie auf den Arm nimmt, stopft die Kleine ihm alles, was sie greifen kann, oben in den Hemdausschnitt und gluckst dabei vor Freude.
„Sie denkt, ich bin ein Känguru“, sagt er und lacht.

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Ich wäre so gerne dabei gewesen! Damals, als die Berliner Mauer fiel.
Ich weiß noch, wie sehr mich die Bilder im Fernsehen bewegt haben: diese ausgelassene Menschenmenge, alle einander fremd und doch so voller Jubel und Begeisterung. Da, direkt vor meinen Augen spielte sich ein entscheidender Moment der Weltgeschichte ab, und ich sah nur aus der Ferne zu.
In dem Augenblick wusste ich:
„Das wirst Du Dein Leben lang bereuen.“
Aber ich bin nicht aufgestanden und hingegangen.

Andere sind aufgestanden und hingegangen, nicht nur zum Feiern.
Schon 1981, also bereits acht Jahre vor der Wende, haben sich Menschen, die sich nicht mehr mit den Zuständen abfinden wollten, zum Friedensgebet getroffen. In der Nicolaikirche in Leipzig haben sie sich gestärkt, mit Gebeten aus den Psalmen und Worten aus der Bergpredigt. Und das gab ihnen den Mut, in der überfüllten Kirche vor die Masse zu treten und Gesicht zu zeigen. Wohl wissend, dass überall Stasi-Leute lauerten und sie mit den schlimmsten Folgen rechnen mussten.

Von da nahm das Wunder seinen Lauf:
Das Wunder der gewaltlosen Revolution, wie sie Jesus gepredigt hat.
„Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“, sagte ein
Mitglied des Zentralkomitees der SED später. Dass tausende von Menschen ihren Glauben mit auf die Straße nahmen und ihr Leben riskierten, das verstand die Regierung einfach nicht.

Am 7. Oktober 1989 ging´s auf dem Nicolaihof - dem Platz der Montagsdemonstrationen - noch brutal zur Sache. Von Mittag an bis in die Abendstunden wurden Menschen verhaftet: niedergeknüppelt, über den Boden geschleift und auf Laster gepfercht. Doch die Geprügelten schlugen nicht zurück. Sie setzten die Bergpredigt Jesu wörtlich um und das ist ein Wunder biblischen Ausmaßes:
Die Polizisten verloren die Lust am Prügeln.
Und die Panzer rollten nicht.

So kam es zu dem gewaltfreien Wandel, den wir heute am „Tag der Deutschen Einheit“ feiern. Auch wenn ich nichts dazu beigetragen habe, mich erfüllt dieser Tag mit großem Stolz: Wir sind das Volk der friedlichen Revolution. Das ist der gute Ausgang einer unsäglichen Geschichte.
Es waren Worte Jesu, die das vollbracht haben. Und Menschen, die an diese Worte geglaubt haben. Unser Glaube, brennt er nur leidenschaftlich genug, dann kann er Berge versetzen und Mauern zu Fall bringen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4540
Ich kenne einen Arzt, der wusste schon mit fünf Jahren, dass er einmal Kinderarzt wird.
Es war in einem Ferienlager. Eigentlich musste man dafür mindestens sechs alt sein, aber aus irgendeinem Grunde hatte man bei ihm eine Ausnahme gemacht.
Die Kinderschar machte eine Wanderung, die durch ein Flussbett führte. Alle wateten vorsichtig durch den Fluss, bis plötzlich eines der Kinder zu schreien anfing.
Es war ausgerutscht und in eine zerbrochene Flasche gefallen, die seine Wade halb durchtrennte. Aufgeregt trugen die Kinder das verletzte Kind aus dem Wasser; es blutete wie verrückt.
Die Erzieherin, die herbeigelaufen kam, fiel bei dem Anblick der Wunde sofort in Ohnmacht. Sonst war kein Erwachsener in der Nähe. In dem Moment wusste der Fünfjährige, was zu tun war: Er zog die Flasche aus der Wunde und band das Bein direkt unter dem Knie ab.

Einige Zeit später traf der Notarzt im Hubschrauber ein und versorgte den Jungen. Bevor er mitsamt dem Verletzten wieder davon flog, fragte er in die Runde:
„Wer hat dem Jungen das Bein abgebunden?“
Alle sahen den Fünfjährigen an und dachten: Jetzt kriegt der Ärger!
„Ich“, sagte der Kleinste von den Kindern.
Der Arzt staunte nicht schlecht. „Du hast ihm das Leben gerettet“, sagte er. „Er wäre sonst schon längst verblutet.“
Von da an stand für den Jungen fest: „Ich werde Kinderarzt.“

Ich finde es toll, wenn sich jemand so klar berufen fühlt. Für mich ist das ein
direkter Auftrag von Gott.
Aber so eine eindrucksvolle Berufungsgeschichte ist schon etwas Besonderes.
Ich, etwa, wusste lange nicht, wohin mein Weg geht. Vielleicht hat Gott zu mir in leiseren Tönen gesprochen, und ich habe ihn nicht gleich verstanden…
Und womöglich durchlaufen viele Menschen einen längeren Prozess, bis sie wissen, wozu sie eigentlich berufen sind.
Und manche Berufungen sind so normal und alltäglich, dass man sie gar nicht als solche wahrnimmt: Es gibt berufene Mütter und Väter. Es gibt andere, die fühlen sich berufen, ihre alten Eltern zu pflegen. Und wieder andere arbeiten ehrenamtlich bei der Feuerwehr, oder als „grüne Dame“, und folgen so ihrer inneren Stimme.
Am wichtigsten aber ist es herauszufinden:
Wozu bin ich berufen? Was ist es, wofür mein Herz schlägt?
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Die Liebe lebt vom Abschiednehmen. Also: Je mehr Abschied, desto mehr Liebe. Sicher, auch die Ankunft hat sie gerne. Sich nach Wochen wieder umarmen zu können, das Fest des Wiedersehens zu feiern. Aber noch lieber hat die Liebe den Abschied, die zwei Stunden vorher, die schon kein Zusammensein mehr sind, und doch noch keine Trennung. Den Gang zum Bahnhof, bei dem sie nur denkt: Ich will nicht, ich will nicht! und dabei plaudert, wie wenn nichts wäre. Den letzten Blick auf den, von dem sie nie getrennt sein möchte und den sie doch immer wieder verlässt. „Machs gut. Bis bald. Wir telefonieren.“ Und die Liebe in längst vergangenen Zeiten fügte noch hinzu: „Behüte dich Gott!“ Dann ein letztes Zulächeln, ein Winken und das schön Verbundene, das wir noch einmal sehen und fühlen, zerreißt. Für ein paar Stunden, ein paar Tage, Wochen, Monate. Oder ein ganzes Leben.
Die Liebe lebt vom Abschiednehmen. Beide gehören zusammen, wie die Dornen zu den Rosen. Und es sind gerade die altmodischsten Gedichte, in denen das am schönsten gesagt wird. Wie in dem Gedicht von Victor von Scheffel. „Das ist im Leben hässlich eingerichtet, dass bei den Rosen gleich die Dornen stehen. Und was das arme Herz auch sehnt und dichtet, zum Schlusse kommt das Voneinandergehen. In deinen Augen hab ich einst gelesen, es blitzt darin von Lieb und Glück ein Schein: Behüt dich Gott, es wär zu schön gewesen, Behüt dich Gott, es hat nicht sollen sein!
Am Ende steht das Abschiednehmen, das Voneinandergehen. Das tut weh. Aber unerträglich wäre es, wenn wir dabei nicht wünschen können: Behüt dich Gott! Gott, der dich behütet, bleibt und geht nicht fort. Er ist noch bei dir, wenn die Blumen verwelkt sind, die ich mitgebracht hatte, der Zug aus dem Bahnhof gefahren ist und er bleibt bei dir, wenn wir uns nicht mehr sehen können. Für ein paar Tage, ein paar Wochen oder für immer.
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Kinder freuen sich, wenn sie den ersehnten I-Pod zum Geburtstag geschenkt bekommen, Landwirte, wenn die Kartoffelernte besonders gut ausfällt, und Pfarrer, wenn die Kirche bis auf den letzten Platz besetzt ist und sie von der Kanzel verkündigen: „ Ich aber will mich von Herzen freuen in Gott.“

Was Freude ist, weiß jeder. Egal ob Kind oder Greis, Landwirt oder Hausmann Auch der Physiker Albert Einstein freute sich. Zeitlebens war es ihm immer eine „große Freude, von den Mysterien zu erzählen, vor die uns die Physik stellt.“ Der Maschinenbauingenieur Carl Friedrich Benz freute sich auch. „Mit Freude kann ich heute feststellen, dass ich schon in den allerersten Motorwagen jene Zündung einbaute, die später jede andere aus dem Felde schlug: die elektrische Zündung.“ Und dass „unter den ersten Käufern auch eine Lehrerin war“, erinnerte Benz im hohen Alter „immer noch mit großer Freude.“
„Niemals bin ich so glücklich gewesen wie in jenen Tagen.“, schrieb Ferdinand Sauerbruch, der berühmte, wegen seines Engagements in der Nazizeit später umstrittene Chirurg. „In jenen Tagen“ zu Beginn seiner Karriere war ihm in tage- und vor allem auch nächtelanger Arbeit gelungen, was bis dahin als unmöglich galt: Eine Lungenoperation, bei der der Brustkorb geöffnet werden musste. Trotz etlicher Fehlschläge und gegen den Widerstand seines Chefs hatte Sauerbruch für diese Fälle eine besondere Operationskammer entwickelt, und so vielen Menschen das Überleben gesichert. Sie alle freuen sich, und jeder versteht, wieso und warum.
Aber wie stellt man das an, sich „in Gott“ zu freuen, wie es in der Bibel heißt? Ganz einfach: Sich in Gott freuen heißt: bei allem Freuen auch noch dankbar sein. Ihm, der uns „Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält“.

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Ein wohl genährter Dreijähriger in der Badewanne. Ein süßes Kinderlächeln auf Kakao verschmiertem Mund. Das Plakat wirbt für das Lebensmodell „Familie“. Das harmonische, froh machende und bereichernde Zusammenleben von Vater, Mutter und Kind.
Der Werbung ist niemals zu trauen. Auch nicht der Werbung für die Familie. Die Familie ist die Keimzelle der Gesellschaft, sagt man. Und doch weiß jeder: Die Familienbande fesseln Menschen aneinander, die sich oft zutiefst fremd sind und die sich bis auf´s Blut hassen können und die sich gegenseitig um ihr Erbe bringen möchten. Familienbande ketten Vater und Tochter aneinander, die sich nicht einmal zum Geburtstag gratulieren, oder Ehemann und Ehefrau aneinander, die keine drei Sätze reden können, ohne den anderen zu verletzen. Mit den Familie in der Bibel ist das nicht anders. Kain erschlägt seinen Bruder Abel, Vater Noah betrinkt sich und lässt sich von seinen Töchtern verführen, Jakob überlistet seinen Bruder Esau, Daniel geht fremd, Joseph überlegt sich eine Weile, ob der die schwangere Maria nicht doch besser verlassen sollte. Nirgendwo wird in der Bibel eine Familienidylle dargestellt. Doch das alles ist kein Argument gegen das Lebensmodell Familie.
Gerade weil die Familie kein Hort des Friedens ist, lernen wir für´s Leben. Es war der Theologe Gilbert Chesterton, der einmal gesagt hat: „Wenn wir mit der Geburt in die Familie eintreten, betreten wir eine Welt, die ihre eigenen befremdlichen Gesetze hat, eine Welt, die auch ohne uns auskommt, eine Welt, die wir nicht gemacht haben.“ Die Familie ist gerade darum eine gute Institution, weil sie unbequem ist. „Tante Elisabeth ist unvernünftig, genau wie der Mensch, Papa ist reizbar, genau wie der Mensch. Unser kleinster Bruder ist boshaft, genau wie der Mensch.“ Wir können uns unsere Geschwister, unsere Tanten und Onkel, Mütter und Väter nicht aussuchen und müssen doch lernen, mit ihnen zu leben. Gerade darum bleibt das Lebensmodell Familie das Lebensmodell Mensch.
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Es gibt ein Gedicht, das heißt „Mutters Hände“. In echtem Berlinerisch ist es geschrieben, und auf Hochdeutsch geht es ungefähr so: „Hast uns Stullen geschmiert und Kaffe gekocht und Töpfe rübergeschoben und gewischt und genäht und gemacht und gedreht und alles mit deinen Händen. Hast die Milch zugedeckt, uns Bonbons zugesteckt, und Zeitungen ausgetragen, hast die Hemden gezählt und Kartoffeln geschält, alles mit deinen Händen…“ Und weil der Dichter seine Mutter liebte, verschweigt er nicht, dass die Mutterhände auch Kopfnüsse verteilten.

Meine Mutter wird in diesem Jahr 80 alt. Und seltsam: wenn ich an meine Mutter denke, dann denke ich auch zu allererst an ihre Hände. Wie gut ihre Hände taten, wenn ich krank war, wie schön es war, wenn sie mir die kühle Hand auf die heiße Stirn legte und wie angenehm es war, wenn sie mit festem, und doch vorsichtigem Griff Wadenwickel um meine Bein legte. Ich denke daran, wie sie mich als Kind an die Hand nahm, wenn wir abends noch einen Spaziergang durch die dunklen Großstadtstraßen machten. Das hatte so etwas Vertrauenserweckendes, Beruhigendes. Geschickte Hände hat sie. In Handarbeit war sie immer viel besser als ich. Ruckzuck hatte sie der Tochter die Topflappen für den Handarbeitsunterricht häkelte. Das war eigentlich verboten, aber ihre Topflappen waren wirklich schön. Und ich erinnere mich, wie sie mir das Schreiben beigebracht hat, wie sie mit dem Griffel auf der Schiefertafel eine lange Reihe Ls, und Ms vorzeichnete. Briefe schreibt meine Mutter auch heute immer noch mit der Hand und so schön, als wäre jeder Buchstabe gemalt. Aber seit mein Vater tot ist, schreckt sie auch nicht davor zurück, mal einen Schlagbohrer in die Hand zu nehmen, um ein paar Dübel in der Wand zu befestigen. Oder eine Kneifzange, um ihr Fahrrad zu reparieren.
„Mutters Hände“ haben alles in der Hand: die Erziehung, die Ernährung und den Trost. Wenn ich mir Gottes Hand vorstelle, dann so wie die Hand meiner Mutter. Fest und weich und tröstend.
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