Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

September: Vorbei sind Ferien, Jahres-Urlaub und die wunderbar vertrödelten Sommerabende.
Jetzt heißt es den Winter in den Blick nehmen, Absprachen planen, Veranstaltungen vorbereiten,
und ach ja: Hatte ich die Steuererklärung wirklich abgeschickt?

Mir hilft dann oft ein Gespräch mit meinem seelischen Gesprächspartner: Gott.
Das macht mir den Kopf frei.

Mein September-Gebet lautet so:

Ach Herr, was die Tage wieder so mit sich bringen
Das ist schon eine ganz schöne Herausforderung
Der Stress im Beruf, die Knochen werden steifer, die Welt immer verrückter
Ein Schnäppchen jagt das Andere. Und ich komme mir doof vor, wenn ich keins erwische
Was wird einem da nicht alles zugemutet…
Was sagst du: ob ich mich nicht an meinen Konfirmationsspruch erinnere!?
Klar erinnere ich mich: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens dazu du auch berufen bist.
Was glaubst du, was ich mache die ganze Zeit !? Natürlich kämpfe ich.
Und wie: Mit den Terminen, dem Haushaltsbudget, den Kindern.

Du meinst: Ich kann an den Herausforderungen wachsen !?
Na ja, komm du mal damit klar,
wenn neben der Arbeit der Sport-Verein nach Helfern für das Sommerfest ruft,
wenn die Ölrechnung doppelt so hoch ist wie letztes Jahr,
und die Kinder noch keinen festen Ausbildungsplatz haben…

Ach, Herr, ich weiß: das ist ja gar nicht dein Bier.
Aber es tut gut, das einfach mal los zu werden.
Und ich spüre: Ich werde ruhiger.
Kreise in Gedanken nicht nur um mich selbst.

Hab ich dir schon gesagt, dass ich mich auf die neuen Konfirmanden freue ?
Was werden die mir alles vom Leben erzählen!?
Und mein Freund, der Herbert, du weißt, der seit Jahren den Krebs hat,
ich werde ihm noch heute eine Email schreiben,
versuchen ihn zu trösten, dass er an seiner Krankheit nicht verzweifelt,
Gib mir Kraft dazu, Herr,
lass mich nicht hängen, lock' mich aus der Ecke,
mach mich stark.
Amen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4392
Onkel Heinz musste mal wieder auf dem Dachboden aufräumen. Dabei stieß er auf eine alte Zeitschrift. Mit einem Werbeslogan.
Hör mal, sagt er zu Irmela: „Drei Dinge braucht der Mann: Feuer * Pfeife * Stanwell.“
Das waren noch Zeiten. Klasse Werbespruch, was ?
Ich rauche nicht, sagt Irmela. Onkel Heinz überhört das.
Ich finde den Spruch klasse, dieser knackige Dreier-Takt: Feuer-Pfeife-Stanwell.

Erinnert mich übrigens an einen anderen Dreier-Takt. Den aus unserem Glaubensbekenntnis.
Ich glaube an Gott – und jetzt kommt’s: Vater-Sohn und Heiliger Geist.
Na ja, antwortet Irmela, klingt mir aber nicht so schrecklich knackig:
OK, sagt Heinz, ist ja auch ursprünglich kein Werbeslogan gewesen.
War mehr eine Zusammenfassung wie man von Gott spannend reden kann.

Und was ist daran knackig? Tante Irmela hebt leicht die Augenbrauen.
Kommt drauf an, meint Heinz. Wenn du ein bisschen Spaß am nachdenken hast, wird es prickelnd.
Jetzt wird Irmela munter: Dann prickel mich doch mal ein bisschen... Das wollte Onkel Heinz hören...

Also, ich versteh den Dreier-Takt im Glaubensbekenntnis so:

Da gibt es Gott als Vater, das will sagen:
Betrachtet die Erde als anvertrautes Erbstück. Nicht als Beuterevier um reich zu werden.
Da gibt es Gott als Sohn - also Jesus Christus, und das will sagen:
In Jesus bekommt Gott ein menschliches Gesicht.
Da hat Gott gelacht und geweint, war zornig und zärtlich.
Und seitdem begegnen wir Gott in jeder Begegnung von Mensch zu Mensch.
Da gibt es Gott als Heiliger Geist, das will sagen:
Gott wirkt auf wunderbare Weise immer wieder neu in uns.
Prickelt es??

Irmela lächelt. Hm, klingt ein bisschen kompliziert. Aber wenn ich das richtig höre,
dann soll dreifach von Gott geredet werden, damit man ihn nicht einfach festnagelt.
Auf ein Bild, das man sich von ihm macht: Gott, der Weltenlenker im Hintergrund oder so.
Jetzt lächelt Heinz: Ich wusste , es würde dich prickeln…

Hm, fährt Irmela fort, und damit es auch zwischen uns weiter prickelt
formuliere ich für den Alltag den Dreier-Takt des Glaubens mal so um:

Drei Dinge machen den Mann zum Mann:
Seine Frau als anvertrautes Geschenk pflegen
Sie jeden Tag einmal zum lachen bringen
Und offen bleiben für ihre Wünsche

Gebongt, sagt Heinz, ich mach mir jetzt eine Pfeife an.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4391
„Hier wird gnadenlos reduziert“
In dicken roten Buchstaben leuchtete mir dieser Werbeslogan entgegen.
„Hier wird gnadenlos reduziert“

War wohl so etwas wie Sommerschlussverkauf.
Ich war irritiert. Was soll das heißen: Gnadenlos?
Heißt das: Hier wird keine Rücksicht genommen?
Bleibt hier dem Zulieferer fürs Geschäft die Luft weg?
Oder sollen hier andere für mich ausgebeutet werden?
Und soll das mein Preis-Vorteil sein?
Gnadenlos: Was für Urgefühle sollen da in mir geweckt werden?
Für wie blutrünstig halten die mich?
Der Herr sei mir gnädig!!!
Jam der Herr !
Das sagen wir nämlich jeden Sonntag im Gottesdienst.
Da stellen wir die Gnade in den Zusammenhang mit Jesus.
Gnade und Friede sei mit dir, von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus
So grüße ich am Sonntag meine Gemeinde von der Kanzel her. Vor der Predigt.
Gnade und Friede sei mit dir, von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus

Jesus unser Herr, der uns voller Gnade begegnen will. Großzügig.
Das ist ein Angebot ohne Tücken: Jesus möchte dir etwas geben.
Wenn du willst, kannst du was bekommen. Umsonst.
Geschichten, Weisheiten, Ratschläge, Hilfe fürs Leben.
Geschichten, die dich aufmuntern, trösten,
neugierig machen, was für ein erfüllter Tag es doch werden könnte.
Auch für dich: Gnade und Friede sei mit dir…

Für mich heißt dieser Gruß Jesu:
Lass dich nicht reduzieren auf das Format eines gnadenlosen Käufers.
Die Zeche bezahlst am Ende du und die Zulieferer dieser gnadenlosen Angebote.
Den Reibach machen andere.

Ich wünsche Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer,
nein, keinen gnadenlos schönen Tag.
Eher einen Morgen voller Zutrauen.
Dass das möglich ist:
In einer vielfach gnadenlosen Arbeitswelt sich nicht die Menschwürde abkaufen zu lassen.
Und einen Abend, an dem sie sagen können:
Ich habe mit diesem Zutrauen einem anderen Menschen Halt gegeben.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4390
Am 20. August war ein Bild von den olympischen Spielen in der Zeitung abgelichtet, das mir unter die Haut ging:
Da steht der Gewichtheber Matthias Steiner auf der Siegertreppe, in der einen Hand die Goldmedaille, in der anderen ein Bild von seiner Frau Susann, die letztes Jahr ums Leben kam.
Zwei gegensätzlichere Symbole kann ich mir kaum vorstellen:
Das eine steht für lebenssprühende Energie und sportliche Höchstleistung, das andere für die Erinnerung an ein Leben, das für immer verloschen ist.
Und dazwischen ein Mensch, der sich freut und mit sich im Reinen zu sein scheint.

Wie kann das gehen? Wie ist das zu schaffen, nach dem schlimmsten persönlichen Verlust eines Lebens den größten sportlichen Erfolg zu erringen?

Wenn ich Matthias Steiner richtig verstehe, hat das viel mit seiner Frau zu tun. Sie hat ihn ermutigt, als sie noch am Leben war. Sie hat ihm geholfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und nachdem sie tödlich verunglückt ist, hat sie ihm die Kraft gegeben, weiterzumachen.
Und das ist für mich - ehrlich gesagt - etwas, das mich noch mehr beeindruckt, als der sportliche Sieg.

Für den Sportler ist seine Frau einfach immer dabei und er wünscht sich, dass sie alles mitbekommt. “Ich bin kein abergläubiger Typ“, sagt er, „aber ich wünsche mir einfach, das das so ist.“

Für mich ist das kein Aberglaube.
Christen glauben an ein Leben nach dem Tod. Und wer kann schon beweisen, dass es da keine Verbindung zwischen beiden Welten gibt? Wo so viele Menschen das ganz einfach spüren können.
Mir haben schon viele Hinterbliebene erzählt, dass sie noch eine ganze Weile den Verstorbenen ganz dicht um sich gespürt haben. Oder davon träumen, wie sie ihren Verstorbenen begegnen und die ihnen etwas Wichtiges mitteilen.
Diese stille Hoffnung, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, die gibt ihnen ungeheure Kraft. Wie Matthias Steiner, der zu seinem Sieg sagte:
„Das war über meinem Vermögen.“

https://www.kirche-im-swr.de/?m=4389
„Wie ist es Dir ergangen, so lange weg von Zuhause?“ frage ich eine Studentin, die ein Jahr lang im Ausland war. Und sie erzählt mir von ihren Erfahrungen:

Wie es war, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden; wie sie sich immer besser auf Spanisch verständigen konnte; wie viele Leute sie kennen gelernt hat und wie toll das alles war.
Dann wird sie nachdenklich.
„Merkwürdig“ sagt sie, „weißt du, was ich am meisten vermisst habe? Dass mir mal jemand über den Kopf streicht, wie meine Mutter; einfach diese kleinen Zärtlichkeiten, die einem so selbstverständlich vorkommen, bis man ganz auf sich allein gestellt ist.“

Ich war erstaunt. Das hatte ich nicht erwartet, dass ein junger, kontaktfreudiger Mensch ausgerechnet diese mütterlichen Berührungen vermissen würde. Dabei umarmen sich die jungen Leute doch ständig gegenseitig.
Aber freundschaftlicher Umgang ist wohl etwas anderes, als mütterliche Zärtlichkeit und Fürsorge. – Die ist so selbstverständlich, man merkt es kaum:
Wie oft streiche ich gedankenverloren über den Kopf eines meiner erwachsenen Kinder, oder über ihren Rücken… Es ist, als ob ich mich vergewissern möchte, dass sie wirklich da sind. Und sie spüren lasse: ich bin da.

So spüre ich auch manchmal Gottes Nähe:
Nicht in großartigen Erkenntnissen, sondern in solchen kleinen, unbedeutsam erscheinenden Augenblicken, die sich anfühlen, als ob mir jemand über den Rücken streicht. Das sind für mich große Glücksmomente:
Wenn ich zum Beispiel mit meinen Lieben am Tisch sitze und wir unterhalten
uns stundenlang ohne auf die Uhr zu schauen.
Oder wenn ich jemanden in Krankenhaus besuche und das Gespräch tut dem anderen sichtlich gut. Dann habe ich das Gefühl: Gott war mir, war uns ganz nah.
Manchmal genügt es aber auch schon, wenn ich aufwache und sehe, wie die Sonne durch das Fenster scheint. Dann weiß ich: das ist ein Tag, den hat Gott gemacht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4388
Ich sitze mit vielen andern in einem Bus-Transfer. Am Ziel steigen alle eilig aus. Plötzlich wendet sich ein junger Mann an mich und zeigt mir eine schicke Sonnenbrille:
„Gehört die Ihnen?“
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß und deute auf die Sonnenbrille auf meinem Kopf.
„Haben Sie dann gesehen, wer auf dem Vierersitz saß, hinten?“
ich erinnere mich an eine Frau mit rosa Hut.
„Sehen sie die Frau da vorne, mit dem rosa Hut?“ sage ich zu ihm. „Wenn Sie sich beeilen, kriegen sie die noch ein.“
Der junge Mann läuft los, seine Freundin im Schlepptau. Sie haben Mühe, sich an den Menschenmassen vorbei zu drücken.

Später treffe ich ihn wieder. „Und, hat sie sich gefreut, die Frau?“ frage ich.
Er macht eine abwehrende Bewegung. „Nein“, sagt er. „Sie hatte die Brille absichtlich im Bus liegen lassen.“ Er lächelt bedauernd. „Und da gibt man sich einmal Mühe, sozial zu sein…“

Ja, manchmal verlieren die Menschen was mit Absicht.
Nicht nur eine Sonnenbrille, auch ihre Beziehung zu Gott.
„Wozu brauche ich eigentlich noch Gott?“ Sagen sie sich: „Mir geht´s doch auch so gut. Und die Kirche brauche ich sowieso nicht. Also, was soll´s?“
Und sie lassen ihre Beziehung zu Gott - wie die Frau im Bus - mit Absicht irgendwo liegen.

Ich weiß nicht, was die Leute wirklich bewegt, ihre Beziehung zu Gott abzulegen: Ob Enttäuschung, Gleichgültigkeit – wer kann das sagen?
Nur in einem bin ich mir sicher: Gott sind die Menschen trotzdem nicht egal.
Gott lässt sich nicht einfach ablegen wie eine gebrauchte Sonnenbrille. Er ist überhaupt nicht abhängig von unserem Verhalten.
Er ist da, ob wir es nun wollen oder nicht.

Und manchmal reift in dem einen oder anderen wieder eine Sehnsucht nach dem, was auf der Strecke geblieben ist.
Oder jemand läuft einem plötzlich hinterher und fragt, ob man da nicht was Wichtiges vergessen habe…
Und plötzlich erinnert man sich.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4387
Vieles scheint oft ganz selbstverständlich, bis man es verloren hat. Aber dann plötzlich ist es das Wertvollste auf der ganzen Welt.

Für mich, ein Pfarrerskind, war es immer ganz selbstverständlich, dass Gott um mich ist und mich behütet. Davon war ich felsenfest überzeugt.
Aber eines Tages geriet diese Überzeugung ins Wanken.

Ich weiß noch wie heute, wie ich in der ersten Klasse ein Stück Kreide geklaut habe. Das war damals eine große Kostbarkeit und ich wollte unbedingt dieses große, unbenutzte Stück Kreide haben.
Es gelang mir auch, die Kreide unbemerkt in meine Tasche zu stopfen und sie heil nach hause zu bringen. Aber da war die Freude auch schon verflogen; stattdessen quälte mich plötzlich das schlechte Gewissen.
Und ich war sicher:
„Jetzt liebt dich Gott nicht mehr. Du bist eine Diebin. Mit so einer will Gott nichts mehr zu tun haben.“
Ich dachte wirklich, ich sei für immer verloren. Bis ich mich in meiner Mutter anvertraute. Und die sagte: „Keine Angst, so schnell geht bei Gott keiner verloren.“
Und sie erzählte mir eine Geschichte aus der Bibel:

Da ist ein guter Hirte, der hat 100 Schafe. Eines Tages geht ihm eines der hundert Schafe verloren. Und was macht der Hirte? Er lässt die ganze Herde allein, um das eine Verlorene wieder zu finden. Warum? Weil ihm das eine verlorene Schaf so wichtig ist wie alle anderen 99 Schafe zusammen.

Genauso geht es Gott mit uns.
Wenn einer verloren geht, das kümmert Gott. Er sagt sich nicht: „Was soll’s, sind doch noch genug andere da.“
Nein, wenn einer verloren geht, dann geht er ihm nach. Vielleicht merkt dieser Mensch das gar nicht - genauso wenig, wie das verirrte Schaf merkt, ob der Hirte es suchen geht. Aber man kann sich darauf verlassen: ein guter Hirte ruht nicht eher, bis er das eine verlorene Schaf wieder gefunden hat.

Warum? Weil ihm das eine verlorene Schaf so wichtig ist wie alle anderen 99 Schafe zusammen.
Und so ist das auch mit Gott: Ihm ist der eine verlorene Mensch so wichtig wie alle anderen zusammen. Und wenn er ihn wieder findet, dann freut er sich über den einen, wie über alle, die er sicher um sich weiß.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4386