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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Geburtstag. Es gibt kaum ein schöneres Fest. Kerzen auf dem Kuchen, Geschenke auf dem Tisch, Freunde zu Besuch, ein gutes Essen, gelöste Stimmung. Am Ge-burtstag ist das Leben meistens leicht – selbst wenn das Jahr vorher vielleicht schwierig war. Geburtstag – ein Grund zu feiern, das Leben, sich und andere.
Ich finde Geburtstag-Feiern vor allem deswegen toll: Weil es mich immer wieder an den Anfang erinnert. Daran erinnert, dass jeder Mensch einmal ein kleines Kind war. Daran erinnert, dass damals, bei der Geburt, die Zukunft offen stand. Alles stand in den Sternen – und alles war möglich. Jedes Jahr mehr fügt diesem Anfang Erfahrungen hinzu, Erlebnisse, Freudenmomente und Enttäuschungen. Aber am Geburtstag ist noch etwas zu spüren von dem Zauber, der bekanntlich jedem Anfang innewohnt.
Der Geburtstag schlechthin, an dem ein Anfang gefeiert wird, ist Weihnachten. Der Geburtstag Jesu. An Weihnachten wird aber nicht einfach nur die Geburt Jesu gefei-ert. Gefeiert wird, was mit dieser Geburt deutlich wird. Dass jede Geburt einen neuen Anfang setzt. Und dieser Anfang erzählt von der Hoffnung, dass etwas be-ginnt, was die Welt menschlich macht, was sie hell macht, dass die Liebe neu beginnt. Jesu Geburt wird auch als Menschwerdung bezeichnet. Und Jesus zeigt, dass das tatsächlich möglich ist. Dass in jedem noch so kleinen Anfang der Keim für Menschlichkeit gelegt ist.
Ich glaube, dass das auch das Geheimnis jedes Geburtstages ist. Und dass wir des-halb so gern und gut Geburtstag feiern. Weil wir Jahr für Jahr erinnern, was alles möglich sein kann. Und wir feiern, dass immer noch vieles möglich ist.
Das gilt nicht nur für Menschen. Das gilt für jeden Jahrestag, für jedes Jubiläum. Silberne Hochzeit, tausendjähriges Stadtjubiläum – und natürlich auch für zehn Jahre SWR. Wenn wir Geburtstag feiern, dann feiern wir, das dass Leben immer wieder neue Anfänge bereithält.
Also: Ich wünsche alles Gute allen, die heute Geburtstag haben. Und einen guten Anfang, begleitet von Gottes Segen.


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Der Mann war anders als viele andere. Er lebte in der Wüste, ernährte sich von Heuschrecken, glaubte, das Ende der Welt wäre nahe – und er hatte offensichtlich acht Köpfe. Die Rede ist von Johannes dem Täufer. Der Mann, der vor Jesus in der Bibel auftaucht – und seinen Anhängern diesen Jesus ankündigt. Was wir von Jo-hannes wissen ist eine Mischung aus Fakten und Legenden. Der römische Historiker Flavius Josephus schreibt über diesen Johannes, beschreibt ihn als Eremit, als Ein-siedler in der Wüste. Als einen, der als Bußprediger auftritt. Als einen, der sich den Mund nicht verbieten lässt. Das imponiert. Menschen pilgern zu diesem Johannes – und er fordert sie zur Umkehr auf, fordert ein Leben im Geist Gottes von ihnen.
Johannes ist unbequem und kritisch. Er nimmt niemanden aus. Auch nicht die Mächtigen. Auch nicht den König. Johannes kritisiert die Liaison zwischen dem Kö-nig, Herodes Antipas, und seiner Schwägerin Herodias. Herodes lässt sich das nicht bieten und nimmt Johannes fest, lässt ihn enthaupten.
Und hier fängt die Geschichte der acht Köpfe an. Der abgetrennte Kopf hat die Menschen beschäftigt. Er wurde so wichtig, dass heute gleich acht angeblich echte Johannesköpfe in Istanbul, Rom oder Damaskus zu finden sind. Nur kurios? Ich glaube nicht. Zwar ist wohl keiner dieser Köpfe echt. Aber dass es so viele Johan-nesköpfe gibt, zeigt: Sein Schicksal hat die Menschen nicht losgelassen. Hat sie so sehr gefesselt, dass ein Kopf alleine das nicht ausdrücken kann. Spannend ist für mich, dass dieser Kopf des Johannes dem Glauben zu denken gibt. Denn er macht deutlich: Glaube ist gefährlich, hat nicht nur mit Besinnung und gutem Gefühl zu tun. Glaube hat mit dem Kopf zu tun. Mit dem Verstand. Mit dem scharfen Blick und Urteil für die Welt. Glauben in letzter Konsequenz heißt dann auch: Seinen Kopf hinhalten für das, was man für richtig hält. Kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es nötig ist – auch wenn es gefährlich werden sollte. Diese Einsicht ist so wichtig, dass die Christen heute, am 29. August, daran erinnern, dass Johannes enthauptet wurde. Seinen Kopf hinhielt.

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Es gibt Sätze, die bleiben hängen. „I have a dream“ – „Ich habe einen Traum“. Der Anfang der berühmten Rede von Martin Luther King. Heute, vor 45 Jahren, hielt King diese Rede in Washington. Vor über einer viertel Millionen Menschen aller Hautfarben, Menschen, die gemeinsam gegen die Rassentrennung in Amerika pro-testierten.
„Ich habe einen Traum,“ sagt der Bürgerrechtler King, „dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Skla-venhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können. Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.“
Der Satz „Ich habe einen Traum“ trifft in das Herz Amerikas. Denn er bürstet den amerikanischen Traum gegen den Strich. Dieser Traum heißt: Vom Tellerwäscher zum Millionär. Ein Traum, den auch hier bei uns immer mehr Superstars und Top-models träumen.
Aber der Traum Martin Luther Kings hat nichts mit Geld und Karriere zu tun. Nichts mit Erfolg und Leistung. Sein Traum ist der biblische Traum, dass sich Frieden und Gerechtigkeit küssen – wie die Bibel ganz poetisch sagt. Der Traum, dass Freiheit regiert – für jeden. Der Traum, den die Schöpfungsgeschichte so wunderbar zur Sprache bringt: Alle Menschen sind gleich geschaffen. Es gibt kein oben und unten, kein Herrschen und Beherrscht-Werden. Es gibt nur gleiche Menschen vor Gott.
45 Jahre ist das her. Und heute, heute ist dieser Traum immer noch nicht ausge-träumt. Wir sind nicht erwacht, Gerechtigkeit ist immer noch ein Traum. Freiheit für alle ebenso. Sicher, Amerika, die Welt hat sich in den letzten 45 Jahren verändert. Mittlerweile gibt es in Amerika einen Präsidentschaftskandidaten mit schwarzer Hautfarbe und bei uns ziehen die Kinder von Migranten in den Bundestag ein. Aber die alltägliche Diskriminierung, nach Hautfarbe, nach Herkunft, nach Bildungsgrad, die gibt es hier wie dort in der scheinbar freien westlichen Welt. Gleichheit und Ge-rechtigkeit sind immer noch ein Traum. Deshalb bleibt auch Kings Satz: „I have a dream“.

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Ein Leben lang wissen andere, was einem gut tut. Das fängt schon bei den Kindern an. Die müssen sich nämlich sagen lassen, dass Eltern, Lehrer und andere schon wissen, was für sie gut ist. Und das geht so bis ins hohe Alter, wenn im Pflegeheim andere entscheiden, wann es gut ist, aufzustehen, zu essen oder ins Bett zu gehen. Häufig gibt es gar keine Alternative da-zu, dass andere Verantwortung übernehmen und entscheiden, etwa wenn ein Kind noch zu jung oder ein alter Mensch zu verwirrt ist, um selbst verantwortlich handeln zu können. Ande-rerseits kann es sehr nervig sein, wenn andere meinen, sie wüssten ohnehin und ohne Nach-frage, was für einen selbst gut ist.
Der Umgang Jesu mit Hilfebedürftigen weist da in eine andere Richtung. Ein Blinder wendet sich mit dem Ruf an Jesus „Herr, habe Erbarmen mit mir“. Darauf fragt ihn Jesus: „Was soll ich dir tun?“ Eine merkwürdige Frage, sieht er denn nicht, dass der Mann blind ist? Aber Jesus hat auch schon andere Erfahrungen gemacht. Man hat schon einen Lahmen zu ihm gebracht, der nicht nur gesunde Glieder, sondern mehr noch Versöhnung und Vergebung seiner Schuld brauchte. Jesus fragt also den Blinden: „Was soll ich dir tun?“ Was wäre gewesen, wenn der Blinde jetzt gesagt hätte: Herr, mit meiner Blindheit habe ich mich abgefunden, aber was mich wirklich belastet, das ist das Zerwürfnis mit meinen Kindern, stifte Frieden zwischen uns. Jesus gibt dem Blinden durch seine Frage eine doppelte Chance: Zum einen bleibt der Blinde Herr des Verfahrens, er wird nicht einfach therapiert. Zum anderen kann er noch einmal prüfen, was sein innerstes Herzensanliegen ist, das er vorbringen will.
Diese Sensibilität und diesen Respekt Jesu wünscht man sich generell im Umgang mit Hilfebe-dürftigen – und mit sich selbst. Man möchte gefragt werden, selbst wenn scheinbar alles klar ist oder die Selbsteinschätzung irrt. Wer mich fragt, nimmt mich ernst. Das zählt besonders dann, wenn man auf andere angewiesen ist.
Auch ein unmündiges Kind, auch einen verwirrten alten Menschen kann man fragen: Was soll ich dir tun? Nie ist man vor einer Antwort sicher, mit der man nicht gerechnet hat und die ei-nen weiterbringt. Am Ende weiß der Betroffene vielleicht doch am besten, was für ihn gut ist.

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Die da oben, wir da unten. Diese Einteilung wird wieder populärer. Teils resigniert, teils verbit-tert befürchten Bürgerinnen und Bürger, dass sie immer weniger zählen in den Augen der Mächtigen und Wohlhabenden. „Die da oben“ haben anscheinend die sogenannten kleinen Leu-te kaum noch im Blick. Viele leben in ihrer eigenen abgehobenen Welt, vorrangig dem eigenen Vorteil verpflichtet.
Ein gänzlich anderes Bild von „oben und unten“ zeichnet das Alte Testament, wenn es das Ver-hältnis Gottes zu seinem Volk beschreibt. Gott thront zwar in unerreichbarer Höhe, aber er hört trotzdem die Stimmen der Armen und Unterdrückten. Die Rufe der Armen, Witwen und Waisen dringen an sein sensibles Ohr und bewegen ihn zum Handeln.
Für das Volk Israel war dieses Verhältnis von „oben“ und „unten“ aber nicht nur ein schönes religiöses Bild. Es war ein verpflichtendes Vorbild für die politische Praxis im Land: Wenn Gott auf die Kleinen und Schwachen hört, dann muss das auch der König als der mächtigste Politi-ker tun. Schließlich beruft er sich auf diesen Gott. Ausgeplünderte aus der Hand des Gewalttä-ters zu retten, Fremden, Waisen und Witwen zu ihrem Recht zu verhelfen, das ist nach Ansicht der Propheten die wichtigste politische Aufgabe des Königs. Wer aber nur seinen eigenen Vor-teil im Blick hat und die Not der Mitmenschen übersieht, der taugt nicht zum König und wird scheitern.
Nach der Bibel darf es ein soziales und politisches „Oben“ und „Unten“ durchaus geben. Aber nur so lange „die da oben“ ihrer Verantwortung für „die da unten“ gerecht werden. Solange sie sich nicht nur auf ihren eigenen Vorteil konzentrieren. Gute Politik besteht aus biblischer Sicht darin, dass Politiker ihre Macht nutzen, um den Hilflosen und Schwachen zu ihrem Recht zu verhelfen.
Eine solche Sicht der Verhältnisse ist auch heute hilfreich. Sie vermeidet bloße Neiddebatten ebenso wie eine unversöhnliche, beziehungslose Trennung in oben und unten. Zugleich betont und bestätigt sie das Recht der Schwächeren - und fordert die Pflicht der Starken und Mächti-gen ein, dieses Recht tatkräftig zu sichern und zu erfüllen. Nach dem Zeugnis der Bibel ist das nicht nur kluge Politik, sondern wahrer Gottesdienst. Denn der Gott ganz da oben hat sich die Anliegen von denen da unten selbst zu eigen gemacht.
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Wir alle sind Afrikaner. Die meisten Anthropologen und Forscher der Vorgeschichte sind sich einig: Die Wiege der Menschheit stand in Ostafrika, vielleicht im heutigen Kenia. Einige Wis-senschaftler meinen sogar, alle heute lebenden Menschen stammen von dem selben Elternpaar ab. Im übertragenen Sinn stand also unser gemeinsames Elternhaus in Afrika.
Ganz nette Anekdote, werden Sie vielleicht sagen, aber was hat das mit uns zu tun?
Stellen Sie sich einmal vor, die Tempel Athens oder das Kolosseum in Rom würden Opfer eines Erdbebens. Oder die Pinakothek in München, das Gutenbergmuseum in Mainz oder andere be-deutende Museen brennen aus. Alle historischen Schätze gehen verloren, die Spuren unserer kulturellen Herkunft verschwinden. Oder noch schlimmer: Alles bleibt zwar erhalten, aber nie-manden interessiert es mehr. Keiner will mehr wissen, worin unsere Kultur wurzelt und wie sich aus dem klassischen Altertum das moderne Europa entwickelte. Da würden wir uns doch gewaltig anstrengen, um unser kulturelles Erbe zu sichern und es den heutigen Menschen na-hezubringen. Ich bin sicher: Niemand würde achselzuckend die Zerstörung der Denkmäler oder die Gleichgültigkeit der Zeitgenossen hinnehmen.
Genau das geschieht aber zur Zeit mit Afrika. Der Kontinent, auf den zum ersten Mal ein Mensch im heutigen Sinn seinen Fuß setzte, wird zerrissen von Krieg und Korruption. Wo die ganze Menschheit ihren Ausgang nahm, drohen Armut und Aids. Und es scheint nur wenige zu interessieren. Dabei geht es hier nicht bloß um Denkmäler, sondern es geht um Millionen Men-schen . Und besonders geht es um Kinder. Ihre Eltern sind im Bürgerkrieg gestorben, sie wer-den zum Kriegsdienst gepresst, haben ihre Verwandten durch Seuchen und Hunger verloren. Diese Kinder mahnen uns mehr als ein Denkmal, unseren Ursprung nicht zu vergessen. Nicht zu vergessen, dass wir alle Afrikaner sind und alle miteinander verbunden sind. Wir würden nicht zusehen, wenn die römischen und griechischen Zeugnisse, unsere kulturelle Wiege, zugrunde ginge. Deshalb dürfen wir auch nicht zusehen, wie Afrika in Chaos, Krieg und Hunger versinkt. Denn was in Afrika passiert, das betrifft uns selbst. Da kommen wir her, da sind un-sere Wurzeln, da hat die Menschheit ihren Anfang genommen. Das kann uns nicht gleichgültig sein.

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Der ICE stand bereits seit einer Dreiviertelstunde auf freier Strecke. Der Zugführer hatte es aufgegeben, uns Fahrgäste im Zehnminutentakt zu vertrösten. Die Klimaanlage war ausgefal-len, und in den dicht geschlossenen Wagen stieg nicht nur die Temperatur, sondern auch der Ärger. Lauthals machten sich einige Luft über die Unfähigkeit der Bahn und die Ungewissheit, wann es endlich weitergeht. Ein älterer Herr verfolgte diese Gefühlsausbrüche mit einem Schmunzeln. Auf die Frage eines jungen Mannes, ob er sich denn nicht ärgere, antwortete er nur: „Ach, wisse Sie, des is kein Gegenstand for mein Zorn.“
Wie die Luft aus einem Ballon ließ er mit diesem Satz den Druck aus unserem Ärger ab. Denn er hatte ja recht: Was zwang uns eigentlich, uns über etwas zu ärgern, für das wir nicht ver-antwortlich waren und das wir nicht beeinflussen konnten? Der Volksmund sagt: Sich ärgern heißt leiden für die Fehler anderer. Und das muss man nicht. Man kann selbst entscheiden, was man zum Gegenstand seines Zornes oder Ärgers macht – und kann sich auf diese Weise vielleicht manchen Ärger ersparen.
Eine solche Haltung schützt die eigene Unabhängigkeit und bewahrt die Freiheit zu tun, was man wirklich will. Das gilt für die Versuchung, sich unnötig zu ärgern. Das gilt aber auch für größere Versuchungen, sich zu etwas locken oder manipulieren zu lassen, was man eigentlich nicht will.
Papst Gregor der Große sah in Johannes dem Täufer so einen Menschen, der sich nicht wie ein schwankendes Schilfrohr äußeren Verhältnissen oder oberflächlichen Gefühlen beugte. Sondern feststand in seinen Auftrag. Und diesem Auftrag in Freiheit folgte. Der Papst fasst diese Hal-tung in den Worten zusammen:
„Keine Schmähung soll uns zum Zorn reizen, keine Gunst uns zu schlaffer, nutzloser Gefällig-keit beugen. Wohlergehen soll uns nicht eitel machen, Unglück uns nicht verwirren.“
Für den Papst war klar, was Johannes zu solcher Freiheit befähigt: Wer sich an Gott bindet, hat einen festen Punkt, von dem aus er die Umstände beurteilen kann - und nicht selbst dem Druck der Umstände unterliegt. Wer so frei ist, bestimmt zum Beispiel selbst, was ein Gegens-tand für seinen Zorn ist. Nicht nur, wenn der ICE liegen bleibt.


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