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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Der Blick auf den Rhein, den Mäuseturm, die Burgruine Ehrenfels und die wunderschönen Weinberge des Rheingaus: Das allein ist schon herrlich. Und dann noch alles, was zu einer Gartenschau dazugehört: Blumenrabatte, Skulpturen, gestalte Gartenanlagen, Ausstellungen, usw. usw. Sie ist schon schön die Landesgartenschau in Bingen und zur Freude der Veranstalter wird sie auch gut besucht. Auch wir von Seiten der Kirchen sind dabei. Direkt am Rhein liegt der Kirchenpavillon und unmittelbar daneben steht ein schöner großer alter Baum, ein Eiche. Einen Garten der Sehnsüchte wurde von der evangelischen Kirche aufgebaut, der katholische Beitrag beschäftigt sich mit den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde. Dazu gibt es ein vielfältiges und abwechslungsreiches Programm über die ganze Zeit der Landesgartenschau bis hin zum 19. Oktober. Viele Ehrenamtliche und kirchliche Gruppen aus Bingen und Umgebung machen mit. Es wird also einiges geboten am Kirchenpavillon, aber für mich das Beste ist die große alte Eiche. Bei leichtem Regen bietet sie Schutz vor der Nässe und wenn die Sonne so richtig brennt, dann lässt es sich gut in ihrem Schatten ausruhen. Mehr als die guten Einfälle und Programme der Kirchenleute verkörpert dieser Baum für mich die eigentlich wichtige Botschaft der Kirchen auf einer Gartenschau. Sie lautet nämlich ganz einfach: Komm, Mensch, setz dich unter diesen Baum. Er bietet dir Schutz und spendet dir Schatten. Ruh dich aus, genieße die Landschaft und freu dich an der Natur, an Gottes guter Schöpfung, wie wir Christen sagen. Und wenn du dich genug daran erfreut hast, dann steh auf und geh weiter. Und wenn du wieder zu hause bist, dann erinnere dich an diesen Baum und an die wunderschöne Landschaft. Und mach Dir klar, dass es deine - dir von Gott zugewiesene Aufgabe ist – die Schönheit der Schöpfung zu erhalten. Und dafür zu sorgen, dass noch viele Generationen nach Dir unter einer solchen Eiche ausruhen können.
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Jeden Morgen das Gleiche: 112 Haken über ein Stahlseil ziehen und dabei auf einer wackeligen Leiter stehen. Eine große grüne Plane lösen und in einen alten blauen Handkarren verstauen. Und dann wird es sichtbar: ein wunderschönes, kitschig buntes Kinderkarussell. Mit Ruhe und bedacht – ohne Hektik – dafür bei Wind und Wetter starten zwei Männer so ihren Arbeitstag auf dem Rummelplatz.
Ob sie wissen, welche Wünsche, Sehnsüchte und Träume sie mit dem bunten Karussell eröffnen? Wie Kinderherzen höher schlagen bei diesem Anblick. Sich drehen, vom groß-sein träumen: Als Feuerwehrmann in dem roten Wagen mit der Leiter, als Astronaut in der Rakete, oder – das Beste – auf dem Polizeimotorrad seine Runden drehen und böse Menschen fangen, so wie die Polizisten im Fernsehen. Kinderträume, nur möglich weil zwei Männer jeden Morgen 112 Haken über ein Stahlseil ziehen und eine große grüne Plane in einen Handkarren verstauen.
Einfache Dinge tun, damit andere sich drehen, träumen, fliegen, abheben können. Nicht nur die Träume der Kinder, auch die der Erwachsenen brauchen Menschen, die mit Ruhe und bedacht die einfachen Dinge tun. Jeden Morgen, jeden Abend, jeden Tag. Ohne die Gepäckarbeiter auf dem Flughafen wäre nichts mit Abheben in den Traumurlaub. Ohne den Kulissenschieber im Theater gäbe es keine Traumvorstellungen und ohne die Putzfrau im Kino, die immer wieder von neuem Boden und Sitze vom Popcorn befreit, brächte einen auch der schönste Spielfilm nicht zum Träumen.
Ein Dank an alle, die durch ihrer Hände Arbeit die Träume anderer ermöglichen, die 112 Haken über ein Stahlseil ziehen und eine grüne Plane in einen Handkarren verstauen, jeden Tag.

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„Meine Frau ist seit 2 Jahren tot, aber für mich lebt sie immer noch!“ Mit fester Stimme und durchaus zufrieden erzählt mir mein Gegenüber diesen Satz. Er ist gut 80 Jahre alt, ein rüstiger alter Herr. „Wissen Sie“, sagt er, „des Öfteren unterhalte ich mich mit meiner toten Frau oder besser gesagt sie unterhält sich mit mir. Wenn ich lustlos bin und meine Wohnung nicht verlassen möchte, dann sagt sie mir: „Mach Dich auf, geh nach draußen, Du brauchst frische Luft!“ Oder vor kurzem sah ich eine schöne Armbanduhr im Schaufenster, aber warum sollte ich sie mir kaufen, ich habe ja schon zwei andere. Sie sagte mir: „Geh kauf sie, Du hast Dir doch immer etwas aus schönen Armbanduhren gemacht!“ So redet sie mit mir, und obwohl sie seit zwei Jahren tot ist, bringt sie mich so ganz schön auf Trab.“ Sicherlich seine Frau redet natürlich nicht wirklich mit ihm, was er hört ist eine innere Stimme, wenn sie so wollen bildet er sich die Stimme seiner Frau nur ein. Der alte Herr weiß das, er ist sehr klar im Kopf und er macht mir nicht den Eindruck, dass er an Geister aus dem Jenseits glaubt. An was er glaubt - oder besser - was er in den Gesprächen mit seiner toten Frau tagtäglich erfährt ist, dass Erinnerungen lebendig machen können. Besonders wenn es gute, liebevolle Erinnerungen sind. Deshalb ist er auch nicht traurig oder verbittert, als er mir von seiner Frau erzählt, eher zufrieden, fast schon ein wenig stolz. Stolz, dass er eine lange und glückliche Ehe geführt hat, dass er immer bei ihr geblieben ist, auch in ihren letzten Lebensjahren, als sie sehr krank war und er sie gepflegt hat. Die Erinnerung sorgt nicht nur dafür, dass seine Frau für ihn weiterlebt, sondern die Erinnerung hält ihn selbst lebendig, wie er sagt, sie bringt ihn auf Trab.
Das Christentum ist eigentlich eine Erinnerungsreligion. Immer wieder wenn wir zusammenkommen, erinnern wir uns an Jesus Christus, ob in einem feierlichen Gottesdienst oder einfach nur „wo sich zwei oder drei in seinem Namen versammeln“.
Da wird er dann lebendig, sein guter Geist ist greifbar und spürbar und sorgt dafür, dass auch wir ein bisschen lebendiger werden. Er bringt uns auf Trab.
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Wenn es Nachbarn nicht geben würde – man müsste sie erfinden. Sicher: Die meisten Prozesse vor Gericht drehen sich um Nachbarschaftsstreitigkeiten. Und es gibt wirklich schlimme Konflikte an der Grundstücksgrenze, im Wohnblock, im Mietshaus.
Aber gerade im Sommer zeigt sich: Nachbarn sind eigentlich das Beste, was einem passieren kann. Denn Sommer, das heißt: verreisen, für ein paar Tage, ein paar Wochen, das heißt: ausfliegen, mal ganz wo anders sein. So schön das ist, irgendwer muss sich trotzdem um Haustiere und Zimmerpflanzen kümmern, die Post aus dem Briefkasten holen und Päckchen annehmen, die Tomaten auf dem Balkon gießen oder den Rasen mähen. Da sind die Nachbarn gefragt.
Im Sommer schlägt also die Stunde der Nachbarn. Und das ist gut so. Nicht nur, weil die eigene Wohnung versorgt ist. Auch, weil sich dadurch der Blick weitet. Weil die Nachbarschaftshilfe über den eigenen Tellerrand, den eigenen Gartenzaun gucken lässt. Oft gibt es ja viel zu wenig Kontakt mit den Menschen, die hinter der nächsten Tür wohnen, im Haus nebenan. Da ist es schon viel, wenn gegrüßt wird. Im Sommer aber zeigt sich: Hilfsbereitschaft, für den anderen das sein, das kommt tatsächlich viel öfter vor, als man so denkt.
Ich habe selbst erfahren: Es gibt so viele hilfsbereite Menschen. Und dazu gehört gar nicht viel. Es reicht, einfach nur zu gucken, was der andere nötig hat. Nicht weggucken, sondern über den Zaun sehen. Und ich stelle mir vor, wie das wäre: Wenn wir mit den Nachbarn immer so leben, als wäre Ferien. Wenn wir immer mal gucken, was der andere so braucht. Vielleicht Hilfe beim Einkaufen, vielleicht einfach nur ein Gespräch. Auf den anderen achten. Fast schon eine paradiesische Vorstellung.
Und deshalb möchte ich heute allen Nachbarn sagen: Danke, dass es euch gibt. Und wenn ich bei euch die Tomaten gießen soll: Sagt mir Bescheid. Ich gucke, dass ich kommen kann.
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Die Frau war irgendwie immer nur gut für die berühmten drei K’s: Küche, Kinder, Kirche. Martha, eine der Jüngerinnen Jesu. Ihre Geschichte hat Lukas überliefert (Lukasevangelium 10, 38-42). Jesus lädt sich bei den Schwestern Maria und Martha zum Essen ein. Mit Maria unterhält er sich, während Martha in der Küche rumwuselt. Sie kocht, deckt den Tisch, erledigt alles. Und Maria sitzt da, hört Jesus zu. Als sich Martha beschwert, da lässt Jesus sie ziemlich abfahren. Nein, das wäre schon ok so, dass Maria zuhört. Kein Wunder, dass Martha als Urbild der „biederen Hausfrau“ gilt.
Aber diese Martha hat tatsächlich auch noch eine andere Seite. Der Legende nach gründet sie in Südfrankreich ein Kloster und leitete es dreißig Jahre lang. Dafür muss diese scheinbar unscheinbare Martha ganz schon durchsetzungsfähig gewesen sein. Und dann ist da noch die Drachenstory. Martha, so erzählt es eine provençalische Legende, bändigt im Rhônetal den Menschen fressenden Drachen Tarasque. Anders als die üblichen Drachenkämpfer kommt sie allerdings ohne Schwert und Lanze aus. Ihre Waffen sind andere: das Kreuzzeichen, Weihwasser und Weihrauch. Damit ist sie erfolgreich. Der Drache gibt klein bei und Martha führt ihn an ihrem Gürtel nach Arles. Sie tötet ihn aber nicht, sondern lässt ihn in der Rhône frei, denn da, so die Legende, gehört der Drache hin.
Martha: eine Frau mit zwei Gesichtern. Hier die fleißige Hausfrau, auf die etwas abschätzig heruntergeguckt wird, dort die Drachenfängerin, um die sich Legenden ranken. Beides zusammen erst ergibt das Bild einer Frau, die nicht nur aufregt, sondern anregt. Es geht mir oft auch so, dass ich jemanden anderes sehr schnell in eine Schublade stecke. Mir ein Bild mache. Ein eindeutiges Bild. Martha macht mich darauf aufmerksam: Menschen können viele, verschiedene Seiten haben. Können Hausfrau und Drachenkämpferin sein.

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Wenn die Engel im Himmel wirklich singen, dann sicher Bach. Johann Sebastian Bach. Denn ohne seine Musik wäre die Welt – und sicher auch der Himmel – ärmer. Bach, das ist die Matthäuspassion und die h-moll-Messe, das Weihnachtsoratorium und die Brandenburgischen Konzerte und und und. Heute, am 28. Juli 1750, also vor 258 Jahren, starb der Musiker in Leipzig.
Bach hatte ein Talent für Musik, mehr noch, er war von Musik besessen, schon als Kind. Als junger Klavierschüler hatte er schon bald seinen älteren Bruder eingeholt. Der war über die Konkurrenz keineswegs glücklich. Also schloss er seine Noten in einen vergitterten Schrank ein. Nur damit sein jüngerer Bruder seine Stücke nicht üben konnte. Doch Johann Sebastian schlich Nachts, wenn alle schliefen, zu dem Schrank, fingerte die Noten durch das Schrankgitter und schrieb in wochenlanger Arbeit die Notenstücke seines Bruders ab. Der bekam das natürlich irgendwann heraus. Aber das hinderte des jungen Johann Sebastian weder am Klavierüben noch am Komponieren.
Bach hat sein Talent immer auf Gott bezogen. Seine Musik versteht er als gesungene Predigt, er will mit jedem Ton, jedem Akkord von Gott erzählen. Bach hat von Luther gelernt: Musik spiegelt Gottes Schöpfung wieder – und singt zugleich vom Himmel. Die Geschichte des kleines Johann Sebastian, der sich Noten klaut, zeigt aber auch: Es reicht nicht, einfach nur fromm zu sein, um solche Musik zu machen. Es braucht dafür auch Ehrgeiz und Können, die Lust, der Musik ihr Geheimnis abzuringen. Immer wieder neu zu erkunden, was mit ein paar Noten alles möglich ist.
Jeder Mensch ist mit Talenten gesegnet worden. Die wenigsten können so Musik schreiben, wie Johann Sebastian Bach, vielleicht die Beatles, vielleicht die anonymen Gospelkomponisten. Aber jeder Mensch kann etwas. Hat ein Talent. Und ohne diese Talente wäre auch die Welt ärmer – und vielleicht sogar der Himmel.
Bach hat das vorgemacht. Denn ich bin sicher: Wenn die Engel im Himmel singen, dann vielleicht die Beatles und „Oh, happy day“, aber ganz sicher Bach. https://www.kirche-im-swr.de/?m=4060
Es war an einem so sonnigen Sonntagmorgen. Zauberhaft leicht und noch unverbraucht.
So wie eben nur ein Sonntagmorgen sein kann. Ich hatte für einen Kollegen, der in Urlaub war, den Sonntagsgottesdienst übernommen. Weil ich die Kirche nicht so gut kannte, fuhr ich zeitig los.
Mehr als eine halbe Stunde vor Gottesdienstbeginn, stand ich vor der Kirche. Ein großer Reisebus direkt gegenüber der Kirchentür sprang mit sofort ins Auge. Sollten die womöglich alle in die Kirche zum Gottesdienst angereist sein? Mein Puls wurde schneller,
aufgeregt bin ich vorm Gottesdienst sowieso, aber das war wohl doch was Besonderes.
Ich hatte wohl schon davon gehört, dass diese schmucke kleine Kirche mit ihren besonders ansprechend gestalteten Fenstern Touristen in Scharen anzieht,
aber schon am frühen Sonntag Morgen, kurz vor neun Uhr rechtzeitig zum Gottesdienst?
Mit dem Talar überm Arm ging ich auf das Kirchlein zu, angespannt und voller Erwartungen, ich öffnete die alte Tür und trat ein. Da saß eine ganze Reisegruppe, schätzungsweise 40-50 Männer und Frauen, jedweden Alters im Kirchenschiff die betrachteten aufmerksam die bunten Fenster unter fachkundiger Anleitung der Reiseleiterin.
Als diese mich erblickte, unterbrach sie abrupt ihren Vortrag, musterte mich von oben bis unten, erkannte dann wohl den Ernst der Lage und rief schließlich laut:
„Um Gottes willen, der Pfarrer! Wir müssen Schluss machen, gleich ist hier Gottesdienst!“
Als ob es sich um einen Feueralarm handeln würde, drängten alle zum Ausgang.
Ich ging auf die Leiterin zu, entschuldige mich sogar für die Störung und meinte, sie alle könnten doch bleiben, ich wäre auch gerne bereit, was zu den Kirchenfenstern zu sagen,
wenn sie das wollte, schließlich seien das ja alles bekannte biblische Geschichten.
Alles halb so schlimm meinte sie, wir müssen sowieso weiter, um 10 Uhr seien sie bei der nächsten Sehenswürdigkeit angemeldet. Als dann die Glocken anfingen zu läuten, waren bereits alle im Bus und fuhren ab. Seitdem frage ich mich:
Sind wir ein Museum? Unsere Kirchen nur noch antiquarisch wertvoll? Neben anderen toten Hallen, Burgen, Schlössern und Ruinen? Das kann doch nicht wahr sein!
Wir sind doch keine archeologisch interessante Ausgrabungsstätte. Kein Dauergrab
Keine Gruft ohne Osterluft!
Was haben wir nur falsch gemacht, dass man uns aufsucht,
wie mumifizierte Überbleibsel einer ehemals christlich geprägten Gesellschaft?
Dabei können unsere Gottesdienste so schön sein.
Dabei haben wir die beste Botschaft der Welt, nämlich die von der Liebe Gottes weiterzusagen, haben Jesus Christus als Schirmherrn der Veranstaltung und haben was zu sagen, wenn es um alles geht, um Leben und Tod, um Glaube und Liebe. Wir haben wunderbare Kirchenräume und Lieder und Texte, uns verbindet rund um die Welt und seit Generationen das VATER UNSER!
Also: Ich lade Sie freundlich ein, machen Sie heute mal wieder ein Probesitzen in Ihrer Kirche.
Eine Visite im Vorraum vor der Himmelstür. Und sie werden es spüren, dort bekommt ihre Zuflucht ein Zuhause. Die Kirche ist kein Museum, sie ist ein Kraftraum, ein Rastplatz, eine Haltestelle. Von mir aus können Sie auch mit dem Bus kommen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=4137