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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Drei junge Mädchen treffen sich an der Bushaltestelle. Sie stehen ganz in meiner Nähe. Wie es aussieht wollen sie miteinander ausgehen, denn sie haben sich schick gemacht.
„Seht mal, was ich mir Neues geleistet habe“ sagt die eine zu den andern beiden und öffnet stolz die Jacke. Beide sehen interessiert an ihr herunter. Die eine legt den Kopf schief:
„Hm. Also wenn du mich fragst, das steht dir nicht. Macht dich irgendwie dick.“
„Denise, aber echt!“ sagt die dritte. „Kannst du nicht mal die Klappe halten?“
„Ich weiß gar nicht, was du hast“, sagt Denise. „Ich sag bloß die Wahrheit.“
Ich sag bloß die Wahrheit… - Auch wenn es stimmt, kann so ein Satz ganz schön verletzen. Und ich frage mich: wenn es heißt, man solle immer die Wahr-heit sagen, bedeutet das dann wirklich, dass man alles sagt, was man denkt?
In der Bibel wird die Wahrheit immer gerne im Licht der Liebe betrachtet:
„Die Liebe freut sich an der Wahrheit“, heißt es etwa bei Paulus (1.Kor 13,6).
Wenn sich die Liebe an der Wahrheit freut, dann ist sicher etwas anderes damit gemeint, als rücksichtslose Offenheit. Denn die Liebe will den anderen nicht kränken und klein machen; sie will ihn aufbauen.
Und was heißt das jetzt für die Situation der jungen Mädchen?
Ich glaube, „Taktgefühl“ ist hier das richtige Wort für Liebe.
Taktgefühl bedeutet: ich sehe den anderen mit freundlichen Augen an.
Und dementsprechend formuliere ich auch meine Gedanken:
Ich muss nicht lügen, wenn mir etwas ganz und gar nicht gefällt.
Wenn ich mich schon äußern muss, überlege ich, was mir gefallen könnte an dem Kleidungsstück:
wenn nicht der Schnitt, so vielleicht die Farbe…;
und wenn nicht die Farbe, dann vielleicht die Kombination, oder die Schuhe…
- und wenn das alles nicht, dann vielleicht sagen:
„Weißt du was? Wenn du so strahlst, kannst du alles tragen.“
Ich kann natürlich auch gestehen, dass an dieser Stelle unser Geschmack auseinander geht. Das ist nicht verletzend – denn wer sagt schon, daß mein Geschmack der einzig wahre und richtige ist?
„Die Liebe freut sich an der Wahrheit“, heißt es in der Bibel.
Wahr ist, dass nicht alle meine Urteile der Weisheit letzter Schluss sind. Deshalb finde ich, Taktgefühl ist eine feine Sache, bevor ich etwas sage.

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Eine Frau geht mit ihrer Tochter in einen Buchladen. Sie sucht ein Geschenk und sie braucht eine ganze Weile, bis sie sich entschieden hat.
Als es endlich ans Bezahlen geht, ist die Buchhändlerin kurz abgelenkt; gedankenverloren legt sie den entgegengehaltenen Geldschein in die Kasse und gibt auf zwanzig Euro raus.
„Tut mir leid, aber das stimmt nicht!“ sagt die Frau. „Ich habe Ihnen fünfzig Euro gegeben.“
Die Buchhändlerin sieht sie zweifelnd an.
“Das kann eigentlich nicht sein“, sagt sie. „Ich mache das jeden Tag, mir passieren solche Fehler nicht.“
„Ja, aber sehen Sie, ich weiß genau, dass es ein fünfzig-Euroschein war. Ich habe eben festgestellt, dass es der letzte Schein in meinem in meinem Portemonnaie war und ich noch unbedingt zur Bank muss.“
Das überzeugt die Buchhändlerin nicht; aber dummerweise liegt der Schein schon in dir Kasse und sie kann den Irrtum nicht beweisen.
Die Frauen sehen einander ratlos an.
Die Tochter der Kundin hat das Gespräch aufmerksam verfolgt. Sie sagt:
„Mama, sag der Frau doch, dass wir Christen sind. Und Christen lügen nicht!“
Jetzt richten sich alle Augen auf das Mädchen. Einen Augenblick sind die beiden Frauen sprachlos.
„Ja, wenn das so ist…“, sagt die Buchhändlerin, öffnet die Kasse und holt das gewünschte Wechselgeld heraus. Die Mutter bedankt sich.
Draußen auf der Straße fragt die Mutter: „Wie bist du denn darauf gekommen?“
„Wir haben das gerade im Religionsunterricht durchgenommen. Und du lügst doch auch nie.“
Jesus stellte einmal ein Kind in die Mitte und sagte: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“
Ich glaube, genau das hat er damit gemeint:
Wir Erwachsenen wissen längst, dass auch Christen schon mal lügen; uns kann da so schnell nichts mehr überraschen.
Aber für dieses Kind ist der Anspruch noch ungebrochen:
Christen lügen nicht.
Die tiefe Überzeugung des Kindes hat den Konflikt zwischen den beiden Frauen gelöst; das hat sie völlig entwaffnet.
„Wenn ihr nicht werdet, wie die Kinder…“, hat Jesus gesagt. Und er hat Recht. Kindliche Aufrichtigkeit kann Berge versetzen.
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„Ich brauch keinen“, sagte mir ein Mann, als ich ihn besuchte. Und er war auch noch stolz darauf. Er wollte sich um keinen kümmern und er wollte auch von keinem etwas wissen.
Bis er irgendwann hinfällig wurde und angewiesen auf die Hilfe anderer.
Da fiel ihm plötzlich die Kirche ein.
„Kann da nicht mal jemand kommen, zum Putzen und Besorgungen machen?“ fragte er mich.
„Da findet sich bestimmt jemand, wenn Sie dafür bezahlen“, sagte ich.
„Nein, das ist mir zu teuer“, antwortete er. „Aber das müsste doch auch jemand einfach so machen, als Nachbarschaftshilfe oder aus Nächstenliebe.“
So funktioniert Nächstenliebe aber nicht. Nächstenliebe kann man nicht einfor-dern. Und schon gar nicht so ein Mensch, der sich ein ganzes Leben lang darum bemüht hat, nicht liebenswert zu sein.
Moralisch gesehen verhält sich dieser Mann unmöglich. Mit so einem möchte kaum einer was zu tun haben.
Vor Gott allerdings ist er einer, der jeden Kontakt verloren hat: Zu den anderen, zu sich selbst und zu Gott. Die Bibel nennt das „Sünde“.
Wie kann man so einem helfen?
Bestimmt nicht dadurch, dass man nach seiner Pfeife tanzt und tut, was er erwartet. Ich glaube, Veränderung ist nur möglich, wenn er selbst es will. Wenn er sich in Bewegung setzt.
Das ist so wie mit dem Zöllner Zachäus aus der Bibel: den konnte auch keiner leiden, weil er immer nur auf seinen Vorteil bedacht war.
Aber eines Tages spürte er eine seltsame Sehnsucht in sich. Und die Sehnsucht wurde so übermächtig, daß er ihr folgen musste. Sie führte ihn zu Jesus und zu den vielen Menschen, die um ihn standen.
Weil Zachäus klein war und ihn auch sicher keiner durchgelassen hätte, stieg er auf einen Baum, denn er mußte Jesus unbedingt sehen. Und da geschah etwas, das sein ganzes Leben umkrempelte: Jesus hat ihn angeschaut.
Von diesem Tag an war Zachäus ein anderer. Er hat vielleicht zum ersten mal gespürt: ich brauche jemanden. Ich bin nicht glücklich so allein.
Manchmal schickt Gott eine so große Sehnsucht, und die macht, daß ein Mensch sich wider aller Erwartung doch noch bewegt. Und dann geschieht das große Wunder der Verwandlung, daß ein Mensch wieder sein Herz spürt. Und ihm
andere etwas bedeuten.
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Allesverloren – so heißt ein wunderbarer Rotwein aus Südafrika. Allesverloren - wie kommt jemand darauf, seinen Wein so zu nennen?

Es ist so etwa dreihundert Jahre her, da bekommt die weiße Siedlerin und Witwe Cloete ein entlegenes Stück Land in Südafrika zugewiesen. Sie versucht es mit dem Weinbau. Alles steckt sie da rein: ihren ganzen Mut, ihr bißchen Vermögen, ihre Kraft.
Nun – es liegt auf der Hand, daß diese Art der Landverteilung zu Konflikten führen muß: Da sind schließlich noch die Schwarzen, denen das Land eigentlich gehört. Eines Tages jedenfalls, als Cloete von einer mühsamen Fahrt in die Stadt zurrückkommt, liegt ihr Haus in Schutt und Asche und der Weinberg ist zerstört. Da gibt sie ihrem Weingut den Namen „Allesverloren“.
Alles verloren.
Und so ging das weiter in Südafrika, fast dreihundert Jahre lang: Rassenwahn, Zerstörung, Mord und Totschlag.
Als das endlich ein Ende nahm und ein Rechtsstaat herrschte, da war die Frage: Was machen wir mit den vielen Menschen, die alles verloren haben? Und wie gehen wir mit den Schuldigen um?
Angeführt von Bischof Tutu ging man einen ganz neuen Weg, der hieß:
Sühne statt Strafe. Die sog. Wahrheitskomission ging den Verbrechen nach und forderte die Täter auf: „Gesteht, und ihr werdet begnadigt.“
Wo nicht, sollte sie die ganze Härte des Gesetzes treffen.
Tausende gestanden ihre Verbrechen.
Das gab den Hinterbliebenen ihre Angehörigen nicht zurück, aber es änderte viel: Die Wahrheit kam ans Licht. Und die Ungewissheit hatte ein Ende.
Auch wenn sie alles noch einmal durchleben mußten, sie waren nicht mehr allein gelassen mit ihrem Schmerz.
So konnte es einen Neuanfang geben. Im Gesang der Südafrikaner klingt der Schmerz noch deutlich nach, aber da ist auch so viel Hoffnung und diese ungebrochene Fröhlichkeit.
Und ob Sie´s glauben oder nicht: das alles mischt sich in diesen wunderbaren Rotwein: Wenn ich ihn trinke, schmecke ich die warme Erde, die so viel zu erzählen weiß von Hoffnung und Tränen und neuem Beginn.
Allesverloren – das Weingut wurde einige Jahre später wieder aufgebaut. Heute gehört es zu den floriensten Weingütern Südafrikas.
Allein der Name ist geblieben: Allesverloren. Und hält die Erinnerung wach.
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„Gott hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen (Ps 91,11).“ An diesen Psalmvers mußte ich denken, als ich Tessa und Lisa begegnet bin im Krankenhaus: Tessa 15 und Lisa 9.

Die eine ist aus dem Fenster gefallen, fünf Meter in die Tiefe; die andere ist von einem Auto angefahren worden, in einer geschlossenen Ortschaft, mitten auf dem Bürgersteig.
– Das alles ging so schnell, Lisa wußte gar nicht, wie ihr geschah.
Tessa hingegen war ein bißchen übermütig beim Telefonieren; das ist manchmal so, wenn man jung ist. Erst waren die Beine noch im Zimmer, dann saß sie irgendwann draußen, auf dem Fensterbrett. Und plötzlich fiel sie.
Jetzt weiß sie, wie schnell das geht. Und dass sie wohl etwas vorsichtiger werden muß. Aber Lisa?
Worauf soll sie jetzt noch vertrauen - wenn solche Dinge passieren, für die man doch überhaupt nichts kann...?
Ich überlege mit ihnen, ob ihre beiden Schutzengel wohl gerade geschlafen haben, als das passierte.
„Nein!“, sagt Tessa. „Meiner hat bestimmt nicht geschlafen. Wenn ich nur dreißig Zentimeter weiter vorn gelandet wäre, dann wäre ich jetzt tot.“
„Und meiner hat auch nicht geschlafen“, sagt Lisa. „Wenn das Auto nicht noch gegen ein anderes Auto gefahren wäre, und danach auch noch gegen einen Mast, dann wäre ich jetzt vielleicht auch tot.“
Also Glück im Unglück; die äußeren Verletzungen werden heilen. Es hätte viel, viel schlimmer ausgehen können.
„Gott hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
Das stimmt für die beiden Mädchen. - Auf der anderen Seite: Warum haben sie sie nicht gleich ganz vor dem Unglück bewahrt?
Ich glaube, es ist so:
Gott schickt seine Engel aus, um die Menschenkinder zu behüten.
Aber dass wir behütet sind, bedeutet nicht, dass wir vor allem Unglück bewahrt werden. Behütet sein heißt: wir sind nie wirklich allein gelassen, egal was geschieht. Im Glück nicht, im Unglück nicht, und auch nicht, wenn wir noch einmal davongekommen sind. Darauf vertraue ich.
Den beiden Mädchen wünsche ich von Herzen, dass sie ihr Vertrauen in das Leben zurückgewinnen. Denkt daran: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“
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