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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Die glücklichsten Menschen der Welt leben in Bangladesh! So lautet das erstaunliche Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie. Einer deutschen Journalistin kommt das recht merkwürdig vor. Sie macht sich auf den Weg nach Bangladesh, um sich das vermeintliche Paradies etwas genauer anzuschauen. Was sie sieht und erlebt, will mit dem Ergebnis der Untersuchung überhaupt nicht zusammen passen. Sie sieht Menschen, die unter Plastikplanen in Slums kampieren. Sie nimmt den permanenten Gestank auf den Müllhalden wahr, wo Kinder nach Verwertbarem suchen. Sie entdeckt offene Wunden, die nicht ärztlich versorgt werden. Sie trifft auf Eltern, deren Kinder an Hunger und Krankheit gestorben sind. Die meisten Menschen, die der Journalistin begegnen, sind durch Armut körperlich und seelisch krank. Dass viele sich trotz allem als glücklich bezeichnen, erklärt sie sich damit, dass die Familienstrukturen noch einigermaßen funktionieren. Vielleicht weiß man nach einiger Zeit in Not und Elend aber auch gar nicht mehr, was Glück überhaupt ist. Jedenfalls kann die Journalistin die Behauptung nicht teilen, dass arme Menschen glücklicher sind. Immer wieder kann man hören: Geld allein macht nicht glücklich. Aber deswegen sind Arme noch lange nicht die glücklicheren Menschen. Nicht nur das Beispiel Bangladesh zeigt, wie Armut die Würde von Menschen buchstäblich in den Dreck ziehen kann. Auch Jesus von Nazareth preist die Armen nicht wegen ihrer Armut selig. Wenn er vom Glück der Armen spricht, dann deshalb, weil ihre Armut überwunden wird und sich dafür Menschen engagieren. Es ist diese Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die sich gerade die Armen trotz ihres Elends nicht nehmen lassen. Zum Glück!
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Auch wenn es weh tut - über das, was geschehen ist, muss gesprochen werden. Nur durch die Wahrheit kann die Würde der traumatisierten Menschen wieder hergestellt werden. Der Mann, der diese Worte immer wieder wiederholte, hieß Juan Gerardi. Er war Bischof in Guatemala, einem Land, von dem Touristen immer wieder schwärmen wegen seiner exotischen Früchte, seiner malerischen Märkte, seiner Vulkane und Bergseen. Doch Bischof Gerardi kannte auch die andere Wirklichkeit des mittelamerikanischen Landes: eine durch einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg traumatisierte Bevölkerung. Vor allem die Ureinwohner, die Mayas, waren von brutaler Gewalt betroffen. Fast in jeder Familie waren Angehörige gefoltert oder getötet worden. Am schlimmsten war es, wenn Menschen einfach verschwanden, ohne dass die Angehörigen erfuhren, was mit ihnen geschehen war. Zurück blieben schwer traumatisierte Menschen. Die Regierung hatte kein Interesse an der Aufklärung der Gewalt. Bischof Juan Gerardi dagegen kämpfte als Leiter einer Wahrheitskommission dafür, dass die Gewaltopfer über ihre Traumata reden konnten. In jahrelanger Kleinarbeit wurden Tausende von Zeugen angehört. Über 55.000 Gewaltverbrechen wurden dokumentiert. Menschen, auf deren Gefühle nie jemand geachtet hatte und deren Würde jahrelang misshandelt worden war, erfuhren auf einmal, dass sich jemand für ihren erlittenen Schmerz interessierte und ihnen zuhörte. Das Ergebnis der Untersuchungen wurde in der überfüllten Kathedrale in der Hauptstadt Guatemala - City der Öffentlichkeit vorgestellt. Nur zwei Tage später wurde Bischof Gerardi vor seinem Haus ermordert - von denen, die an dieser Aufklärung kein Interesse hatten. Dieser Mord ist jetzt genau zehn Jahre her. Doch die Menschen in Guatemala haben Bischof Gerardi bis heute nicht vergessen. In Gedenkgottesdiensten wird in diesen Tagen an ihn und sein Anliegen erinnert: dass wirkliche Versöhnung nur dann möglich ist, wenn über alles, was geschehen ist, gesprochen wird.


Morgengruß aus gegebenem Anlaß (ARD Themenwoche und heutige Kooperation heute zwischen SWR 4 und DasDing) anderer Text!

Alter spielt keine Rolle

Wie alt jemand ist, diese Frage regiert unsere Gesellschaft. Und teilt sie auf. Das Studium darf nicht zu lange dauern. Mit 25 ist man schon zu alt für den Berufseinstieg. Bei DSDS kannst du nur mitmachen, wenn du jünger als dreißig bist. Wer über vierzig ist, kriegt keine gescheite Krankenversicherung mehr. Über 50 keinen guten Job. Alte klagen gegen Kinderlärm im Ferienhotel, Jugendliche leiden unter der Rentnerdemokratie. Die passenden Schlagwörter dazu gibt’s frei Haus: Krieg der Generationen, Vergreisung der Gesellschaft, Jugendwahn.
Fast ist das alles schon in Fleisch und Blut übergegangen. Irgendwie normal. Dass sich Jugendliche und Alte verstehen? Undenkbar.
Die Bibel sieht das anders. Wieder mal. Hier gibt’s Geschichten zu hören, die unser gewohntes Denken auf den Kopf stellen.
Hier gibt es Alte, die plötzlich Hoffnung bekommen. Obwohl alles schon fast zu Ende scheint. Zum Beispiel Sara, die Frau von Abraham. Hat keine Kinder gekriegt. Und ist jetzt über neunzig Jahre alt. Sie hat sich schon abgefunden mit ihrer Kinderlosigkeit. Obwohl das im alten Israel hart war. Insgeheim aber wünscht sie sich fast schon verzweifelt ein eigenes Kind. Und endlich, ihrem Alter zum Trotz, bekommt sie das Kind. Alter spielt für Gott keine Rolle.
In der Bibel gibt es aber auch genug Junge, die ernst genommen werden. Zum Beispiel David. Er ist der jüngste Sohn von Isai. Muss die Schafe hüten. Und wird doch zum König von Israel gemacht. An seinen älteren Brüdern vorbei. An allen weisen Alten vorbei.
Gott, so heißt es, sieht nicht auf das Alter. Sieht nicht auf das Äußere, nicht auf das worauf alle starren. Gott sieht das Herz des Menschen. Allein das zählt. Egal wie jung oder alt jemand ist. Eine starke Botschaft: Entscheidend ist der Mensch, sein Herz, seine Mitte. https://www.kirche-im-swr.de/?m=3542
Endlich über die eigene Arbeit selbst bestimmen können! Nicht mehr abhängig sein von fremden Herren, die einem vorschreiben, was und wie lange man zu arbeiten hat! Nicht mehr für den Gewinn anderer arbeiten müssen. Was wie ein Traum klingt, ist in Erfüllung gegangen. Und zwar ausgerechnet für Menschen, die sich das bis vor wenigen Jahren noch am wenigsten hatten vorstellen können: nämlich für einige Schwarze in Südafrika. Auf ihrem Land in Süd – Bokkeveld haben sich 14 schwarze Kleinbauern zur Heiveld Kooperative zusammengeschlossen, um Rooibostee zu produzieren. In Handarbeit ernten sie die frischen Triebe von wild wachsenden Sträuchern. In einer eigenen Teeverarbeitungsanlage produzieren sie einen hochwertigen Biotee. Besonders stolz sind die Kleinbauern darauf, dass sie vor kurzem auch eine eigene Verpackungsfirma aufgebaut haben. Sie liefern also nicht nur die Rohstoffe, sondern ein hochwertiges Endprodukt, keine Selbstverständlichkeit im internationalen Handel. Der faire Handel in Deutschland half entscheidend mit, dass die Kleinbauern in der Konkurrenz mit den weißen Großfarmen überhaupt eine Chance hatten. Die Existenz einer solchen Kooperative hat in einem Land wie Südafrika hohen Symbolwert. Denn auch heute noch sind die jahrzehntelangen Diskriminierungen der Apartheid nicht überwunden. Noch immer sind 98% der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche in der Hand weißer Großgrundbesitzer. Vor allem aber haben sehr viele Schwarze immer noch das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein. Deshalb ist die Geschichte der Heiveld Kooperative etwas Besonderes. Denn diese schwarzen Kleinbauern haben gezeigt, dass sie nicht nur dafür da sind, um in Bergwerken zu schuften. Ihre Kooperative ist ein Beispiel dafür, wie man das Gefühl der Minderwertigkeit überwinden kann. Und sie zeigt, wie man die eigene Würde wieder erlangen kann: dann nämlich, wenn man die Möglichkeit erhält, selbst bestimmt von der Arbeit der eigenen Hände leben zu können.
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„Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage…“
Eines der bekanntesten Zitate der Weltliteratur, von William Shakespeare, aus dem Hamlet, dritter Aufzug, erste Szene.
Wissen Sie auch, wie es weitergeht?

„Ob’s edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand zu enden? Sterben - schlafen -
Nichts weiter! Und zu wissen, dass ein Schlaf
Das Herzweh und die tausend Stöße endet,
Die unsers Fleisches Erbteil, 's ist ein Ziel,
Aufs innigste zu wünschen. Sterben - schlafen -
Schlafen!“

Ja, so geht’s mir auch immer mal und ich glaube ganz vielen anderen Menschen auch. Dass man die Nase voll hat und sich fragt, was denn dieses ganze Leben soll. Für viele bedeutet es vom frühen Morgen bis zum späten Abend Arbeit und Hetze. Den einen plagt Krankheit, den anderen die Langeweile. Und Psychologen, Therapeuten und Seelsorger können ein Liedchen davon singen, wie viele Menschen sich den Tod oder den erlösenden Schlaf wünschen, um endlich in Ruhe gelassen zu werden.
„Sein oder Nicht sein“.
Ich weiß nicht, ob Shakespeare Pessimist oder Optimist war, ob ihm sein Lebensglas halb leer oder halb voll erschienen ist. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass er sein Leben ganz ordentlich anzupacken wusste, denn er hat als Autor und Bühnenbesitzer erfolgreich viel Geld verdient. Und die Zahl seiner Komödien lässt eher auf einen fröhlichen Charakter schließen. Aber die „Pfeile und Schleudern des wütenden Geschicks“, die hat er in seinem Leben sicher auch zur Genüge kennen gelernt und unterscheidet sich so nicht im Geringsten von uns. Am 23. April 1616 hat er den „erlösenden Schlaf“ gefunden, auf den Tag genau 52 Jahre nach dem er in diese Welt geboren wurde.
„Sein oder Nicht Sein“
Ein anderer Literat von Weltruf, der Hl. Augustinus beantwortet diese Frage mit seinen Worten so:
„Ein Stück des Weges liegt hinter dir, ein anderes Stück hast du noch vor dir. Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stärken, nicht aber um aufzugeben.“


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„Wir verfügen zwar über perfekte Mittel, aber andererseits über recht verworrene Ziele“. Heute im Zeitalter von GPS und Navigationssystemen würde der Physiker Werner Heisenberg seinen Satz wohl mit noch mehr Nachdruck versehen. Wenn in zwei Wochen im Trierer Dom Mutter Rosa Flesch, die Gründerin der Waldbreitbacher Franziskanerinnen selig gesprochen wird, dann geht es genau darum: klare Ziele vorzustellen, an denen sich Menschen orientieren können. Vielen mag eine Selig- oder Heiligsprechung mit feierlichem Gottesdienst und altem Ritus unpassend und von gestern vorkommen. Zumal, wenn es Menschen betrifft, die, wie Mutter Rosa, schon über 100 Jahre tot sind. Aber so eine Seligsprechung ist nicht nach hinten, sondern nach vorn gerichtet. Sie hat uns Lebende im Blick. Wir brauchen zur Gestaltung unseres Lebens klare Ziele, also auch glaubwürdige Vorbilder, deren Leben schon gelungen ist. Und Mutter Rosa Flesch hat ein so vorbildliches Leben geführt, dass sie nach dem Glauben der Kirche jetzt sicher in der endgültigen Gemeinschaft mit Gott ist. Das will die Seligsprechung sagen.
Und was macht diese einfache Frau, ohne große Schulbildung oder gar Studium aus dem Wiedbachtal im Westerwald so beispielhaft?
„Einfach und schlicht“ war sie und „man konnte sich mit ihr über Gott unterhalten“ so beschreibt sie ihre gebildete Freundin, die Baronesse Oktavie de Lasalle.
Und beten konnte sie, intensiv war sie mit Gott im Gespräch. Dabei war ihr das Hören mindestens genauso wichtig wie das Beten. Oft schwieg sie einfach. „Was nützt dem Körper die beste Nahrung, wenn er sie nicht verdaut?“, formulierte Mutter Rosa einen Vergleich. Und zum Verdauen der Gebetstexte braucht man eben Zeit und Ruhe und Sammlung.
Das gab ihr Kraft und Durchhaltevermögen, ihren Orden zu gründen und den Kampf gegen Krankheit, Not und Tod aufzunehmen. Wo andere resigniert hätten nach dem Motto: „da kann man ja doch nichts machen“, fand sie mit großer Beharrlichkeit doch noch einen Weg. All das macht sie zu einer Seligen: weil sie uns heute noch viel davon erzählen kann, wie das geht, mit beiden Beinen auf der Erde zu stehen und doch ganz bei Gott zu sein.

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„Seht euch die Lilien an…. Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen.“ (Lk2,17) Da gerät selbst Jesus ins Schwärmen, wenn er seine Jünger mit diesem Vergleich belehren will. Und ich kann mir gut vorstellen, dass der Evangelist Lukas vor diesen Blüten steht und wohl mit Muße und Genuss die Pflanze anschaut, von der er gerade schreibt. Seit drei Tagen ist Landesgartenschau in Rheinland-Pfalz, und wer will, kann in den nächsten Monaten genauso ins Schwärmen geraten und vielleicht auch ein wenig ins Nachdenken kommen. Ein Tag Pause vom Alltag in all der Blumen- und Blütenpracht, das ist schon was wert. Es gibt aber noch mehr: Auf dem Kirchengelände der Landesgartenschau in Bingen kann man die Seele ganz bewusst baumeln lassen. Und die perfekte Verbindung von Natur und Spiritualität findet man im „Hildegarten“. Die große christliche Ordensfrau des frühen Mittelalters, Hildegard von Bingen, ist nämlich berühmt für ihre Kenntnis der Heilpflanzen.
„Seht euch die Lilien an…“ Vielleicht wachsen die ja auch im Hildegarten auf der Landesgartenschau. Hildegard selbst beschreibt ihre Heilwirkung bei Hautausschlägen, Blutergüssen und Prellungen. Aber nicht nur das. Sie schreibt: „Auch der Duft des ersten Aufbrechens, das heißt der Lilienblüte, und auch der Duft ihrer Blumen erfreut das Herz des Menschen und bereitet ihm richtige Gedanken.“ Der Duft der Lilie hilft gegen Trübsinnigkeit. Das ist ganz typisch für Hildegard. Sie sieht den Menschen immer als Ganzes, als Einheit von Körper und Geist. Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Organe. Geht es der Seele gut, wird auch der Körper schneller gesund. Und manches körperliche Leiden hat seine Ursache in einer seelischen Verwundung. Was heute als ganzheitliche Medizin modern wirkt, war schon vor tausend Jahren bekannt. Nur nannte man es anders. Für Hildegard war die Pflanze nicht nur einfach Heilmittel auf natürlicher Basis, sondern auch Träger göttlicher Kräfte.
„Seht euch die Lilien an….“ Man muss ja nicht direkt zur Landesgartenschau. Es reicht auch der eigene, kleine Vorgarten oder ein Spaziergang im Stadtpark um, wie Hildegard es sagt „auf die richtigen Gedanken zu kommen“.

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