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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wortgewandt, sicher im Auftreten, durchsetzungsfähig.“ So sollten heute Menschen sein, die eine Stelle suchen. Fast egal, in welchem Beruf. Beim lieben Gott und in der Bibel allerdings scheint das ein bisschen anders zu laufen. „Herr, ich bin keiner, der gut reden kann. Mein Mund und meine Zunge sind nämlich schwerfällig.“ So stellt sich Moses Gott, seinem Herrn vor. Und fügt noch hinzu: „Schick doch einen anderen!“ (Ex 4,10) Nicht gerade ein selbstbewusster Mensch, dieser Mose. Und alles andere als wortgewandt. Doch ausgerechnet diesem Moses wird das größte Projekt der Geschichte Israels anvertraut: Er soll die Israeliten aus Ägypten herausführen. Ausgerechnet einer, der sich das alles gar nicht zutraut – und dem es wohl auch sonst niemand zutraut. Bis auf einen eben: Gott.
Ich mag diese und ähnliche Geschichten in der Bibel sehr, in denen es um Berufungen geht. Gerade, weil sie oft so quer liegen zu heutigen Berufsgeschichten. Vor allem, weil ich sie sehr ermutigend finde. Für Gott ist es eben überhaupt nicht wichtig, ob ich wer weiß welche Qualifikationen mitbringe, vermutlich nicht einmal, ob ich super fromm bin. Er traut mir trotzdem Dinge zu, vertraut sie mir an. Er nimmt mich so, wie ich eben bin. Mit all meinen Fehlern, mit meinem schwerfälligen Reden und auch mit meinen Zweifeln. Und vermutlich sieht er eben auch ganz besonders die Dinge in den Menschen, die wichtig sind. Er sieht die versteckten Talente. Vielleicht, dass jemand ein besonderes Gespür hat für andere. Oder dass einer beim dritten Anlauf Dinge besonders gut erledigt. Oder dass eine andere besonders härtnäckig nach dem Sinn des Lebens fragt. Jede und jeder hat ein Talent zu etwas. Die eine soll vielleicht Kindern etwas über Goethe beibringen, der andere Häuser bauen. Und wieder andere sollen ins Kloster gehen oder Priester werden. Egal jedenfalls, in welchem Beruf, welcher Berufung: Ich bin sicher: Es sind nicht immer die am ehesten geeignet, denen man es sofort und auf den ersten Blick zutrauen würde oder die es sich selbst gleich zutrauen würden. In der Bibel damals gab es da schon manche Überraschung. Und die gibt es wohl bis heute.

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39 Grad Fieber. Tagelang. Schlappe Beine und Kopfschmerzen. So sah der letzte Monat für viele aus. Mich hat’s nicht so schlimm erwischt. Ich hab nur ein paar Tage gehustet, dass es wehtat, und lag völlig erledigt auf der Couch. Aber wie das ist, wenn man krank ist, das konnte auch ich mal wieder spüren. Es war gar nicht angenehm, nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele. Und wie wunderbar war es, als dann irgendwann die Energie wieder zurückkehrte. Gesundheit ist ein hohes Gut, das wird einem besonders klar, wenn man sie schmerzlich vermisst. Aber: Ist Gesundheit auch das höchste Gut?
Diese Frage steht im Zentrum der „Woche für das Leben“ - eine Initiative der katholischen und evangelischen Kirche. Gesundheit ist ein hohes Gut, das ist auch unter Christen unumstritten. Es gibt christliche Krankenhäuser, es gibt Ordensleute und Pflegekräfte, die sich weltweit für Kranke einsetzen. Darin folgen sie Jesu selbst, der ja berühmt war für seine Heilungen. Und trotzdem: Gesundheit – höchstes Gut? Dahinter setzen die Kirchen ein Fragezeichen. Ich kann das nachvollziehen. Ich genieße es, gesund zu sein, gerade, wenn ich wieder ein paar Tage auf der Nase gelegen habe. Aber ich erlebe auch: Menschen, die krank sind, manchmal: schwer krank sind – die sind oft trotzdem so voller Energie. Manchmal wirken sie lebendiger und froher als die Gesunden, als ich mich selbst fühle. Krankheit ist nicht immer einfach eine Beeinträchtigung oder gar ein Makel. Sie kann auch Kräfte frei setzen. Bei einzelnen Menschen – und auch zwischen den Menschen. Krankheiten können Menschen zusammenrücken lassen. Manchen Menschen hätte ich wohl nie so kennen und schätzen gelernt, wenn wir beide einfach immer gesund gewesen wären. Das soll jetzt natürlich nicht heißen: Krankheit ist höchstes Gut, ganz und gar nicht. Aber ich bin davon überzeugt: Wert und Würde unseres menschlichen Lebens hängen nicht davon ab, ob wir immer gesund sind. Sie können im Gegenteil manchmal gerade dann besonders zum Vorschein kommen, wenn das Leben angeschlagen ist. Wenn es darauf ankommt, zeigt sich, was wirklich das höchste Gut ist im Leben.

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Es werde Licht! So heißt es ganz am Anfang der Bibel. Die ersten Worte Gottes sind das. Mit ihnen beginnt er sein Schöpfungswerk. Licht steht am Anfang der Welt – und jeder neue Tag beginnt damit: dass es hell wird, dass die Finsternis verschwindet, dass Licht wird. Ein bisschen ist es dann wieder so, als ob Gott etwas schaffen würde: diesen neuen Tag eben. Auch der Mensch kann Licht schaffen, im viel kleineren Stil natürlich. „Es werde Licht!“ sagt er. Und zündet eine Kerze oder knipst eine Lampe an. Manche entwerfen sogar eine Leuchte, planen eine bestimmte Beleuchtung - in der eigenen Küche oder für ein Museum. Licht regt viele Menschen an: selbst schöpferisch, kreativ, künstlerisch zu sein. Auch der Mensch kann mit dem Licht etwas Neues, Besonderes entstehen lassen.
In diesen Tagen und auch Nächten ist das im Rhein-Main-Gebiet besonders gut zu sehen. Auf der „Luminale“ , der„Biennale der Lichtkultur“, seit letztem Wochenende und bis morgen Abend. Über 200 Lichtprojekte und Lichtinstallationen gibt es zu sehen. Am Mainzer Hauptbahnhof stehen fünfzig Wassertanks, die in allen Farben leuchten. Am Rheinufer lädt ein Lichtlabyrinth ein. Und die Theodor-Heuss-Brücke zwischen Mainz und Wiesbaden ist neu erleuchtet, ihre massiven Pfeiler und ihre Stahlbögen werden nachts jetzt viel besser in Szene gesetzt.
Neues Licht: Das kann auch Dinge, die wir gut zu kennen meinen, ganz anders und neu aussehen lassen. In neues Licht getaucht, wirken sie ganz neu, unscheinbare Dinge sehen plötzlich ganz faszinierend aus, leuchten richtig. Auch mit Menschen kann das passieren. Manche muss ich nur mit neuem Blick und in einem neuen Licht sehen – und schon sieht er oder sie ganz anders aus.
Licht schafft nicht nur Neues am Anfang – es kann auch immer wieder aus Alt-Vertrautem ganz Neues machen. Licht ist eben etwas enorm Schöpferisches - von Anfang an und bis heute
Es werde Licht! Gott spricht das, am Anfang der Welt. Und auch der Mensch – sein Ebenbild - kann das sagen. Und damit Neues schaffen. Bei Dingen und Menschen. Jeden Tag.

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Gott hat einen Briefträger. Rabbi Schmuel Rabinowitz in Jerusalem. Er ist zuständig für die Westmauer am Tempelberg, besser bekannt als „Klagemauer“.
Für Juden in aller Welt ist das der heiligste Ort, den sie kennen.. Nirgendwo – so glauben sie – kann man Gott näher sein als an diesen gewaltigen Steinblöcken. Hier, wo vor 2.000 Jahren der Tempel stand, beten jedes Jahr rund fünf Millionen Pilger und Touristen. Viele von ihnen stecken einen Gebetszettel in die Mauerritzen. Ihre Briefe an Gott. Seit Generationen dient so die „Klagemauer“ als „Briefkasten“ für die Gebete. Klingt ungewohnt. Aber: „Die Briefe sind eben auch eine Form des Betens“, meint der Rabbi.
Heutzutage braucht man nicht mal mehr selbst nach Jerusalem zu kommen. Rabbi Rabinowitz empfängt sogar Briefe, Faxe und E-Mails, um sie dann in die Mauerritzen zu schieben. Und nicht alle Schreiber sind Juden.
Zweimal im Jahr wird der „Briefkasten“ geleert. Wenn alle Spalten der riesigen Klagemauer voll sind. Aber die Zettel wandern nicht ins Altpapier. Respektvoll werden sie auf dem Ölberg vergraben.
Welche Bitten und Danksagungen die Briefe enthalten, das weiß nur Gott allein. Rabbi Rabinowitz liest sie nicht. Auch an der Klagemauer gilt das Postgeheimnis! Im März 2000 war das anders. Da besuchte Papst Johannes Paul II. bei seiner Wallfahrt ins Heilige Land die Mauer in Jerusalem. Auch er steckte einen Gebetszettel zwischen die Steine. Dessen Inhalt aber sollte die Welt kennen. Da bat der Nachfolger des Petrus Israel um Vergebung für das von Christen am jüdischen Volk begangene Unrecht. Ein bewegender Moment für Juden und Christen. Versöhnung an der „Klagemauer“.
Natürlich kann man an jedem Ort Gebete sprechen und Gott nahe sein. Aber es gibt wirklich heilige Stätten, an denen man seine Gegenwart in besonderer Weise spüren kann. Die Westmauer des Tempelbergs in Jerusalem gehört dazu.


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Sterben ist ganz anders. Das sagen Menschen, die schon einmal erlebt haben, wie das ist, zu sterben. Menschen, die „todesnahe Erfahrungen“ hatten. Ihre Zahl geht in die Tausende. Es sind Personen, die bereits klinisch tot waren, etwa nach einem Unfall oder bei einer Operation, und dann reanimiert wurden, also ins Leben zurückkehrten.
Was sie erzählen, ist packend und zeigt verblüffende Übereinstimungen. Angesichts des bevorstehenden Todes verlassen sie ihren Körper, können aber dabei ihre Umgebung genau wahrnehmen.
Sie schweben durch einen Tunnel, an dessen Ende ein strahlendes Licht aufleuchtet. Dieses wärmende Licht blendet nicht, es zieht unwiderstehlich an. Ruhe, Frieden und Harmonie bestimmen die Szene. Bereits verstorbene Verwandte und Freunde erscheinen wie zur Begrüßung. Wortlos erfolgt eine Rückschau auf das eigene Leben – wie in Zeitraffer. Glückliche Momente sind dabei, aber auch Situationen, in denen man lieblos und egoistisch gehandelt hat. Doch dieses Versagen wird aufgehoben durch die Geborgenheit der allgegenwärtigen Lichterscheinung. Schließlich aber muss man wieder zurück. Zurück ins irdische Leben. Dies empfinden alle als schmerzlich und enttäuschend.
Solche „Nah-Tod-Erlebnisse“ sind völlig unabhängig von Alter und Geschlecht, Herkunft und Religiosität. Wie es dazu kommt, ist nicht geklärt. Natürlich sind solche Berichte keine endgültigen Beweise für ein Leben nach dem Tod. Denn diese Menschen hatten die letzte Grenze ja noch nicht überschritten. Aber sie können unsere Vorstellungen von Tod und Sterben korrigieren.
Und vor allem: Todesnahe Erfahrungen verändern die Menschen im Hier und Jetzt. Wer sie gemacht hat, verliert die Angst vor dem Tod. Der hat erkannt, was am Ende zählt. Nicht Leistung und Erfolg, Besitz und Konsum, sondern die Achtsamkeit gegenüber dem Leben und das Dasein für andere.

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„Die Leinwand hängt schief, ist verknittert (...) Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus (...) Man sitzt auf unbequemen, quietschenden Holzsitzen und es wurde nicht mal sauber gemacht.“
So sieht Hape Kerkeling die Kirche. In seinem Santiago-Buch vergleicht der Komiker sie mit einem Kino auf dem Dorf. Wer den Saal betritt, merkt sehr schnell: Das Haus hat schon schon bessere Tage gesehen. Es ist also kein reines Vergnügen, sich hier einen guten Film anzuschauen.
Doch für Hape Kerkeling ist das Kino die Bühne für Gott. Er schreibt: „Die Vorführung ist mies, doch das ändert nichts an der Größe des Films. Leinwand und Lautsprecher geben nur das wieder, wozu sie in der Lage sind.“
Die miese Vorführung, die schiefe Leinwand, die alten Lautsprecher. Das also ist die Kirche. Da bleibt von Gott nur noch ein schwacher Abglanz. Auch deswegen treten pro Jahr rund 80.000 Katholiken aus ihrer Kirche aus. Da ist man nicht einverstanden mit den Ansichten des Papstes oder der Bischöfe. Oder man ärgert sich über das Verhalten des Gemeindepfarrers und anderer kirchlicher Mitarbeiter. Mit dem „lieben Gott“ – so ist zu hören – habe man ja keine Probleme. Wenn da nicht sein „Bodenpersonal“ wäre.
Zugegeben: In der „heiligen“ Kirche geht es oft genug unheilig zu. In ihr arbeiten eben Menschen wie du und ich – mit ihren Macken, Fehlern und Grenzen. Sie haben den Auftrag, die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes erfahrbar zu machen. Aber das gelingt häufig nur unvollkommen.
Und doch, allen Unzulänglichkeiten zum Trotz: die vielen Frauen und Männer, die in der Kirche tätig sind, übertragen Bild und Ton des Evangeliums auch in unsere Zeit. Manchmal mit minderer Qualität, manchmal aber auch mitreißend und begeisternd. Im Gemeindeleben, in der Jugend- und Altenarbeit, in Krankenhäusern und Pflegeheimen, in Sozialstationen und Obdachlosenasylen. Bei uns und in aller Welt.
Gottes Film bleibt ein Meisterwerk. Darauf kommt es an. Und deshalb sitze auch ich immer wieder in diesem etwas klapprigen Kino, das sich Kirche nennt. Genauso wie Hape Kerkeling. Und der hat noch eine Hoffnung: „Irgendwann können wir uns den Film in bester 3-D- und Stereo-Qualität unverfälscht und in voller Länge ansehen. Und vielleicht spielen wir dann ja sogar mit.“
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