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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ein ganz normales jüdisches Mädchen vor 2000 Jahren. So stell ich sie mir vor, diese Miriam im Land Israel. Jung und lebendig, das beim Wasserholen am Brunnen mit den andern Mädchen lacht und beim Essen kochen schwatzt, neugierig dem Palaver der Männer lauscht oder sehnsüchtig den schönen Kleidern anderer Frauen hinterher sieht. Doch weiß die Bibel zu berichten, dass dieses Mädchen außergewöhnlich war. Das ist wohl auch der Grund, warum die katholische Kirche heute ein Fest feiert, dass in unseren Ohren gar seltsam anmutet. Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria ist sein Titel. Ein Fest, das daran erinnert, dass Gott mit Maria von Anfang an etwas vor hat. Weil er seine Welt so liebt, will er ihr das Kostbarste schenken, was er hat, seinen Sohn. Und Maria soll dieses Kind in die Welt bringen. Deswegen ist sie von Beginn an frei von aller Schuld und Gottfremdheit. Das heutige kirchliche Fest kann natürlich nur gefeiert werden, weil Maria sich auf dieses Wagnis eingelassen hat. Denn ein solches war es wohl. Aber Gott zwingt sich dem Menschen nicht einfach auf. Maria hätte sich auch verweigern können! Stattdessen vertraut sie darauf, dass Gott es gut mit ihr meint. Sie lässt Gott in ihr Leben ein. Mehr noch: Sie begleitet ihn ein Leben lang und über den Tod hinaus. Vielleicht ist das sogar das Außergewöhnlichste an dieser Frau. Das Leben ihres Sohnes Jesus war für sie als Mutter alles andere als einfach. Und ich bin mir sicher, dass sie nicht nur einmal mit sich haderte und nach einem normalen Leben zurücksehnte – aber dennoch ist sie dabei geblieben. Maria hat auch heutigen gläubigen Menschen etwas zu sagen. Sie kann ein Vorbild sein für einen Menschen, der sein „Ja“ immer wieder erneuern muss. Der bereit ist, Gott in sein Leben einzulassen. Der versucht herauszufinden, was Gott mit ihm vorhat. Und der das Vertrauen hat, dass Gott es letztlich immer gut mit ihm meint.

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07DEZ2007
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Thomas, ein Freund und Studienkollege, ist vor 12 Jahren als Theologe nach Kolumbien gegangen. In regelmäßigen Rundbriefen lässt Thomas mich Anteil haben an seiner oft mühevollen Arbeit in Kolumbien. Es ist ein schönes Land voller Naturwunder und fröhlicher Menschen, aber auch ein gefährliches, zerissen von Krieg, Korruption und Gewalt. Thomas ist Missionar in Kolumbien, was er erzählt ist hoffnungsvoll und frustrierend zugleich. Hoffnungsvoll, weil er die Erfahrung macht, dass die frohe Botschaft von Jesus, der keine Ungerechtigkeit toleriert und ein Anwalt der Kleinen und Armen ist, etwas ist, was z.B. die Awaindianer im Dschungel von Kolumbien verstehen, was ihnen Selbstbewusstsein und Würde gibt und die Kraft, sich zu organisieren. Frustrierend: Weil diese Entwicklung immer wieder zerissen wird, wenn Regierungstruppen und Guerilliagruppen sich gegenseitig bekämpfen, die Leute vertreiben und so die Arbeit vieler Jahre zunichte machen. Thomas lebt mittlerweile nicht mehr im Dschungel sondern in der Stadt Pasto, in die sich Tausende von Menschen vor Gewalt und Militär geflüchtet sind. Er versucht dort im Auftrag des Bischofs ehrenamtliche Helfergruppen zu gründen, zu koordinieren und zu vernetzen. Nicht Almosen geben, sondern Hilfe zur Selbsthilfe lautet seine Devise. Die Kirchen sind dort die einzigen, die diese Menschen unterstützen, ein Monopol, das besonderer Verantwortung bedarf. Eine Verantwortung, die auch wir mittragen können, z.B. durch das kirchliche Hilfswerk Adveniat, die große Weihnachtsaktion der katholischen Kirche. Der Name kommt aus dem lateinischen und bedeutet: „Dein Reich komme“, eine Bitte aus dem Vater Unser. Adveniat hat Thomas und viele andere Helfer nach Deutschland eingeladen, damit sie hautnah berichten, von der schreienden Ungerechtigkeit, die vielerorts in Lateinamerika noch herrscht und ihren Bemühungen, in unendlich kleinen Schritten dieses Gottesreich schon auf Erden erfahrbar zu machen. Ich hoffe, dass viele helfen, ihm zu helfen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=2638
06DEZ2007
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Heute feiern wir den Gedenktag des heiligen Nikolaus. Alle, die Klaus, Claudia, Nicole, Niels oder so ähnlich heißen, können heute Namenstag feiern. Herzlichen Glückwunsch! Nehmen wir mal an, dieser Nikolaus könnte heute zu uns sprechen, was würde er wohl sagen? Vielleicht:
„Hallo ihr Leute. Ich muss sagen, dass es mich schon sehr überrascht, dass ihr nach 1700 Jahren noch an mich denkt. Und das auch noch so oft! Dabei war ich doch gar nichts besonderes, habe einfach versucht so zu sein, wie ein Christenmensch eben sein soll. Daran hat sich ja bis heute eigentlich nichts verändert, oder? Teilen, beten, lieben, die Not anderer sehen und ihnen helfen – mehr ist nicht nötig und allzu schwer ist das doch auch nicht. Scheinbar doch, denn schon damals haben mich die Leute zu ihrem Bischof gewählt und nach meinem Tod angefangen die tollsten Geschichten zu erzählen. Legenden sagt ihr heute dazu. Klar, bei jeder ist irgendwo ein Körnchen Wahrheit dabei. Dass ich z.B. in der Hungersnot helfen konnte oder dem Witwer mit den drei Töchtern die Mitgift besorgte, das stimmt wirklich, nur war es weitaus handfester, nicht ganz so mirakulös, wie das heute erzählt wird. Na ja, was soll’s, ich kann’s nicht mehr ändern.
Wenn ich überhaupt was ändern könnte, dann den ganzen Rummel um meine Person und die ganze Geschäftemacherei. Ich kann mit Santa Claus oder dem Weihnachtsmann nichts anfangen und dass es mich ab September schon aus Schokolade oder als Spekulatius zu kaufen gibt, finde ich ätzend. Am meisten nervt mich aber dieser Knecht Ruprecht. Den hat’s nun wirklich nicht gegeben und dass der auftritt um Kinder zu schimpfen und auf deren Verfehlungen hinzuweisen, mag zwar den Eltern passen, mir aber geht’s gegen den Strich. Denn ich habe ein Leben lang versucht, gut zu sein und Gutes zu tun und das im Namen Gottes, der selbst gut und barmherzig und überhaupt nicht fies und rachsüchtig wie dieser Ruprecht ist. Ich glaube, ich hör jetzt auf. Ihr wisst ja, man kann über alles predigen, nur nicht über 3 Minuten. Nur noch einen Wunsch: Stellt mich nicht als Held abgehoben auf ein Podest. Denn ihr wisst: es gehört mehr Mut dazu, einfach menschlich statt heldenhaft zu sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2637
Wir befinden uns in der ersten Woche des Advent, wer einen Adventskranz zu Hause hat, bei dem wird in diesen Tagen einfach eine Kerze dort brennen, ab kommendem Sonntag dann zwei – wir kennen dies. Der Grund für diese langsame Steigerung liegt in der wachsenden Vorbereitung, darin, dass noch nicht alles erreicht ist, ganz rund ist es eben noch nicht. Advent ist jetzt und Weihnachten ist erst danach, das weiß doch eigentlich jeder…
Wirklich?
In Wirklichkeit verhalten sich viele von uns anders – für viele scheint jetzt bereits so etwas wie Weihnachtszeit zu sein, trotz der im Moment einen brennenden Kerze auf dem Adventskranz…, da sind bereits geschmückte Christbäume zu sehen, eingeladen wird zu Weihnachtsfeiern und zu Weihnachtskonzerten – viele Schulen, öffentliche Gebäude, Betriebe und ein Großteil der Geschäfte gehen da mit sichtbarem Beispiel voran – „alles Weihnachten oder was?“
Ich wünsche uns, dass wir behutsamer umzugehen lernen mit den Inhalten unserer Zeiten. Einerseits wird betont, „unsere“, gemeint ist dann die „christlich-abendländische“, Kultur sollte wachgehalten werden, andererseits verkaufen wir manches an Inhalten derselben vor dem Altar der Betriebsamkeit, des Konsums und der Bequemlichkeit.
Für mich sind die folgenden Beispiele kleine Zeichen der Achtsamkeit und der Aufmerksamkeit für Werte in unserer Kultur:
Eine Klassenlehrerin in der Schule oder der Vorstand eines Sportvereins laden zur Adventsfeier ein (und gerade nicht zur Weihnachtsfeier) in diesen Tagen,
die Betriebsleitung lädt die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zur gemeinsamen Feier im Advent ein und nicht einfach zum Weihnachtsessen,
im Rathaus oder auf dem Marktplatz ist ein Adventskranz zu sehen und ein Christbaum erst an oder um Weihnachten herum…
Das Warten – können lehren wir unsere Kinder nicht, indem wir ihnen bereits jetzt schon alles vorsetzen, die Sehnsucht und das Spüren von Leben in Fülle setzt das Warten, die Vorbereitung, den Advent voraus.
Ob es uns gelingt, den Sinn des Advent neu zu entdecken?

Klaus Rudershausen
Mainz-Wiesbaden, Altkatholische Kirche
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2679
Manchmal muss alles recht schnell gehen. Da kommt ein Telefonat gleich am frühen Morgen mit einer Botschaft, die dem Tag eine ganz andere Richtung gibt, die manche Pläne über den Haufen wirft und den Tagesablauf völlig verändert. So kann es passieren im Leben: Eine Nachricht entfacht nachhaltige Wirkung, sei es im persönlichen privaten Bereich, sei es an beruflicher Wirkungsstätte oder wo auch immer:
Leben geht nicht spurlos an uns vorüber…
Solch eine Nachricht war es auch, die Leben verändert hat, damals bei Josef und bei Maria: „Sie wird einen Sohn gebären – ihm sollst du den Namen Jesus geben“, bereits vorher „fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen…“ und später dann „Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten…“
Natürlich war es damals kein Telefonanruf, keine SMS und keine E-Mail, die das Leben dieser Menschen veränderten, es war einfach – so heißt es in den Texten der Heiligen Schrift – ein Traum, der zum Auslöser wurde und alles anders werden ließ, ein Traum, der Menschen in Bewegung brachte!
Ich bin sicher – und die Erkenntnisse der Traumforschung bestätigen dies in höchstem Maße - , dass Träume vieles in uns bewirken, das wichtig für unser Leben ist, oftmals unbewusst für uns selbst, aber mit Auswirkungen für unser Befinden, für unsere Kräfte, auch für unsere Gesundheit.
Es lohnt sich zum einen, dass wir uns damit bewusster auseinandersetzen, nach dem Inhalt unserer Träume fragen und nach den Gründen suchen.
Zum andern können uns Maria und Josef auf die Spur helfen, wenn sie unterwegs sind, denn nicht nur in der Adventszeit, sondern weit darüber hinaus sind auch wir unterwegs bei alltäglichen Terminen, zu besonderen Anlässen, mit und ohne Zeitdruck…
„Warum bin ich unterwegs?“ , so kann ich mich fragen, „Was ist mein Ziel?“,
„Warum so schnell?“
Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, so kann ich feststellen, es ist wohltuend, hin und wieder eine Pause einzulegen inmitten allen Unterwegsseins. Es tut gut, durchzuatmen, einen Schritt stehen zu bleiben, nach einer umwerfenden Botschaft oder auch nur so mitten im Alltag.

Klaus Rudershausen
Mainz-Wiesbaden, Altkatholische Kirche
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2678
Heute in drei Wochen ist bereits Heilig Abend! „Du lieber Himmel, was ich da noch alles erledigt haben will!“
Vielleicht türmt sich vor Ihnen auch eine ungeschriebene Liste auf, eine Sammlung all der Dinge, die Sie machen wollen und vor allem derer, die gemacht werden müssen in diesen drei Wochen. Geschäftlich muss manches erledigt werden, Abrechnungen, Briefe, Termine – auch privat gilt es, vieles auf den Weg zu bringen, in den Griff zu bekommen – bis zum berühmten Date, bis zum 24.Dezember, danach geht dann nichts mehr! Wirklich nicht?
Klar, vieles hat mit den Festvorbereitungen zu tun – Geschenke besorgen, Plätzchen backen, Christbaum kaufen, überlegen, wer zu Weihnachten eingeladen oder besucht werden will, was es dieses Jahr zu essen gibt an den Feiertagen und was dazu einzukaufen ist, welche Briefe noch geschrieben, welche Telefonate noch zu führen sind usw. usw.
Vieles davon sind wichtige Dinge – keine Frage, und wenn sie in Ruhe erledigt werden können, dann bereiten sie womöglich umso mehr Freude. Vielen unter uns geht es jedoch so, dass die Fülle dieser Erledigungen nur noch Stress erzeugt, dass wir mitunter nur noch stöhnen, zumal die Last alltäglicher Arbeit nicht weniger erdrückend wirkt.
Sie meinen, dies „sei halt so“ und somit nicht zu ändern?
Nicht zu ändern ist sicherlich die Zeit, der Zeitraum – denn in drei Wochen ist tatsächlich bereits Heilig Abend, aber „wie“ ich die Zeit fülle, „was“ ich unbedingt erledigen muss und „was“ möglicherweise auch „nicht“ – das liegt zumindest auch an mir – es sind nicht nur die anderen, die meinen Zeitplan bestimmen, wenn ich ehrlich hinschaue!
„Ich denke mal darüber nach, was ich auch sein lassen kann, wenigstens in dieser Zeit vor Weihnachten!“ „Muss alles perfekt sein?“ „Muss ich alles selbst machen?“ „Kann das Haus auch ohne Generalputz auskommen?“
„Muss denn alles erledigt sein oder kann ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch zumuten, das ein oder andere erst im Neuen Jahr vom Schreibtisch zu bekommen?“
Um was wird es gehen an Weihnachten? Um die Geburt von Jesus, um das Menschwerden Gottes, um Maria und Josef und manch andere im Stall, in einer Hütte oder wo auch immer. Dort wird auch nicht alles so ordentlich gewesen sein, so erledigt, so sauber…

Klaus Rudershausen
Mainz-Wiesbaden, Altkatholische Kirche
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2677
An diesem ersten Adventssonntag – guten Morgen!
Ich weiß: Viele sind gar nicht so begeistert, dass jetzt schon wieder Advent ist, gerade war noch Sommer und Herbst, und jetzt geht’s mit schnellen Schritten auf Weihnachten zu. Manch einen unter uns höre ich regelrecht stöhnen über diese Tatsache…
In mancherlei Hinsicht geht es mir ähnlich, und doch: Ich kann mich freuen, dass jetzt die 1. Kerze am Adventskranz brennt. Es ist gut, dass nicht ich selbst den Kalender und das Tempo der Zeit vorgeben kann – vielleicht würde es mir nie „in den Kram“ passen, es wäre immer zu früh!
Warum ich mich freuen kann?
Ich will es an einem Beispiel erzählen:
Viele gespannte Augen kommen mir in den Sinn, wenn ich daran denke, wie es sich abspielt jedes Jahr, seit nunmehr 10 Jahren. Es sind die Augen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen –gerichtet auf die Fassade eines Hauses, dessen Fenster (24 an der Zahl) im Dunkeln liegen, bis auf eines. Dieses eine wird dann – Abend für Abend im Advent ein Neues – feierlich geöffnet.
Was dann zu sehen ist?
Ein Kunstwerk, schön erleuchtet – sei es von Otmar Alt oder Quint Buchholz, sei es von Marc Chagall oder von jugendlichen Künstlern aus der dortigen Region, oder aber – wie in diesem Jahr - von Tomi Ungerer, einem der bedeutendsten Zeichner unserer Zeit. 24 Motive aus seinem berühmten „Liederbuch“ verzaubern die klassizistische Fassade des Rathauses.
Musik, Spiel und die warm hinterleuchteten Fenster machen aus dem Rathaus eine „Schatzkiste der Fantasie“.
Ach so: Dieser größte Adventskalender der Welt ist im badischen Gengenbach, im Schwarzwald, zu sehen.
Klar, es gibt immer Leute, die meinen, mit „Advent hätte das ganze nicht viel zu tun“, zu viel an Event, zu viel an Geschäft, zu viel an pulsierendem Leben…
Und doch! Wenn ich mich darauf einlasse, wenn ich bereit bin, mich selbst in den Bann ziehen zu lassen, dann spüre ich von ganz allein: Dies hat mit Advent zu tun, da wird zelebriert, worum es eben auch geht – Spannung erzeugen, Erwartungen füllen, innere Stimmen wachrufen, begeistern…
Deshalb kann ich mich freuen, dass jetzt bereits – ganz überraschend natürlich – Advent ist!
Ich freue mich auf Menschen, die etwas erwarten, auf Kinder und auf Erwachsene, die zugeben: „Ich weiß noch nicht alles, ich bin gespannt auf die Zeit, die vor mir liegt“, auch in diesem Advent 2007!

Klaus Rudershausen
Mainz-Wiesbaden, Altkatholische Kirche
https://www.kirche-im-swr.de/?m=2676