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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich möchte ein Engel werden!“ Diesen außergewöhnlichen Berufswunsch hat Anna, ein fünfjähriges Mädchen. Für ihr Alter ist sie ganz schön helle. Davon kann ihr Freund Fynn ein Liedchen singen. Kennengelernt haben sich die beiden rein zufällig. In einer nebligen Novembernacht an den Docks des Londoner East End. Fynn ist auf einem seiner Streifzüge durch den Hafen. Für ihn ein prima Ort, um nachzudenken über Gott und die Welt. Sie ist einfach von Zuhause abgehauen und sitzt unter dem Fenster einer Bäckerei. Die beiden treffen sich und eine ungewöhnliche Freundschaft beginnt. Davon erzählt ein kleines Buch. „Himmlisch“, sagen viele, die es gelesen haben. So als wäre es zufällig auf die Erde gefallen. Das hängt sicher vor allem mit Anna zusammen. Eine Menge Gedanken schwirren ihr durch den Kopf. Sie denkt viel nach. Über alles und jedes, was sie in ihrer Umgebung wahrnimmt; besonders über die Menschen, denen sie begegnet. Dabei stößt sie auch immer wieder auf die Frage nach Gott. Für viele ein eher schwieriges Thema. Nicht so für Anna. Für sie ist er einfach „Mister Gott“. Mit ihm kann sie sprechen wie mit einem Nachbarn oder einem Freund. Sie schreibt ihm sogar. In einem dieser Briefe trägt sie Gott halt ihren Berufswunsch vor: Sie möchte einmal Engel werden. Und bittet Gott, ihr dabei gewissermaßen auf die Sprünge zu helfen. Sie verspricht auch: „Wenn du mir zeigst, was man als Engel alles können muss, dann würd‘ ich bestimmt für üben.“ Fynn darf Annas Brief natürlich als Erster lesen. Wirklich prickelnd findet er ihren Vorschlag an „Mister Gott“ allerdings nicht. Sein Einwand: „Statt gleich Engel zu werden, könntest du beispielsweise erst einmal damit anfangen, ein guter Mensch zu sein.“ Einen Moment denkt Anna nach. Dann sagt sie: „Ein guter Mensch werden. Ob ich das schaffe? Meinst du nicht, dass Engel vielleicht doch einfacher wär‘?“


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„Dachau, Buchenwald, Auschwitz? – Keine Ahnung. Nie gehört.“ Kann nicht sein, denken Sie. Ist aber so. Umfragen haben ergeben: Jeder fünfte Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren weiß nichts über Auschwitz. Keine Ahnung also über den Ort, an dem im vergangenen Jahrhundert beispiellose Verbrechen verübt wurden. Die Nachricht macht betroffen. Nichts dran also an dem Vorwurf: „Es wird zu viel gesprochen von den Verbrechen der Nationalsozialisten. Einmal muss Schluss sein.“ Im Gegenteil. Die begangenen Verbrechen dürfen nicht verharmlost, die Schuld darf nicht vergessen oder verdrängt werden. Auch heute nicht. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 fand die so genannte „Reichspogromnacht“ statt. In ganz Deutschland wurden Synagogen, jüdische Friedhöfe und Geschäfte zerstört. 91 Menschen starben. Viele Juden wurden verhaftet. Das Datum gilt als Beginn der Vernichtungsaktionen gegen die jüdische Bevölkerung. Deshalb ist heute und in diesem Tagen Erinnerung wichtig. Denn nur wer sich erinnert, kann aus der Geschichte lernen. Wer sich erinnert, kann auch neuem Unheil vorbeugen. Schülerinnen und Schüler aus Trier haben sich in den vergangenen Tagen besonders intensiv mit Gewalt und Rechtsextremismus auseinandergesetzt. Im Unterricht und in ganz besonderen Aktionen: Da wurde ein Konzert vorbereitet, es wurden Fachleute befragt und Ausstellungen zum Thema organisiert. Mahnwachen erinnerten an besonderen Orten in der Stadt an Menschen, die zu Opfern wurden. „Yad Vashem“ – „Denkmal und Name“: So heißt die Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust in Jerusalem. Mich bewegt heute ein Wort, das diesen Ort prägt: „Das Vergessenwollen verlängert die Schuld. Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“
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08NOV2007
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„Ich bin dann mal weg“: Hanna in Bolivien.
Im Rahmen eines sozialen Friedensdienstes arbeitet Hanna aus Trier für ein Jahr in einer bolivianischen Schule. Ein Beispiel, das deutlich macht: Persönliches Engagement hilft, dass die Welt zusammenwachsen kann.

Hanna hat sich gemeldet. Mit einer Mail aus Bolivien. Da ist sie nämlich zur- zeit. Nicht als Touristin, sondern als Teilnehmerin des „Sozialen Dienstes für Frieden und Versöhnung im Ausland“. Der wird organisiert vom Bistum Trier. 25 junge Frauen und Männer nehmen in diesem Jahr teil an der Aktion. Im vergangenen Sommer haben sie sich auf den Weg gemacht – nach Ruanda, Guatemala, Polen und Bolivien. „Ich bin dann mal weg!“ – so war der Gottesdienst überschrieben, mit dem sie verabschiedet wurden. Für ein bis zwei Jahre arbeiten die jungen Leute in ganz verschiedenen Einrichtungen – vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Zum Beispiel Hanna aus Trier. Nach dem Abitur wollte sie was ganz anderes machen. „Mal was wagen“, wie sie sagte. Sie hat sich für einen sozialen Dienst entschieden, auch um sich persönlich besser kennenzulernen. Das kann sie auch – dort, wo sie jetzt lebt. Potosi ist eine Stadt im Hochland Boliviens. Früher eine gefragte Adresse – wegen der vielen Bodenschätze. Heute sind viele Menschen verarmt. Es gibt eine Menge Probleme. Das merken sicher auch die Mädchen in der Schule „Copacabana“, in der Hanna arbeitet. Sie gibt dort Englisch-Unterricht, betreut Sportgruppen und hilft bei besonderen Aktionen. Zum Beispiel bei der großen Friedensdemo vor einigen Tage. „Wir sind eine Welt“ stand auf den Plakaten, mit denen die Kinder auf ihre Situation aufmerksam machen wollten. Ein wichtiges Wort. Auch für uns. Ein Aufruf zur Solidarität in der einen Welt. Solidarisch sein, das geht besonders gut, wenn man das Leben mit den anderen teilt. Das sehe ich an Hanna. Ich glaube, sie ist auf einem guten Weg. In ihrer Mail schreibt sie nämlich: „Mittlerweile habe ich mich hier recht gut eingelebt. Ich gehe über die Straße und werde andauernd freundlich gegrüßt. Ein schönes Gefühl in einem fremden Land!“
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Man kann in der katholischen Kirche auch dann selig gesprochen werden, wenn man nicht auf das hört, was Priester oder Bischöfe einem sagen. Zumindest trifft das im Fall von Franz Jägerstätter zu. Der Katholik aus einem kleinen Dorf in Oberösterreich hatte sich geweigert, als Soldat Hitlers in den Krieg zu ziehen. Der einfache Landwirt war sich vollkommen bewußt, dass er damit sein eigenes Todesurteil gesprochen hatte. In seiner Umgebung fehlte es folglich auch nicht an Versuchen, ihn von seinem Entschluß abzubringen. Vor allem seine Mutter mobilisierte Verwandte und Nachbarn, die ihn je nach Temperament mit Engelszungen oder Drohungen umzustimmen versuchten. Ein Bischof drängte ihn, doch wenigstens seiner Familie zuliebe in den Krieg zu ziehen. Ein Priester verweigerte ihm sogar in der Beichte die Lossprechung, weil er ein Selbstmörder sei. Doch alles Zureden half nichts. Der 36 - jährige Familienvater blieb seiner Gewissensentscheidung treu, die er nach langer Selbstprüfung getroffen hatte. Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen, schrieb er in einem Brief aus dem Gefängnis. Klarer als viele andere hatte er erkannt, dass dieser Krieg ein Verbrechen an unschuldigen Menschen war, an dem er sich als Christ nicht beteiligen konnte. Nur wenige Tage nach seiner Verweigerung wurde er inhaftiert und im August 1943 wegen Wehrkraftzersetzung hingerichtet. In der schwierigen Zeit der Entscheidung und der anschließenden Inhaftierung gab es nur einen einzigen Menschen, der bedingungslos hinter ihm stand. Seine Ehefrau unterstützte ihn in Gesprächen und mit ihren Gebeten, obwohl sie am schlimmsten von seiner Entscheidung betroffen war, denn die Familie hatte zu dieser Zeit drei kleine Kinder. Für die mittlerweile 94 – jährige Witwe war es daher ein ergreifender Moment, als sie vor wenigen Tagen an der feierlichen Seligsprechung ihres Mannes teilnehmen konnte, und Zeuge wurde, wie die katholische Kirche der Gewissensentscheidung ihres Mannes den höchsten Respekt bezeugte.

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Wenn ich noch einmal könnte, würde ich in meinem Leben manches anders machen. Diesen Satz kann man schon mal hören, wenn ältere Menschen auf ihr Leben zurückblicken. Wenn aber ein junger Mensch einen solchen Satz sagt, klingt das schon gewöhnungsbedürftig. Vor kurzem begegnete mir ein erst 21 Jahre alter Student, der spürbar in Panik war, weil er glaubte, in seinem jungen Leben schon gravierende Fehlentscheidungen getroffen zu haben. Er hätte schon in der Schule ein Jahr ins Ausland gehen sollen und sich schon in den unteren Semester um Praktika kümmern sollen. Jetzt hatte er das Gefühl, keine Zeit mehr zu haben. Der junge Mann machte sich offensichtlich heftige Vorwürfe. Das war sicher nicht gut für ihn, aber ich konnte ihn auch verstehen. Im Zeitalter von Bachelor und Master muss das Studium effizient sein. Es gilt, einen marktgängigen Lebenslauf zu produzieren. Auslandsaufenthalte, Praktika und Zusatzqualifikationen werden erwartet. Bummeln gilt nicht. Wer sich Zeit lässt, wer auch den Zufällen und Fügungen des Lebens eine Chance geben will, sieht sich schnell unter Rechtfertigungsdruck. Nicht alle kommen mit diesem Druck zurecht, weiß man auch in den Beratungsstellen der Studentenwerke. Als Hochschulseelsorger versuche ich in Gesprächen, jungen Menschen diesen Druck zu nehmen. Z.B. weise ich darauf hin, dass sich auch aus vermeintlich falschen oder verpassten Entscheidungen Positives für die Zukunft lernen lässt. Vor allem aber erinnere ich daran, dass es oft erst sehr viel später möglich ist, festzustellen, ob eine Entscheidung überhaupt richtig oder falsch war. Denn mancher Umweg und manche Sackgasse im Leben hat sich am Ende doch noch als gute Fügung erwiesen.
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Früher haben sich die Menschen einmal gefragt, ob Gott im Himmel wohnt. Heute fragen sie sich, ob Gott im menschlichen Gehirn wohnt. Diese Frage steht im Raum, seitdem Hirnforscher untersuchen, was im Gehirn passiert, wenn Menschen beten und meditieren. Mönche aus Tibet und franziskanische Nonnen waren bereit, sich in einen Kernspintomographen schieben zu lassen. Während die Ordensleute in der Röhre beteten und meditierten, konnten die Hirnforscher die Veränderungen der Gehirnfunktionen beobachten. Das Ansteigen der so genannte Gamma – Aktivität im Gehirn deuteten die Forscher als Hinweis auf einen Zustand höchster Konzentration. Das extrem aktive Erregungsmuster links hinter der Stirn war für die Neurologen ein Zeichen für eine gute Grundstimmung. Offensichtlich scheint Beten und Meditieren die Gehirntätigkeit und damit das Bewußtsein auf Dauer positiv zu beeinflussen. Einige Wissenschaftler glauben aufgrund der Untersuchungsergebnisse, dass Gott eine Erfindung des Gehirns ist, dass er im Gehirn wohnt. Ob Gott aber wirklich nur ein Produkt von Gehirnfunktionen darstellt, das wird keine noch so exakte neurologische Untersuchung heraus finden können. Aber dass er sozusagen im Gehirn von Menschen wohnen kann, erscheint mir gar kein so verkehrter Gedanke zu sein. Das könnte bedeuten, dass seine Anwesenheit im Gehirn positive Auswirkungen auf den Umgang mit Mitmenschen hat. Gott könnte die Gedanken so liebevoll lenken, dass man anderen aufmerksamer begegnet. Er könnte eine Hilfe sein, den Mitmenschen mit mehr Mitgefühl entgegen zu kommen. In diesem Sinn erscheint mir das gar kein schlechter Gedanke: Gott wohnt im Gehirn des Menschen und nicht unerreichbar im Himmel!


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Im Alter von 47 Jahre hat der US Amerikaner Douglas Tompkins sein Leben total umgekrempelt. Bis dahin verdiente er als Erfinder und Mitgründer einer bekannten Markenbekleidung richtig gut Geld. Doch vor 17 Jahren wurde ihm klar: Die Industrie, in der er arbeitete, zerstörte die Umwelt. Tompkins machte einen radikalen Schnitt. Der heute 64 – jährige New Yorker verkaufte für 150 Millionen Dollar seine gesamten Anteile an der Firma. Von nun an sah er seinen Lebensinhalt darin, die Natur vor dem Menschen zu schützen. Mit seinen vielen Millionen Dollar kaufte er im Süden von Chile und Argentinien riesige Areale an Regenwald. Seine Idee: Durch den Kauf von möglichst viel Natur verhindern, dass die Ökosysteme durch menschliche Profitinteressen zerstört werden. Er will die Natur vor Kettensägen, Sojaanbau und anderen Gefahren der Zivilisation schützen, um sie unberührt der Nachwelt zu erhalten. Tompkins hat für sich erkannt, dass ihm mit seinem Reichtum für die Erhaltung der Natur eine besondere Verantwortung zukommt. Eine solche Erkenntnis ist alles andere als selbstverständlich. Und dass sie zu einer solch radikalen Lebenswende führt, ist ziemlich ungewöhnlich und eher selten. So selten, dass auch die Evangelisten in der Bibel nur von einem einzigen reichen Mann berichten, der einen ähnlich radikalen Schnitt vollzieht. Es handelt sich dabei um einen korrupten Beamten, der im Auftrag der römischen Besatzungsmacht Zölle bei der jüdischen Bevölkerung einzieht. Seine Machtstellung nutzt er aus, um die Leute zu erpressen und sich persönlich an ihnen zu bereichern. Dass er bei den Menschen ziemlich verhasst ist, muss nicht eigens erwähnt werden. Dass sich ihm aber ausgerechnet der Anwalt der Armen, der von vielen als Messias gefeierte Jesus von Nazareth, freundschaftlich zuwendet, muss den Mann ziemlich beeindruckt haben. Jedenfalls beschließt er, alles unrechtmäßig erworbene Geld zurückzugeben und die Hälfte seines Vermögens mit den Armen zu teilen. Die Geschichte dieses Beamten mit Namen Zachäus wird heute in den katholischen Sonntagsgottesdiensten vorgelesen. Sie ist – wie im Fall Tompkins – ein Beispiel für die ungewöhnlich radikale Umkehr eines reichen Menschen.

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