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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Nach dem Urlaub ist die Stimmung längst nicht so gut und erholt wie man erhofft hatte – der Übergang in den Alltag ist schwer...

Es ist jedes Jahr das gleiche: Da hab ich die schönsten Erwartungen für die Zeit nach dem Urlaub: Ich werde großartig erholt nach Hause zurückkehren, alles wird endlich wieder feder-leicht und flott von der Hand gehn, die Laune wird bestens sein – und dann ist der Start doch ganz anders als erhofft. Manchmal falle ich sogar nach dem Urlaub in ein richtiges Loch. Und aus dem Freundeskreis liegt mancher jetzt gegen Ende der Ferien mit einer Nachurlaubsgrip-pe im Bett. Die Stimmung jedenfalls hält sich bei so manchem nach dem Urlaub erst mal eher in Grenzen.
Das hat, für mich jedenfalls, sicher damit zu tun, dass ich immer wieder den Übergang unter-schätze, den Übergang vom Urlaub zum Alltag: Eigentlich hab ich mich ja wirklich ganz gut erholt in den zwei, drei Wochen, in denen ich frei hatte. Aber jetzt muss ich eben wieder hi-neinfinden in den ganz normalen Alltag, muss wieder selbst kochen und die Küche aufräumen und im Büro produktiv sein – während der Kopf eigentlich noch voll ist mit Erinnerungen an die wunderbare Fjordlandschaft und den leckeren norwegischen Fisch.. Gar nicht so einfach. Oft genug kommt dann noch Unzufriedenheit dazu: Eigentlich wollte ich ja in den paar Ta-gen, die ich nach der Reise noch zuhause Urlaub hatte, noch so viel erledigen. Schreibtisch aufräumen, Balkon ausmisten, Steuererklärung machen und wer weiß was noch alles auf der langen Liste stand. Hat natürlich nicht geklappt. Jetzt ist der Urlaub vorbei, vieles nicht erle-digt und der Alltag erst mal wieder schwer.
Ich werd versuchen, es gelassen zu nehmen. Werd schaun, dass ich langsam wieder hinein-komme in meine Aufgaben und Abläufe. Es muss ja nicht alles gleich am ersten Tag wieder wie geschmiert laufen. Eine Übergangszeit darf ich mir gönnen – und anderen auch. Und schließlich: Nach dem Urlaub ist vor dem Urlaub. Der besteht nicht nur aus wochenlangen Auszeiten, sondern auch aus kürzeren Unterbrechungen. Ich werd es in dieser Nachurlaubs-zeit besonders genießen, dass der liebe Gott auch im Alltag einen regelmäßigen Urlaubstag eingerichtet hat: den Sonntag.

B
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Überschwemmungen, Waldbrände, verrücktes Wetter – auch in unseren Urlaubs-ländern ist der Klimawandel angekommen. Was tun?

Jetzt wird er einem doch so langsam richtig unheimlich und unangenehm: Der Klimawandel. Denn spätestens in diesem Jahr hat er Einfluss auf etwas erreicht, was uns wirklich wichtig oder sogar ein bisschen heilig ist: unseren Sommerurlaub. In Süditalien war es in den letzten Wochen so heiß, dass man den Pool am besten gar nicht mehr verließ – wer Pech hatte, muss-te vor Waldbränden fliehen. Zuhause in Deutschland sehnte man sich immer mal wieder zu-rück nach den Temperaturen von April. Und wer nach Südengland reisen wollte, der musste sich auf riesige Überschwemmungen einstellen. Ich war dieses Jahr zum ersten Mal in Nor-wegen, ein wunderschönes Land. Aber auch wir konnten einige Wanderwege kaum benutzen, weil sie sich in Sturzbäche verwandelt hatten. Der Reiseleiter erzählte von Bergrutschen, wie es sie in der Region noch nie gegeben hätte.
Also sogar im Urlaub: Katastrophenstimmung. Ich habe meine zwei Wochen im Norden trotz-dem sehr genossen, hab gestaunt über faszinierende Natur, über unendlich weite grüne Hochebenen, über wunderschöne Fjordlandschaft. Aber die nassen Füßen, die wir dort beka-men, haben mich schon auch sehr nachdenklich gemacht: Was passiert bloß mit dieser Erde? Was stellen die Menschen mit Gottes Schöpfung an? Und: Was kann ich tun, um diese fantas-tische Schöpfung zu schonen, zu erhalten? Kann ich als Einzelne überhaupt etwas ändern am gigantischen globalen Klimawandel?
Ja, ich glaube schon, dass das geht. In der Ferienzeit und natürlich vor allem auch: zuhause, das Jahr über. Mich hat dieser Urlaub mit Klimawandel wieder dazu motiviert, auf viele klei-ne und größere Dinge stärker zu achten: darauf, dass ich das Wasser abdrehe, beim Zähneput-zen oder wenn ich mich unter der Dusche einseife - Hunderte Liter saubersten Wassers gehen sonst verloren. Darauf, dass ich beim Fernseher oder bei der Musikanlage das Standby aus-schalte – und damit Strom spare. Natürlich geht’s auch darum, sich umweltfreundlich fortzu-bewegen: mit dem Fahrrad oder dem Bus oder zu Fuß. Und in den Urlaub fliegen, wie diesmal nach Norwegen: Das werd ich auch nicht jedes Jahr tun. Damit ich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten die Urlaubslandschaft in gutem Klima genießen kann – und mit trockenen Füßen.

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Wandern ist sehr viel anstrengender als am Strand liegen. Und trotzdem tun viele es in ihrem Urlaub – warum eigentlich?

Ein bisschen verrückt ist es ja schon: Statt sich faul an den Strand zu legen und in die Sonne zu blinzeln, steht man in seinem Urlaub früh auf, läuft stundenlang durch die Gegend, ist am Abend verschwitzt und k.o. und hat womöglich Blasen an den Füßen. Und trotzdem: Immer mehr Leute genießen das. Wandern ist wieder in. In den nächsten Tagen tun es allein ungefähr 20.000 Menschen im Saarland, beim 107. Deutschen Wandertag, der heute beginnt. Und viele zigtausend sind in diesen Sommerwochen irgendwo anders auf Schusters Rappen unterwegs, im Schwarzwald oder in Südtirol – oder mancher auch in Spanien, auf dem Weg nach Santia-go. Denn eine besondere Variante des Wanderns ist im Moment auch sehr beliebt: das Pilgern.
Irgendetwas Faszinierendes scheint zu passieren, wenn man zu Fuß durch die Welt wandert, erst recht anscheinend, wenn man religiöse Pfade nimmt. Ich war selbst noch nicht auf Pilger-schaft, aber Wandern, das tue ich jeden Sommer. Meistens in den Alpen, dieses Jahr war ich zwei Wochen in Norwegen. Und oft geht es mir wirklich so, dass ich mich am Urlaubsanfang für ein bisschen verrückt halte: Wäre richtige Erholung jetzt nicht doch netter, Ausschlafen, Nichtstun, nach all dem Stress zuhause? Aber dann geht es los, in die Wanderschuhe und auf den Weg. Und jedes Mal, wirklich jedes Mal mache ich die Erfahrung: Das ist genau die rich-tige Art von Erholung für mich. Beim Wandern komme ich in Bewegung, nicht nur mein Kör-per, auch mein Geist. Ich kann in Ruhe nachdenken, über Dinge, die mir zuhause Sorgen gemacht haben, die mir im Magen liegen – aber auch über Zukünftiges, über Pläne und Träu-me, die in mir schlummern. Und allmählich wandelt sich etwas beim Wandern. Ich wandle mich, verändere mich. Dinge können sich setzen, zur Ruhe kommen – und auch ich komme zur Ruhe. Das ist eine wunderbare Erfahrung und eine wunderbare Erholung. Natürlich hilft dabei auch die oft ganz fantastische Landschaft um mich herum. Wälder, Berge, Seen, wohin das Auge schaut. Beim Wandern wandelt sich auch mein Blick auf die Welt um mich herum: Immer mehr nehm ich sie überhaupt wahr. Und immer dankbarer bin ich dafür.
Wandern, Pilgern: Ein bisschen verrückt ist das wirklich. Weil es einen ver-rückt, weil es ei-nen verändert, verwandelt – an einen neuen Platz rückt.

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»Ich will Leben sprechen«. Der Satz hing auf einem Pinzettel an einem Computer-bildschirm. Davor saß eine Frau. Und der Satz passte zu dieser Frau. Sie lächelte mich an, war freundlich, hat mir weitergeholfen.
»Ich will Leben sprechen«. Der Satz ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Auch, weil die Frau am Computer nicht nur freundlich und hilfsbereit war. Sonder weil sie mich durch ihre Art aufgebaut hat. Mich buchstäblich mit Leben versorgte. Wie ich das gespürt habe? Als wir fertig waren und ich wieder ging, da hatte ich ein ganz leich-tes Gefühl. Ein Gefühl der Lebendigkeit.
»Ich will Leben sprechen«. Wie geht das wohl? Mit Hilfsbereitschaft und Höflichkeit? Das ist bestimmt kein schlechter Anfang. Aber sicher nicht alles. Ich glaube: Ich brauche selbst Leben in mir, wenn ich Leben sprechen will. Eine ziemliche Aufgabe. Denn ich fühle mich nicht immer lebendig. Manchmal funktioniere ich nur. Erledige mechanisch die Aufgaben, die zu erledigen sind. Von Leben ist da nicht so viel zu spüren. Aber manchmal geht es doch: Dann merke ich, wie andere aufblühen, zu Leben beginnen in meiner Gegenwart.
»Ich will Leben sprechen«. Ich hab mir diesen Satz auch aufgeschrieben. Damit ich mich daran erinnere, wenn es mal schwer ist, das Leben zur Sprache zu bringen. Wenn Wut oder Ärger die Oberhand gewinnen. Oder einfach nur der Alltagstrott. Und dann hoffe ich, dass der Spruch nicht nur ein frommer Spruch bleibt. Sondern dass ich wirklich Leben sprechen kann.
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Wenn ich meine Eltern besuche, dann stehen wir über kurz oder lang in der Küche. Kein Wunder: Hier gibt es Essen und Geschirr. Aber uns bringt noch mehr in der Küche zusammen. Das Leben. In der Küche gab es immer schon Pflaster für alle Wunden und Schrammen. In der Küche haben wir Zeugnisse ausgepackt und über schlechte Noten geschimpft. In der Küche haben wir über die Predigt letzten Sonn-tag gestritten, über die Liebe geredet und über den Tod.
Die Küche, das ist ein Ort zum Satt-Werden. In jeder Hinsicht. Natürlich wenn wir Hunger hatten. Zum Beispiel Samstags. Da haben wir in schöner Regelmäßigkeit vom Kuchen heimlich die Streusel geklaut – wenn meine Eltern sich kurz aufs Ohr gelegt hatten. Leider fiel das immer auf. Denn wir waren fünf Kinder und selbst wenn jeder nur ein paar Streusel nahm, sah der Kuchen trotzdem am Ende ziemlich gerupft aus.
In der Küche wurden wir aber Lebens-satt. Hier haben wir geweint und gelacht, waren wütend und haben uns gemeinsam gefreut. Hier gab’s Standpauken und Umarmungen, Trost und ernste Gespräche. Die Küche war das Leben. Jeden Tag aufs Neue.
In der Küche habe ich handfest erfahren, dass Vertrauen, Zuneigung oder Trost sich nicht auf Worte beschränken. Mancher Apfel, mancher Schluck Wasser, den mir meine Eltern gaben waren nicht nur Heilmittel gegen Hunger oder Durst. Der Apfel, das Wasser und auch der Streuselkuchen stehen für eine tiefe Erfahrung: Du bist angenommen, gehalten, geliebt – egal wie und wer du bist.
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Unser Mäxchen ist tot. Vor wenigen Tagen lag das Kaninchen morgens tot in sei-nem Stall. Am Tag vorher war es noch quicklebendig gewesen. Hatte gefressen, war rumgerannt – alles wie immer. Doch jetzt, nur wenige Stunden später, war Mäxchen tot.
Wir brachten das Kaninchen in die Wohnung. Sophia, unsere neunjährige Tochter, die Kaninchenmutter, hielt es lange auf dem Arm. Konnte die Tränen nicht zurück-halten. Uns ging es genau so. Deshalb musste jeder aus unserer Familie unser Mäxchen noch mal anfassen. Streicheln. Ein letztes Mal das weiche Fell spüren. Handgreiflich sich verabschieden. Dann holten wir einen Schuhkarton und Sophia bette ihr Mäxchen vorsichtig hinein. Wir schmückten den kleinen Tiersarg mit Blu-men und legten noch eine Knabberstange in die Schachtel.
Wir begruben Mäxchen im Garten. Jeder durfte ein paar Schaufeln Erde auf das Grab werfen. Als der Sarg ganz bedeckt war, haben wir uns an den Händen gefasst und gebetet. So ungefähr: „Lieber Gott, Mäxchen hat uns drei Jahre begleitet. Es hat uns froh gemacht. Manchmal haben wir es vernachlässigt. Aber oft haben wir mit ihm gespielt. Jetzt sind wir traurig. Wir bitten dich, pass gut auf unser Kanin-chen auf – ganz gleich, wo es jetzt ist. Und sei bei allen Tieren und Menschen, die jetzt auch sterben müssen. Halte du zu ihnen.“
Am Nachmittag haben wir ein Kreuz auf das Grab gestellt. Wir haben miteinander geredet. Dass kein Tier, kein Mensch wieder zurückkommt. Das der Tod unwieder-bringlich ist. Aber wir haben auch gespürt: Es braucht alle diese Zeichen, den Sarg, das Grab, das Kreuz, das Gebet, um Abschied nehmen zu können. Es braucht sie, um zu begreifen, was jeder Tod sagt: dass wir auch einmal sterben müssen. Aber sie ließen uns auch erfahren: Dass jedes Lebewesen sterben muss, ist schlimm. Aber gemeinsam trägt sich jeder Tod, jedes Sterben leichter.
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Wann haben Sie das letzte Mal renoviert: Küche, Bad oder Keller? Wir sanieren ge-rade das Bad. Waschbecken, Dusche, Leitungen, Elektrik – alles wird erneuert. Be-sonders schwer haben wir uns mit den Fliesen getan. Was haben wir uns mit der Riesenauswahl gequält. Welche Farbe sollen unsere Fliesen haben? Welche Größe? Legen wir den Boden diagonal oder gerade? Reicht das Geld für eine Bordüre? Und wie würde das Bad am Schluss dann aussehen?
Mit der Zeit waren wir ziemlich genervt. Und doch: Mit den Fliesen ist es so wie mit dem Leben. Da stellen sich ähnliche Fragen: Welche Farbe soll mein Leben haben? Welche Muster kann ich erkennen? Und: Passen die einzelnen Teile meines Lebens überhaupt zusammen?
Der schwedische Schriftsteller Lars Gustafsson setzte den Fliesen und dem Leben ein Denkmal. Mit seinem Buch »Nachmittag eines Fliesenlegers«. Hier kommt ein pensionierter Fliesenleger in ein altes, verwahrlostes Haus. Das ist teilweise geka-chelt, an manches Stellen fertig, an anderen eher wahllos geklebt. Rätselhaft: Flie-sen gibt es stapelweise in dem Haus, aber Kleber und Fugenmörtel sind nicht zu finden.
Beim Lesen dachte ich: Das Haus und seine Fliesen erzählen vom Leben, von einem unfertigen und gestückelten Leben, von einem liebenswerten und schrulligen Leben. Erzählen von Brüchen, Rissen und Neuanfängen. Das Leben ist genau wie die unfertigen Fliesen in dem alten Haus: Es ändert seine Richtungen, hat unterschiedliche Farben, manche Fugen stimmen nicht und manchmal zeigen sich Risse. Aber alles zusammen lässt ein Muster erkennen. Es ist nur manchmal schwer zu erkennen.
Übrigens: Wir haben uns schließlich doch entschieden. Einfach was riskiert. Und ich hoffe: Das neue Bad sieht gut aus. Aber noch weiß ich es nicht.

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