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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Die Liebe deckt alle Übertretungen zu.“ Der Satz stammt aus der Feder des weisen König Salomo. Wenn man seine Geschichte erfährt, versteht man ihn noch besser.
Salomons Vater war David, ein mächtiger König in Israel. An einem lauen Sommerabend, sah der König vom Dach seines Palastes die schöne Bathseba im Nachbargarten. Nackt war sie, denn sie wusch sich gerade. David schickte einen Boten hinüber, um zu erfahren, wer die Schöne denn sei. Dann kurz danach noch einmal, um Bathseba zu sich zu holen. Bathseba, obwohl verheiratet, sträubte sich nicht und beide verbrachten die Nacht miteinander. Bathseba wurde schwanger und Davids erste Reaktion: Er will dem Ehemann Uria das Kind unterschieben. Vaterschaftstests gab es damals ja noch nicht. Doch nachdem David mit dieser List gescheitert war, griff er zu weniger subtilen Mitteln: Er sorgte dafür, dass Uria an der Front getötet wurde. Dann nahm er die Witwe Bathseba in sein Haus.
Nun aber meldete sich der zu Wort, der zu all dem bisher geschwiegen hatte. Gott selbst. Gott fand es gar nicht gut, dass David, der ja eine Menge Frauen hatte und haben konnte, ausgerechnet auch noch seinem Hauptmann die Ehefrau auspannen musste. David erkannte auf einmal, was er da angerichtet hatte. Notgedrungen nahm er die Strafe auf sich, die Gott sich in diesem Fall erdacht hatte: Das Kind von David und Bathseba wurde krank und starb.
In ihren Erzählungen ist die Bibel so kühn ist wie das Leben selbst. Gutes und Böses, Schuld und Unschuld wachsen gleichzeitig aus einer Wurzel. Aber aus dem sündhaften Beginn, mit Betrug, Mord und Tod kommt am Ende doch noch etwas Gutes. Im Fall von David und Bathseba ein zweites Kind, ein Sohn, den sie „Salomo“ nannten. „Die Liebe deckt alle Übertretungen zu.“ schreibt Salomo, als er erwachsen war. Er hielt seinen Eltern, David und Batseba, nicht länger vor, was sie getan hatten. Denn in seiner Weisheit sah er: Gotte deckt die Übertretungen und Sünden der Menschen zwar erst einmal auf. Aber dann deckt er sie mit seiner Liebe auch wieder zu. Er wischt weg, was gewesen ist und schafft Platz für einen neuen Anfang.
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„Überflüssig, überflüssig! Ein ausgezeichnetes Wort habe ich da gefunden. Je tiefer ich in mich eindringe, je aufmerksamer ich meine ganze Vergangenheit betrachte, desto mehr überzeuge ich mich von der strengen Wahrheit dieses Ausdrucks. Ein überflüssiger Mensch – so ist es. Für andere Menschen als mich könnte dieses Wort nicht gebraucht werden.“ Vor 150 Jahre schrieb der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew das „Tagebuch eines überflüssigen Menschen“.
Damals war es ein einziger, der sich überflüssig fühlte. Heute sind es viele. Unsere Gesellschaft signalisiert Alten und Jungen gleichermaßen: „Wir brauchen euch nicht. Ihr kostet nur und bringt nichts ein. Wir wissen nicht, wohin mit euch.“ Hauptschulabschluss? Da gibt es besser qualifizierte Bewerber. Arbeitslos und über 50 Jahre alt? Viel zu teuer für das Erwerbsleben. Über 70 Jahre alt? Die Krankheiten kosten ein Vermögen. Pflegefall? Ja, wer soll das bezahlen und warum eigentlich?
Materiell gesehen bringen sie der Gesellschaft nichts ein, niemand kann Profit aus ihnen schlagen, sie sind nicht weiter zu verwerten. Jedem, dem bedeutet wird,:Du bist überflüssig, wird das Leben abgesprochen.
Auch Jesus endete dort, wo sich die Gesellschaft ihrer Überflüssigen entledigte. Er wurde mit zwei Überflüssigen gekreuzigt, zwei „Räubern“, wie es in der Bibel heißt. Die Gesellschaft, in der sie lebten, hatte entschieden: Wir können auf alle drei gut verzichten. Sie stören nur, sie gliedern sich nicht ein, sie gehen keiner ordentlichen Tätigkeit nach. Sie machen nur Ärger. Weg damit. Überflüssig.
Jesus aber hat uns immer wieder deutlich gemacht: Vor Gott zählt nicht, wie viel einer verdient und ob er überhaupt etwas verdient. Gott misst den Wert eines Menschen nicht nach der Gehaltstabelle und nach der Verwertbarkeit. Für ihn sind die Menschen keine Fabrikware der Natur. Es gibt für ihn keinen Menschen mit geringem oder mit höherem Wert. Gott ist der Vater aller Menschen, gleich welcher Herkunft, gleich welchen Geschlechts.
Es gibt überflüssige Anschaffungen, überflüssige Sorgen, überflüssige Worte. Aber wir Christen sind davon überzeugt: Es gibt auf der ganzen Welt keinen überflüssigen Menschen.


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Die Menschen, die uns in unserem Leben wirklich etwas bedeuten, können wir an den Fingern einer Hand abzählen. Und manchmal braucht man nicht einmal eine ganze Hand dazu. Unter Tausenden findet man nur einen: „Ein treuer Freund ist nicht mit Geld oder Gut zu bezahlen, und sein Wert ist nicht hoch genug zu schätzen.“, liest man in dem Buch Jesus Sirach. Das Buch Jesus Sirach stammt aus dem 2. Jahrhundert vor Christus – und es ist voll von Ratschlägen fürs Leben und sagt, wie man Freunde findet und was einen wahren Freund, eine wahre Freundin ausmacht.
Freunde findet man vor allem dadurch, dass man selber erst einmal freundlich ist. „Wer freundlich redet, der macht sich viele Freunde.“ Also: nicht über andere herziehen und üblen Klatsch verbreiten. Sondern erst einmal schauen, ob sich nicht auch etwas Freundliches über andere sagen lässt. Freundlichkeit steht am Anfang aller Freundschaft.
Freundschaft, die sich bewährt, braucht Zeit. Wirkliche Freunde sind nur die, die bei uns bleiben, wenn wir ganz unten sind. Wenn wir nichts mehr zu bieten haben.
Hat man einen wahren Freund gefunden, dann verlässt man ihn nicht mehr. Auch dann nicht, wenn er keinen Cent mehr in der Tasche hat. „Bleib deinem Freund in seiner Armut treu, damit du dich mit ihm freuen kannst, wenn`s ihm wieder gut geht. Halte zu ihm, wenn´ s ihm schlecht geht, damit du auch sein Glück mit ihm teilen kannst“, rät Jesus Sirach. Denn mit Freunden, schreibt er, ist es wie mit dem Wein. „Ein neuer Freund ist wie neuer Wein; lass ihn erst alt werden, so wird er dir gut schmecken.“ Man soll sich aber – auch das ist ein guter Rat – auch von Freunden nicht ausnutzen lassen. Und weiter: Nie soll man weitererzählen, was uns ein Freund unter dem Siegel der Verschwiegenheit gebeichtet hat. Das Ausplaudern von Geheimnissen und hinterlistige Nachrede, das alles verjagt den Freund. Und noch ein guter Tipp. „Liebe deinen Freund und halt ihm die Treue, aber laufe ihm nicht nach.“ Das heißt: Mach aus deiner Freundschaft keine Zwangsjacke. Wenn er wirklich dein Freund ist, dann wird er immer wieder kommen.

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Wer jemals gekachelt hat, kennt diese kleinen Plastikdinger: Abstandhalter heißen sie. Zuerst setzt man die Kachel auf die Wand, dann kommt an jede Ecke ein Abstandhalter. Und dann die nächste Kachel und so weiter. Bevor man die ganze Sache verfugt, nimmt man Plastikdinger wieder heraus, schmiert die Fugenmasse rein und fertig ist die gekachelte Wand. Dank Abstandhalter sehen die Fugen nun gleichmäßig und gerade aus. Ohne Abstandhalter würden die Kacheln ineinander rutschen und von der Wand fallen.
Wenn Gott zwei Menschen zusammenfügt, wie es in der Bibel heißt, dann gibt er ihnen auch den Abstandhalter mit. Das ist in diesem Fall kein Plastikding, sondern die Mahnung: “In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ Wie die Abstandhalter bei den Kacheln, so sorgen Respekt und Achtung für die nötige Distanz, damit zwei, die auf Dauer eng zusammenleben, die Nähe überhaupt ertragen können.
Nähe bedeutet Wärme, Geborgensein. Nähe heißt, sich kennen lernen, sich schwach zeigen können. Ohne eine solche Nähe lohnt sich das ganze Unternehmen Partnerschaft nicht.
Aber Nähe ohne Abstandhalter heißt mitunter: dem andern so nah auf die Pelle rücken, dass der sich nicht mehr rühren kann. Immer gefragt werden „Was denkst du jetzt?“ Keinen Schritt gehen dürfen, ohne dem anderen genau sagen zu müssen, wohin, mit wem und wie lange. Überwacht werden. Kein eigener Mensch mehr sein dürfen. Und darauf reagieren Frauen und Männer verständlicherweise mit Angst, mit Bosheit, manchmal sogar mit gewaltsamen Versuchen, sich aus der Umklammerung zu befreien.
Achtung und Respekt schaffen Distanz, einen Raum, in dem jeder sich bei aller Zweisamkeit frei fühlen kann, ohne einsam zu sein. Neben dem Recht auf Fragen muss es auch ein Recht auf Geheimnis geben. Die Abstandshalter zwischen den Kacheln zeigen: Gerade wenn man dem anderen auf Dauer nahe sein möchte, muss man ihm ein wenig fern bleiben.

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„Wahret das Recht und übt Gerechtigkeit“. Wie ein roter Faden zieht sich diese Forderung durch die Bibel. Ohne Recht und Gerechtigkeit gibt es kein menschenwürdiges Zusammenleben. Thomas Buergenthal hat als Kind erlebt, was es bedeutet, wenn Recht und Gerechtigkeit mit Füßen getreten werden. Er war vier Jahre alt, als seine Familie mit ein paar Koffern vor den Deutschen flüchten musste. In Birkenau wurde er von seiner Mutter getrennt, sein Vater wurde umgebracht. Als der Krieg vorbei war, zog der Zehnjährige in ein verlassenes Backsteinhaus. Am nächsten Tag warf er seine Häftlingskluft durchs offenen Fenster in den Garten. Dann wusch er sich, trocknete sich ab, schaute auf seinen Arm mit der eintätowierten Nummer und dachte: „Papa wird stolz auf mich sein.“ Und wie bei einer Meldung zum Rapport rief er: “B-2930 hat Auschwitz, Sachsenhausen, das Ghetto von Kielce und Deutschland überlebt.“
Lesen und schreiben konnte er mit zwölf Jahren noch nicht. Als der Krieg zu Ende ging, kümmerten sich polnischen Soldaten um ihn, steckten ihn in eine Miniaturuniform, brachten ihm das Pistolenschießen und Wodkatrinken bei, bis einer von ihnen auf die Idee kam, dass das Kind in ein jüdischen Waisenhaus vielleicht besser aufgehoben wäre. Durch eine glückliche Fügung fand er seine Mutter wieder und er zog zu ihr nach Göttingen, dann nach Amerika.
Thoma Buergenthal ist heute Mitglied des UN Menschenrechtsausschusse und seit 2000 amerikanischer Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Immer wieder fragt er sich, „was in uns Menschen es ist, das uns erlaubt oder uns dazu treibt, auf solch grausame und brutale Weise zu handeln.“ Aber wenn er sich an das erinnert, was er als Kind erlebt hat, denkt er nicht mehr an Rache. Nur unter dem Vorzeichen von Recht und Gerechtigkeit kann die Welt einen menschenwürdige werden. „Wir können nicht einfach aufhören mit dem Versuch, eine Welt zu schaffen, die sich auf Recht und Gerechtigkeit gründet, ganz gleich, wie langsam wir dabei vorankommen. Ich zwinge mich“, schreibt Buergenthal, „die Hoffnung nicht aufzugeben.“

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Danke! Dankeschön! Wenn ich mich erinnere, wo ich Danke sagen gelernt habe, dann war das weder in der Schule, noch in der Kirche. Danke sagen habe ich beim Metzger gelernt, an der Fleisch- und Wursttheke. Immer, wenn meine Mutter mich zum Einkaufen mitnahm, kam am Ende der erhoffte Moment: Die Metzgersfrau beugte sich weit über den Tresen, in der Hand ein Stückchen Fleischwurst. „Na, das wird dir doch sicherlich schmecken!“ Und ich musste mich ordentlich recken, dass ich den Wurstzipfel zu fassen bekam. Aber bevor ich ihn mir noch in den Mund schieben konnte, hörte ich die mahnenden Worte meiner Mutter: „Und wie sagt man, wenn man etwas geschenkt bekommt? Wie heißt das Zauberwort?“ „Danke!“
Mir hätte die Wurst auch ohne Dankeschön geschmeckt und ich hätte auf solche Umstände leicht verzichten können. Aber es schien so, dass das eine, die Wurst, ohne das andere, das Dankeschön, nicht zu haben war. Ein Zauberwort eben. Und so habe ich unterscheiden gelernt. Es gab die gekaufte Wurst, die man an der Kasse bezahlte. Da fragt man bloß: Was kostet das?
Und es gab die geschenkte Wurst, die nur für ein Dankeschön zu haben war. Das Wörtchen fügte der Wurst noch etwas hinzu, heute würde ich sagen: etwas zutiefst Menschliches. Es schenkt mir zusätzlich einen Blick für den, der etwas gibt, was er nicht geben müsste. Und das Gefühl, dass man sich doppelt freut, wenn man Danke sagt.
Dankbarkeit ist das Gedächtnis des Herzens. Aber manchmal bräuchte ich auch noch jemanden, der mich daran erinnert, wie meine Mutter an der Fleischertheke: „Sag danke, für alles, was du Gutes erlebst.“ Das ist alles sehr viel mehr als ein Zipfelchen Wurst. Fast jeden Tag tut dir jemand einen Gefallen, den er eigentlich genauso hätte sein lassen könnten. Und auch auf die Gefahr hin, dass Gott etwas von der runden, freundlichen Metzgersfrau bekommt. Jeden Morgen drückt uns Gott einen neuen Tag in die Hand, für den wir ihm Danke sagen können.


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Es gab Zeiten, da man sich Gott wie eine Art Kriegshelden vorstellte. „Gott mit uns“, stand auf den Koppeln der Soldaten im 1. Weltkrieg. Dann sah man Gott eher wieder wie einen Bürger, der die Zeitung liest, ein gewisses Interesse an sozialen Fragen hat. Manche neigen auch dazu, Gott wie eine Art Zwitterwesen darzustellen, bei dem jeder selbst entscheiden muss: Ist es ein Mann? Ist es eine Frau?
Der Komiker Hape Kerkeling hat ein ganz neues Bild für Gott gefunden. In dem Buch, in dem er seine Wanderung auf dem Jakobsweg in Spanien schildert, schreibt er: „Gott ist für mich eine Art hervorragender Film, mehrfach preisgekrönt und großartig. Und die Amtskirche ist lediglich das Dorfkino, in dem der Film gezeigt wird. Die Projektionsfläche für Gott.“ Und wie das in schlechten alten Kinos ist, die „Leinwand hängt schief, ist verknittert, vergilbt und hat Löcher. Die Lautsprecher knistern, manchmal fallen sie ganz aus, oder man muss sich irgendwelche nervigen Durchsagen während der Vorführung anhören. Da sitzt einer vor einem und nimmt einem die Sicht, hier und da wird gequatscht und man bekommt ganze Handlungsstränge gar nicht mehr mit.“ Alles in allem: kein Vergnügen, und wer rausgeht sagt, das war ein schlechter Film. Wer aber genau hinsieht, erahnt, dass es sich um ein Meisterwerk handelt. Die Vorführung ist mies, doch ändert sie nichts an der Größe des Films. Leinwand und Lautsprecher geben nur das wieder, wozu sie in der Lage sind. Das ist menschlich. Gott ist der Film, und die Kirche ist das Kino, in dem der Film läuft.“
Die Kirche ist das Kino. Und über miese Vorführung an irgendeinem Sonntagmorgen, zu Weihnachten oder bei einer Hochzeit, haben sich schon viele geärgert. Manche sind aus lauter Ärger über die Vorführung aus der Kirche ausgetreten. Manche haben einfach im Stillen entschieden: Das schau ich mir nicht länger an. Manchen ist die Begleitmusik einfach zu kitschig oder zu altmodisch oder zu neumodisch. Wenn Sie sich nächstes Mal über all die Macken aufregen, die die Vorführung hat, denken Sie daran: Gott ist der Film. Und der Film selbst ist großartig.

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