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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Gestern habe ich meinen Personalausweis aus dem Portmannaie genommen und in die Schale mit den Autoschlüsseln gelegt. Läuft Anfang Juli ab der Ausweis. Muss eine Verlängerung beantragen.
Ich betrachte mein schon älteres Passbild: Noch keine grauen Haare, durchdringender Blick.
Mein Gott, bin ich das wirklich?
„Fürchte dich nicht, ICH habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“
So steht es in der Bibel. „Fürchte dich nicht“, sagt Gott. Nun ja, zum Fürchten sehe ich zwar nicht aus. Aber fürchten kann ich mich schon, wenn ich überlege, was die mit meinem Bild und meinem Ausweis in Zukunft alles machen können. Allein schon, wenn ich mir klar mache, wie die neuen Persos ausgestattet sein werden. Mit Fingerabdruck und wer weiß was noch an Erkennungsmerkmalen. Festgehalten und zusammengepresst auf einem Kunststoffkärtchen.
Auf wie vielen behördlichen Computern kann man mit meinen Daten herum spielen, Rasterspielchen treiben? Ich gebe denen vertrauensvoll meine Daten. Und hoffe nur, dass sie nicht der Teufel reitet, wenn sie diese Daten in ihren Computern neu zusammenstellen. Die basteln bei einer Rasterung vielleicht eine ganz falsche Lebensgeschichte von mir zusammen !
Dieser Satz ist fast 3000 Jahre alt . Noch viel älter ist die Versuchung, Menschen zu zählen, zu erfassen und damit auf sie Zugriff zu nehmen.
Und dagegen sagt die Bibel: Gott kennt eure Lebensgeschichten. Ganz ohne behördliche, polizeiliche Erkennungsmerkmale. Als Kinder Gottes habt ihr eine eigene, unzerstörbare Würde. Seid ihr viel mehr, ganz anders erkannt als jede Behörde der Welt das kann.
Ich nehme meinen Perso noch einmal zur Hand. Im Juli wird er verlängert. Ich werde wieder neu identifizierbar sein für alle Behörden dieser Welt. Identifizierbar, aber nicht fassbar.
Und wenn ich demnächst meinen neuen Perso bekomme, mit Fingerabdruck und wer weiß was noch an Merkmalen drauf, dann sage ich denen und mir: Ihr kennt mich nicht. Ihr könnt mich rastern wie ihr wollt. Mein Lebensmuster steht auf einem anderen Blatt.

Denn mein Gott spricht:
„Fürchte dich nicht, ICH habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1729
Der Mensch ist ein Augentier. Sagt Onkel Heinz. Jawohl: Der Mensch ist ein Augentier,
kann mit einem Augenaufschlag eine Welt entstehen lassen. Leben neu schaffen. Wie zu Beginn der Schöpfung.
Woher er das weiß? Durch Tante Irmelas Augenaufschlag, sagt Onkel Heinz.
Für mich ist der Augenaufschlag von Irmela immer noch wie der erste Moment der Schöpfung, sagt er. Und dieser Schöpfungsakt wiederholt sich für mich seit 26 Jahren. Seit damals, als jene Entdeckungsreise ins Land der Liebe zwischen uns beiden begann. Mit einem Augenaufschlag.
Ist schon seltsam. Die Wissenschaft sagt: Nur Millisekunden dauert ein Zucken der Wimpern.
Für mich, sagt Onkel Heinz, für mich eine Ewigkeit, damals, als ich Irmela zum ersten Mal sah.
Die Zeit blieb ganz unwissenschaftlich stehen. In Millisekunden außerhalb der Zeit ist Leben für mich neu entstanden, sagt Onkel Heinz. Vollständig begriffen habe ich das bis heute nicht!
Und jeden Morgen, sagt er, jeden Morgen beginnt diese Entdeckungs-Reise ins Leben von Neuem. Immer noch. Manchmal mit fast nebensächlichen Kleinigkeiten. Wenn ich zum Beispiel Irmela das Glas mit dem Milchkaffee reiche. Mit einer Prise Kakao oben drauf. Das mag sie besonders gern.
Sie blickt mich an, und ich weiß: Der Tag ist für uns gemacht.
Ja, sagt Onkel Heinz, so ein Augenaufschlag von Irmela am Morgen ist immer noch wie der Auftakt zu einer Schöpfungsgeschichte. Mit einem Augenaufschlag öffnet sie mir die Tür zu einer anderen Welt.
Und etwa so, fügt Onkel Heinz mit listigem Augenzwinkern hinzu, etwa so müsse es doch auch bei der Schöpfung der Welt zugegangen sein. Jawohl. Zwar steht in der Bibel, am Beginn des Evangeliums von Johannes:“Am Anfang war das Wort.“ Und darin habe alles Leben seinen Ursprung .Und der berühmte Goethe hat sogar behauptet: „Am Anfang war die Tat“.
Nein, sagt Onkel Heinz. Am Anfang war der Augenaufschlag. Und dann konnte Gott nicht mehr zurück. Schuf die Menschen. Menschen, die mit einem Augenaufschlag die Tür zu einer anderen Welt öffnen können.
So muss es gewesen sein, sagt Onkel Heinz. Auch wenn das so nicht in der Bibel steht.
Aber hätten die biblischen Schriftsteller Irmela gekannt, hätten sie das bestimmt noch ihrer Schöpfungsgeschichte hinzugefügt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1728
Menschen sind lebendig gewordene Gottesgeschichten sagte meine Großmutter oft.
Noch bevor ich richtig sprechen konnte, zeigte sie mir Bilder aus einer illustrierten Bibel.
Manche sehe ich noch heute vor mir.
Zum Beispiel wie Gott über dem Erdball schwebt. Er streckt seine Hand aus
und sein Zeigefinger berührt fast den Zeigefinger Adams, des ersten Menschen.
Fast. Als Kind habe ich damals den Atem angehalten. Gott und Mensch so nahe zusammen!
Was musste Adam da gefühlt haben? Würde ich auch einmal Gott so nahe sein können?
Wie würde es mir gehen, wenn Gott mich berühren würde so wie Adam?
Das musste toll sein, großartig. Da müsste ich doch so mächtig werden wie Gott selber!
Wunschträume eines kleinen Kindes.
Später, als ich älter war, sprach ich mit Großmutter noch einmal über dieses Bild aus der Kinderbibel. Ich erzählte ihr wie mich das beeindruckt hatte, und dass ich damals auch gern von Gott berührt worden wäre wie Adam. Und mich dabei gern mächtig gefühlt hätte.
Großmutter lächelte. Du hast mehr Macht als du glaubst, sagte sie. Du musst nur hinschauen wofür du gebraucht wirst. Wie, hinschauen?, fragte ich. Du kennst doch den Herbert, sagte Großmutter
Den, der im letzten Sommer Freitags abends immer betrunken vor der Dorfkneipe lag?
Ja, den. Sie hatten ihm sein Arbeitsstelle gekündigt. Das hat er nicht verkraftet, der arme Kerl.
Aber seine Frau hat ihn monatelang abends nach Hause geschleppt. Und jetzt trinkt er nicht mehr. Auch wenn er noch nicht wieder Arbeit hat .Und?, frage ich. Seine Frau hat ihn einfach anders gesehen als die Klatschmäuler im Dorf, sagte Großmutter. Hat ihm die Hand hingehalten. Damit er zum Leben kommt.
Wie Gott damals bei Adam?, fragte ich. Ja, so ähnlich, sagte Großmutter, und jetzt gib mir mal die Hand, damit ich aus dem Sessel hoch komme, ich werde langsam alt.
Ich half ihr aus dem Sessel, und sie half mir mit ihrer Lebensweisheit auf die Sprünge:
Gottes Macht kann ich auch spüren, wenn ich nicht Supermann bin. Ich spüre sie, wenn ich aufmerksam bin. Zum Beispiel dafür, ob jemand meine Hand braucht. Dann bin ich, sind wir alle eine lebendig gewordene Gottesgeschichte.
Mein Gott, kann das Leben aufregend sein!
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Bei meiner Großtante stand immer so eine große Standuhr im Flur. Und zu jeder vollen und halben Stunde dröhnte der Gong durchs ganze Haus. Ich mag diese alten, mechanischen Uhren mit ihren Zeigern und runden Zifferblättern.
Manche geben ungeheuer viel Geld aus für einen Chronometer. Als ob sie der Zeit ein angemessenes Gehäuse geben wollten.
Wenn ich auf solche Uhren schaue, verliert die Zeit für mich das Bedrohliche: Jede Sekunde ist ja unwiederbringlich, sie zerrinnt, wie einem Sand durch die Finger rieselt: gleichmäßig, unaufhaltsam, still… und unauffindbar, wenn man hinterher nach ihr sucht. Nicht umsonst fürchten viele heute den Zeitverlust als eins der größten Probleme.
Die Bibel beharrt jedoch schon immer darauf: die Zeit, und zwar: alle Zeit kommt aus Gottes Hand. Gott steht am Anfang aller Zeit und allen Lebens, und Gott wird uns auch am Ende aller Tage erwarten. Und zwischen Beginn und Ende liegt die Geschichte jedes einzelnen Lebens, mit all seinen Höhen und auch seinen Tiefen, mit seinen Siegen und den Niederlagen.
Jede einzelne Lebensgeschichte ist ein Geschenk aus Gottes Hand, steht in der Bibel, wie zum Beispiel in einem Psalm, wo es heißt: „Ich aber, Herr, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott! Meine Zeit steht in deinen Händen.“
Kürzer und prägnanter kann man es kaum zusammenfassen. Warum wir ruhig bleiben können und vertrauen haben in die Zukunft: Wenn meine Zeit in Gottes Händen steht, läuft sie nicht gegen mich, sondern mit mir. Es ist geschenkte Zeit. Selbst im Blick zurück, wenn mir nicht mehr viel Zeit bleibt in meinem Leben, kann ich Gottes milde Hand entdecken: In manchem Schönen, was ich erlebt habe, sicher auch in manchem Schweren. Denn: In der Zeit unseres Lebens geht Gott selbst mit uns.
Und so verliert das Vorrücken des Zeigers seine Bedrohlichkeit. Weil wir in jeder Sekunde, ganz leise, kaum spürbar, von Gott begleitet und getragen werden.
Deshalb finde ich es schön, wenn manche sich so eine alte Regulatoruhr in den Flur stellen und so der Zeit ein besonderes Gehäuse geben.

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Kennenlernen, so heißt das Projekt. Eine Grundschulklasse in Düsseldorf hat sich das ausgedacht. Kennenlernen der Mitschüler. Warum? Weil so viele verschiedene Nationen inzwischen an der Schule sind. Wir kennen uns ja gar nicht, haben die Kinder gesagt.
Was macht Ali, wenn er nach Hause kommt? Warum geht Yussufs Vater in die Moschee? Und wie ist das, wenn man schwarze Haut hat? Kinder sind neugierig. Und sie stellen Fragen über Fragen.
Kinder wollen wissen: Wer seid ihr, woher kommt ihr, wie lebt ihr zu Hause? Was esst ihr, welche Musik hört ihr, was denkt ihr über die Deutschen?
Und dann haben sie sich gegenseitig nach Hause eingeladen. Haben die fremden Speisen probiert. Haben den Klang der fremden Sprachen gelauscht. Haben einander ihre Musik vorgespielt…
Am Ende dieser Kennenlerntage haben die Kinder einander etwas ganz Typisches mitgegeben: Fotos von der Heimat der Eltern, traditionelle Kleider und Musik.
Und sie haben miteinander eine Landkarte gemalt und alle Orte eingetragen, aus denen die Kinder kommen. Und so wussten sie am Ende sogar, wo die Hauptstadt von Senegal liegt und dass sie Dakar heißt.
Mit all dem haben sie am Ende eine kleine Ausstellung in der Schule gemacht, und ein „Fest der Kulturen“ gefeiert. Dabei wurde afrikanisch gekocht und deutsch, also: Yams-Wurzeln mit Huhn und Sauerkraut mit Rippchen.
„Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du“ - beschreibt das die Bibel.
Das heißt doch: der Fremde ist gar nicht so fremd. Wenn du weißt, was er liebt und hofft, was er isst und wie er schläft, dann erkennst du dich selbst. Und du begreifst, dass Gott ihn liebt so wie dich. Und so kannst du deinem Nächsten auch mit Liebe und Achtung begegnen.
Kinder verstehen das und fragen nach.
Übrigens gibt es derzeit einen Preis für solche Aktionen von Kindern: Deutscher Kinderpreis. Schauen Sie mal nach: www.deutscherkinderpreis.de
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„Ich bin dann mal weg“, sagen jetzt viele… und machen sich auf den Weg. Zu Fuß. Sommerzeit ist Wanderzeit. Es muss ja nicht der berühmte Jakobs-Pilgerweg sein, auch hier in der Heimat gibt es genug zu entdecken.
Mein Weg führt mich über eine Autobahnbrücke hinüber in den Wald. Für ein paar Augenblicke bleibe ich auf der Brücke stehen und schaue hinunter: Autos rasen in beide Richtungen.
Wenn man selber drin sitzt, merkt man es nicht so, aber hier oben auf der Brücke, mit etwas Abstand, kommt es mir irre vor, als wären alle gejagt oder auf der Flucht.
Hinter der Autobahn steigt die Böschung steil an, der Fußgängerweg schlängelt sich den Hang hinauf und verliert sich dann im Wald.
Der Weg, den man Schritt für Schritt zurücklegen muss, das ist ein uraltes Gleichnis für unser Leben. Im Zeitalter der rollenden Räder und der Düsentriebwerke droht es in Vergessenheit zu geraten.
„Schmal ist der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden“, so hat das Jesus in der Bibel gesagt. Ein hartes Wort, ich weiß, aber auf unseren modernen Autobahnen mit ihrem rasenden Verkehr kann ich diesen Weg nicht finden. Wohl aber abseits der Straßen, auf manchem schmalen Pfad: Rechts und links Gebüsch, Dornen, Brennnesseln, Heckenrosen.
Auf solchen Pfaden muss man auf jeden Schritt achten. Und es geht nur langsam voran; steil hinauf, dann wieder bergab. – Oft ist es traumhaft schön, bisweilen aber auch öde und trostlos.
Immer wieder neue Ausblicke, bald hinter jeder Biegung. Das Ziel ist noch weit, aber man sagt, es sei dort traumhaft schön. Also gehe ich und hoffe, dass es stimmt!
Das Gleichnis vom Lebensweg, viele haben darüber nachgedacht. Auch Jesus. Alle kommen zu dem Schluss: Das Leben – das erfüllte, sinnvolle Leben findet man nicht, wenn man fährt, wo alle fahren und läuft, wo die Masse läuft. Und man erreicht sein Ziel auch nicht 180 Stundenkilometern, quasi auf der Autobahn oder als Überflieger. Man muss seinen Weg selber gehen, Schritt für Schritt. Es ist mühselig, aber wir werden dafür belohnt. Nicht erst am Ende, schon unterwegs.
Manchmal, wenn mein Weg besonders schön war, hab ich gedacht: Der Weg ist das Ziel. Aber, dann glaube ich es doch nicht. Es gibt noch ein Ziel, am Ende, ein endgültiges. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1663
„Stairway to heaven“, so heißen die Stromschnellen im Köprülü Nationalpark in der Türkei. Stairway to heaven – also: „Treppe zum Himmel“.
Dort verbringt ein Freund in diesem Jahr seinen Urlaub, Abenteuer Urlaub: Im Schlauchboot zwischen scharfkantigen Felsen, schäumenden Fluten und aufspritzendem Wasser.
Er will es noch mal richtig krachen lassen, will was erleben, sagt er, so lang er noch kann - gesundheitlich und so.
Dagegen ist nichts zu sagen.
Allerdings frage ich mich schon: Ob mein Freund wirklich Augen hat, für das, was er sieht? Wenn er ständig gegen Stromschnellen kämpfen muss und vielleicht auch gegen seine Angst? Ob er wirklich spürt, wie sich die Welt anfühlt, da draußen jenseits des reißenden Flusses, dort in der Türkei?
Sicher wird er viel erleben - aber was nimmt er davon mit nach Hause? In seinen Alltag? „Erlebnisurlaub“...
Es gibt etwas, das reicher macht und tiefer geht: Ich meine: Erfahrung.
Erfahrung meint, ich schaue genau hin, ich spüre ganz tief rein, und ich bin offen mit allen Sinnen: sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen – und ich bin bereit, mich davon berühren zu lassen, drüber nachzudenken und mich darüber auch zu verändern.
Denn die Erde, die sollst du nicht bezwingen, sagt die Bibel, sie gehört Gott:

„Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel und die Erde und alles, was darinnen ist, das gehört Gott, deinem Herrn.“ …heißt es in der Bibel. [5.Mose 10,14]

Das ist eher ein sanftes Umgehen mit der Welt – und hat wenig zu tun mit dem Rausch des Abenteuers. Erfahrung, das heißt: Ich lasse den anderen er selber sein, ich lasse die Welt gewähren, ohne sie zu unterwerfen.
Man kann es auch so sagen: Bei Erfahrung, da geht es nicht so sehr um den Nervenkitzel als vielmehr um den inneren Menschen. Der darf sich berühren lassen, darf sich verändern, darf wachsen. Solche Erfahrung macht reifer und einsichtiger.
„Stairway to heaven“ – „Treppe zum Himmel“ heißen die Stromschnellen dort in dem Fluss in der Türkei. Ich denke: Man muss nicht dorthin…, es geht auch hier, wunderbare Erfahrungen zu sammeln….und dem Himmel näher zu kommen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1662