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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

07JUL2007
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Endlich Sommerferien – für viele Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer heißt dies: Keine Arbeiten, Kein Druck zum Lernen, freie Zeit zum Gestalten, Spielen, Relaxen – endlich, unendlich viel Zeit haben.
Die einen fahren weg, andere bleiben zuhause. So freuen sich die Reisenden auf Tapetenwechsel, andere Luft zum Atmen, neue Eindrücke, Unterwegssein und die Urlauber auf Balkonien einfach aufs Genießen in gewohnter Umgebung, auf Ruhe und Ausspannen in heimischen Gefilden. Was uns verbindet? Die Lust nach Leben und die Freude am Sein!
Wenn wir ständig getrieben werden und funktionieren müssen in unserer Rolle, dann tut es gut, einfach mal nur zu schauen, zu hören und da zu sein. Du darfst anders sein als im gewohnten Alltag!
Du darfst auch mal faulenzen!
Du darfst genießen ohne schlechtes Gewissen hinsichtlich der Arbeit, die in diesen Wochen ungetan bleibt!
Du darfst leben!
Ich spüre bei mir selbst und bei anderen, dass dies geübt und gelernt sein will, einfach nur zu leben, zu entspannen und manche Anspannung hinter mir zu lassen. Ich kenne die Gefahr, auch solche Zeiten von Ferien und Urlaub zu füllen bis zum „Geht-nicht-mehr“ an Freizeitaktivitäten, Festen, Besuchen und anderem mehr. Wer sich immer nur von außen steuern lässt – auch in den freien Zeiten – wird nur schwer seine eigene Richtung finden, seinen Stil.
Was ich möglichst vielen wünsche: Einen kreativen Umgang mit der Zeit, die uns geschenkt ist und die richtige Balance von Tun und Lassen, von Haben und Sein!
Ich weiß, dies wird mir gut tun und sicherlich auch anderen, die mir begegnen.
Gönnen wir einander diese Zeiten, sei es in diesen Sommerferien, einfach nur am Wochenende oder sonst wann! https://www.kirche-im-swr.de/?m=1660
Vor einigen Wochen wurde ich vom ICE-Bahnhof einer deutschen Großstadt abgeholt. Wir mussten noch einige Meter gehen, dann waren wir beim Wagen meines Gastgebers. Ich war mir sicher, dass er den Weg zum weiteren Ziel eigentlich gut kannte. Und dennoch: Kaum saßen wir im Auto, so schaltete er sein Navigationssystem ein, wir fuhren los, er als Fahrer gehorsam den Anweisungen folgend. Sein Blick war mindestens so aufmerksam zum Display gerichtet wie zur Straße. „Ja, ich kenne den Weg, aber aus Gewohnheit tippe ich immer mein Ziel ein, und erst dann geht’s los!“ Wir bewegten uns durch die Innenstadt, der Wagen tastete sich voran.
Plötzlich rief ich „Halt – außen rum!“ Er als Fahrer war irritiert und hielt kurz an. Beinahe hätten wir uns auf eine kleine Straßenbahntrasse begeben, wo doch die eigentliche Autostraße für circa 80 Meter die Schienen verließ und erst nach einer Kurve wieder einmündete. „Jetzt war ich so auf mein Navigationssystem fixiert, dass ich dies gar nicht gesehen habe und hier eingezeichnet war der halbe Kreisverkehr nicht!“
Ein Fehler in der Software, im System? Dies mag sein, ist mir aber in dem Fall ziemlich egal.
Wichtiger ist für mich die Beobachtung:
Wir sollten nicht nur völlig fixiert sein auf das, was wir aus Gewohnheit kennen, von dem wir meinen, uns darauf verlassen zu können! Es ist gut, nach draußen zu schauen, wahrzunehmen, was jetzt gerade dran ist, empfänglich zu sein für Eindrücke von Außen.
Dies gilt fürs Autofahren und ebenso für vieles andere im Leben.
Und somit noch eine Frage zum Schluss:
Welches Navigationssystem begleitet Sie in Ihrem Alltag, im Beruf, in der Freizeit, im Gespräch mit anderen Menschen, in Ihrem Glauben an Gott? https://www.kirche-im-swr.de/?m=1659
Wir alle kennen dies: Bereits bei einer kleinen Erkältung kann es zum Vorschein kommen – wir müssen niesen! Unangenehm ist das, noch dazu, wenn es nicht bei einem Mal Niesen bleibt. Steuern lässt sich dies nur schlecht, es „überkommt“ einen einfach, egal wann und wo.
Und dann? Nun, wenn ich gerade allein bin, dann stört es ja niemanden. Was aber, wenn andere dabei sind – im persönlichen Gespräch, in einer Konferenz oder irgendwo unterwegs?
„Gesundheit!“ – sagt mir mein Gegenüber, ich erwidere mit „Danke!“ – sofern dies nicht in der nächsten Niesattacke untergeht und weiter geht’s in der Tagesordnung.
Eine überflüssige Floskel, eine leblose Gewohnheit, ein abzuschaffendes Ritual?
Eigentlich, so die Empfehlungen heutiger „Benimmapostel“, eigentlich sollte der oder die Niesende sich entschuldigen – und damit basta oder es sollte überhaupt nichts gesagt werden.
„Gesundheit“ zu sagen, wenn jemand niest, sei heute unhöflich, sagt man. „Jegliche Körpergeräusche werden nach modernen Regeln nicht kommentiert“, so steht es geschrieben, nachzulesen in einem Ratgeber für richtige Umgangsformen.
Na ja – in mancherlei Hinsicht kann ich dies nachvollziehen, aber beim Niesen?
Es mag sein, dass es für manchen Allergiker unangenehm ist, wenn ihm ständig der Wunsch nach Gesundheit um die Ohren weht.
Es mag auch an einer der historischen Theorien was dran sein, von denen z.B. eine folgendes besagt: Zu Zeiten der Pest glaubten die Menschen, diese schlimme Krankheit beginne mit einem Niesen. Infolgedessen hofften die Menschen mit dem Wunsch nach „Gesundheit“, vor einer Ansteckung bewahrt zu werden. Nun sei bei uns die Pest schon lange besiegt, der Wunsch habe sowieso nur dem Wünschenden selbst gegolten, also weg damit!
Dies wird als Begründung dafür genannt, heute nicht mehr „Gesundheit“ zu sagen, wenn mein Gegenüber niesen muss.
Und dennoch: Ich empfinde es als Verarmung unserer Zeit, wenn wir uns entschuldigen müssen oder so tun, als ginge uns das alles nichts an.
Ich denke, es ist gut, wenn wir uns hin und wieder den Wunsch nach „Gesundheit“ gönnen und - gegen den Trend - den Mut haben, dies auch zu sagen! https://www.kirche-im-swr.de/?m=1658
Für Schüler und ihre manchmal geplagten Eltern endet in diesen Tagen der Schul-Trott: Früh aufstehen, Pausenbrot machen, Klassenarbeiten schreiben, lernen. Das alles ist erst einmal vorbei, jetzt kommen Sommerferien. „Der letzte Schultag ist der allerschönste“ - sagt ein Jugendlicher, „Die ganzen Ferien liegen vor mir und sind richtig neu“. Dann wirft er die Schultasche in die Ecke und träumt sich in seine Ferien hinein. Wie er ausschlafen wird. Was er in der freien Zeit alles machen kann. Was er erleben möchte. In seinem Empfinden ist das nächste Schuljahr Lichtjahre entfernt. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ hat der Dichter Hermann Hesse einmal geschrieben. Diesen Zauber haben nicht nur erste Ferientage. Alles, was Menschen neu beginnen, ist aufregend. Wir werden wieder neugierig, wenn etwas neu ist. Wir geraten aus den eingefahrenen Bahnen. Und das belebt. Das gibt Kraft und Energie. Egal, ob es sich um ein neues Jahr, einen neuen Beruf, neue Aufgaben, eine neue Wohnung oder was auch immer handelt. Und: Sogar der erste Schultag nach den Ferien hat seinen eigenen Zauber.
Das Neue muss gar nicht so groß sein. Vielleicht hat jemand nur die Idee, irgendetwas im Leben neu zu machen. Weil die alten Gewohnheiten nicht mehr passen. Jemand stellt seine Ernährung um. Macht viel mehr Sport als früher. Oder will entschieden weniger arbeiten. Wer so etwas Neues anfängt, braucht Kraft und Energie. Deshalb ist es gut, das alles Neue diesen Zauber besitzt, der Durchhalten hilft.
Neues anfangen heißt, Altes loszulassen. Das ist manchmal ganz schön schwierig. Denn das Alte ist uns vertraut. Aber was kommt dann? Deshalb haben wir oft Angst vor Veränderungen.
Deshalb ist es gut, dass dem Anfang ein Zauber inne wohnt. Der macht Mut. Der macht neugierig. Und der hilft, neue Wege mutig zu gehen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1661
Ganz langsam kam sie auf mich zu. Im Jogging-Anzug mit Einkaufstasche, die Haare wirr um den Kopf – eine alte Frau. Ich war auf dem Weg zu einem Termin. War in Eile, wollte pünktlich sein. Meine Gedanken kreisten schon um die Aufgaben , die auf mich warteten. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte die Frau ganz munter, „können Sie mir helfen?“ Verdutzt schaute ich auf. Ein wenig ungeduldig – mein Termin... Treuherzig sagte die alte Frau: „Ich suche meine Mutter.“ Ich stutzte: Ihre Mutter? Sie wisse nicht mehr genau, wo die Mutter wohne, sagte die Frau, hier vielleicht, oder in der Straße dort unten? „Wissen sie es? Sie wissen es bestimmt.“ Ich muss wohl ziemlich verblüfft ausgesehen haben. Fröhlich erzählte sie weiter. Zwischendurch fielen ihr manchmal die Worte nicht mehr ein. Mehrmals fragte sie: „Wie heißt denn das Wort, das ich jetzt nicht finde?“ Und weil ich es auch nicht wusste, lachte sie.
Schließlich wollte sie nach Hause gehen. Sie wohne dort in der Straße, meinte sie, und schloss sich mir an. „Warten sie. Ich möchte mit ihnen gehen. Aber bitte machen sie nicht so große Schritte. Das ist zu anstrengend für mich.“ Und dann erzählte sie mir von ihren Knien, die nicht mehr so recht wollen. Die manchmal schlimm weh tun. „Aber nachts“, sagte sie, „wenn ich im Bett liege, dann tut mir nichts mehr weh. Das ist schön!“ Und sie strahlte wie ein Kind.
Und dann hat sie weiter von sich erzählt, und sich gefreut, dass ihr jemand zuhört. Mich hat das sehr gerührt. Ich habe ihr gerne zugehört. Wie treuherzig sie war, und wie fröhlich und wie zufrieden. Langsam ging ich neben ihr her. Hoffentlich nutzt nie jemand diesen alten Menschen aus. Und hoffentlich ist sie gut betreut - da, wo sie wohnt. Ich wünsche ihr, dass sie so fröhlich bleiben kann, trotz der erkennbaren Verwirrung.
Und so haben wir uns freundlich voneinander verabschiedet.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1645
Ein schneller Blick in den Spiegel. Jeden Morgen. Ein schneller Blick auf Haare – Zähne – Kragen. Stimmt alles? Na, dann geht’s los zur Arbeit.
Zu anderen Zeiten aber: der langsame Blick in den Spiegel. Skeptisch, kritisch. Bin ich das wirklich? Ich mag mir noch nicht einmal in die Augen schauen. Fühle mich nicht wohl in meiner Haut und mit mir. Der Mensch, der mir da im Spiegel begegnet, ist mir nicht lieb. Mit dem bin ich unzufrieden. Mich kann heute niemand mögen.
Der Umgebung fällt vielleicht gar nichts auf. Alle sind wie immer. Sie nehmen mich so, wie ich bin. Aber selbst kann ich mich überhaupt nicht leiden. Und darunter leidet dann alles andere.
Solche Tage kennt jeder!
Was tun? Eine Frau hat mir erzählt, was ihr gegen solche miesen Tage hilft. Ihr ist einmal ein Satz aus einem biblischen Psalm eingefallen. Da sagt ein Beter ganz vertrauensvoll zu Gott: „Du hast mich erforscht und du kennst mich“.
Das hat ihr auf Anhieb gefallen. Sie dachte: „Wenn Gott mich erforscht hat, dann heißt das doch, dass er mich in und auswendig kennt. Trotzdem lässt er mich leben.“ Das könnte heißen: „Du hast mich erforscht – und lässt mich sein, wie ich bin. Du hast mich erforscht – und bist vielleicht sogar einverstanden mit mir. Du hast mich erforscht – und hast mich genau deshalb gern.“ So schaut Gott auf die Menschen.
Das ist ein bisschen wie bei frisch Verliebten. Frisch Verliebte erforschen sich gegenseitig, schauen sich lange in die Augen. Sie erzählen sich ganz viel aus ihrem Leben. Weil sie dem geliebten Menschen zeigen wollen: „So bin ich!“ Sie wollen wissen: „Wer bist du - und wie bist du?“ Sie kriegen nicht genug davon, das herauszufinden und finden alles am andern liebenswert.
Seitdem sie so denken kann, betrachtet sich die Frau jetzt auch manchmal freundlicher im Spiegel. Sie denkt sich: „Wenn Gott mich gern hat – dann kann ich es doch auch mal selbst versuchen, mich gern zu haben“. Als sie das entdeckt, strahlt sie. Wie frisch verliebt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1644
Eine Stecknadel könnte man fallen hören. So leise ist es. Da sitzen Menschen im Kreis, die von ihrem Leben erzählen. Sie haben sich in einem Kloster getroffen. Manche kennen sich schon von früheren Seminaren. Andere sind sich noch fremd. So tasten sie sich an ihre Themen heran. Nachdenklich, vorsichtig. Irgendwann kommen sie auch zur Frage nach der Religion. Wie ist das mit Gott in ihrem Leben? Einige suchen nach Worten. Es ist gar nicht so einfach, über den Glauben zu sprechen. Da fehlen schnell die Worte. Schließlich traut sich einer aus der Runde. „Wie ist das bei euch“, fragt er. „Zweifelt ihr auch manchmal? Wenn ich sehe, was auf der Welt los ist – wo ist da Gott?“ Und jemand ergänzte: „Wie spüre ich Gott – wie geht das mit Gott und mir?“
Jetzt wird es erst einmal ganz still. Die Fragen haben getroffen. Es gibt niemanden in der Runde, der solche Fragen nicht kennt. Das zeigt sich jetzt. Religion spielt eine Rolle bei diesen Menschen. Aber da ist nichts felsenfest. Die meisten suchen - und überlegen und grübeln manchmal: Wie ist das mit Gott und mir? Wie wird man ein gläubiger Mensch? Auf einmal sind alle froh, über diese Suche miteinander reden zu können. „Das tut so gut“, sagt eine Frau, „ich bin ja gar nicht allein mit meinen Fragen“!
Später im Gespräch versuchen sie Antworten. Ganz vorsichtig. Ganz langsam tasten sie sich heran an diesen geheimnisvollen Gott.
Ist er draußen in der Natur? Bei den übermütigen Singvögeln, den duftenden Rosen, den grünen Wiesen? Oder ist er gerade jetzt da, in dem Kreis, in dem Menschen miteinander reden und einander zuhören? Ist Gott in einer Kirche, im Gottesdienst, bei feierlichen Gebeten? Ist er in der Musik? Oder in der Stille, wenn ich ganz alleine für mich bin. Oder spüre ich ihn durch die Hand eines Menschen, der mich tröstet?
Vielleicht ist Gott auch in meinen Zweifeln und Fragen? Oder in mir? Oder ganz woanders...
Ich glaube: Es gibt viele Orte für Gott. Auch solche, an denen ich ihn gar nicht vermute. Es gibt viele Wege, ihn zu finden. Und dazu braucht es gar nicht viel. Nur das eine: dass die Sehnsucht nach ihm wach ist.
Zum Schluss sagte jemand: Dann ist es ja gar nie zu spät, Gott zu suchen.
Nein, dazu ist es nie zu spät!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1643