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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Die englische Rentnerband „The Zimmers“ (Gehhilfen) macht zur Zeit mit der Wiederaufnahme eines Rocktitels aus den 60er Jahren Furore. Eine gelungene Idee, um älteren Menschen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Angefangen hat alles damit, dass in London eine beliebte Spielhalle geschlossen werden sollte. Es kam zu heftigen Protesten. Auch Alf Carretta fand das nicht wirklich lustig. Der 90-jährige organisierte den Widerstand. Zusammen mit Freunden sorgte er dafür, dass die Presse Wind von der Sache bekam. Erstes Ergebnis: eine Fernsehdokumentation, in der auf die Situation älterer Menschen aufmerksam gemacht wird. Die ist nicht immer rosig, denn Geringschätzung und Vereinsamung spielen häufig eine große Rolle. Doch damit nicht genug. Um zu zeigen, was Seniorinnen und Senioren noch so alles drauf haben, beschloss man, eine Rentnerband zu gründen. Auch die gibt’s inzwischen wirklich. Ihr Name – „The Zimmers“ – leitet sich ab von einer in England verbreiteten Gehhilfe. 40 Mitglieder haben Band und Chor inzwischen. Durchschnittsalter 78. Ältester in Team ist Buster Martin, der hat gerade die „Einhundert“ erreicht. Leadsänger der Band? Klar: Alf Carretta. Der zeigt sein ganzes Können bei der Wiederaufnahme eines bekannten Rocksongs aus den 60-Jahren. Übrigens produziert in den legendären Studios, in denen bereits die „Beatles“ ihre Songs aufgenommen haben. Der Erfolg von „The Zimmers“ ist sensationell. Inzwischen gibt’s sogar eine eigene Homepage. Das Video zum Song ist im Internet bereits der Renner. Besuche der Band in Talkshows sind geplant, ebenso eine Europa-Tournee im Herbst. Wichtig finde ich: Der Erlös der ersten CD soll in Projekte der Altenhilfe fließen. Überhaupt: Mich hat die Geschichte der englischen Rentnerband fasziniert. Eine pfiffige Idee, die zeigt, was die ältere Generation so alles fertigbringt! Der Name ist dabei Programm. Wichtig ist, „Gehhilfen“ fürs Alter zu finden. Ganz unterschiedliche. Hauptsache: Sie sind sinnvoll und sie helfen. Gut ist, wenn möglichst viele dabei mitmachen. Im Internet steht’s so ähnlich, in einem Kommentar zu „The Zimmers“: „Wird Zeit, dass sich die Älteren Gehör verschaffen. Hoffentlich kommen noch mehr Songs. Würde in Deutschland auch Zeit!“
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Die Katholische Kirche feiert heute den Gedenktag des hl. Thomas Morus. Ein wichtiger Mann, der sogar als Patron für Regierende und Politiker gilt. Grund genug, sich an ihn zu erinnern.
Gibt es für Politikerinnen und Politiker eigentlich Vorbilder? Also Menschen, an denen sie sich ein Beispiel nehmen können? Die gibt’s wirklich. Thomas Morus zum Beispiel. Den hat Papst Johannes Paul II. vor einigen Jahren sogar zum Patron der Regierenden und der Politiker ernannt. Ganz offiziell. Mit guten Gründen, wie in finde. Denn er muss ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein, dieser Thomas Morus. 1478 in London geboren, gelingt ihm schnell eine bemerkenswerte politische Karriere. Mit 26 Jahren sitzt er im Parlament und schafft es bis zum Lordkanzler des englischen Königs. Mit Sicherheit also ein schlauer Kopf. Aber auch ein Familienmensch, dem das gemeinsame Gebet wichtig war und das Lesen in der Bibel. Dazu war er mit einer gehörigen Portion Humor gesegnet. Ziel seiner politischen Arbeit war es vor allem, Gerechtigkeit zu fördern. Auf die Palme brachten ihn Leute, die auf Kosten der Schwachen eigene Interessen verfolgten. Auf die Stimme seines Gewissens legte er großen Wert. Und die sagte ihm sein Leben lang: Wahrheit ist wichtiger als Macht. Das gilt auch, als der englische König die Kontrolle über die Kirche übernehmen will. Da macht Thomas Morus nicht mehr mit. Er verweigert den Eid und nimmt Haft, Prozess und sogar den Tod in Kauf. Auch im Angesicht des Todes bleibt er davon überzeugt: Der Mensch darf sich nicht von Gott und die Politik nicht von der Moral trennen. Heute feiert die Katholische Kirche seinen Gedenktag. Und den von seinem Freund, dem Kardinal John Fisher, der ebenfalls den Weg in den Widerstand gegangen ist und das mit dem Leben bezahlt hat. Zwei Menschen, an denen man sich orientieren kann, übrigens nicht nur als Politikerin oder Politiker. Von Thomas Morus ist ein Gebet überliefert, das mir wichtig ist: „Gott, schenke mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist, die keine Murren kennt und kein Seufzen und Klagen. Lass nicht zu, dass ich mir allzu viel Sorgen mache um dieses sich breit machende Etwas, das sich „Ich“ nennt. Schenke mir Sinn für Humor, gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.“



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Ishmael Beah ist zurückgekehrt ins Leben. Drei Jahre lang war er Kindersoldat. Jetzt hat er darüber ein Buch geschrieben. Ein bewegendes Dokument!

„Oh, die glückliche, unwiederbringliche Kinderzeit! Wie soll man die Erinnerung an sie nicht lieben, nicht sorgsam hegen!“ Ein berühmter russischer Schriftsteller hat das geschrieben, Leo Tolstoi. Vor etwa 150 Jahren. Erinnerungen an das Kind-Sein, das sind Erfahrungen, die bei vielen Menschen eine wichtige Rolle spielen. Allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Ishmael Beah lebt heute in New York. 27 Jahre alt ist er. Nach dem Studium der Politikwissenschaften arbeitet er für eine Organisation, die sich weltweit um die Verwirklichung der Menschenrechte kümmert. Über seine Kindheit hat Ishmael viel nachgedacht. Entstanden ist ein bewegendes Buch, das vor einigen Tagen erschienen ist. Sein Titel: „Rückkehr ins Leben. Ich war Kindersoldat“. In einem kleinen Dorf in Sierra Leone wächst Ishmael auf. Er und seine Freunde sind begeisterte Rapper. Als sie sich zu einem Talentwettbewerb in eine benachbarte Stadt aufmachen, bricht der Bürgerkrieg in das Leben der Kinder. In diesem Augenblick wissen sie noch nicht, dass sie ihr Zuhause für immer verlassen und nie wieder zurückkehren sollten. Als Ishmael selbst Kindersoldat wird, ist er gerade mal zwölf. Er lernt das Exerzieren. Als Kind muss er an die Front, wird selbst Zeuge und Mittäter von Folter und Mord. Im Krieg verliert er seine Eltern und seinen Bruder. Nach drei Jahren merkt er, dass ein normales Leben für ihn immer schwieriger wird. Frauen und Männer von UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, helfen Ishmael zurück in ein normales Leben. In ihnen findet er Menschen, die ihn dabei unterstützen, das Vergangene zu bewältigen. Das Schicksal von Ishmael hat mich angerührt. Es erinnert an die vielen Kinder, die unter Krieg, Gewalt und Terror zu leiden haben. Auch heute noch. Das Schlimme daran: In einem Klima der Aggression, des Misstrauens und der Angst lernen sie nicht, wie Konflikte friedlich gelöst werden können und was Sicherheit bedeutet. Genau darum geht es aber. Wir müssen den Kindern den Vorrang geben! Nicht nur Ishmael, der Kindersoldat war und der ins Leben zurückgekehrt ist.

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20JUN2007
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Schwarz-Weiß. Das war unser erster Fernseher. Ein unvergessliches Erlebnis. Es war ein richtiges Schmuckstück für unser Wohnzimmer. Groß, mit einer Schiebetür und mit dem 1. Programm versehen. Und eben nur Schwarz-Weiß.
Vielleicht war dies auch der Grund dafür, dass ich als Kind farbenblind war. Ich konnte die Farben einfach nicht unterscheiden. So war unser Schwarz-Weiß-Fernseher gerade der richtige für mich.
Heute geht es mir durch den Kopf: Farbenblind – was heißt das? Heißt es blind sein für die Buntheit des Lebens?
Die Bibel spricht über mehrere Blindenheilungen Jesu. Die Blinden sind die Außenseiter, sie sehen das Leben nicht so wie es ist und so ist es Jesus ein Anliegen, dass die Menschen wieder sehen können.
Ich glaube allerdings: Dabei geht es Jesus gar nicht um das körperliche Sehen. Es geht um die Blindheit im übertragenen Sinne. Es geht darum ein Auge zu haben für die Buntheit und Vielfalt des Lebens. Vielleicht ein sehendes Auge haben für das eigene Mensch-Sein. Es geht um eine vertiefte Sicht auf alle Farben des Lebens.
Ich bin ein ehemaliger Schwarz-Weiß-Seher, war als Kind farbenblind und mag deshalb heute die kräftigen Farben: rot zum Beispiel. Rot hat etwas mit Liebe zu tun: das zeigen Rosen und die rote Aidsschleife.
Ich bekenne Farbe und habe auch keine Angst, mich zu dieser Farbe der Aidsschleife zu bekennen. Für mich heißt das: Ich will die Menschen, die mit der Krankheit Aids zu tun haben. Manchmal werde ich deshalb angesprochen: Herr Pfarrer haben Sie auch Aids? Dann antworte ich: Was würden Sie machen, wenn ich diese Krankheit hätte? Würden Sie den Menschen sehen in mir? Und was würde es ändern für Sie, wenn ich Aids hätte? Wäre ich dann weniger Mensch?
Gerade da setzt Jesus an: Er will die alltägliche Blindheit heilen. Eine Krankheit, vor der ich selber nicht gefeit bin. Und er will uns unser Mensch-Sein sehen lassen. Das nenne ich ein gutes Programm – ein Lebensprogramm: menschenfreundlich und farbig.
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Jeden Tag werde ich einen Tag älter. Eine Binsenweisheit. Sie trifft auf jeden Menschen zu. Doch sie betrifft vor allem ältere Menschen. Bei Gesprächen mit Ihnen höre ich oft: „Mit jedem Tag merke ich mein Alter mehr.“ Und das ist selbst dann der Fall, wenn es für die anderen scheint, als ob sich alles noch gut bewältigen ließe – vom Kochen übers Putzen bis hin zu allem was der Haushalt erfordert. Manche Ältere merken dann schon: „Ich packe es einfach nicht mehr, meinen Haushalt selbständig zu machen.“
Ich finde diesen Satz wichtig. Denn ich kann nur etwas ändern, wenn ich einsehe, dass es etwas zu ändern gibt, dass ich etwas nicht mehr kann, dass ich Hilfe brauche.
Kein einfacher Satz. Er bedeutet den Abschied von Altgewohnten, Gekonnten. Abschied von liebgewordenen Gewohnheiten, Abschied vielleicht vom eigenen Auto, vom Wandern oder sogar vom Einkaufen oder von der Gartenarbeit.
Wie umgehen mit diesem Abschied?
In der Bibel findet sich die Geschichte von Tobias. Er sieht sein Leben durch einen riesigen Fisch bedroht. Der Engel Rafael rät ihm, einfach diesen Fisch zu packen und ihn ans Land zu werfen.
Und Tobias macht es so. Er ergreift den Fisch und schmeißt ihn aufs Land. So wird aus der Lebensbedrohung Leben. Einfach die Dinge anpacken, die Dir Angst machen. Sag doch einfach, was Dir Angst macht und dann greif doch zu, pack sie an, manchmal an den Hörnen … und dann auf einmal ist das Problem gelöst.
Auch das Älterwerden ist so ein Problem. Tobias sagt mir da: Pack dein Altsein an.
Pack Dein Altsein an. Stell Dich den Dingen des Lebens. Anpacken, ran gehen … sich der Angst stellen. Das ist es. Nichts anders.
Doch von ganz alleine geht das selten. Oft braucht man einen Engel wie Rafael. Einen anderen, der uns zum Handeln auffordert, der ermutigt zu handeln, jetzt sofort.
Ich kenne solche Engel. Es sind Menschen, die die mir helfen, die Dinge anzupacken, im richtigen Moment, mit dem richtigen Mut und mit einem guten Ergebnis. Und dann bleibt das nicht mehr das alte Leben, sondern ich habe Raum und Zeit für neues Leben.
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18JUN2007
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Ich war in diesem Frühjahr in Rom. 7 Tage lang. Mit einer bunten Reisegruppe auf dem Weg in die Ewige Stadt. Nicht das erste Mal war ich dort. Und da geht es mir wie so vielen anderen Menschen auch.
Es gibt Plätze, Städte, Orte, die möchte man immer wieder besuchen. Bei mir ist das Rom.
Die Weltstadt Rom übt einen besonderen Reiz aus, weil sie viele Überraschungen bereithält, weil sie wie ein großes Theater ist mit einer großen Bühne. Auf den Straßen und den vielen Plätzen findet das Leben statt. Manchmal ist dieses Rom eine einzige Modenschau und Rom ist auch der Vatikan, der kleinste Staat der Welt.
Für mich ist immer die Frage: Was hält denn diese Stadt, die auch die Ewige genannt wird, lebendig?
Ich glaube, es ist das Wasser. Der Tiber der durch diese alte Stadt fließt, die vielen Brunnen auf den Plätzen, das Wasser was man an vielen Orten trinken kann. Es ist
Wasser, was lebendig hält.
Beim Besuch der Lateranbasilika an einem Samstagnachmittag besichtigten wir auch die Taufkapelle. Gerade wurden drei Kinder getauft. Ein tolles Bild. Glückliche Eltern, aufgeputzte und goldige Kinder, strahlend und lachend. Sie genießen, dass sie im Mittelpunkt des Geschehens stehen in Ihrem drolligen Täuflingsoutfit.
Getauft wird schon immer mit Wasser. Kein Wunder: Wasser bedeutet Leben und für uns Christen ist die Taufe mit Wasser ein Zuspruch an Lebendigkeit und Geist. Jesus selbst wird, wie es in der Bibel heißt, mit Jordanwasser getauft. Das Wasser macht lebendig.
In Rom habe ich erneut auch diese Lebendigkeit gespürt. Weil ich getauft bin. Und weil hier so viel Wasser fließt. Ich glaube, dass ich deshalb immer wieder fasziniert bin von Rom. Weil mich diese Stadt spüren lässt, was Lebendigkeit heißt. Mehr noch: so wie Rom auf das Wasser angewiesen ist, so bin ich auf Wasser angewiesen: auf seine Lebendigkeit, seine Erfrischung, seine Dynamik. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1562