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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Alles ist noch steigerungsfähig. Da klagen Urlauber, weil sie im gleichen Hotel wie Behinderte untergebracht waren. Den Urlaubern wurde für ihren Hotelaufenthalt deshalb eine Wertminderung zuerkannt. Menschen mit einer Behinderung – eine Belästigung? Das ist in meinen Augen grotesk und entwürdigend.
Was ich jetzt gehört habe, hat mich noch mehr schockiert. Zu meinem Freundeskreis gehört ein tüchtiger Psychotherapeut. Er ist vor kurzem mit seiner Praxis in schönere Räume umgezogen. Ehe er sich’s versah hatte er eine Klage am Hals: Ein paar Wohnungsmieter im gleichen Haus fühlten sich durch die psychotherapeutische Praxis belästigt – genauer gesagt: durch die Klienten. Angeblich würden die verwirrt durch die Hausgänge irren.
Absurd. Die Praxis liegt gleich unten im Erdgeschoss. Der Therapeut empfängt die Klienten an der Tür. Da kommen Menschen, die depressiv sind, die unter Ängsten leiden. Menschen, die mit einem Schicksalsschlag nicht zurecht kommen und professionelle Hilfe brauchen. Menschen, die eine schwere Vergangenheit aufzuarbeiten haben.
Mich hat schockiert, dass die Hausbewohner diese Menschen weg haben wollen – nach dem Motto „Unser Haus muss sauber bleiben.“ Es ist schade, dass sie sich abschotten. Dass sie nicht konfrontiert werden wollen mit Lebensnöten, mit Krankheit und Leid. Dass sie deshalb andere Menschen aus ihrem Gesichtskreis verbannen.
Ängste, depressive Stimmungen und innere Blockaden gehören doch auch zum Menschsein. Es tut jedem nur gut, wenn er diese Seite des Lebens sehen und annehmen kann. Keiner ist gefeit vor einem Schicksalsschlag, der ihn psychisch aus der Spur wirft.
Die Mitmenschen, die in eine Therapie gehen, stellen sich dem Beschwerlichen in ihrem Leben, sie setzen sich auseinander mit dem Dunklen in sich selbst. Damit haben sie manchen anderen etwas voraus. In der Begegnung mit Menschen, die ihre Not und ihre Schwächen anschauen, habe ich schon so manchen hilfreichen Impuls für mein Leben bekommen.

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Michael hat allen Grund zu feiern. Nächsten Samstag heiratet er, und außerdem wird er bald danach mit seinem Studium fertig.
Hochzeit und Studienabschluss – das sind gleich zwei Lebensübergänge auf einmal: von der Verantwortung für sich allein in die verbindliche Ehegemeinschaft hinein und vom Studium in die Berufswelt.
Im Verlauf des Lebens gibt es eine ganze Reihe solcher Übergänge. Es beginnt mit dem Schritt des Kleinkind aus der Familie heraus in den Kindergarten. Schule, Ausbildung oder Universität, Berufsleben, Beziehung: So gehen die Wechsel weiter bis zum Ruhestand.
Diese Übergangssituationen sind „nicht so ganz ohne“. Jedes mal bedeutet das, Vertrautes loszulassen und zu Neuem aufzubrechen. Ich muss Abschied nehmen von einer Lebensphase und mich einstellen auf das, was jetzt auf mich zukommt. Bei vielen löst das nicht nur Freude aus, sondern Unsicherheit und Angst.
Kein Wunder: Es gibt keine Garantie dafür, dass ein solche Lebensphase gut geht. Auf jeden Fall kostet sie Kraft. Jeder Übergang stellt deshalb eine Herausforderung dar. Er ist eine Zeit, in der die Grundeinstellungen eines Menschen in besonderer Weise gefragt sind. Dabei kann sich das bewähren, was dem Betroffenen bisher schon Halt und Orientierung gegeben hat.
Den Abschied von Michael haben wir mit einem Gottesdienst in seiner Hochschulgemeinde gefeiert. Er hat sich dafür die Bibelstelle von Abraham ausgesucht, wo er von Gott zum Aufbruch aufgefordert wird: „Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich zu einem großen Volk machen, dich segnen und deinen Namen groß machen. Ein Segen sollst du sein.“ (Gen 12, 1-2)
Gott gibt Abraham ein Versprechen: ‚Ich bin bei dir und führe dich.’ Das hilft Abraham, gerade wenn er jetzt neue, unbekannte Wege beschreiten muss. Gottes Schutz und Segen stärken ihn. In der Kraft dieser Verheißung macht sich Abraham auf, und er geht seinen Weg – und steht am Ende innerlich gestärkt da.
Ich wünsche Ihnen etwas von dem Gottvertrauen des Abraham. Damit auch Sie die Chancen nutzen können, die die Übergänge im Leben mit sich bringen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=1483
Der Navigator ist eine tolle Erfindung! Er erleichtert das Autofahren enorm. Im Urlaub hat er mich von der Pfalz bis in die Bretagne gelotst – problemlos durch das Strassengewirr um Paris herum – und weiter bis in eine kleine Gasse an der Küste, genau vor mein Feriendomizil. Vor ein paar Jahren bin ich schon mal dorthin gefahren. Damals war alles noch viel umständlicher: Karten studieren, die Route rausschreiben, unterwegs anhalten und schauen, wie ich einen Stau umfahre. Alles vorbei. Der Navigator sagt mir an jeder Abfahrt oder Kreuzung, wie es weitergeht. Eine tolle Sache!
Doch das Fahren mit Navigator hat auch seine Tücken. Wenn er mal nicht funktioniert, bin ich aufgeschmissen – wenn ich mich in der Gegend nicht auskenne und vor allem: wenn ich keine Karten mehr dabei habe. Dann stehe ich orientierungslos da. Außerdem weiß der Navi nicht immer den besten Weg. Dort, wo ich mich gut auskenne, bin ich schon öfter anders gefahren, als er mich geschickt hat – und meine Route war tatsächlich kürzer und schneller.
Ich habe gemerkt: Wer nur noch mit dem Navigator fährt, wird immer mehr von ihm abhängig. Man benötigt keine eigene Ortskenntnis mehr. Man muss sich keine Wege mehr merken. Und vor allem: Der eigene Pfadfinder-Spürsinn verkümmert – man braucht doch nur noch Schritt für Schritt das zu tun, wozu einen die Navigator-Stimme freundlich auffordert. Die Gefahr dabei ist eben, dass man nur noch von einer Fahranweisung bis zur nächsten denkt. Dann gehen nicht nur der Überblick und der Spürsinn verloren. Es bleibt auch ein Stück Selbststeuerung auf der Strecke.
Genau die gleiche Gefahr gibt es für den eigenen Lebensweg. Die Gefahr, wie Navigator-gesteuert zu leben. So manche Stimmen in unserer Gesellschaft sagen uns vor: „Das ist der Weg, um glücklich zu werden!“ Es wird uns eingeflüstert: „Kaufen Sie jetzt das und das – dann fühlen Sie sich wohl!“ Wie die Navigatorstimme vor der Kreuzung so suggerieren die Werbung und die öffentliche Meinung, was ich tun muss, um ans Ziel zu kommen – genaugenommen aber an ein Ziel, das diese Stimmen für mich ausgesucht haben.
Auch in Zeiten der Navigatoren ist eine Landkarte hilfreich. Auch eine Art Landkarte des eigenen Lebens. Da kann ich mich von Zeit zu Zeit vergewissern, ob ich auch wirklich auf meinem eigenen Weg bin. Auf dem Weg, der zu meinem persönlichen Lebensziel führt. Zu sich selbst und zu seinem Lebensglück findet nur der, der selbstgesteuert lebt.







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Täglich beten Millionen Menschen für Frieden und Gerechtigkeit auf der Welt. Das ist sicherlich nicht schlecht, aber die kritische Frage lautet: Und, bringt’s was?
Ich glaube die Frage, ob Beten was bringt oder nicht, hängt nicht davon ab, wie viele Menschen beten und um was sie bitten, sondern vielmehr davon wie die Menschen beten.
Ein täglicher und intensiver Beter ist Don Camillo, Pfarrer in einer Stadt in Oberitalien und ewiger Gegenspieler von Peppone, dem kommunistischen Bürgermeister des Ortes. Es ist Wahlkampfzeit, Peppone verfasst Wandzeitungen, da Rechtschreibung nicht seine starke Seite ist, strotzen diese nur so vor Schreibfehlern. Der ganze Ort lacht über ihn. Damit nicht genug, jede Nacht schreibt irgendein Schmierfink über die Wandzeitungen mit dicken roten Buchstaben: „Peppone ist ein Esel“. Dieser Schmierfink ist natürlich Don Camillo.
Jeden Abend betet Don Camillo vor dem großen Kreuz in der Kirche und bespricht seinen Tag mit Jesus. Seine Schmierereien verschweigt er natürlich, aber Jesus kommt ihm auf die Schliche und macht ihm klar, dass es unfair von ihm ist, Peppone - nur weil er die Rechtschreibung nicht beherrscht - vor allen Leuten lächerlich zu machen. Zunächst wehrt er sich natürlich gegen die Vorwürfe Jesu, aber der lässt nicht locker und auf die Dauer erkennt Don Camillo, dass er falsch gehandelt hat. Und am Ende korrigiert er – der katholische Pfarrer des Ortes - die kommunistischen Wandzeitungen, bevor sie auf gehangen werden, damit sich Peppone nicht wegen seiner Rechtschreibfehler blamiert.
Ob beten was bringt, hängt nicht nur davon ab, was ich Gott sage, sondern auch, ob ich mir von Gott was sagen lasse.


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Gott ist auf der Seite der Verlierer. Deshalb hat sich die Kirche um die Verlierer der Gesellschaft zu kümmern. In Lateinamerika spricht man gerne von der Option für die Armen und auch hier bei uns ist klar, ohne Caritas und Diakonie, ohne Einsatz für die Schwachen und Armen ist Kirche nicht denkbar.
Aber wenn Gott auf der Seite der Verlierer steht, wie verhält er sich dann zu den Gewinnern? Viele von uns sind ja eher Gewinner als Verlierer. Weltweit gesehen stehen wir im reichen Mitteleuropa eh auf der Gewinnerseite. Verglichen mit dem was ein durchschnittlicher Afrikaner zur Verfügung hat, können wir uns hier nicht beschweren. Und auch unter uns gibt es ja nicht nur Verlierer, es gibt nicht nur Arbeitslose, viele haben ja einen Job, manche so gar einen sehr gut bezahlten. Ist Gott auch mit den Gewinnern ?
Mir fällt zu diesem Thema immer eine kleine Episode aus den herrlichen Filmen von Don Camillo und Peppone ein. Der katholische Pfarrer und der kommunistische Bürgermeister, die in einem ewigen Kleinkrieg liegen. Einmal messen beide ihre Kräfte beim „Hau-den-Lukas-Spiel“ auf dem Rummelplatz. Bei Peppone schlägt der Zeiger bis auf 952 aus, Tagesrekord! Alles klatscht und johlt. Daraufhin haut auch Don Camillo. Er schafft sage und schreibe 1000, den Höchstwert. Das lässt Peppone nicht so stehen, er schlägt nochmals und schafft ebenfalls 1000.
Am Abend betet Don Camillo wie immer in der Kirche vor dem Kreuz. Er sagt zu Jesus: „Ich danke dir. Ich hatte wahnsinnige Angst.“ „Dass du keine tausend erreichen würdest?“ fragt Jesus. „Nein“, antwortet Don Camillo, „ich fürchtete, Peppone würde sie vielleicht nicht erreichen. Ich hätte ihn auf dem Gewissen gehabt.“ *
Gewinner zu sein ist was Tolles. Aber, wenn gewinnen heißt, andere auf dem Gewissen zu haben, wenn Reichtum auf der Armut anderer aufbaut, wenn Aktiengewinne damit erkauft werden, dass immer mehr Menschen entlassen werden, dann steht Gott nicht auf der Seite dieser Gewinner. Am Ende des Gespräches verrät Jesus Don Camillo noch, dass er Peppone beim Zuschlagen ein wenig geholfen hat, denn eigentlich möchte Gott, dass es gar keine Verlierer gibt.

* Guareschi, G. Don Camillo und Peppone. Hamburg. Rowohlt Tasuchenbuch-Verlag 1957 (Auflage 1987, S. 67)


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War das eine Woche, erst G-8 Gipfel in Heiligendamm und dann Kirchentag in Köln. Die Medienleute und die Ordnungskräfte hatten richtig viel zu schaffen. Gut, wenn jetzt mal wieder ein bisschen mehr Alltag einkehrt. Nicht nur für die Journalisten und die Polizei, sondern auch für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen dieser Veranstaltungen. Im Alltag muss sich nämlich bewähren, was bei solchen Großveranstaltungen raus gekommen ist. Bei einer politischen Veranstaltung wie dem G-8 Gipfel bin ich mir nie ganz sicher, ob das, was dort vereinbart wurde, gut ist für die Menschen und auch im politischen Alltag trägt. Bei einem Kirchentag weiß ich, dass neben den Ergebnissen ganz entscheidend die Erlebnisse der Teilnehmer sind. Und die sind es oft, die einen im kirchlichen Alltag tragen. Der ist nämlich oft sehr mühsam und geprägt von viel Kleinkram. Viele ehrenamtliche Mitarbeiter und vor allem Mitarbeiterinnen, denn die meisten Aktiven sind Frauen, rackern sich ab. Investieren viel Zeit und Energie, um die Kirchengemeinde Vorort am Laufen zu halten. Und sie sind manchmal ganz schön frustriert. Lange Diskussionen ohne Einigung, aufwendig vorbereitete Veranstaltungen und kaum Resonanz und dazu die ganze Spardebatte. Und da tut es einfach gut, diesen Alltag mal zu unterbrechen. Sich mit vielen zu treffen, zu feiern, große Gottesdienste zu erleben und zu merken, man ist nicht allein in seiner Gemeinde. Es gibt viele in ganz Deutschland und überall auf der Welt, die sich in der Kirche engagieren. Natürlich wird beim Kirchentag auch gestritten – manchmal sogar ziemlich heftig – aber jeder findet für seinen Standpunkt auch Verbündete. Trotz vieler Streitpunkte, das Gemeinschaftserlebnis überwiegt.
Zugestanden, vieles ist wie bei einem Rockkonzert oder einer großen Sportveranstaltung einfach nur ein Bad in der Menge, mal abtanzen, den Alltag vergessen. Aber darüber hinaus kehren die meisten, die zum Kirchentag kommen, anschließend wieder zurück in den Kleinkram ihrer Kirchengemeinde und bewähren sich als Christen und Christinnen im Alltag.
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