Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Gott ist eine Erfindung des Menschen.“ Unser zehnjähriger Sohn überraschte uns mit diesem Satz. Wir saßen gerade beim Abendessen. Es ging um den Religionsunterricht. Unsere Tochter erzählte von Noah und der Arche. Erzählte, dass es Gott tagelang regnen ließ. Und da warf unser Sohn diesen Satz in die Runde: „Gott ist eine Erfindung der Menschen.“
Wir waren alle ein bisschen perplex. Dann haben wir ihn gefragt, wie er das meint. Und unser Sohn erklärte ganz nüchtern: Die ganze Welt kann gar nicht meterhoch überschwemmt werden. So viel Regen kann gar nicht fallen. Also muss die Geschichte von der Sintflut erfunden sein. Und deshalb, so unser Sohn, ist auch Gott eine Erfindung.
Wir haben diskutiert. Und wir haben herausbekommen: die Bibel berichtet gar keine Tatsachen – wie eine Zeitung etwa. Sie ist vielmehr ein Buch der Geschichten. Sie erzählt Geschichten über den Sinn des Lebens, erzählt von den Hoffnungen und Träumen der Menschen, von ihrer Trauer und ihrer Wut. Und sie erzählt in packenden Geschichten, was Menschen von Gott verstanden haben. Unser Sohn gab sich nicht geschlagen: Woher ich denn etwas von Gott weiß? Es wurde ein langes Abendessen.
Als dann alle Kinder im Bett lagen, ging mir das Gespräch nicht aus dem Kopf. Ich war glücklich, dass bei uns so gute Gespräche stattfinden. Aber ich habe auch wieder einmal erlebt, wie anstrengend Kinder sein können. Sie sind anstrengend, weil sie an gewohnten Gedanken rütteln, weil sie nachfragen. Das ist ganz schön anstrengend – aber auch beglückend.
»Kinder sind Zukunft!« So heißt es in dieser Woche im SWR. Stimmt. Aber genauso stimmt auch der Satz: Kinder sind Gegenwart! Mit allen Konsequenzen. Mit ihren Fragen und Anfragen – und mit echten Höhepunkten wie dem Satz: „Gott ist eine Erfindung des Menschen.“
Ich erlebe im Umgang mit meinen Kindern: Kinder sind eine grandiose Erfindung. Eine wunderbare Erfindung Gottes. Zum Beispiel, damit Erwachsene sich immer neu hinterfragen lassen. Deshalb sind Kinder Zukunft!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1090
Es waren erschreckende Zahlen: 45 Tequila, über 4 Promille. Zahlen, die ein erschütterndes Schicksal beinhalteten. Zeitungen berichteten: Ein Schüler stürzte Schnaps für Schnaps hinunter. Bis er das Bewusstsein verlor. Vier Wo-chen kämpften die Ärzte um sein Leben. Jetzt starb er – höchstwahrscheinlich an den Folgen des so genannten »Koma-Saufens«.
»Koma-Saufen« - ein anderer Begriff für Alkohol-Orgien Jugendlicher. Mit ei-nem Ziel: Sich aus Spaß oder Langeweile bis zur Bewusstlosigkeit zu betrin-ken. Die Nachricht vom Tod des Schülers hat mich erschrocken. Die Rede von der Auferstehung kommt mir da ziemlich schal vor.
Ein bisschen Risiko gibt dem Leben seinen Kick. Das glauben viele Jugendli-che. Und ich kann es ganz gut nachvollziehen. Aber so viel trinken, dass es zum Tod führt? Es fällt mir schwer, dass zu verstehen. Für mich heißt das: Das Leben selbst erscheint nicht als wertvoll und wichtig. Es zählt nicht viel. gerade an Ostern erschreckt mich das: Wenn das Leben vor dem Tod wenig bedeutet – was soll man da mit der Idee vom Leben nach dem Tod anfangen? Mit Auferstehung?
Ich rede oft mit Freunden oder in der Familie über Ostern. Meistens kommen wir auf eine zentrale Frage: Wie kann das sein, dass jemand stirbt und dann wieder lebt? Ich kann keine völlig plausible Antwort darauf geben. Ich begrei-fe immer nur ein Stück dieser Osterbotschaft. Ich verstehe: An Ostern geht es um das Leben. Es geht darum, dass der Tod das Leben nicht völlig überschat-tet. Ostern erzählt, dass das Leben lebenswert ist, lebenswichtig, lebensnot-wendig. Und: Dass Gott das Leben liebt – und eben nicht den Tod. Ich verste-he Auferstehung als einen Protest gegen den Tod. Und genau deshalb finde ich die Auferstehungsgeschichten berührend. Weil sie mich für das Leben be-geistern wollen. Weil sie anstecken wollen für die Idee: Das Leben ist kostbar. Zu kostbar, um es einfach so zu riskieren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1089
Auf dem Schild stehen nur zwei Wörter: »Kostenlose Umarmungen«. Ein Mann trägt dieses Bild durch die Straßen einer Großstadt. So fängt ein Kurz-film im Internet an. Im düsteren Schwarz-weiß ist dieser Film gedreht. Viel-leicht, weil der Mann zunächst vergeblich seine kostenlosen Umarmungen anbietet. Leute drehen sich ab, gehen schnell vorbei. Doch da kommt eine alte Frau auf den jungen Mann zu. Der muss sich tief bücken, um die Frau zu umarmen. Nach dieser Umarmung ist alles anders. Der Film wird bunt. Farbe kommt ins Spiel. Und viele Umarmungen. Mehr und mehr Menschen schließen sich dem jungen Mann an. Sie nehmen auch Schilder in die Hände, bieten auf der Straße kostenlose Umarmung an.
Ich glaube, ich würde auch einen großen Bogen um so ein Schild machen. Kostenlose Umarmungen? Ich weiß nicht. Umarmungen sind etwas für enge Freunde, für Partner oder Partnerin.
Trotzdem bewegt mich der Film. Denn er wirbt ganz offen für einen menschenfreundlichen Umgang miteinander. Er macht mir deutlich: Einem ande-ren Menschen nahe sein, macht glücklich. Nähe macht froh. Lässt mich spü-ren: Ich bin aufgehoben.
Für mich ist der Film »Kostenlose Umarmungen« ein Clip zur Auferstehung.
Denn Auferstehung bildet einen Gegenpol zum Tod. Der Tod wiederum bricht menschliche Beziehungen ab. Tod steht für Distanz. Er bildet eine Grenze zwischen den Lebenden und den Toten. Wie anders ist da Auferstehung. Denn Auferstehung steht für lebendige Beziehungen über den Tod hinaus. Auferstehung ist ein starkes Bild für Nähe. Das erzählen alle biblischen Auferstehungsgeschichten eindrücklich: Der auferstandene Jesus kommt immer wieder Menschen nahe, spricht mit ihnen, ist bei ihnen, überbrückt die Distanz des Todes.
Der Film im Internet hat mir beigebracht: Überall da, wo sich Menschen um-armen, wo sie sich nahe kommen, da beginnt Auferstehung – im Kleinen. Denn da wird der Tod bezwungen. Zumindest für einen kostbaren Augenblick lang.
Der Film ist unter dem Titel »Free Hugs Campaign« zu sehen unter http://www.youtube.com/watch?v=vr3x_RRJdd4

https://www.kirche-im-swr.de/?m=1088
Als Kind spielte ich mit einem Springteufel. Das ist ein altes Kinderspielzeug: Eine kleine Figur, ein Teufel etwa oder auch ein Clown, steckt in einem Kasten. Die Figur ist auf einer Feder festgemacht. Wenn man den Deckel öffnet, springt die Figur hervor.
Der Springteufel ist nicht nur ein Kinderspiel. Das hat der amerikanische Soziologe Peter Berger herausgefunden. Er hat sich intensiv mit dem Springteufel beschäftigt. Ihn hat nachdenklich gemacht, dass diese Figur immer wieder aufs Neue aus ihrer kleinen Kiste heraushüpfen kann. Berger kam auf die I-dee: Der Springteufel ist so ganz anders als der Clown. Denn der Clown tor-kelt durch den Zirkus, er stolpert über kleinste Hindernisse und rutscht auf Bananenschalen aus. Der Clown ist komisch, weil er so ungeschickt ist. Und deshalb lachen alle über ihn. Zugleich aber ist der Clown eine traurige Gestalt. Denn er geht immer wieder zu Boden. Egal was er macht. Der Springteufel dagegen springt immer wieder aus der Kiste – selbst wenn man sie mit aller Gewalt zudrückt. Er steht immer wieder auf.
Berger faszinierte dieses »Immer-wieder-Aufstehen«. Und er betont: Es steckt etwas Erlösendes in dem Springteufel. Etwas Leichtes und Befreiendes. Denn der Springteufel bleibt eben nie am Boden. Er rappelt sich immer auf. Er ist ein echtes Stehaufmännchen. Und so ist der Springteufel ein Symbol für die Auferstehung. Denn Christus, so Berger, ist auch eine >Stehaufmänn-chen<. Das ist keineswegs albern gemeint, sondern nimmt den Sinn des Wortes >Steh-auf-Männchen< ernst. Jesus steht auf – und das begründet auch die Hoffnung, selbst wieder aufstehen zu dürfen. Gerade wenn man im Leben ausrutscht und hinfällt.
Ich gebe zu, es mag komisch klingen, Jesus als Stehaufmännchen zu bezeich-nen. Aber es befreit auch – zum Lachen, zum Feiern, zum Erlöst-Sein – hier und jetzt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1087
Es war jedes Jahr das gleiche: Ein Osterei fehlte immer. Egal was wir machten als Kinder, egal wie intensiv wir suchten: Ein Osterei blieb verschwunden. Und mein Vater, der die Eier versteckt hatte, konnte sich mal wieder nicht an dieses letzte Versteck erinnern.
Ostern verbindet sich für mich mit solchen Erinnerungen. Ich gebe zu: Oster ist für mich, wenn ich bunte Eier hinter Osterglocken entdecke oder Osternes-ter finde. Für mich gehören Ostern und Eiersuche im Garten zusammen. Und ich glaube, dass diese Suche nach Ostereiern mehr mit dem Glauben zu tun hat, als manche denken.
Ostern ist das Fest vom Suchen und Finden. Tage, die das Verstecken und Entdecken feiern. Die Bibel erzählt: Am Ostermorgen machen sich Frauen auf den Weg. Sie wollen zum Grab, wollen den toten Jesus einbalsamieren. Als sie zum grab kommen, machen sie eine überraschende Entdeckung. Jesus ist verschwunden. Er ist weg – fast so, was wäre er versteckt.
Die Frauen wissen sich keinen Rat. Dann holen sie Verstärkung. Doch die her-beigerufenen Anhänger Jesu wollen den Frauen nicht glauben. Jesus soll nicht mehr tot sein? Sie rennen, so schnell sie können. Dabei erinnern sie an kleine Kinder bei der Eier-Suche. Gemeinsam finden sie das leere Grab, gemeinsam begegnen sie Jesus – einem Jesus, der ziemlich lebendig vor ihnen auftaucht.
Die biblische Erzählung hält fest: Der auferstandene Jesus will gesucht werden. Man muss ihm mit allen Sinnen auf der Spur sein. Auferstehung heißt dann: Einen geliebten Menschen suchen. Und ihn so suchen, dass dieser auch über den Tod hinaus lebendig sein kann.
Ein bisschen von dieser Lebendigkeit spürte ich an einem Sommertag vor über zwanzig Jahren. Wir spielten im Garten Fußball. Der Ball flog in die Büsche und ich kroch hinterher. Tief unter den herabhängenden Zweigen fand ich den Ball – und daneben lag das lange vermisste Osterei. Die Farben waren verblasst. Aber als ich das Ei in die Hand nahm, da war es ein Gefühl wie Ostern – ein Auferstehungsgefühl.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=1086