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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

31MRZ2007
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Morgen ist Palmsonntag. Übermorgen beginnt die Karwoche. Showdown für Jesus, würde man in der Filmbranche sagen. Nur noch wenige Tage hatte er zu leben, und was ihm in dieser Zeit passierte, reicht als Script für mehrere Filme. In erster Linie wohl Dramen, denn was damals in Jerusalem geschah, ist wirklich zum Heulen. Sieht man mal vom furiosen Auftakt ab, als die Jerusalemer ihn wie einen Hollywoodstar empfingen mit Palmwedeln, Jubelgesängen und Auslegen diverser Stoffe über die er schreiten konnte. Je höher aber der Aufstieg, umso tiefer der Sturz. Auch das gehört zum Drama um Jesus. Was mich fasziniert ist das Kaleidoskop der vielen, unterschiedlichen Menschen, denen Jesus in dieser Woche begegnet, sagen wir besser, ausgeliefert ist. Von dem Jubel der Masse war ja schon die Rede, eine Menschenmenge, die zumindest teilweise wenige Tage später seinen Tod fordert. Davor verleugnet ihn sein bester Freund, verrät ihn einer seiner Anhänger, lassen ihn die Jünger im Stich, tritt er hochnäsigen Mitgliedern des jüdischen Klerus gegenüber, findet er im arroganten Römer Pontius Pilatus einen abgebrühten und gnadenlosen Richter.
Die Leute, die in diesem Stück eine Rolle spielen, rühren mich an, weil ich spüre, das mir ihre Art und ihr Verhalten bekannt vorkommen. Auch ich habe schon geschwiegen wo ich hätte jemand verteidigen sollen. Auch ich kenne das: nur zu gaffen, statt zu helfen oder wenigstens fortzugehen. Ich war schon von Leuten begeistert, mit denen ich bald darauf nichts mehr zu tun haben wollte. Ich habe schon Menschen verurteilt, ohne Motive und Hintergründe ihrer Taten zu kennen. So gesehen komprimiert sich in dieser Karwoche, im Schicksal Jesu, was Menschsein negativ bedeuten kann. Das ist die schlechte Nachricht. Es gibt aber auch eine Gute, denn es gibt auch die anderen Seiten des Menschseins. Jesus lebt sie uns in dieser Woche vor. Das Gute suchen und tun, mitleiden und helfen, nicht wegsehen sondern hinschauen, trösten, heilen, streicheln, lieben ....Die gilt es zu verstärken und zu kultivieren. Denn diese Seiten bringen Leben. Selbst über den Tod hinaus. So wie bei Jesu.
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30MRZ2007
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Kinder sind das „Knopfloch zum Paradies“, so las ich vor Kurzem in einem Magazin.
Ok, durch ein Knopfloch kann ich durchsehen. Na ja, aber sehe ich, wenn ich mir Kinder ansehe, wirklich ins Paradies? Mit Paradies verbinde ich Zustände wie Gottesnähe, totale Geborgenheit, Frieden und Ruhe, das vollkommene Glück, etwas, wo der Tod keine Macht mehr hat. Wenn ich z.B. meine Kindern sehe, muss ich darüber erst mal Schmunzeln. Paradiesische Zustände treten manchmal erst ein, wenn die Sprösslinge schlafen. Kinder zu haben, bedeutet zuerst einmal Verzicht. Auf lieb gewonnene Gewohnheiten, Lebensrhythmen, private und berufliche Lebensabläufe. Ob wohl der Babysitter Zeit hat, wer geht mit ihr zum Kinderarzt oder mit ihm zum Fußballturnier – das sind Fragen, die einem zu schaffen machen können. Krankheiten, Not, Gewalt, Erziehungsprobleme, all das kann einem im Umgang mit Kindern widerfahren und das Leben schwer machen. Bis dahin, dass die Kids ein echtes Armutsrisiko darstellen. Der Untersuchungen zahlreicher Wohltätigkeitsorganisationen können davon ein Lied singen. Wer Kinder hat, wird sich auch dann noch um sie sorgen, wenn sie schon längst außer Haus sind.
Dennoch und trotz alledem: Mit Kindern zu leben kann einen Blick ins Paradies freigeben. Es gibt Leben zu sehen, Leben, das geschenkt ist, über das man nur staunen und dankbar sein kann. Leben, das ohne Worte verkündet: Gott hat die Lust am Menschen nicht verloren. Neues Leben, Kinder, sind Boten seiner Liebe zu unserer Welt. Mehr noch und um beim Knopflochbeispiel zu bleiben. Ein Knopfloch ist ja in erster Linie nicht zum Durchschauen da, sondern soll zusammen mit dem Knopf etwas zusammenhalten. Wer mit Kindern lebt, kann für sich selber Zukunft und Hoffnung, Sinn und Ziele im eigenen Leben finden. Kinder erzwingen durch ihr pures Dasein die Weiterentwicklung der Eltern als Erzieher und als Partner. Das stärkt den Zusammenhalt, erhöht das Selbstwertgefühl, macht stolz. In diesem Sinn sind Kinder dann wirklich Knopflöcher, die das Leben zusammenhalten und sinnvoll machen.

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29MRZ2007
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„Lass dich mal ansehen!“ Wer so was sagt zielt aufs Äußere, will Kleidung, Haare, das Gesicht eines anderen sehen. Kaum würde man so sprechen, wollte man das Innere eines Menschen beurteilen. Das geschieht eher im Stillen. Dabei wenden viele von uns viel Zeit und Energie auf, um zu Ansehen zu gelangen. Damit meine ich gar nicht mal das, was Staatsmännern, Professoren oder anderen Prominenten entgegengebracht wird. Es geht auch um mehr als den „guten Ruf“, es geht darum respektiert und gemocht zu werden.
Manche leisten viel, schuften und arbeiten um zu mehr Ansehen zu gelangen. Sie investieren so viel in das Gerenne um mehr Ansehen, dass sie genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie beabsichtigen. Ihnen ist der innere Druck anzumerken, sie machen sich lächerlich. „Mach dich nicht lächerlich“, würde wohl auch Gott sagen, spräche er zu diesen Menschen. Mach dich nicht lächerlich, denn wenn’s nach mir geht, brauchst du das gar nicht. Ich beurteile nicht nach dem Ansehen der Person, du musst dir meine Zuneigung nicht erleisten, sei so wie du bist, denn ich hab dich lieb so wie du bist.“ Das ist eine Grundaussage des christlichen Glaubens. Wie schön wäre es doch, wenn mehr Menschen diese Botschaft hören und ihr trauen könnten. Das würde den Rücken stärken, Rückgrat geben und Personen entstehen lassen, die in sich stehen und allein deswegen das Ansehen ihrer Mitmenschen garantiert bekämen. Schön wäre es, aber die menschliche Realität sieht oft anders aus. Und wenn in unserer Welt keine Erfahrungen von Wertschätzung gemacht werden hat’s auch Gott schwer, fällt sein Wort auf unfruchtbaren Boden und stößt auf taube Ohren. Dabei wäre alles so einfach. Ein kleines Rezept, Menschen zu Ansehen zu verhelfen, fand ich bei Paul Celan:
Manche Menschen wissen nicht, wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.
Manche Menschen wissen nicht, wie gut es ist, sie nur zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht, wie viel ärmer wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht, das sie ein Geschenk des Himmels sind.
Sie wüssten es – würden wir es ihnen sagen.

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„Ich glaube, ich mache alles falsch“, sagt der junge Mann, der vor Prüfungsangst zittert. Dabei lernt er immer sehr gut und bekommt beste Noten. Er sagt: „Wenn ich richtig an Gott glauben würde, dann würde ich doch nicht so eine Angst haben. Ich glaube zu wenig.“ Und dann erzählt er, was in seiner Familie immer wieder gesagt wird: Wer nur fest genug an Gott glaubt, der hat keine Angst, ist nicht traurig und bewältigt leicht alle Schwierigkeiten.
Schön wäre das, kann ich dazu nur sagen. Aber so einfach ist es leider nicht mit dem Leben. Und so einfach ist es auch nicht mit dem Glauben. In der Bibel lese ich etwas ganz anderes. Zum Beispiel Jesus. Er weint bittere Tränen, als sein Freund Lazarus gestorben ist. Er bekommt eine Mords-Wut auf die Tempelhändler und schmeißt sie zum Tempel heraus. In der Nacht vor seinem Tod überfällt ihn Todesangst, die er nur mit Mühe durchstehen kann. Und in seiner Sterbestunde glaubt er sich von Gott verlassen. Die Geschichte Jesu zeigt mir: Glaube und Angst, Wut oder Trauer schließen sich nicht aus.
Und in meinem Leben ist es nicht anders. Ob Prüfungsangst oder Trauer, solche Grenzsituationen sind für jeden Menschen schlimm, ob gläubig oder nicht. Kein Gebet und kein Glaube kann sie erst einmal lindern. Aber wenn ein Mensch an Gott glaubt, so wagt er zu hoffen. Glauben heißt, auf Hilfe hoffen. Hoffen, dass am Ende des Dunkels wieder Licht kommt. Hoffen, dass Gottes Liebe auch mir gilt. Hoffen, dass ich durchhalten kann, weil Gott mir zu Seite steht. Glauben – das kann heißen: darauf vertrauen, dass alles ein gutes Ende findet, trotz der Not, die vielleicht im Moment riesig ist.
Ich bin sicher: Es ist gut, Gott gegenüber auch Wut und Verzweiflung auszudrücken. Er kann ruhig wissen, wie schwer die Situation gerade ist. Er soll wissen, wenn einer sich überfordert fühlt. Auch wenn es „nur“ durch große Prüfungsangst ist. Die geht durch Beten zwar nicht einfach weg, aber sie lässt sich mit Gebeten oft besser aushalten. Und ich glaube: Gott lässt niemanden im Stich, der ihn um Hilfe bittet.

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Sie sind alle noch sehr jung. Haben gerade den Schulabschluss gemacht, ein paar haben Ausbildungspläne, Studienwünsche, andere haben noch dicke Fragezeichen, was aus ihnen werden soll. Aber eins verbindet sie jetzt: Sie machen gemeinsam ein freiwilliges soziales Jahr. In Kindergärten, Altenheimen, im Rettungsdienst oder im Krankenhaus. Ein ganzes Jahr lang arbeiten sie freiwillig für eine soziale Einrichtung. Für ein Taschengeld!
Ich durfte kürzlich eine solche Gruppe Jugendlicher kennen lernen, die gerade ein freiwilliges soziales Jahr machen. Und ich war begeistert von der Gruppe. Die jungen Menschen hatten viele Fragen. Und sie hatten viele Nöte. Denn sie erleben Dinge, die sie nur schwer verkraften können. Viele kommen aus einer behüteten Kindheit. Da ist es nicht ganz einfach, plötzlich mit heftiger Not konfrontiert zu sein. Die jungen Menschen sehen manches, was andere lebenslang nie zu Gesicht bekommen. Sie erfahren von der Angst anderer Menschen, sehen Verletzungen, leidende Kinder und manche begegnen in dieser Zeit auch dem Tod. Trotzdem wirkten alle mit ihren Einsätzen recht zufrieden. Es war eine Freude, mit diesen jungen, schon recht reifen Menschen zu sprechen.
Aus unterschiedlichen Motiven lassen sich junge Menschen auf ein freiwilliges soziales Jahr ein. Manche nutzen dieses Jahr, um sich darüber klar zu werden, welchen Beruf sie ergreifen wollen. Andere möchten vor ihrer Ausbildung schon Lebenserfahrung sammeln. Sie möchten etwas Nützliches tun. Es sind junge Christen dabei. Die wollen aus christlichem Geist nicht nur für sich, sondern auch für andere leben. Und manche tun dasselbe aus einer allgemein menschlichen Verantwortung heraus: Sie spüren, dass wir Menschen in der Welt gegenseitige Hilfe brauchen. Dass keiner für sich allein leben kann.
Mich haben diese Jugendlichen beeindruckt. Sie haben mich auch nachdenklich gemacht. Sie haben mich angesteckt mit ihrer Einsatzfreude, mit ihren Fragen, mit ihren frischen Ideen.

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So ein Pech aber auch! Einen Moment nicht aufgepasst - und ich bin mit dem Fahrrad gestürzt, ziemlich heftig. Die ganze rechte Körperseite ist auf den harten Boden aufgeschlagen, auch der Kopf. Und der Fahrradhelm liegt zu Hause. Für einige Tage sieht mein Gesicht zum Fürchten aus und auch sonst tut allerhand weh.
Aber: Trotz allem war es Glück im Unglück. Der heftige Sturz ist glimpflich ausgegangen. Nur die Blutergüsse und Prellungen trage ich noch lange. Sie sind mir eine Mahnung: Nie mehr werde ich ohne Helm fahren, auch dann nicht, wenn es bloß um die Ecke geht. Diese Lektion habe ich nachdrücklich gelernt.
„Stolpern fördert“ steht auf einer Spruchkarte, die mir kurz darauf in die Hände fällt. Ein Spruch von Goethe - im Moment finde ich den gar nicht so lustig. Aber leider ist er sehr wahr! Stolpern fördert! Denn die meisten Menschen werden erst durch Schaden klug.
In der Pädagogik ist das Prinzip schon seit jeher bekannt. Kindern darf man nicht jeden Stein aus dem Weg räumen. Natürlich brauchen sie unbedingt Hilfestellung und Schutz. Aber am meisten wachsen sie, wenn ihnen auch einiges zugetraut und zugemutet wird. Kinder werden selbstbewusst durch angemessene Schwierigkeiten, an denen sie sich festbeißen und durchbeißen können. Wie stolz sind sie, wenn sie selbst Lösungen für Probleme finden. Jedes Stolpern fordert sie heraus.
Aber ich weiß auch: Niemand stolpert gern. Wer mag schon Schwierigkeiten? Jeder ist froh, wenn es keine Probleme gibt. Aber das Leben fragt nicht danach. Das Leben bietet viele Stolpersteine: Moralische, finanzielle, gesundheitliche und andere. Doch solange die Stolpersteine nicht allzu groß sind, fördern sie auch uns Erwachsene darin, mit unserem Leben besser zurechtzukommen.
Und sei es „nur“, in Zukunft beim Fahrradfahren den Kopf mit einem Helm zu schützen.


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