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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Man soll keine Maske tragen, sondern sein wahres Ich zeigen. Das ist der durchgängige Rat aller Briefkastenonkel und Berater in den einschlägigen Zeitschriften. Nur wer offen und ehrlich kommuniziert, kann hoffen verstanden zu werden und hat Anspruch, von seinem Gesprächs-partner ernst genommen zu werden. Wer sich hinter Rollen und Masken versteckt, darf sich nicht wundern, dass es zu Missverständnissen kommt. Wer immer den Coolen spielt und sich hinter der Maske des Unerschütterlichen verbirgt, darf nicht überrascht sein, wenn ihn nie-mand versteht und niemand hilft, wenn er einmal schwach ist.
Ja, das mag alles richtig sein und taugt wohl auch für den grauen Alltag. Aber heute gilt das nicht. Heute nicht und morgen nicht und übermorgen auch nicht. Denn jetzt ist Fastnacht, und jeder hat das Recht, bis kommenden Dienstag eine Maske zu tragen und in eine Rolle zu schlüpfen, die ihm gefällt. Ein wenig rote und weiße Schminke und ich verwandle mich in einen Clown, von dem alle Alltags-Korrektheit abfällt und der seinen Spaß hat und seinen Spaß macht.
Natürlich kann man gut gelaunt und froh auch ohne Maskerade sein. Aber die Übertreibung an Fastnacht, mit Kostüm und Schminke, macht etwas deutlich, was sonst leicht vergessen wird: Immer korrekt sein zu wollen, immer offen und ehrlich, nie eine Maske tragen – eine solche Haltung kann selbst zur Maske und zur Rolle werden, die das wahre Ich mehr verdeckt als zu erkennen gibt. Da kann es regelrecht befreiend sein, an Fastnacht ganz bewusst eine Maske zu tragen und auf paradoxe Weise dem wahren Ich so eine Verschnaufpause hinter der Maske zu erlauben. Und eine Maske, die man sieht und erkennt, ist manchmal ehrlicher als bemühte Offenheit, die selbst zur Maske geworden ist.


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Auf dem Brüsseler Flughafen hatte ich noch Zeit bis zum Abflug meiner Maschine und folgte aus Neugier den Wegweisern zu den „Stätten der Verehrung“. Nach vielen Treppen fand ich im obersten Stockwerk des Flughafengebäudes diese „Stätten der Verehrung“: Sechs mittelgroße Räume, die alle als Andachtsräume gestaltet waren: Eine katholische, evangelische und ortho-doxe Kapelle, eine jüdische Synagoge und eine muslimischer Moschee. Alle Räume waren in der Tradition ihrer Weltreligion vollständig für den Gottesdienst ausgestattet und ansprechend gestaltet. Nur der sechste Raum war sehr spartanisch eingerichtet: Ein Besprechungstisch, zwei Stühle und ein Telefon, mit dem man einen Gesprächpartner herbeirufen konnte. Der Raum trug den Titel: „Humanistische Meditationszone“. Auf den ersten Blick schien das das Auffangbecken für alle Reisenden zu sein, die sich keiner der vertretenen Religionen zuordnen konnten, denen die Flughafenverwaltung aber auch einen Platz der Besinnlichkeit anbot.
Erst auf den zweiten Blick entpuppte sich der Raum als mehr: Humanistische Meditation, also Nachdenken über die Menschlichkeit ist eigentlich das Programm, das die im Flughafen vertre-tenen Religionen über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg verbindet. Jede Religion und Konfession nimmt für sich in Anspruch, in besonderer Weise den Menschen und der Mensch-lichkeit zu dienen. Und gerade überzeugte Anhänger der Religionen entdecken oft hier die Nä-he zueinander. Ob der sechste Raum vielleicht gar nicht nur der Sammelort für die religiös Heimatlosen sein soll, sondern zugleich auch der Treffpunkt für die unterschiedlichen Religi-onsvertreter sein kann?
Man stelle sich eine Gesellschaft vor, die nicht nur auf dem Flughafen, sondern mitten in den Städten und Siedlungen einen Raum schafft für das Nachdenken über die Menschlichkeit. Ein Ort, der für alle offen ist und an dem sich die verschiedenen religiösen Traditionen treffen kön-nen, aber auch die Suchenden, Zweifelnden und Ablehnenden. Dadurch verschwinden nicht die Gegensätze, und notwendige Auseinandersetzungen werden nicht überflüssig. Aber wenn un-terschiedliche Religionen gemeinsam über das Menschliche nachdenken, kann das der erste Schritt auch zu gemeinsamem Handeln sein.
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Im städtischen Bus sitzen zwei junge Frauen Rücken an Rücken. Die eine öffnet ihre Handta-sche, nimmt ihr Handy, wählt eine Nummer und wartet, den Hörer am Ohr, auf die Verbin-dung. Bei der anderen jungen Frau klingelt das Handy in der Jackentasche, sie zieht es nervös hervor, nimmt den Anruf an und meldet sich mit „Hallo?“. „Ja, hallo, ich bin`s, Du ich hab`s nicht mehr geschafft, entschuldige bitte ..“ „Ja wo bist du denn gerade?“ „Ich sitze im Bus ..“ „Ja ich doch auch ..“ Erst bei diesen Worten drehen sich beide um – und stellen lachend fest, dass sie längst zusammensitzen, während sie sich noch suchten. Aber wenn man Rücken an Rücken sitzt, dann kann die Entfernung so groß sein, dass man sie mit einem Handy überbrü-cken muß.
Jesus begann sein Wirken mit einer ganz einfachen Botschaft: Kehrt um, denn das Himmel-reich ist nahe. Kehrt um, dreht euch um, nehmt eine andere Perspektive ein, denn das Him-melreich ist zum Greifen nahe – man kann es sehen, wenn man nur in die richtige Richtung schaut. Wenn man ihm aber den Rücken zukehrt, besteht die Gefahr, dass man seine Chance verpasst.
Die beiden jungen Frauen im Bus hatten ein Handy, mit dem sie sich finden konnten, als sie einander den Rücken zukehrten, und die Situation löste sich in Lachen auf. Aber es sind leicht Situationen denkbar, in denen ein Handy nicht mehr hilft. Menschen können sich auf der Suche nach dem persönlichen Glück blind in Sackgassen verrennen. Karriere und Geld, aber auch Sorgen und Angst können die Lebensperspektive so verengen, dass scheinbar keine Alternati-ven mehr bleiben. Es gibt viele Möglichkeiten, in die falsche Richtung zu schauen und das na-heliegende Gute zu übersehen.
Hier macht die Botschaft der Bibel Mut: Kehrt um, das Himmelreich ist nahe. Interessanterwei-se heißt es nicht: Kehrt um, damit das Himmelreich nahe kommt. Es ist schon nahe, kommt vielleicht nur aus einer unerwarteten Richtung. Wie eine Freundin, mit der man Rücken an Rü-cken sitzt und die man freudig erkennt, sobald man sich nur umdreht.
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Da soll ein neuer Kollege kommen – und schon bevor er da ist, macht das erste Gerücht über ihn die Runde. Sein Start ist von vornherein belastet.
Da gibt es Knatsch im Vereinsvorstand, und der eine macht sich Luft und zieht beim Stammtisch über den anderen her. Das spricht sich herum, der Betroffene erfährt es, und die Beziehung zwischen den beiden ist dadurch ganz vergiftet; im Vorstand läuft jetzt gar nichts mehr.
Das sind keine Einzelbeispiele. Immer wieder passiert es, dass über Dritte, über Abwesende schlecht geredet wird. Es gibt Tratsch, üble Nachrede, Vorurteile. Und das Muster ist oft das gleiche. Dem, der da über andere redet, dem tut es gut, dass er seine Empfindungen loswerden kann. Er findet offene Ohren, vielleicht sogar Verbündete. Er fühlt sich bestätigt und kann sich deshalb o.k. fühlen. Oft auf Kosten dessen, über den es hergeht. Denn die, die zuhören und zustimmen, die machen sich ein festes Bild von ihm. Meist stimmt es nicht. Der Betroffene weiß nichts davon, und er kann nichts tun gegen das Gerede über ihn. Aber er bekommt er es zu spüren, spätestens dann, wenn andere ihm gegenüber auf Abstand gehen. Wehe, wenn er davon erfährt, wie ihm mitgespielt worden ist und wer es war! Oft ist dann die Beziehung nachhaltig gestört.
In der Ordensregel einer modernen Mönchsgemeinschaft von Schwestern und Brüdern steht deshalb: „Sage oder höre niemals etwas über einen abwesenden Bruder oder über eine Schwester, was du ihnen nicht schon gesagt hättest oder bereit wärst, ihnen in aller Offenheit zu sagen.“
Dieser Satz steht in der Lebensregel der „Monastischen Gemeinschaft von Jerusalem“. Ihre Mitglieder leben, arbeiten und beten bewusst mitten in den Städten, und sie legen großen Wert auf ein glaubwürdiges Gemeinschaftsleben. Sie wissen, dass das nur gelingen kann, wenn alle offen miteinander umgehen. Deshalb untersagt die Ordensregel jegliches Mitmachen bei lieblosem Gerede. Sie animiert dazu, dem anderen direkt zu sagen, was zu sagen ist. Dieser weise Rat war mir selbst schon eine Hilfe, wenn ich in der Gefahr war, über andere in deren Abwesenheit zu reden.

Die zitierte Regel findet sich in: Im Herzen der Städte. Lebensbuch der monastischen Gemeinschaften von Jerusalem, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2000, 22, = Regel Nr.9. Weitere, aktuelle Informationen über den Orden original auf französisch in www.jerusalem.cef.fr und per Internetrecherche zu „Monastische Gemeinschaft von Jerusalem“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=718
„Das Leben ist zu kurz, um einen schlechten Wein zu trinken.“ Das ist einer meiner Grundsätze, und meine Freunde wissen, dass ich mich daran halte. In meinem Keller liegen etliche Flaschen von guten Lagen – für alle Fälle, wenn es etwas zu genießen und zu feiern gibt.
»Deidesheimer Paradiesgarten«, »Dirmsteiner Herrgottsacker«, »Maikammerer Kapellenberg«, »Wormser Liebfrauenstift«, »Edenkobener Heilig Kreuz« – es gibt beim Wein viele Lagebezeichnungen mit christlichen Begriffen. Darin spiegelt sich wider, dass der Wein zutiefst mit unserer christlichen Lebenskultur verbunden ist.
Das ist auch kein Wunder. In der Bibel ist über 200 Mal vom Wein die Rede. In einem Psalm preist der Beter Gott für den „Wein, der das Herz des Menschen erfreut“ (Ps 104, 15). Das illustriert später auch die Geschichte von der Hochzeit zu Kana. Beim ausgiebigen Feiern geht mittendrin der Wein aus. Auch Jesus ist auf der Hochzeit eingeladen, und er verwandelt Wasser in besten Wein. Damit bewahrt er das Brautpaar vor der drohenden Blamage. Und er ermöglicht der ganzen Hochzeitsgesellschaft, dass sie ausgelassen weiter feiern kann. Es heißt in der Bibel, Jesus habe damit bewusst ein Zeichen gesetzt – ein Zeichen dafür, dass er das Leben liebt und die Menschen, ein Zeichen dafür, dass Gott es mit den Menschen gut meint. Das kommt im Wein zum Ausdruck.
Deshalb darf der Wein auch im Himmel nicht fehlen. Der Prophet Jesaja malt im Auftrag Gottes Bilder von der Vollendung des Lebens aus, und in einem davon heißt es: „Der Herr der Heere wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den besten und feinsten Speisen, mit besten, erlesenen Weinen.“ (Jes 25, 6)
Das sind doch schöne Aussichten! Der Wein als Zeichen für das „Leben in Fülle“, das wir dann bei Gott voll und ganz genießen können. Dafür ist ein guter Wein durchaus ein Vorzeichen. Im Sinn der Bibel könnte man sagen: Wer in froher Runde einen guten Tropfen genießt und so das feiert, was das Leben sinnvoll macht, dem kann der Wein einen Vorgeschmack auf den Himmel vermitteln, auf die Vollendung unseres Lebens, die Gott uns allen einmal schenken möchte.
So wünsche ich Ihnen gerade für die närrischen Tage, dass Sie einen guten Wein „mit Andacht genießen“ können – dass sie bei aller Lebensfreude dankbar an den denken, der uns alles Gute schenkt.

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Die närrische Zeit ist in vielen Gegenden geprägt von den Karnevalssitzungen. Es ist toll, was da immer wieder auf die närrischen Bretter gezaubert wird. Ich bewundere vor allem die Büttenredner. Ihre Leistung: Sie verpacken kritische Anfragen mit viel Humor, so dass keiner böse ist. Sie nehmen gesellschaftliche Zustände und bedenkliche Entwicklungen aufs Korn. Sie schreiben den Politikern und Wirtschaftsbossen ihre Fehler ins Stammbuch. Dem kleinen Mann sagen sie seine Eigenheiten auf den Kopf zu. Sie bringen all das ins Wort, was in der Welt im Großen und Kleinen fragwürdig ist. So halten sie der Gesellschaft einen Spiegel vor. Das ist ja ihre Aufgabe.
Manche dieser Anfragen sind ernst – aber sie werden nicht ‚tierisch ernst’ serviert, sondern mit einem Augenzwinkern. Mit einem Schmunzeln, das deshalb auch die Hörer zum Schmunzeln reizt – weil sie liebevoll karikiert werden.
So passiert genau das, was Max Frisch empfiehlt: „Man soll den Menschen die Wahrheit nicht wie einen nassen Lappen um die Ohren schlagen, sondern wie einen Mantel hinhalten, in den sie hineinschlüpfen können.“
Das gelingt erst recht, wenn der Büttenredner in seinem Vortrag auch sich selbst auf die Schippe nimmt. Dann spüre ich besonders gut, dass er die Wirklichkeit und sich selbst aus einem gewissen Abstand betrachtet. Das macht letztlich das Geheimnis des Narren aus: Dass er das Leben, die Mitmenschen und sich selbst mit einer gewissen Lockerheit und Gelassenheit anschaut. Dass er nicht in seine eigene Sicht verkrampft ist, sondern dass er mit innerer Freiheit an das Ganze herangeht. Dass er mit sich spielt und die Welt mal mit den Augen eines ganz anderen anschaut. Und eben mit Humor.
Genauer betrachtet ist das eine zutiefst christliche Grundhaltung: Gelöst durch das Leben gehen, mit innerer Freiheit und deshalb mit einem gewissen Abstand zu den Dingen – das sind Früchte der Erlösung, das steht Christenmenschen besonders gut an. Der heilige Thomas Morus hat deshalb ausdrücklich um Humor gebetet: „Herr, schenke mir Sinn für Humor, gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich ein wenig Glück kenne im Leben und anderen davon mitteile.“
Katholisches Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ 8, 3)


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