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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Ich bin gerne auf Friedhöfen: Die Ruhe, die Abgeschiedenheit. Der Lärm der Welt tritt zurück. Der mir liebste Ort der Ruhe: Das ist jenes Familiengrab auf dem Friedhof meiner Heimatstadt.
„Hier ruht in Gottes Ewigkeit“ steht da auf einem Grabstein, und darunter der Name.
Wenn man sich umschaut, sieht man, wie sich die Generationen hier gegenseitig die Hand geben: „Philipp“ heißen die Männer mit Vornamen, und das seit bald 200 Jahren.
Und wenn die Sonne scheint, kann man sich hier ausruhen auf der steinernen Bank. Sie ist für die Besucher aufgestellt, als werde man erwartet.
„Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit… in Ewigkeit“, so heißt es im Vater Unser. Das wird spürbar auf der Bank zwischen all den Toten: Gott war da, bevor ich gewesen bin, er wird da sein, längst nachdem ich vergangen bin und mein Leib hier in der Erde liegt bei den anderen. So, als ob ich erwartet werden würde am Ende, willkommen geheißen. Nicht nur von all den Verwandten da mit dem Vornamen Philipp, auch von Gott, der mich erwartet. Da, unter den Zweigen bei den alten Bäumen. - Ewigkeit.
Und mehr noch: Während ich hier sitze, spüre ich: Er ist da. Ist bei mir, wie er bei den ganzen Vorfahren ist und war, und auch bei denen, die da hinten auf dem Friedhof die Gräber herrichten und sich um ihre Verwandten sorgen.
Ein Engel steht auf einem Grabstein, mit einer Trompete, erhoben. Er singt, er verkündet den Sieg. Nicht den Sieg der Menschen, die darunter liegen, auch wenn die sich das manchmal gewünscht hätten: Er singt von der Auferstehung, am Ende der Tage: Den Sieg des Reiches Gottes, den verkündet er. Dass Christus lebendig ist und dass er alle befreien wird.
Ich sitze unter dem Engel und denke darüber nach, wie das ist. Vielleicht so ähnlich wie hier zwischen all den Toten: Geborgen, geschützt in Gottes Hand. In Ewigkeit.
Ein ganz neues, ein anderes Leben ist das. Es macht mich frei und offen und macht mich gelassen und zuversichtlich. Es hilft mir, Anteil zu nehmen am Schicksal anderer: So wie ich mich beschützt und umsorgt fühle, so kann ich auch andere schützen, und sie umsorgen kann ich.
Dein ist das Reich und die Kraft… herrlich, diese Ewigkeit. Amen.
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Sein zu wollen wie Gott, das ist unsere größte Versuchung. Sein zu wollen wie Gott Das heißt: Über andere Richter sein, über sie verfügen und sie beherrschen, sich selbst erlösen.
Täglich begegnet uns diese Versuchung, und sie begegnet im Spiel.
Und das Spiel ist „saubillig!“ und verspricht „sauviel Spaß!“… Jugendliche und Kinder wissen am besten, worum es dabei geht: „Ich bin doch nicht blöd.“ Es geht um Waffen, und die Spiele wollen die jungen Menschen verführen: sie sollen Scharfschützen werden, Soldaten, Killer. Ja, natürlich: Nur im Spiel.
Und führe uns nicht in Versuchung, heißt es im Vater Unser.
Vor ein paar Wochen hat das Spiel Opfer gefordert: Ein 18jähriger Schüler aus dem westfälischen Emsdetten kündigt im Internet einen Amoklauf an. Er schleppt schweres Waffengerät in seine Schule und schießt um sich. Nach dem Amoklauf bringt sich der Schütze um. Game over. Eine Szene wie in den Ballerspielen, die er so geliebt hat.
Sein zu wollen wie Gott – andere richten, über das Leben Herr sein. Ich frage mich, wie es dazu kommt, dass ein solches „Spiel“ Wirklichkeit wird. Wie es die Welt der Phantasie, der Netze, der Computer und Kopfhörer verlässt und grausame Realität wird.
Wenn es in der Schule schon seit Jahren schief läuft, wenn die Eltern nur mit sich selber beschäftigt sind oder nicht da, wenn Freunde fehlen, gute Freunde, und wenn ich keine Aussicht habe, in diesem Leben meinen Platz zu finden, Ausbildung, Arbeit, Hoffnung, Sinn... Dann bin ich sehr alleine, sehr verletzbar und dann wünsche ich mir, dass meine Kraft riesig wird, und ich wünsche mir, dass ich alle strafen kann, alle, die mich in meinem Leben so übel behandelt haben. Klein, gekränkt, hilflos, ohnmächtig bin ich…, und führe uns nicht in Versuchung,
Aber es geht doch weiter im Vater Unser, Gott sei Dank: sondern erlöse uns von dem Bösen, heißt es da.
Zuwendung, Beziehung, Achtsamkeit erlösen von diesem Drang, sein zu wollen wie Gott. Wir wissen es. Wer sich geborgen fühlt, der muss nicht als Scharfschütze durch die Welt laufen und auch nicht als Rächer.
Deshalb ist das Beste, was wir unseren Kindern sagen können und den Jugendlichen: Ich bin bei dir, ich liebe dich, ich passe auf dich auf.
„Erlöse uns von dem Bösen“- ich würde so weiter beten:
Du, Gott, sei unser Vater und Beschützer. Gib uns einen Platz, wo wir uns sicher und geborgen fühlen. Wo wir klein sein können, ohne uns zu schämen, wo wir einander annehmen in unserer Schwäche, ohne Angst zu haben. Schenke uns Heimat bei dir und voreianander. Dass wir dazu gehören. Amen.
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Hunger. Hunger nach Brot. Die älteren unter uns kennen das noch. Damals nach dem Krieg. Da hatten viele Hunger nach Brot. Und sie wissen auch, was das bedeutet. Da geht es nicht nur um den knurrenden Magen. Da ist das ganze Leben auseinander und die Gemeinschaft ist gefährdet.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“, so heißt es im Vaterunser.
Die Zeiten sind vorüber, bei uns. Gott sei Dank. Und doch gibt es wieder Armut in Deutschland. Armut und Hunger. Nein, es ist kein Hunger mehr nach Brot – zu essen gibt es genug bei uns. Aber es Hunger danach, einen Sinn im Leben zu finden, eine Aufgabe im Leben: Arbeit. Es ist Hunger nach Wertschätzung, nach Hoffnung, Hunger nach Zukunft. Und das ist genauso schlimm.
Über 11 Millionen Menschen gelten hierzulande als arm. Die meisten von ihnen haben nicht genug Geld zum Wohnen, zum Heizen, zum Leben. Ich hätte nie gedacht, dass es in Deutschland wieder Armut geben würde. Das Schlimmste aber ist, dass sich diese Menschen als wertlos empfinden. Als „die Überflüssigen“ hat man sie bezeichnet. Man braucht sie scheinbar nicht, ihre Arbeit, ihre Begabungen, ihre Persönlichkeit. Sie kosten nur, wird ihnen vermittelt. Deshalb gehören sie anscheinend nicht dazu.
Unser tägliches Brot gib uns heute, heißt es im Vaterunser – vielleicht müsste es bei uns und in diesem Zeiten heißen: Unsre tägliche Arbeit gib uns heute. Gib uns Anerkennung und Wertschätzung. Wir wollen dazu gehören.
Übrigens fand ich es immer erstaunlich, dass direkt hinter dieser Bitte um Brot im Vaterunser der Satz kommt: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Brot und Schuld liegen nahe beieinander. Wer Brot hat vergisst schnell diejenigen, die nichts haben. Findet sie manchmal sogar lästig. Das aber ist Schuld, vor Gott und voreinander.
Im Vater Unser betet niemand für sich alleine. Wer um Brot betet, der tut das auch für die andern. Es heißt ja nicht: Mein Brot gib mir – und den anderen gib nichts.
Unser tägliches Brot gib uns heute. Ich möchte jetzt so weiter beten: Und öffne uns die Augen für die, die am Rande stehen. Hilf uns, dass wir etwas für sie tun. Denn sie brauchen Arbeit und Anerkennung, sie gehören dazu. Und dazu gib uns den Mut, die Kraft und die Hartnäckigkeit. Denn auch sie sind Geschöpfe Gottes. Amen.
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„Wie im Himmel so auf Erden.“ Das sind Worte aus dem Vater Unser.
Ich kenne kaum Worte, die mehr Sehnsucht in sich tragen als diese: Dass es irgendwann keinen Unterschied mehr zwischen Himmel und Erde geben möge. Dass das Leben wenigstens einmal im Diesseits schon so schön sei wie im Jenseits: Nichts Böses mehr auf Erden, keine Gewalt, keine Unterdrückung. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.
Aber wo begegnet uns das heute schon?
„Wie im Himmel“, heißt ein Film aus Schweden, der im vergangenen Jahr in die deutschen Kinos gekommen ist, vielleicht haben Sie ihn ja gesehen.
In dem Film geht es um diese Sehnsucht: Ein Stück vom Himmel hier schon auf der Erde zu erleben. Und er zeigt, wie das jetzt schon möglich ist- nämlich in der Musik.
Es ist die Geschichte eines berühmten Musikers, der sein persönliches Glück erst dann findet, als er die großen Bühnen der Welt hinter sich lässt und zu seiner kleinen nordschwedischen Heimatgemeinde zurückkehrt. Dort beginnt er mit einem sehr laienhaften Kirchenchor zu üben. Und in der Arbeit mit diesem Chor erlebt er die Erfüllung, nach der er sein Leben lang gesucht hat. Klänge, Gemeinschaft, und: Liebe.
Manchmal, so scheint es, finden Menschen ja erst auf Umwegen zum Glück. Sicher – in dem Film wird nicht gezeigt, wie der Himmel sein könnte, aber es wird eines deutlich:
Es geht darum, dass Menschen zueinander finden, wenn sie sich aufeinander einlassen. Und dies geschieht im Film mit Hilfe der Musik. Denn Menschen beginnen im Zusammenspielen und Zusammensingen, aufeinander zu hören. Sie lernen gemeinsam zu klingen und zu einem weltumspannenden Klang zu werden.
Vielleicht ist die Musik ja eine Widerspiegelung des Himmels: Menschen, die miteinander singen, finden den eigenen Ton, hören einander zu, lauschen, welche Töne die anderen zum Klingen bringen, und dann, dann stimmen sie selbst ihren Ton an. Und wenn dies gelingt, wachsen sie zusammen zu einem vielstimmigen Klang und manchmal spüren sie etwas von dem, was uns im Himmel erwarten mag: Dass wir aufgehoben und umhüllt sind von Klang und Harmonie.
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„Geheiligt werde dein Name“, so heißt es im Vater unser. Das ist die erste Bitte in diesem Gebet: Gottes Name soll heilig gehalten werden. Aber was ist das eigentlich: „heilig“?
Ich habe eine kleine Holzschachtel. Da sind Eichelhäher-Federn drin. Die ersten, die ich in meinem Leben gefunden habe – jedenfalls erinnere ich mich so. Und dann ein selbst gemaltes Bild, von meiner ältesten Tochter. Sie war damals drei Jahre alt. Und ein wunderschöner Stein, den ich einmal in Dänemark am Strand gefunden habe. Und von meiner mittleren Tochter ein Stück Strand-Holz und von der Jüngsten eine Haarlocke. All diese Dinge bewahre ich sorgsam auf in meiner Holzschachtel, sie begleiten mich, sind so etwas wie ein kleiner Schatz.
Für mich sind es Hinweise dafür, wie kostbar das Leben ist. Und deshalb ist das erste, was ich „heilig“ nenne, das Leben. So wie es mir begegnet: In seiner kleinen, für mich fassbaren Gestalt. Das Leben: die Menschen, die Natur, die Tiere, die Steine. Weil jedes Stück von dieser Welt sagt: Ich bin geschaffen. Ich bin von Gott.
In meiner Holzschachtel liegt übrigens noch etwas: Ein Stück Beton, ein Splitter von der Berliner Mauer. Gold und rot schimmernd.
Im Winter 1989 ist ja die Mauer gefallen, Sie erinnern sich. Hunderttausende Menschen sind damals zur Mauer geströmt, auch ich. Und habe wie viele andere mit dem Hammer kleine Erinnerungstücke rausgeschlagen.
Heilig ist zum Zweiten, was mir Hoffnung macht. Hoffnung auf Frieden, auf Gerechtigkeit, auf Freiheit. Heilig ist mir, dass wir das zusammen tun, dass das nicht zur Privatsache erklärt und ins Beliebige gestellt wird: der Respekt vor dem Leben und die Hoffnung.
Dass ich meine Hoffnung teilen kann – mit anderen zusammen, dass wir zusammen gehören, nicht nur die Deutschen, sondern die ganze Menschheit.
„Geheiligt werde dein Name“, so heißt es im Vater Unser.
Und es gehört dann auch dazu, dass wir miteinander das Leben heiligen, und in Gemeinschaft von ihm erzählen: von seiner heilenden Gegenwart, davon, dass dieser Vater mein Leben hell macht. Er ist mein Woher und Wohin. Und darüber müssen wir miteinander reden.
Geheiligt werde dein Name – es ist gut, wenn wir das Gebet gemeinsam sprechen.
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Wie soll ich eigentlich Gott anreden? – IHN, der dort oben so weit im Himmel wohnt.
(Oder ist er hier drunten auf der Erde?)
Wie soll ich reden mit ihm, der manchmal so fern ist, (oder auch furchterregend nah.)
Die Jünger Jesu wussten das damals auch nicht.
Doch Jesus sagte: Nennt ihn doch einfach „Vater“ – „Abba“ – Nennt ihn: „Väterchen“.
So einfach.
Und so reden wir Gott heute noch an: „Vater unser“. Als wenn’s ein leibhaftiger Vater wäre, der Vater aller Väter.
Das ist ein gutes Gefühl, solch einen Vater zu haben. Einen, der immer da ist. „Vater unser“, das ist ein Beziehungsangebot, eine Freundschaft, eine Zuflucht. Das fühlt sich gut an.
Und immer wenn wir dieses Gebet, dieses „Vater unser“ sprechen, sagen wir damit auch: „Vater unser“, Ohne dich wären wir nicht da. Deine Liebe hat uns ins Leben geführt, und deine Fürsorge achtet darauf, dass es uns gut geht. Du willst, dass wir groß werden, verantwortungsvoll, selbständig. Du willst aber auch, dass wir dich achten.
„Vater“ hat Jesus Gott genannt. Und er hat uns dazu eingeladen, dass auch wir in ihm den Vater sehen. Auch oder gerade weil wir mit den wirklichen Vätern manchmal ganz andere Erfahrungen machen: Dass sie bisweilen hilflos sind, oder ungerecht, oder manchmal gar nicht da.
Es ist wunderbar, so einen Vater aller Väter zu haben. Einen Vater, bei dem wir immer willkommen sind. Mit all unseren Sorgen. Auch mit all unserer Freude. Eine Heimat eben.
„Vater Unser im Himmel“, „Unser Väterchen“ so lautet die erste Zeile des wichtigsten Gebetes, das heute alle Christinnen und Christen auf der Welt eint. Und weil das ganze Gebet so unausschöpflich ist, möchte ich es zu Beginn der neuen Woche für uns alle sprechen.
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden,
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich, und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen
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