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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

09DEZ2006
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Jedes Jahr wird gespannt erwartet, wer die Nobelpreise bekommt. In den Nachrichten sind es immer die Topmeldungen. Besonders beachtet wird dabei immer, wer den Friedensnobelpreis bekommt. Eine der höchsten Auszeichnungen, die es gibt. In diesem Jahr geht der Friedensnobelpreis an Mohammed Yunus. Das ist seit Oktober bekannt, morgen ist die offizielle Preisverleihung in Oslo.
Mohammed Yunus bekommt den Friedensnobelpreis für seine „Grameen-Bank“. Diese vor dreißig Jahren gegründete Bank vergibt Kleinkredite an Frauen in den ärmsten Ländern wie Bangladesh, die damit ein eigenes kleines Unternehmen aufmachen können: Eine Kuh kaufen für einen landwirtschaftlichen Betrieb, eine Nähmaschine, ein kleines Stipendium für eine Schulausbildung und so weiter. Weil die Zinsen moderat sind, kann der Kleinkreditnehmer das Geld auch leichter zurückzahlen, verrennt sich nicht im Kreislauf von Schulden und Zinseszinsen.
So hat die Grameen-Bank von Mohamed Yunus vielen eine Starthilfe geben können – die schon nach den ersten Erfolgen des neuen Unternehmens das Geld wieder zurückbezahlt haben. So liegt die Rückzahlquote der Kredite bei 98 Prozent. Die Geschäftsidee von Yunus mit den Kleinstkrediten ist die des steten Tropfens, der den „Stein“ der Armut höhlen kann.
Tolle Sache! So hat auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, in einem Glückwunschschreiben an Yunus gratuliert und die jahrelangen guten Beziehungen zur deutschen Kirche betont. Der Kardinal schreibt an den Preisträger: „Stets haben Sie an die Fähigkeit der Armen geglaubt, ihr Schicksal durch Selbsthilfe zu wenden. Die Klein- und Kleinstkredite, die die Grameen-Bank armen Menschen und vor allem den Frauen zur Verfügung stellt, verändern in inzwischen 58 Ländern das Gesicht der Gesellschaft. Die guten Entwicklungen in Ihrem Heimatland Bangladesh wären ohne diesen Einsatz gar nicht denkbar.“
Morgen bekommt er für seinen Einsatz den Friedensnobelpreis. Herzlichen Glückwunsch – Mohammed Yunus!
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08DEZ2006
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Wer schon mal bei ebay im Internet etwas gekauft oder verkauft hat, kennt das: Nach abgeschlossenem Deal können sich Käufer und Verkäufer gegenseitig eine Bewertung geben. In der Regel läuft alles glatt und beide geben sich gegenseitig eine gute Bewertung. Wenn aber mal was zu kritisieren ist, dann wird’s kompliziert. Ich hab neulich so einen Fall erlebt. Hab mir im Internet was ersteigert – Drei-zwei-eins ... meins. Ich habe bezahlt und auf meine Ware gewartet. Die kam auch, war allerdings nicht wie beschrieben, war schlicht und einfach defekt. Also hab ich Kontakt zum Verkäufer aufgenommen und ihn drauf hingewiesen. Der meinte, dass ich ihm nur ja keine schlechte Bewertung geben solle, weil er mir sonst auch eine geben wird. Na prima. Da zahl‘ ich mein Geld, krieg kaputte Ware und noch eine schlechte Bewertung dazu. Was ursprünglich als gutgemeinte Hilfe gedacht war, dass man nämlich schnell sieht, wie viele zufriedene Geschäftspartner man schon aufweisen kann, wird schnell zum Druckmittel: Wie du mir, so ich dir. Da geht es nicht um Gerechtigkeit und ob man sich als Käufer oder Verkäufer korrekt verhalten hat. Wer zu Recht eine schlechte Bewertung über die Ware oder die Zahlungsweise des Partners abgibt, muss damit rechnen, auch einen Minus-Eintrag zu kassieren, ob das dann berechtigt ist oder nicht. „Richtet nicht, damit Ihr nicht gerichtet werdet.“ (Mt 7,1). Steht schon in der Bibel. Aber das ist sicher kein Tipp für frustrierte Ebayer. Denn dass damit nicht „wie du mir - so ich dir“ gemeint sein kann, sieht man ja an diesem Ebay-Kauf. Und der Satz in der Bibel geht auch noch weiter: „Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden.“ Da geht es also um das rechte Maß und damit um wirkliche Gerechtigkeit.
Wer selbst hohe Qualitätsmaßstäbe an andere anlegt, hat sich zuerst selbst daran zu messen. Wer von anderen Gutes erwartet, muss auch Gutes als Vorleistung bringen. Wer Gerechtigkeit will, muss selbst fair bleiben. Bei Ebay, und im „richtigen“ Leben.
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07DEZ2006
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Sie ist die bekannteste Geschichte aus der Bibel: 88 Prozent der Deutschen können nach einer Allensbach-Umfrage die Story nacherzählen: Von Weihnachten, vom Jesuskind in der Krippe, Maria und Josef im Stall und den Hirten auf dem Feld. Alle anderen biblischen Geschichten kommen abgeschlagen dahinter, so kennt den Zweitplatzierten, David und Goliath, jeder vierte Befragte nicht. Kein Wunder, dass die Weihnachtsgeschichte so bekannt ist, schließlich ist sie wie jetzt im Advent wieder an allen Ecken und Plätzen zu finden: In der Werbung, im Schaufenster, in den Krippen auf dem Adventsmarkt und so weiter. In den Kirchen sowieso. Und heute kommt dieser Stoff auch ins Kino. „Es begab sich aber zu der Zeit“ heißt der Hollywood-Streifen, in Anlehnung an die Worte aus der Bibel, mit denen die Weihnachtsgeschichte beginnt. Der Film zeigt die beschwerliche Reise von Maria und Josef und die Geburt Jesu im Stall von Betlehem – aus der Perspektive der Eltern. Der Film hat schon im Vorfeld soviel Wirbel gemacht, dass es bereits vor mehr als einer Woche im Vatikan eine Uraufführung mit hochdekoriertem Publikum gab. Das hat nicht einmal der neue James-Bond-Film geschafft. Schon jetzt gelten die Hauptdarsteller des Bibelfilmes als Oscar-verdächtig. Nach dem blutigen Film „Die Passion“ von Mel Gibson kommt wieder ein biblischer Stoff in die Kinos. Diesmal weniger brutal, aber nicht weniger anschaulich. Dafür garantiert schon die Produktionsfirma, die auch schon „Der Herr der Ringe“ inszeniert hat.
Drehbuchautor Mike Rich möchte mit seinem Film in der hektischen Zeit des Advents ein kleines Fenster von zwei Stunden öffnen, damit in den Familien wieder über die alte Geschichte nachgedacht und gesprochen wird. Denn es lohnt sich, Weihnachten wieder seine eigene Geschichte zu geben und sie mal wieder nachzulesen in der Bibel. So ist auch der Text des Trailers eine Einladung ins Kino und ein Versprechen, das in der Weihnachtsgeschichte wahr wird: „Eine Familie. Eine Reise. Ein Kind, das die Welt verändern sollte. Für immer.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=282
„Wenn Gott stirbt, dann wählen wir den heiligen Nikolaus zu seinem Nachfolger!” Sagt ein bulgarisches Sprichwort. Ein starker Satz. Ich habe bisher, wenn der Name Nikolaus fiel, eher an Lebkuchen und Äpfel, Nüsse und Mandelkern in einem Schuh oder Teller gedacht. Aber der Nachfolger Gottes?
Nikolaus war Bischof von Myra, einer Stadt in der heutigen Türkei. Ein ungewöhnlicher Bischof, über den ungewöhnliche Geschichten erzählt werden.
Eine der Geschichten handelt von einem bettelarmen Mann. Der war völlig verzweifelt. Er wusste nicht mehr, wie er seine Familie durchbringen sollte. Und so dachte er allen Erns-tes daran, seine drei bildhübschen Töchter an einen Zuhälter zu verkaufen. So würden wenigsten sie den nächsten Winter überleben. Nikolaus hörte davon. Er schlich nachts zu der Familie und warf heimlich Goldmünzen ins Haus. Die Töchter mussten den Gang in die Prostitution nicht mehr antreten. Diese Geschenkgeschichte führt zu unseren, mit Süßigkeiten gefüllten Schuhen oder Tellern.
Ein Märchen? Ja und Nein! Auf jeden Fall aber auch ein Geschichte von heute. Denn auch heute noch führt Armut ins Elend, auch in die Prostitution. Das ist skandalös. Und Niko-laus ist mehr als nur der liebe Onkel, der Kindern Süßigkeiten schenkt. Nikolaus macht vielmehr vor, wie man die skandalöse Armut bekämpft. Ganz simpel und konkret: Armut endet dort, wo Menschen etwas von ihrem Besitz abgeben, wo Eigentum mit Verantwor-tung einhergeht. Mit der Verantwortung für andere, die wenig haben.
„Wenn Gott stirbt, dann wählen wir den heiligen Nikolaus zu seinem Nachfolger!” Nikolaus handelt so, wie ich mir Gott vorstelle. Er hilft Menschen in der Not, mischt sich in Armut und Elend ein. Sieht nicht weg. Dieser Nikolaus ist alles andere als ein bequemer Heiliger. Er fordert mich auf, heute zu sehen, wem ich ein paar Goldmünzen abgeben kann. Und wenn ich die nicht habe: eine Mandarine, eine Tafel Schokolade, ein Suppe, eine warme Decke .... .
https://www.kirche-im-swr.de/?m=276
Er gilt als jähzornig, rechthaberisch und kompromisslos. Wenn nötig wendet er Gewalt an. Er macht vor niemandem Halt – weder vor dem Papst noch vor dem Kaiser. Die Rede ist von Anno, Erzbischof von Köln. Heute feiert die Kirche seinen Gedenktag.
Warum wird ausgerechnet so ein Mann heilig gesprochen? Eine berechtigte Frage. Anno wird um 1010 als Sohn eines verarmten Ritters geboren. Er besucht die Domschule in Bamberg, wird Priester und Leiter der Schule. Ein hochintelligenter Kopf. Das erkennt auch der Kaiser, Heinrich III., der ihn als Berater an seinen Hof holt – und ihn als Vor-mund seines Sohnes einsetzt. Doch seine Karriere geht noch weiter. Anno wird 1056 Erz-bischof in Köln – gegen den Willen der Kölner Bürger, die Anno brutal regiert. Dann steigt er zum Reichsverwalter, zu einer Art Ersatzkaiser auf, denn der Kaiserthron ist verwaist – nicht zuletzt, weil Anno den Thronfolger, Heinrich IV., entführen ließ.
Anno ist der Prototyp des machtbesessenen Politikers. Aber er hat auch andere Seiten. Er gründete Klöster, wie die berühmte Benediktinerabtei Michaelsberg in Siegburg bei Bonn. Sie wurde dank Anno zum Zentrum einer bedeutenden Reformbewegung für Mönchsor-den im Mittelalter. Anno sorgte sich auch um Arme, spendete viel Geld und gründete ein Krankenhaus.
Viele Heilige sind wie Anno. Es sind widersprüchliche und problematische Figuren. Menschliche Menschen. Menschen, die sich falsch und richtig verhalten. Heilige sind Men-schen mit Ecken und Kanten, mit Licht und Schatten. Das entschuldigt den Heiligen Anno nicht. Aber es verdeutlicht: Das Christliche orientiert sich nicht an den unerreichbaren Idealen einiger Superfrauen und -männer des Glaubens. Der Glaube verlangt keine ü-bermenschlichen Leistungen. Er rechnet auch mit menschlicher Unvollkommenheit.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=275
Heute, am 4. Dezember, gehe ich mit meinen Kindern in den Garten. Schneide, wie viele andere Menschen auch, Zweige von einem Obstbaum. Wir stellen sie ins Wasser und warten, dass sie zu blühen beginnen. Ein Bild voller Fremdheit: Was haben Blüten im Dezember verloren?
Ein Sprung zurück ins vierte Jahrhundert. Nach Kleinasien, in die heutige Türkei. Dort lebt Barbara. Ihr Vater ist nicht nur steinreich, sondern auch maßlos eifersüchtig. Wenn er verreist, schließt er seine schöne Tochter in einen Turm. Das hält sie zwar von den Männern fern, aber nicht vom christlichen Glauben. Als ihr Vater erfährt, dass sie Christin geworden ist, schleppt er sie vor ein Gericht und vollzieht die Todesstrafe gleich selber.
Eine fremdartige Geschichte: Von liebevoller Beziehung zwischen Vater und Tochter keine Spur, keine Spur auch von einer Erziehung zur Selbständigkeit. Vielleicht betont die Le-gende deshalb, dass Barbara über einen außerordentlich scharfen Verstand verfügte. In Diskussionen über die Religion konnten ihr die Eltern kein Paroli bieten. Und sie wechselte Briefe mit Origines, der als weisester Mann von Alexandria galt.
Was haben aber nun die Obstzweige mit dieser scharfsinnigen Frau zu tun? Es wird erzählt, dass Barbara auf ihrem Turm einen verdorrten Kirschbaumzweig mit Wasser benetzte. Als sie wenig später zum Tod verurteilt wurde, nahm sie diesen Zweig mit in ihre Zelle. Und siehe da: Kurz vor ihrem Tod beginnt der dürre Ast zu blühen.
Das fremdartige Bild von den Blüten im Winter wandelt sich hier in ein trostvolles Zei-chen. Der blühende Zweig erzählt, im Angesicht des Todes, von neuem Leben. Der blü-hende Zweig im Winter ist aber auch ein Symbol des Widerstandes. Die Blüten stehen für den Aufstand gegen die winterliche Natur. So wie Barbara den Aufstand gegen ihren Vater übt. Ihren eigenen Kopf behält. Sich nicht bevormunden und verbiegen lässt.
Trost und Widerstand: An beides lässt sich denken, wenn an Weihnachten die Zweige blühen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=274
Der Dichter Wilhelm Willms schrieb einmal: „Gestern traf ich einen adventlosen Menschen. Der wusste alles, der hatte alles, der brauchte nichts mehr (...). Er zeigte mir seinen Terminkalender. Da war schon weithin alles verplant.“
Ein adventloser Mensch: Was soll das sein? Advent kommt vom lateinischen Wort »ad-ventus«, Ankunft. Advent ist also die Zeit der Erwartung, der Hoffnung, dass da etwas kommt, der Hoffnung, dass die Gegenwart nicht alles ist. Nicht umsonst beginnt das neue Kirchenjahr am ersten Advent. Doch tatsächlich wird die Adventszeit häufig durch Hektik, genaue Planung und Dauer-Stress bestimmt. Genau das nimmt Wilhelm Willms in den Blick, wenn er vom verplanten, adventlosen Menschen spricht.
Dieser adventlose Zeitgenosse kommt mir gar nicht so unbekannt vor. Der Terminkalen-der ist voll. Nichts darf dazwischen kommen. Für Krankheit – keine Zeit. Für Wünsche – keinen Kopf. Für die Not anderer – kein Platz.
Das Kontrastbild dazu liefert der Advent. Er ist die Zeit der Überraschung. Die Zeit der Menschen, die offen sind für das Ungeplante. Davon erzählt auch die Bibel. Etwa von den weisen Männern, die einen Stern entdecken, alles stehen und liegen lassen und loszie-hen. Oder von Maria, deren Kind sich so überraschend angekündigt hat.
Advent ist eine Chiffre für die Kunst, sich überraschen zu lassen. Sich nicht von Beruf und Karriere, von Geschenke-Hatz und Plätzchen-Backen auffressen zu lassen. Sicher, das ist nicht leicht. Aber die Sterndeuter oder Maria machen Mut, sich auf den Advent einzulassen. Sie werden beschenkt: Mit einem Kind, mit einer Hoffnung, mit einem Ziel. Ohne dass sie es geplant hätten, halten diese adventlichen Menschen plötzlich einen Zipfel des Glücks in ihren Händen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=273