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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19JAN2021
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An einem frühen Morgen Anfang Januar waren unsere Kinder noch schneller hellwach als sonst: „Es hat geschneit!“, hat unser Mittlerer gerufen. Zusammen mit seiner großen Schwester war er blitzschnell an der Balkontür, um draußen möglichst viel zu sehen. Und auch die kleine Schwester hat schnell gemerkt, dass da etwas Besonderes im Gang ist. „Es hat geschneit!“ – diese frohe Nachricht hat dem gesamten Tag eine neue Richtung gegeben.

Die Begeisterung unserer Kinder hat auch mich berührt und angesteckt. Und ich habe mit dafür gesorgt, dass die drei möglichst schnell nach draußen gekommen sind, um die ersten Schneekugeln zu rollen.

Der Schnee hat eigene Kindheitserinnerungen in mir geweckt. Auch für mich war damals alles wie verzaubert, wenn die Welt plötzlich weiß war. Alles war noch vertraut, aber irgendwie anders – und selbst der ganz normale Schulweg wurde plötzlich zum Abenteuer …

In alten Zeiten war den Menschen natürlich viel stärker bewusst, dass sie Teil der Welt sind, und auf die Natur angewiesen. Auch in den Texten der Bibel spürt man das. Und da wird gesagt, dass die Natur Schöpfung ist, also von Gott gemacht. In der Geschichte von der Erschaffung der Welt setzt Gott Sonne, Mond und Sterne an den Himmel – als „Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre“. Schon ganz am Anfang bekommt die Welt also eine Zeitordnung. Ich lese da heraus: Mein Alltag muss und soll nicht immer genau gleich sein. Je nach Jahreszeit oder Wetter kann ein Tag unterschiedlich verlaufen. Und das zeigt mir dann, dass ich mit der Welt verbunden bin – und auch mit Gott.

An diesem Morgen, als es geschneit hatte, war ich überrascht, wie unsere Kinder sich vom Lauf der Natur haben berühren lassen. Sie haben sich voll darauf eingelassen, was ihnen draußen so entgegenkommt. Ich als Erwachsener habe das im Alltag ein bisschen verlernt, denke ich manchmal. Ich plane meinen Tagesablauf ja meistens ganz unabhängig von der Jahreszeit oder vom Wetter. Mit Strom und Licht fühlt es sich drinnen ja auch immer ungefähr gleich an. Und draußen nehme ich eben das Auto, wenn es mit dem Fahrrad mal nicht geht.

Dagegen spricht ja erst mal nichts. Aber irgendwie ist es auch schade, finde ich. Denn ich lebe doch nicht unabhängig von der Welt, sondern mittendrin! Dann wäre es vielleicht gut, wenn ich von dieser Verbindung auch was spüre und den Lauf der Natur auch in meinem Alltag zulasse.
… so wie an diesem einen besonderen Tag im Januar, im Schnee.

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18JAN2021
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Wie geht es weiter mit der Corona-Krise? Das weiß immer noch niemand so richtig. Der „harte Lockdown“ ist erst mal in die Verlängerung gegangen. Aber wie geht es langfristig weiter? Was wird aus dem Schuljahr – für die Kinder, für die Familien, für mich als Pfarrer und Lehrer? Wie ergeht es den Selbstständigen? Was machen die Vereine? Sollen wir als Kirchengemeinde jetzt schon was planen für Ostern?

Ich weiß das alles nicht. Und ich habe immer noch das Gefühl, irgendwie dazwischen zu sein. Zwischen dem Alltag, wie er mal war — und wie er hoffentlich irgendwann mal wieder sein wird. Das finde ich sehr anstrengend. Und an manchen Tagen habe ich das Gefühl, kräftemäßig gar nichts mehr hinzubekommen, völlig neben mir zu stehen. Dazwischen eben. Was hilft mir da?

Ein weiser Mensch hat mal aufgeschrieben: „Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu!“ Das steht mitten in der Bibel. Ich mag diesen Satz. Weil da nicht groß gegrübelt wird. Nicht nach hinten gedacht oder nach vorne. Es geht nur um das, was ich jetzt im Moment tun kann. Und das soll ich dann so gut wie möglich machen.

Auch in dieser Zwischen-Zeit geht das Leben ja weiter. Und es macht einen Unterschied, wie ich meine Arbeit tue oder wie ich mit meinen Kindern umgehe oder wie ich ein Hobby pflege. Ich soll mir über die Zukunft Gedanken machen, natürlich. Aber ich soll mich von der Unsicherheit nicht lähmen lassen. Und es muss immer wieder Momente geben, in denen ich nicht darüber nachgrüble, was mal war und was wieder sein wird. Sich über eine unsichere Zukunft Gedanken zu machen, kostet ja auch Kraft – die mir dann woanders wieder fehlt.

Das ist auch sonst so manchmal im Leben. Wenn die Schule geschafft ist und die Ausbildung erst noch beginnt. Wenn Wünsche nach Familie und Kindern kommen. Oder nach dem Beruf, wenn man sich Gedanken macht über den Ruhestand. Auch da lebt man sozusagen zwischendrin. Man ist gespannt, was wohl kommt – und gleichzeitig muss man erst mal das tun, was gerade halt ansteht.

Und umgekehrt gilt ja vielleicht: Wenn ich die kleinen Dinge bewusst tue, dann bekomme ich auch Kraft, die großen Fragen auszuhalten. Und eines Tages wieder ein Leben „nach Corona“ zu führen.

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