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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

19APR2021
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Ich bin auf dem Mannheimer Marktplatz und schlendere an den Marktständen vorbei. Natürlich mit Mund-Nasenschutz, denn es ist viel los und in der Innenstadt herrscht Maskenpflicht. 

Aber nicht alle halten sich daran. Wie die Frau, die neben mir geht. Sie schimpft: „Scheiß Merkel-Regime. Die machen mit uns, was sie wollen.“ Sie zeigt spöttisch auf meine Maske: „Macht Ihnen das Spaß, die zu tragen?“ „Spaß nicht gerade“, antworte ich. „Aber ich möchte Sie schützen – und mich auch. Ich finde das wichtig.“

Die Frau schüttelt den Kopf und geht weiter. In unserem kurzen Gespräch haben wir irgendwie nicht zueinander gefunden. Das erlebe ich momentan öfter auch in meinem Freundeskreis und in der Familie. Da sind zum Beispiel zwei meiner Freunde, die mich ständig auf einen Kaffee einladen und denen ich dann erklären muss, dass ich das gerade nicht möchte. Oder meine Cousine, die sich total einigelt und sich nicht mal auf einen Spaziergang mit Abstand einlassen kann. Ständig geraten wir wegen Corona aneinander.

Richtig mühsam ist es, wenn ich mit Steffen rede, einem Bekannten von mir. Er nennt alle, die seinen Verschwörungsideen widersprechen, „links-grün versifftes Pack“. „Nazi-Schweine“, kontern die anderen.

Wenn ich so rede, kann ich kein Gespräch führen. So eine Sprache verbindet nicht. Ich möchte eine andere Sprache finden. Und das ist schwierig.

Mit Steffen bekomme ich beim Reden gar keinen Kontakt mehr, genau wie mit der Frau am Marktplatz. Sie hat mir nur ihre Wut an den Kopf geschmissen und ich habe ihr gleich hingeknallt, wie ich die ganze Sache sehe.

Ich stelle mir vor, wie es gewesen wäre, wenn ich der Frau erst mal zugehört hätte, anstatt sie gleich zu belehren. Vielleicht hätten wir dann darüber geredet, dass wir beide mit den Nerven am Ende sind, weil alles so anders und nichts mehr sicher ist.  

Ich glaube, der Schlüssel liegt darin, wie wir miteinander sprechen: Will ich dem anderen erst mal zuhören oder ihn mir gleich vom Leib halten? Will ich mich wirklich austauschen und ein Gespräch führen – oder es nur gewinnen?

Immer wieder drohen solche Gespräche aussichtslos zu werden. Mir hilft es dann, wenn ich etwas suche, was uns verbindet.

Ich möchte noch mit den Leuten um mich herum sprechen können. Und zwar so, dass wir im Guten auseinander gehen können. „Im Guten“, das heißt nicht unbedingt in Einigkeit, aber im Gespräch.

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