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Anstöße sonn- und feiertags

17JAN2021
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Andere Menschen erleben mich vielfältiger, als ich denke. Und oft nehmen sie dann auch positive Seiten an mir wahr, die ich selbst gar nicht im Blick hatte.

Neulich habe ich das erlebt. Da habe ich eine meiner früheren Kindergartenerzieherinnen getroffen. Als Kind habe ich sie sehr gemocht, später habe ich immer wieder mal an sie zurückgedacht. Irgendwann habe ich dann beschlossen, sie ausfindig zu machen und mich bei ihr zu melden.

Im Kindergarten war ich vor über 30 Jahren. Ob meine frühere Erzieherin mich nach so langer Zeit noch kennen würde? Daran habe ich offen gestanden nicht gezweifelt – und zwar deshalb, weil ich mich im Rückblick als „schwieriges“ Kindergartenkind in Erinnerung hatte. Bei mir gab es – sagen wir mal – erhöhten Betreuungsaufwand. Das habe ich in meiner E-Mail auch so geschrieben.

Tatsächlich hat sich meine Kindergartenerzieherin von damals noch genau an mich erinnert. Aber in ihrer Antwort hat sie mir ganz andere Gründe dafür genannt. Sie hat positive Charaktereigenschaften aufgezählt. Und mir sogar noch eine lustige Anekdote geschildert. Von der hatte ich gar nichts mehr gewusst, und auch meine Eltern nicht.

Auch bei unserem persönlichen Treffen dann – zusammen mit meiner Familie – habe ich gemerkt: Als Kindergartenkind hatte ich offenbar ganz viele Seiten. Und in ihrer Erinnerung nachgewirkt hat vor allem das Schöne. Für meine frühere Erzieherin war es spannend, das mit meinem weiteren Lebenslauf in Verbindung zu bringen. Und natürlich hat sie auch in unseren Kindern etwas davon entdeckt.

Mir hat diese besondere Begegnung gezeigt: Ich bin vielfältiger als das, was ich selbst von mir denke. Das gilt gerade auch, wenn ich kritisch über mich und mein Leben denke. Andere sehen oft mehr, als ich es kann.

Manchmal zeigen einem das andere Menschen. Und als Christ glaube ich, dass auch Gott so mit uns umgeht. Er legt mich nicht auf die Grenzen und Schwierigkeiten meiner Vergangenheit fest. Er sieht das, was schon gut ist – und führt es weiter. In ganz vielen biblischen Geschichten wird das so erzählt. Paulus zum Beispiel hat selbst sehr kritisch auf seine Vergangenheit zurückgeblickt. Er hatte die ersten Christen verfolgt und dabei große Entschlossenheit gezeigt. Aber als Apostel konnte er mit genau dieser Charaktereigenschaft viele Kirchengemeinden gründen und unterstützen. Auch in ihm hat also mehr Gutes gesteckt, als er selbst vorher gedacht hat. Vielleicht haben Sie das ja auch schon erlebt.

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