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SWR1 Begegnungen

27NOV2022
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Egon Wieland Foto: Manuela Pfann

Manuela Pfann trifft den Kur- und Reha-Seelsorger Egon Wieland aus Bad Waldsee

… und mit Egon Wieland. Ich sitze ihm gegenüber in einem gemütlichen weißen Sessel in seinem Büro; vor dem Fenster glitzert der Stadtsee. Wir sind im oberschwäbischen Kurort Bad Waldsee. Dort ist der Theologe seit fast 15 Jahren Kur- und Reha-Seelsorger. Und deshalb sitzen jede Woche Patientinnen und Patienten in dem Sessel, auf dem ich gerade Platz genommen habe. Die Gespräche in diesem Büro gehen lange, manchmal drei Stunden. Weil Menschen in Kur oder auf einer Reha in einer besonderen Situation sind.

Dieses Arbeiten mit dem Körper in den Kliniken ist eine gute Grundvoraussetzung. Da ist fürs Essen gesorgt, da kriegt man seine Massagen, seine Dinge, die der Körper braucht, und dann kommt so ein Durst an dieser Stelle, das eine oder andere Problem anzugehen.

Mit Durst meint er: Die Patienten merken schon lange: da treibt mich was um in meinem Leben, da gibt’s was, das mich belastet. Und jetzt spüren sie: das ist die Gelegenheit, das zu klären. Damit kommen sie zu Egon Wieland. Bei ihm gibt es kein Zeitlimit. Ein Gespräch geht so lange, wie es geht.

Der heilige Geist schafft nicht im 55-Minuten Rhythmus, sondern der kommt, wenn er kommt. Und er lässt geschehen, wenn er es geschehen lässt. Da ist die Seele offen, da ist der Verstand offen. Da passiert etwas. Es ist so eine befreiende Geschichte, wenn man von sich erzählen kann.

Kurseelsorge ist eine spezielle Gemeinschaft auf Zeit. In der Regel dauert sie drei Wochen. Manche PatientInnen kommen in dieser Zeit sieben oder acht Mal zum Gespräch vorbei, zwischendurch schickt Egon Wieland sie raus und bittet sie, den Stadtsee zu umrunden. Das hilft manchmal, um zu sortieren und klarer zu sehen:

Wo sind meine Bedürfnisse, wo sind meine Lebenswünsche, warum steh ich mir da im Weg, was passiert da?

Ich weiß auch nicht immer so genau, was ich wirklich brauche. Egon Wieland gibt mir ein Beispiel, wie man dem auf die Spur kommen kann. Das hat für ihn mit Gott zu tun. Ich bin mir sicher, auch Nicht-Schwaben verstehen, was er meint:

Wenn Gott will, dass es uns gut geht, dass wir glücklich sein können, dann muss er uns ja Sachen anbieten, in uns hineinlegen, wo wir spüren: „Ha jetzt isch es grad schee! Ha jetzt passt‘s! Des war ein schönes Wort, des war ein schönes Geschehen. Ha jetzt isch es guat. Und genau diese Dinge sind’s dann.

Er nennt den Weg, den er mit den Patienten geht, einen Versöhnungsweg. Weil er festgestellt hat: Sehr viele sind unzufrieden. Vor allem mit sich selbst, mit dem was sie tun, wie sie aussehen, wer sie sind.

Für mich ist es wirklich dieser Geist im Augenblick, dass wir alle Selbstunternehmer sind. Dass wir alle immer noch besser werden müssen; allen Firlefanz müssen wir verbessern, wo etwas nicht perfekt ist. Und das ist etwas Schlimmes.

Darin steckt für ihn das Hauptproblem. Sein Ziel ist deshalb: die Patienten sollen mit sich selbst versöhnt nach Hause fahren. Damit das gut gelingen kann, hat er ein besonderes Ritual entwickelt. Also eine Handlung, die immer ähnlich abläuft. Er nennt es „Versöhnungsritual“.

Die Methode jetzt in diesem Ritual ist ja, dass ich einlade, eine Handschale zu bilden und in die Handschale, die belastenden, die verletzenden, die beschämenden Dinge, die wir vorher besprochen haben, dann hineinzulegen. Und ich lass die Handschale oft so lang, ich zöger das so lang hinaus, bis man wirklich merkt, die Hände sinken nach unten. Das Gewicht von dem, was man immer so mitträgt, was einen nachts belastet, das muss körperlich spürbar sein. Und erst dann kann man es loslassen.

Wie und wohin die Worte und Erfahrungen in der Schale dann losgelassen werden, das ist ganz unterschiedlich. Egon Wieland sucht mit seinen Patienten einen individuellen Weg.

Ich hatte einen Patienten, der in diesem Prozess dann gesagt hat, am besten wäre für mich, wir könnten in einen Fluss, in einen Bach steigen und ich nehm meine Handschale und lass die vom Wasser umspülen und lass das langsam wegspülen.

Also hat er eine kurze Hose angezogen und ist mit dem Patienten zu einem kleinen Bach in der Nähe gegangen. Mit einer anderen Patientin ist Egon Wieland am Abend auf eine Anhöhe gestiegen, und die Frau hat den Inhalt ihrer Handschale in den Sonnenuntergang hineingelegt. Am Ende solch eines Versöhnungsrituals steht immer ein Segen:

Gott, der dich versöhnt, weiß um dein Inneres, deine Stärken und deine Schwäche. Er hält dich in seiner Liebe; er lässt dich aufatmen und schenkt dir Heil für Leib und Seele.

Es ist ein ausschließlicher, ganz klar formulierter Zuspruch; nicht: Wenn du das alles gemacht hast, dann … Ich glaube, das ist das Entscheidende an dieser Stelle.

Schlicht und einfach: mit mir selbst einverstanden und zufrieden sein. So verstehe ich diese Worte. Und kann gut nachvollziehen, dass Patientinnen nach drei Wochen in der Kurstadt und mit Egon Wieland als Begleiter anders nachhause fahren, als sie gekommen sind.

Dieses Versöhnungsritual hat der Seelsorger aufgeschrieben, zum Mitnehmen. Auf dem Blatt stehen noch andere Texte. Da lese ich zum Beispiel: „Wir glauben, dass Gott liebt, dass Gott rettet, dass Gott Anfänge schenkt.“ Das Ritual könne man jederzeit auch zuhause wiederholen, sagt der Seelsorger. Denn die Versöhnung hält Egon Wieland in dieser Zeit für besonders wichtig:

Versöhnung wäre für mich die Hilfe, zu sich selbst zu kommen, sich selber ernst zu nehmen. Das Aussöhnen mit sich und seinen Gebrechen, nicht immer noch besser sein zu müssen. Versöhnung ist Lebensweg. Gelungener Lebensweg.

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