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SWR1 Begegnungen

14AUG2022
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Bettina Jarasch Foto: Bündnis 90/Die Grünen Berlin / Dominik Butzmann

Christopher Hoffmann trifft die Politikerin Bettina Jarasch, Senatorin für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz und Bürgermeisterin von Berlin.

Im Herbst letzten Jahres hatte sie als grüne Spitzenkandidatin das bis dahin beste Ergebnis ihrer Partei in der Hauptstadt erzielt. Die 53-Jährige ist gläubige Christin und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Als Tochter einer katholischen Mutter und eines halbjüdischen Vaters, sie beschreibt ihn als Freigeist, wuchs sie in Augsburg auf. Zu Hause wurde viel über Religion diskutiert.

Ich bin katholisch, aber eben immer mit Anfragen an meinen eigenen Glauben aufgewachsen und schätze das eigentlich, weil ich bin natürlich auch als gläubige Katholikin trotzdem eine Suchende und hab ganz viele Fragen: nicht nur an die Kirche, auch an mich selbst, an den Glauben, an überhaupt.

Diese Fragen bewegen Bettina Jarasch schließlich zum Philosophiestudium – besonders die Frage nach dem Sinn des Lebens. Ihre Antwort darauf fand sie allerdings nicht im akademischen Elfenbeinturm. Dafür spielte dann wieder ihr christlicher Glaube eine wesentliche Rolle.

Lieben! Lieben ist für mich der Sinn des Lebens.   Wenn ich irgendwas richtig verstanden hab an dem, was Jesus Christus auf dieser Welt wollte, dann war das zumindest ein wichtiger Teil seiner Botschaft.  Und das ist deswegen nicht profan, weil -wenn man nicht nur sagt man liebt die eigene Familie, die einen ja auch zurückliebt , sondern Liebe in diesem umfassenden Sinn gedacht ist, in dem es auch Jesus Christus versteht-Liebe deine Feinde-dann ist das schon alles andere als selbstverständlich, aber auch: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, bedeutet auch: man muss ein gutes Verhältnis zu sich selber haben, also eine gewisse Art von Selbstliebe haben und das ist ja das Gegenteil von Eitelkeit und Egoismus. Man muss sich selber erst mal akzeptieren-damit man offen ist andere zu lieben. Und das ist ein Weg, für den ich zumindest eine Weile gebraucht hab. 

Die Zahl der Katholiken in Berlin liegt inzwischen bei unter 10% - ich will von Bettina Jarasch wissen: Wie ist das in Berlin katholisch zu sein?  

Was tatsächlich typisch ist für katholische Gemeinden ist das Multikulturelle  - das liegt natürlich daran, dass eben die katholische Kirche doch weltweit verbreitet ist und Menschen einfach aus allen Ländern hierher kommen. Wir haben einen wahnsinnig hohen Anteil an Menschen mit Migrationsgeschichte in den Gemeinden, wir haben ja auch ganz viele muttersprachliche Gemeinden. In der Gemeinde, in der ich lange Zeit eben im Pfarrgemeinderat war in Kreuzberg, hatten wir eine tamilische Gemeinde und eine ghanaische Gemeinde. Und das ist schon mal anders als das Bild was die meisten Menschen von der katholischen Kirche haben, aber so sieht die Wirklichkeit aus.

...eine Erfahrung, die ich kenne, wenn ich Freunde in Großstädten besuche und ganz selbstverständlich zwischen kroatischen oder kongolesischen Katholiken im Gottesdienst sitze.

Ich treffe die Politikerin Bettina Jarasch in der Senatsverwaltung für Umwelt, Mobilität, Verbraucher- und Klimaschutz in Berlin-Mitte. Von der ZEIT wurde die engagierte Christin mal die „Kreuzberg-Katholikin“ genannt. An ihrer katholischen Gemeinde in Kreuzberg fasziniert Bettina Jarasch, dass sie schon lange offen ist für alle Menschen – das ist für sie eine Vision von Kirche:  

Geschiedene, Wiederverheiratete-Geschiedene, Alleinerziehende, Schwule. Aber auch zum Beispiel Obdachlose, die haben eben bei uns nicht nur irgendwie essen bekommen- klar das gab´s auch, auch Notübernachtungen haben wir bei uns in der Gemeinde immer gemacht im Winter , aber wir haben versucht die wirklich als Teil der Gemeinde zu sehen, das heißt die waren im Gottesdienst und manche haben dann auch mitten im Gottesdienst angefangen laute Reden zu halten und mit ihren Plastiktüten reinzukommen, zu rascheln, wieder rauszugehen, weil sie  es nicht ausgehalten haben eine Stunde still zu sitzen. Und es gab ganz viele Menschen, die erst auf Umwegen zum Glauben gekommen sind. Wir hatten erstaunlich viele Erwachsenentaufen, dafür waren wir eben ein offener Ort und ich finde das ist das, wo Kirche insgesamt hin muss. Und deswegen war ich da über 10 Jahre Pfarrgemeinderatsvorsitzende.

Wütend macht Bettina Jarasch das Thema Missbrauch von Macht. Im Philosophiestudium hat sie sich viel mit dem Thema Macht beschäftigt. Spannend finde ich, dass sie nicht Macht an sich problematisch findet, sondern wie damit in Kirche und Gesellschaft umgegangen wird:

Macht ist nichts, was man einfach weg reden kann. Gefährlich sind die versteckten Arten Macht auszuüben, indem man Leute manipuliert, indem man Druck ausübt, indem man einen bestimmten Nimbus ausnützt, den eben bestimmte Ämter auch haben und das ist ja das, was den Missbrauch in der Kirche so gefährlich eben macht. Aber natürlich gibt’s das in Sportvereinen, gibt´s das in Schule, haben Lehrer, haben Trainer, natürlich haben die Macht-die Frage ist wie sie damit umgehen. Ob es Kontrollen gibt, ob es Einspruchmöglichkeiten gibt, ob es Möglichkeiten gibt sich zu wehren, wenn Macht missbraucht wird, ob eine Macht überhöht wird. Das sind die Punkte über die wir reden müssen und das müssen wir überall in der Gesellschaft tun.

Anfang dieses Jahres hat Bettina Jarasch gesagt: „Wäre die Kirche eine Partei, wäre ich vermutlich längst ausgetreten … Kirche ist für mich aber vor allem die Gemeinschaft mit Menschen, die wie ich auf dem Weg sind, [...] ihr Leben an der frohen Botschaft auszurichten“ *Was meint sie damit?

Ich hab im Laufe meines Lebens in der Kirche, in den Gemeinden immer wieder Menschen gefunden, die einfach sehr, sehr glaubwürdig für mich waren in der Art wie sie ihren Weg zum Glauben gefunden haben, wie sie den Weg gehen –auch übrigens wie sie hadern. Mich beeindrucken Menschen ja viel mehr, die auch hadern mit ihrem Glauben, als die, die immer ganz selbstgewiss und sicher sind, dass sie da auf dem richtigen Weg sind, ich bin das nämlich nicht immer. Ich fürchte auch Menschen, die immer selbstsicher sind, stellen sich einfach zu wenige Fragen.

Ein Glaube, der sich den großen Fragen unserer Zeit und Welt stellt, der fasziniert Bettina Jarasch und mich. Große politische Fragen stellen sich für die Berliner Abgeordnete derzeit vor allem im Bereich geflüchteter Menschen, wo sie sich dafür einsetzt, dass auch Kommunen in Europa direkt mehr Menschen aufnehmen können. Und im Bereich Umwelt- und Klimaschutz. Die zuständige Senatorin erklärt mir, warum ihr die Bewahrung der Schöpfung so am Herzen liegt:

Weil das Leben in großen Städten sonst irgendwann unerträglich wird, und das ist wirklich nicht weniger als ein Stadtumbau.  Berlin  klimaneutral umzugestalten  ist ja eine riesige Gestaltungsaufgabe, die wichtig ist für die Menschen, die jetzt hier in Berlin leben, aber auch für die, die danach kommen wichtig ist, und da praktisch was tun zu können, das ist für mich wenn man so will alles eine Übersetzung von diesem: „Wozu bin ich auf der Welt?“

*https://www.bistum-trier.de/bistum-bischof/bischof/im-wortlaut/im-hirtenwort/warum-bleibe-ich-in-der-kirche/?L=38

https://www.kirche-im-swr.de/?m=36046