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SWR1 Begegnungen

17JAN2021
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"Weinert Brothers": Dennis und Patrick Weinert Copyright: Dennis und Patrick Weinert

Begegnungen mit Christopher Hoffmann...

und mit Dennis und Patrick Weinert, zwei jungen Auslandsjournalisten, die mir per Videokonferenz aus dem Vietnam zugeschaltet sind. Gebürtig kommen die Brüder aus Rheda-Wiedenbrück. Nun leben sie in Ho-Chi-Minh-Stadt und bereisen von dort gemeinsam unter dem Namen „Weinert Brothers“ die Welt. Um jenen Menschen in ihren Dokumentarfilmen und Fotos ein Gesicht zu geben, die sonst niemand sieht. Von Afghanistan bis zur Zentralafrikanischen Republik haben der 28-jährige Dennis und sein zwei Jahre jüngerer Bruder Patrick Krisenherde besucht und vor kurzem den Peter Scholl-Latour Preis gewonnen. Mich beeindruckt ihre Haltung. Dennis erzählt mir, wie sie mit den Menschen in Konfliktgebieten in Kontakt kommen:

Dennis: Ich glaube es kommt sehr darauf an, dass man versucht nicht unbedingt nur mit einem journalistischen Blick, sondern erst mal als Mensch oder als Freund dahin zu gehen und zu schauen: Was für Leute möchten ja vielleicht auch mit mir reden? Und das öffnet so ein bisschen die Tür, dass Menschen glaube ich dann auch sehr, sehr ehrlich berichten.

Die Filme und Fotos der „Weinert Brothers“ gehen unter die Haut. Auch unter die von Dennis und Patrick, auf der außen bunte Tatoos den Anschein erwecken, dass hier zwei hippe, sportliche Brüder die pure Abenteuerlust gepackt hat. Doch den sensiblen Journalisten geht es um mehr: Licht in vergessene Konflikte zu bringen. Etwa in der Zentralafrikanischen Republik, wo seit Jahren ein von der Öffentlichkeit fast unbemerkter Bürgerkrieg tobt. Die Gewalt sich rivalisierender Rebellengruppen ist hier an der Tagesordnung. Aber auch: der unbedingte Wille zum Frieden. Patrick erzählt mir von einer Beerdigung,  auf der die Bewohner eines Dorfes, in dem Menschen ermordet wurden, sich dazu entscheiden, nicht mit Waffengewalt zurückzuschlagen:

Patrick: Das waren Menschen, die tatsächlich  die andere Wange hingehalten haben. Und die gesagt haben: Wir bleiben als Gemeinde stark und wir lassen uns jetzt nicht irgendwie von Hass korrumpieren oder dass wir Rache üben wollen. Und ich glaube, dass es aber dann genau diese Auslegung, dieser Wert war, der den Menschen noch so eine Art Zufriedenheit oder so eine Art Glück gegeben hat. Dass diese Menschen trotzdem noch irgendwie den Frieden wahren wollen. Und dass denen das heiliger ist, als irgendwie Rache zu üben, das war ziemlich inspirierend für uns.

Die „Weinert Brothers“ haben viele bewaffnete Konflikte weltweit dokumentiert und kritisieren scharf, dass Deutschland zu den größten Waffenexporteuren weltweit gehört. Dennis und Patrick wollen ihre Kamera auch auf die Friedensstifter richten. Dennis erklärt mir, warum:

Dennis: Es ist immer verlockend, gerade wenn man in Krisengebieten unterwegs ist, dass man sich mit den Leuten auseinandersetzt, die dort die Macht haben. Und das sind dann in der Regel diejenigen, die zur Waffe greifen. Aber die eigentlichen Leute, auf die man sich glaub ich noch mehr konzentrieren sollte, sind eben die, die sagen: Wir machen das nicht. Menschen, die einfach nur sagen: Ich gehe wieder am nächsten Morgen auf den Markt und verkaufe dort mein Gemüse zum Beispiel, obwohl ich weiß, dass es die Gefahr gibt, dass jemand vorbeikommt mit seinem Gewehr und sagt: Das gehört jetzt alles mir.

Ich spreche mit Dennis und Patrick Weinert, die als Fotografen einen Bildband mit dem Titel „Resilienz“ herausgegeben haben*. Darin sind Menschen zu sehen, die in den Krisengebieten dieser Welt trotz widrigster Umstände ihre Hoffnung und Menschlichkeit nicht verlieren. Das Foto auf dem Cover des Bildbands zeigt einen Rohingya in Bangladesch, der auf der Flucht vor Militärgewalt in Myanmar selbst knietief im Schlamm steckt und dabei einen anderen Menschen auf seinem Rücken trägt. Mich erinnert das Foto an den barmherzigen Samariter aus der Bibel. Ein Moment praktizierter Nächstenliebe. Patrick erklärt mir, dass diese Szene in Bangladesch keine Ausnahme war:

Patrick: Dieses Bild ist auch in der Situation entstanden als da gerade mehrere tausend Geflüchtete über die Grenze kamen und die Bilder, dass Menschen sich gegenseitig geholfen haben und sich gegenseitig getragen haben, die Kranken versucht haben durchzubringen, das war also wirklich sehr allgegenwärtig. Und natürlich war das Leid dort, und  diese Verzweiflung der Menschen, die mich emotional überfordert hat, aber eben gleichzeitig auch diese Hilfsbereitschaft, die wirklich so geballt dort stattgefunden hat.

Diese großen Gesten der Menschlichkeit haben Dennis und Patrick auch neu über Religion nachdenken lassen, zu der sie früher keinen Bezug hatten. Auf ihren Reisen machen sie immer wieder die Entdeckung, dass verschiedene Grundwahrheiten in allen Religionen vorkommen:

Dennis: Ich glaube es gibt einfach bestimmte Werte, bei denen wir jetzt über die letzten Jahre immer mehr und mehr das Gefühl bekommen: Da ist schon sehr viel Wahrheit drin und das ist ziemlich universell. Und das ist eigentlich ganz schön zu sehen, dass es dann so viel Schnittmenge, so viel Gemeinsamkeiten gibt.

Patrick: Ich glaube es ist einfach der Punkt sich ein bisschen zu öffnen und darauf zu vertrauen,dass es was Größeres gibt.

Die „Weinert Brothers“ wollen auch ganz konkret helfen. 80% aus dem Erlös ihres Bildbands spenden sie aktuell an die indische Hilfsorganisation Kat-Katha.*  Die haben sie bei eigenen Recherchen zum Thema Menschenhandel kennengelernt. Sie unterstützt Frauen, die im Rotlichtviertel von Neu-Delhi als Zwangsprostituierte versklavt werden. Und sie hilft deren Kindern, die in den Bordellen mit aufwachsen müssen. Corona hat die ohnehin schreckliche Situation der Kinder und Frauen nochmal verschlimmert, denn nun haben sie nicht einmal mehr etwas zum Essen, weiß Patrick:

Patrick: Die Organisation Kat-Katha setzt sich halt dafür ein erst mal diese Kinder zu betreuen, dass sie in einem anderen Umfeld aufwachsen können und gleichzeitig halt irgendwie eine Zukunftsperspektive zu bieten. Nicht nur für die Kinder, sondern weiterführend auch für die Frauen. Dass wenn sich Frauen dazu entscheiden aus diesem Rotlichtmilieu auszutreten, dass sie dann eine Anlaufstelle haben und Leute haben, die ihnen dabei helfen sich eine andere Zukunft aufzubauen.

Die „Weinert Brothers“ sind für mich zwei moderne barmherzige Brüder, deren Dokumentationen viele Denkanstöße liefern, für dich ich dankbar bin.

 

*https://shop.weinertbrothers.com/produkt/resilienz-bildband/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32444