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SWR1 Begegnungen

29NOV2020
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Agnes Becker

… und mit Agnes Becker, die nach 28 Jahren ihren Dienst bei der katholischen Kirche gekündigt hat. Agnes Becker ist Gemeindereferentin. Sie hat Religionspädagogik studiert und dann eine dreijährige Ausbildung zur Gemeindereferentin gemacht. D.h. sie arbeitet in einer katholischen Kirchengemeinde und ist dort für verschiedene Bereiche der Seelsorge zuständig: z.B. Firmvorbereitung, die Sternsingeraktion oder Beerdigungsdienst. Das hat sie nun alles aufgegeben.
Wegen Corona können wir nur in einer Videokonferenz miteinander sprechen.
Ich will als erstes wissen, wie es ihr mit der Entscheidung geht?

Also ich habe ehrlich gesagt noch keinen Tag bereut. Ich fühle mich dadurch auch freier, meine Meinung zu sagen und mich meiner Wahrheit gemäß, die ich erkennen kann, zu äußern.

Und dann erzählt sie mir von dieser Wahrheit.

Die Wahrheit ist also grundlegend, dass Gott jeden Menschen gleich geschaffen hat, gleichwertig, gleich geliebt, unabhängig von seinem Geschlecht oder sonstigen Ausprägungen. Anders kann ich mir Gott nicht denken, nicht vorstellen und ist es für mich nicht Gott. Also es widerspricht meiner Überzeugung, dass die Gleichwertigkeit von Frauen, die gleiche Würde, nicht vereinbar ist mit einer Diskriminierung durch den Nichtzugang, zum Beispiel auch zum Verkündigungsdienst in der Eucharistiefeier.
Und andererseits, ständig davon zu reden, dass das Evangelium in die Welt hinausgetragen werden soll, aber man dann auf den Dienst der Frauen da getrost verzichten kann.

Agnes Becker darf in ihrer Kirche nicht frei das tun, was sie könnte, weil sie eine Frau ist. Da stimmt doch was nicht. Das hat Agnes Becker mehr und mehr beschäftigt und an ihrem Beruf in der Kirche zweifeln lassen. Und dann kam im Sommer ein offizielles Schreiben aus Rom, in dem erneut festgeschrieben wurde, dass der Leitungsdienst…

…ungeteilt ausschließlich dem Pfarrer zukommt. Und nicht, wie es die MHG-Studie, also diese Studie über die Missbrauchsfälle empfohlen hat, dass Laien gleichberechtigt mit dem leitenden Priester an diesem Leitungsdienst teilhaben und damit eben auch nicht mehr in der Gefahr sind, durch Hierarchie Wahrheiten zu verschweigen, die eigentlich sichtbar oder wahrnehmbar sind. Und für mich wäre diese geschwisterliche Leitungsform die passende Antwort gewesen auf die Forderung der MHG-Studie.

Missbrauch, Macht, Frauen, Umgang mit Schuld - für Agnes Becker passen die Positionen der Kirche bei all diesen Themen nicht zum Evangelium. Deshalb war ihr Schritt konsequent, denn ihr ist klar:

Und irgendwann muss ich halt vor Gott auch Rechenschaft ablegen. Also, Rechenschaft meine ich nicht im drohenden Sinn, sondern vereinfacht so Bilanz, was hast du daraus gemacht? Und dann wird Gott mir schon vor Augen führen, was er mir für Möglichkeiten gegeben hat und ich fürchte, die, die ich da nicht genutzt habe, da muss ich dann heftig darüber nachdenken.

Warum sie trotzdem in der Kirche bleibt und was die Entscheidung für Agnes Becker mit dem 1. Advent zu tun hat, hören Sie nach der Musik.

 

 

 

TEIL 2:

… und mit Agnes Becker, die nach 28 Jahren als Gemeindereferentin bei der katholischen Kirche ihren Dienst gekündigt hat. Weil sie sich wünscht, dass Macht in der Kirche endlich geteilt wird - auch mit Frauen. Weil der Missbrauch energischer bekämpft und aufgearbeitet werden muss. Und auch weil der Umgang mit Frauen in der Kirche so gar nicht zu dem passt, wie Jesus mit allen Menschen umgegangen ist.
Dass die Hälfte der Menschheit in der katholischen Kirche mit ihrer hierarchischen Struktur nicht vollwertig gesehen wird, hat in Agnes Becker viel verändert. Sie findet alle Dienste müssten für alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht zugänglich sein.
Und das würde sich auch darauf auswirken, wie verkündigt wird.

Wie verkündige ich, wenn ich davon überzeugt bin, dass Gott tatsächlich jeden Menschen gleich liebt und gleich wertschätzt, was ist dann meine Sprache, mit der ich von diesem Gott erzähle?

Eine Sprache, zu der die Idee passt, die die Katholische Studierende Jugend hatte: Gott mit Gendersternchen zu schreiben. Für Agnes Becker ist das…

…genial. Also nicht, weil es ja heißen soll, dass Gott irgendein Geschlecht hat, sondern weil es genau das in Frage stellen soll, dass man Gott geschlechtlich versucht ist zu denken. Weil wir Menschen in Bildern denken aber Gott ja immer größer ist als jedes Geschlecht.
Und Sprache ist auch ein Bild, von daher halte ich es für auch einen Teil meiner erkannten Wahrheit, mit Sprachbildern über Gott sorgsam umzugehen.

Ich bin total beeindruckt von Agnes Becker und davon wie mutig und konsequent sie ist. Sie wirkt ganz im Reinen mit sich und ihrer Entscheidung.
Wie es beruflich weitergeht, weiß sie noch nicht. Sie hat Ideen und bildet sich weiter. Aber Genaues steht noch nicht fest.
Mitglied der katholischen Kirche bleibt sie trotz allem. Was hält sie?

Mein eigenes Selbstverständnis. Ich bin genauso gleichwertiges, volles, geliebtes Mitglied der Kirche Gottes, der Kirche Jesu Christi. Und will auch nicht den Platz in dieser Richtung freiwillig räumen, ohne einfach meinen Beitrag in Wort und Tat da zu leisten. Also es ist eine emotionale Zugehörigkeit, keine Frage, da sind ja ganz tiefe biografische Wurzeln.

Heute ist der 1. Advent. Damit hat ihre Lebensentscheidung tatsächlich auch was zu tun und mit den Heiligen drei Königen.

In der Weise, dass Advent eine Zeit des Aufbruchs ist, eine Zeit des Ungewissen, darauf Zugehen auf was. Was mich in den letzten Jahren sehr beschäftigt hat, ist dieser Mut dieser weisen Männer, die ein Signal wahrnehmen. Etwas wahrnehmen, was sie so beschäftigt, dass sie sagen, das können wir nicht ignorieren. Dem müssen wir nachgehen. Und machen sich auf den Weg. Sie wissen zwar, was sie suchen aber sie wissen nicht, wo sie es finden und kennen den Weg auch nicht, trotzdem gehen sie.

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