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SWR2 Lied zum Sonntag

19DEZ2021
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Einspielen : Kanon Praetorius  30s

 

Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart.

Wie uns die Alten sungen, von Jesse kam die Art.

Und hat ein Blümlein bracht.

Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.

 

Eine Melodie, schlicht und zugleich berührend. Wie wenn etwas Neues entsteht. Ein Ros, das  aus einer Wurzel entspringt. Was ist damit gemeint? Das Lied ist wie ein Rätsel, voller Bilder und Anspielungen, die erst noch entschlüsselt werden müssen. Das Ros, von dem die Rede ist, meint ein „Reis“, also einen jungen Trieb, der aus einer alten, scheinbar abgestorbenen Wurzel sprießt. „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor“ – so hatte es der Prophet Jesaia vor langer Zeit verheißen. Isai war der Vater des Königs Davids. Jesse ist die lateinische Form seines Namens. Aus dieser Wurzel, also aus diesem alten Königsgeschlecht sollte einer hervorkommen, der von Gott gesandt war.

 

Einspielen Lied 2.Str. 4-stimmiger Satz Praetorius 45 s.

 

Das Röslein, das ich meine, davon Jesaja sagt, ist Maria, die Reine, die uns das Blümlein bracht. Aus Gottes ewgem Rat hat sie ein Kind geboren und blieb doch reine Magd.

In der 2. Strophe wird das Rätsel aufgelöst. Maria ist das Ros. Im Lateinischen ist das ein schönes Wortspiel: virga Jesse – das Reis aus der Wurzel Jesse ist die  virgo – die Jungfrau Maria. Der Dichter des Liedes, ein junger Mönch aus Trier,  hat solche Wortspiele und Assoziationen geliebt: Ros und Reis, Röslein und Rose… Nach der Legende hat er mitten im Winter in seinem Klostergarten eine blühende Rose entdeckt, die ihn zu diesem Lied inspiriert hat.

 

Maria – die Rose und das Reis, aus dem Jesus, der Sohn Gottes, hervorgeht.

 

Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß-

wie ein neugeborenes Kind, dessen Duft etwas ganz Besonderes ist. Der Duft ist biblisch ein Symbol für den Geist Gottes, für die göttliche Präsenz. Nicht zu greifen und doch ergreifend. Das göttliche Kind vertreibt mit seinem Duft alles Widerwärtige und Schlechte. Kein Wunder, dass wir bei diesem Lied auch an eine Rose denken…

Wenn ich es höre oder singe, dann rührt es in mir eine Sehnsucht an. Was steckt in mir, das zum Blühen kommen möchte?

Jeder trägt eine Rose in sich

Jede hat ihren eigenen, unverwechselbaren Duft.

Ich glaube, dass diese Sehnsucht von Gott her rührt: Dazu beizutragen, dass es um mich herum heller wird. Indem ich auf andere zugehe, mit ihnen mitfühle, sie aufrichte, Freude und Zuversicht schenke. Mir gelingt das umso besser, je mehr ich mich selbst beschenken lasse von dem Duft und dem Licht, das uns Jesus an Weihnachten schenkt.

Einspielen Lied 3. Strophe (4-stimmiger Satz Praetorius)  45 s.

Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt’s die Finsternis, wahr’ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd und Tod.

 

Musik: aus CD Praetorius von Dresdner Kammerchor, Hans Christoph Rademann Nr.2 (Kanon) und Nr.6 (4-stimmiger Satz) ACC30505

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