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SWR2 Lied zum Sonntag

12SEP2021
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(GL 795 / Aachen)

Den richtigen Weg zu finden ist heute nicht mehr schwer - ein Blick aufs Smartphone genügt. Karten wälzen oder Einheimische fragen – das war gestern. Und doch geht es in unserem heutigen Lied zum Sonntag genau darum. Allerdings nicht um einen Weg, um von A nach B zu kommen, sondern um einen anderen Weg. Dieses Lied, das zum so genannten Neuen Geistlichen Liedgut zählt,  wurde 1977 von Richard Strauß-König komponiert und heißt „Zeige uns den Weg“.

 

Musik:

1. Zeige uns den Weg, wenn der Morgen winkt,

zeige uns den Weg, wenn die Sonne sinkt.

Zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

der zum Ziel uns bringt.

 

Mit meinen Kindern war ich in einem Maislabyrinth. Dort hilft kein Navi, da musst du einfach ausprobieren - und das ist gar nicht so einfach zwischen den meterhohen Maispflanzen. Es gibt wie im richtigen Leben Sackgassen, dann heißt es umdrehen. Oder man fühlt sich richtig verloren, dann bist du froh, wenn eine Schar lärmender Kinder um die Ecke biegt.

Da geht es in klassischen Labyrinthen gediegener zu. Die sind meist auf den Boden gepflastert oder gemalt, und man schreitet eher meditativ hindurch. Ein sehr altes Bodenlabyrinth befindet sich in der Kathedrale von Chartres, südlich von Paris. Hier gibt es im Unterschied zum Maislabyrinth keine Sackgassen. Es gibt nur einen Weg, aber der ist lang und sehr verschlungen. Das Labyrinth von Chartres ist kreisrund mit einem Durchmesser von zwölf Metern, aber der Weg hindurch ist über 250 Meter lang. Doch wenn man das Labyrinth betritt, dann weiß man davon noch nichts. Und so ging es auch mir, als ich das erste Mal in Chartres war. Gespannt und guter Dinge bin ich einfach mal losgelaufen.

 

Musik:

2. Zeige uns den Weg, wenn uns nichts bedrückt;

zeige uns den Weg, wenn uns alles glückt.

Zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

wenn uns manches glückt.

 

Kurz nach dem Start komme ich im Labyrinth von Chartres dem Ziel in der Mitte schon ganz nahe. Es trennt mich nur noch eine Linie, aber eben auch eine große Strecke. Und während ich mich wieder langsam von der Mitte wegbewege, frage ich mich, warum ich hier nicht selbst entscheiden darf, wo´s hingeht – so wie im echten Leben. Der Weg durchs Labyrinth soll nicht Sinnbild für meinen Lebensweg sein, sondern für meinen Glaubensweg, also für den Weg mit Gott. Den verstehe ich als einen gemeinsamen Weg durch die Zeit. Wenn ich mal mit meinem Gott hadere, dann kann ich nicht einfach eine Linie überschreiten, also mit dem Kopf durch die Wand. Dann schon eher vorsichtig weitertasten. Oder umkehren und eine neue Perspektive einnehmen. Fast 30 Kehren gibt es im Labyrinth von Chartres. In unserem Lied zum Sonntag singt davon die dritte Strophe: „Zeige uns den Weg, wenn wir ratlos sind, zeige uns den Weg, wenn uns nichts gelingt.“

 

Musik:

3. Zeige uns den Weg, wenn wir ratlos sind;

zeige uns den Weg, wenn uns nichts gelingt.

Zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

wenn uns nichts gelingt.

4. Zeige uns den Weg hier in dieser Zeit;

zeige uns den Weg in die Ewigkeit.

Zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg,

zeige uns den Weg in die Ewigkeit

 

Hat die erste Strophe des Liedes noch nach dem Ziel gefragt, wird es in der letzten beantwortet. Das Ziel scheint das Leben bei Gott zu sein, das ewige Leben. Aber auch ohne gleich sterben zu müssen können wir Gott schon nahe kommen. Und ich glaube, es ist wie im Labyrinth: Das Ziel, also Gott, ist in der Mitte, in meiner Mitte. Ich kann Gott in mir finden. Der Weg dorthin ist nicht leicht und manchmal auch ein bisschen verworren. Aber wenn ich meine Mitte gefunden habe, also diesen Punkt, wo ich ganz bei mir und bei Gott bin, dann ist das ein tolles Gefühl – ganz ähnlich wie im Labyrinth: loslassen, durchschnaufen und endlich angekommen.

 

Musik: Nachspiel

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