Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Lied zum Sonntag

07MRZ2021
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Manche Lieder kann man sich nicht einfach so aneignen. „Sometimes I feel like a motherless child“ ist so ein Lied. „Manchmal fühle ich mich wie ein Kind ohne Mutter“ ist ein afroamerikanisches Spiritual. Das Leid von Millionen schwarzen Menschen ist darin aufgehoben, das ihnen Sklaverei und weißer Rassismus zugefügt haben und bis heute antun.

Es wäre übergriffig, wenn ich als weißer Europäer eigenen Schmerz unmittelbar in dieses Lied eintragen würde. Es wäre kulturelle Enteignung, eine Form von Rassismus. Das Klagelied - hier gesungen von Simon Estes – fordert stattdessen heraus, schwarzes Leid wahrzunehmen.

Musik 1 Sometimes I feel Str. Simon Estes:

Sometimes I feel like a motherless child
Sometimes I feel like a motherless child
Sometimes I feel like a motherless child
A long ways from home
A long ways from home

„Motherless child, a long ways from home“: Kind ohne Mutter. Unendlich weit weg von zu Hause. Oft schutzlos Gewalt ausgesetzt. Das Lied ist 200 Jahre alt. Schwarze, auch viele Künstler*innen haben es immer wieder gesungen. Der Text wurde oft variiert. Die ersten Versionen aus dem 19. Jahrhundert mündeten immer ins Beten. Sie waren Klage vor Gott und erinnern an Klagepsalmen in der Bibel.

„Ich will Dich trösten wie einen eine Mutter tröstet.“ Vielleicht stand auch dieser Vers aus dem Alten Testament im Hintergrund des Liedes vom motherless child. Dann wäre es Klage und auch der Schrei nach Befreiung. „Gott, wenn Du wie eine Mutter bist, kannst Du uns doch nicht ohne Trost lassen.“ Auch in der Version von Odetta scheint das auf: Ich bin doch „True Believer, wahre Gläubige,“ singt sie.

Musik 2: Odetta Sometimes I feel  

True believer
True believer
A long, long way from home
A long, long way from home

Van Morrison ist ein weißer Europäer wie ich. Er nimmt das Klagelied der Schwarzen auf und singt auch von Zukunft. „Manchmal fühle ich Freiheit nahe.“ Er ruft das biblische Bild vom „Kingdom“ auf: „Das Reich Gottes ist zum Greifen nah.“ Jesus hat das gesagt und beschrieben, dass es schon unter uns beginnt.
Wer auf das Reich Gottes hofft, setzt sich ein für Gerechtigkeit, für Leidende. So kann ich als Weißer in „motherless child“ einstimmen. Es öffnet mir als Christ die Augen, Rassismus zu erkennen und zu überwinden.

Musik 3 Van Morrison; Sometimes I feel like a motherless child

Sometimes I feel like freedom is near;
sometimes I feel like freedom is here
but we’re so far from home.

Sometimes I feel like it’s close at hand
sometimes I feel like the Kingdom is at hand
but we’re so far from home.

„Motherless child“ ist ein Klagelied der Afroamerikaner. Einstimmen als weißer Europäer? Nur wenn man Rassismus erkennt und überwinden hilft.

-----

Musik 1 Sometimes I feel like a motherless child  track 13 aus CD „Simon Estes; Spirituals“  
Musik 2  Sometimes I feel like a motherless child track B7 aus  LP „Odetta at Carnegie Hall “  
Musik 3 Sometimes I feel like a motherless child  track 5 aus CD Van Morrison, Poetic Champions Compose

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32709