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SWR2 Lied zum Sonntag

31JAN2021
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Kyrie Gregorianisch.

Was folgt auf diese ehrwürdige alte Melodie? Was passt am besten? Stille. Heiliges Schweigen. Am Beginn der Liturgie der Hl. Messe steht das KYRIE. Mit diesem alten Ruf begrüße ich Gott, freue mich, ihm als Freund zu begegnen.

Ursprünglich ist das „Kyrie“ ein Huldigungsruf aus der Liturgie am byzantinischen Kaiserhof. Wenn der Kaiser bei der Audienz den Raum betrat, riefen seine Untertanen „Kyrie eleison“ – „Herr, erbarme dich“ und stellten sich damit unter den Schutz ihres Herrn. Ich finde es bemerkenswert, dass die frühen Christen dieses Ritual in ihre Gottesdienste aufgenommen haben. Es macht deutlich: Wenn ich Gott begegne, stelle ich mich zuerst unter seinen Schutz. Und in diesem Geborgenheitsraum kann ich mit allem zu ihm kommen, was mich bewegt. Es erinnert mich daran, wie Jesus von Gott gesprochen hat. Für ihn ist Gott wie ein Vater oder eine Mutter, die jedem Menschen entgegengeht und ihn liebevoll in den Arm nimmt. Je weiter und größer die Arme dieses Elternteils sind, desto geborgener fühle ich mich. Deshalb lasse ich Gott im „Kyrie“ groß sein und zeige, dass ich mich an ihm freue. So verstehe ich es auch, wenn ich mich vor Gott verneige. Eine solche Verneigung vor Gott zeichnet die Melodie des Kyrie nach, die eine Bewegung nach oben und dann wieder nach unten nimmt.

Ich freue mich an der Begegnung mit Gott, weil ich dabei spüre, dass ich Gott wie einem Freund vertraue und ihn respektiere. Viele Menschen sehen es als Gütesiegel für eine Freundschaft an, wenn Freunde miteinander schweigen können. Für mich gehört zu einer Freundschaft beides: dass ich mit meinen Freunden über alles reden kann, aber auch dass wir miteinander schweigen können. Wenn wir uns treffen, erzählt jeder, wie es ihm gerade geht und was ihn beschäftigt. Immer wieder kommt es dann aber auch zu diesen kostbaren Momenten, wo wir nichts reden. Nicht, weil wir uns nichts zu sagen haben, sondern weil wir im Einklang sind. Manchmal schwingt da in mir noch nach, was der andere gesagt hat, manchmal ohne dass ich an etwas denke.

Bei Gott ist das nochmals anders als bei meinen menschlichen Freunden. Vor meinem KYRIOS zu stehen bedeutet auch, dass ich ihn als Urgrund der Welt sehe und als den, der am Jüngsten Tag Gerechtigkeit schafft. Wenn ich vor Gott schweige, ist das auch ein Ausdruck meiner Ehrfurcht.

Mozart hat das im Kyrie der „Krönungsmesse“ besonders gut hörbar gemacht: Wenn ich vor Gott trete, kann ich ihn mit Pauken und Trompeten anrufen, aber unsere Begegnung mündet ins Schweigen: als Freunde und mit der größten Ehrfurcht.

Mozart: (Krönungsmesse)

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