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SWR2 Lied zum Sonntag

09AUG2020
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Seit es Menschen gibt, beten sie. Auch in diesem Sinn ist Beten ursprünglich.
Und Beten ist persönlich ursprünglich. Wenn ein Mensch intensiv betet, rührt das an das Innerste, man sucht sich, Ursprung und Ziel. So ist Beten doppelt ursprünglich.

Das habe ich neu verstanden durch das Lied, das ich heute mitgebracht habe.

Und darin, wie Aretha Franklin es singt: „what a friend we have in Jesus“, einen alten Gospelsong. Bei vielen, die dieses Lied „welch einen Freund haben wir in Jesus“ gesungen haben, klingt es süßlich, kitschig. Aus Aretha Franklin ruft die Urkraft des Betens. 

What a friend we have in Jesus,
All our sins and griefs to bear!
What a privilege to carry
Everything to God in prayer!
 

„Was für einen Freund haben wir in Jesus. All unsere Verstrickungen und Verwundungen hält er aus. Was für ein Privileg, alles zu Gott bringen zu können im Gebet“ heißt es im Refrain.

Dabei schien sich Aretha Franklin emanzipiert zu haben von ihrer religiösen Herkunft. Mit dem Song „Respect“, dem Aufschrei einer schwarzen Frau gegen Rassismus, war sie berühmt geworden: „Königin der Soulmusik“ hat man sie genannt.

Und dann gibt sie 1972 ein Konzert in einer Kirche mit Gospels.
„Ein Konzert wie ein Gottesdienst“ hat eine Kritikerin geschrieben.

Wie Franklin singt, erinnert mich an einen Psalm aus der Bibel:
Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“

Beten ist ein Urschrei der Seele nach Leben. In der Bibel und bei Aretha Franklin. „Soul“ heißt ja: Seele. Beten ist rufen nach Gott als Freund. Das Leben will heraus aus Sackgassen in ein erfülltes und gerechtes. 

Oh, what peace we often forfeit,
Oh, what needless pain we bear,
All because we do not carry
Everything to God in prayer!       
 

Aretha Franklin singt wenige Worte. Von den 4 Strophen des Liedes nur eine: „Was für einen Frieden müssen wir vermissen, was für nutzlose Pein aushalten, weil wir nicht alles im Gebet zu Gott tragen.“ Zu unserem Freund.

‚Stattdessen schleppen wir alles mit uns selbst herum.‘
So verstehe ich sie.

Am Ende steigert sich Aretha Franklins Singen ekstatisch:
„Everything, alles, everything, everything“. Und ich habe den Eindruck, jedes „everything“ füllt sie mit Bildern und Erfahrungen ihres Lebens.
Als ob ihr Lebensfilm vor ihr ablaufen würde. Den sie zu Gott hinaussingt.
Dem Freund, dem man sein ganzes Herz ausschütten kann.
Und die Seele befreien. 

  

Musiken 1-3  „what a friend we have in Jesus“  track 7 aus CD 1
         Aretha Franklin; Amazing Grace. The Complete Recordings.
         Atlantic Records LC  00121

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