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SWR2 Lied zum Sonntag

24MAI2020
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Das Lied zum Sonntag heißt heute „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Noch bevor gesungen wird, schlägt der Pianist kraftvolle Akkorde an: 

Musik 1       

Ludwig van Beethoven: „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“ mit Stephan Genz (Barition) und Roger Vignoles (Klavier) – vier Akkordschläge des Klaviers; alle Klangbeispiele aus dieser Aufnahme 

Da kann man sich förmlich den Komponisten Ludwig van Beethoven am Klavier vorstellen. Ein Wort hebt Beethoven ganz besonders hervor. Beim Wort „Ehre“ verlangsamen Sänger und Pianist das Tempo, ja sie kommen absichtlich aus dem Takt, so als wollten sie plötzlich innehalten und sich vor der göttlichen Majestät verneigen:

Musik 2

Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre,

Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort.

 

Den Liedtext hat Christian Fürchtegott Gellert verfasst. Er war ein berühmter Dichter und Philosoph der Aufklärungszeit. Ich stelle mir vor, wie Gellert die Bibel zur Hand nimmt und den Psalm 19 aufschlägt. Dort heißt es, dass alle Geschöpfe dem die Ehre geben, der sie erschaffen hat: Sogar „die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“. Alles auf der ganzen Welt ist da, weil Gott es gewollt hat. Zu jedem Tier und zu jedem Menschen sagt er: Du sollst da sein! Es ist gut, dass es dich gibt. Und wer sollte da seinen Schöpfer nicht rühmen? 

Musik 3

Ihn rühmt der Erdkreis, ihn preisen die Meere;

Vernimm, o Mensch, ihr göttlich Wort! 

Die beiden Lied-Autoren Gellert und Beethoven waren äußerst begabt. Beide hatten aber auch mit Schicksalsschlägen zu kämpfen. Gellert wollte Prediger werden und ist an seiner Schüchternheit gescheitert. Beethoven hat furchtbar darunter gelitten, dass er immer weniger hören konnte. Doch beide haben sich nicht entmutigen lassen, was mir imponiert: Gellert ist ein großer Gelehrter geworden. Er hat nicht auf der Kanzel gewirkt, sondern am Rednerpult. Beethoven hat auch nach dem Verlust seines Gehörs weiter komponiert und seiner Musik anvertraut, wie fasziniert er von Gottes Schöpfung ist. Wer, wenn nicht Gott, so fragt unser Lied, ordnet die Sterne am Himmel und lässt die Sonne jeden Tag neu aufgehen?       

Musik 4

Wer trägt der Himmel unzählbare Sterne?

Wer führt die Sonn‘ aus ihrem Zelt? 

Aber ist die Natur wirklich immer so schön und der Schöpfer nur zu loben – angesichts von Krankheiten und Naturkatastrophen? In einem Brief schreibt Beethoven wörtlich: „Ich liege im Streit mit meinem Schöpfer.“ Er beklagt sich bei Gott, „dass oft die schönste Blüte vernichtet und zerknickt wird“. Auch mir fehlen kluge Antworten, warum das so ist. Am meisten aber spricht mich an, dass unser Lied am Ende zum Vertrauen aufruft. Die Botschaft heißt: „Mir, ruft der Herr, mir sollst du vertraun“. Ohne Vertrauen kann ich nicht leben. Und wenn es einmal brüchig wird, dann können sogar der Blick zum Himmel und dieses optimistische Lied mir zu Herzen gehen und mir neue Kraft geben. 

Musik 5                

Durch wen ist alles? O gib ihm die Ehre!

Mir, ruft der Herr, sollst du vertraun.

 

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Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre

Text: Christian Fürchtegott Gellert 1757 („Geistliche Oden und Lieder“)

Musik: Ludwig van Beethoven 1803 („Die Ehre Gottes aus der Natur“, op. 48,6)

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