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SWR2 Lied zum Sonntag

16FEB2020
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Eine Nacht, die auch noch als finster bezeichnet wird… So eine Nacht muss furchtbar sein. Als Pfarrer habe ich oft mit kranken Menschen zu tun. Es kommt mir so vor, als habe das zugenommen. Fast jeden Tag erfahre ich von einem neuen Menschen, der schwer krank ist. Besonders mitgenommen hat mich der Suizid eines jungen Mannes. Er war begabt und hatte das ganze Leben noch vor sich. Aber es muss eine abgrundtiefe Dunkelheit in ihm gegeben haben. Ohne Licht am Horizont. Ein Leben in finsterer Nacht. Ich frage mich: Warum bloß ist der Morgenstern nicht über ihm aufgegangen, von dem heute unser Lied spricht?

Morgenstern der finstern Nacht,
der die Welt voll Freude macht,
Jesu mein, komm herein,
leucht in meines Herzens Schrein.

So einfach scheint das nicht zu sein. War es auch zu Zeiten von Angelus Silesius nicht, als er 1657 den Text des Lieds gedichtet hat. Kurz nach dem dreißigjährigen Krieg lag das Land vielerorts in Schutt und Asche. Katholiken und Protestanten standen sich feindlicher denn je gegenüber. Silesius war ein Seelenmensch. Er muss gewusst haben: Ich habe es nicht in der Hand, ob ich glücklich bin. Ich hab nicht immer eine Fackel in der Hand, die hell genug leuchtet, um meine Ängste in den Griff zu kriegen, um das Dunkel zu vertreiben. Aber ich gebe mich auch nicht geschlagen. Ich muss versuchen, die Kräfte zu mobilisieren, die in mir stecken. Für Silesius ist diese innere Kraft Jesus. Jesus lebt in ihm. Es ist ein Glück, wenn einer das so wie Silesius glauben kann.

Schau, dein Himmel ist in mir,
er begehrt dich, seine Zier.
Säume nicht, o mein Licht,
komm, komm, eh der Tag anbricht.

Was aber, wenn man das so nicht glauben kann? Wenn einer dieses Licht einfach nicht sehen kann, wenn es nicht bis zu ihm durchdringt? Dann ist die Nacht wirklich finster und das Leben kann zur Qual werden. Mir bleibt dann nur mein eigenes Seelenlicht, das in mir ist. Wo ich gespürt habe: Jesus ist bei mir. Er geht mit mir. Er ist auch dann da, wenn ich es nicht spüre. Einen kleinen Hinweis darauf, dass das funktionieren könnte, gibt die Melodie: Erst im Durchgang zum jeweils dritten Vers erreicht sie ihren Höhepunkt: du allein, Jesu mein … voller Pracht wird die Nacht. Was in mir leuchtet, das kann ich teilen mit einem, der todtraurig ist. Solange ich noch hoffen kann, hoffe ich. Solange mich noch keiner vom Gegenteil überzeugt hat, glaube ich, dass Gott es gut meint mit mir. Und auch mit dem anderen, um den alles dunkel ist.

Du erleuchtest alles gar,
was jetzt ist und kommt und war,
voller Pracht wir die Nacht,
weil dein Glanz sie angelacht.

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