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SWR2 Lied zum Sonntag

(GL 249/EG 46)

Das Lied „Stille Nacht“ wird in diesem Jahr 200 Jahre alt. Es ist und bleibt für mich eines der schönsten Weihnachtslieder, so etwas wie ein Erkennungszeichen, ohne das ich mir das Fest gar nicht vorstellen kann. Der Siciliano-Rhythmus erinnert an Wiegenlieder, wie Mütter und Väter sie schon jahrhundertelang singen oder summen, wenn sie ihr Kind in den Schlaf wiegen. Wenn ich es höre, fühle ich mich geborgen. Dass dieses Lied so wirken kann, liegt auch an seiner Melodie. Sie ist so einfach und schlicht, dass jeder schnell mitsingen kann. Dazu passt die Legende von der ersten Aufführung des Lieds an Heiligabend 1818 in der Nähe von Salzburg. Die Orgel der Dorfkirche ist defekt, Pfarrer Mohr und Dorflehrer Gruber müssen improvisieren. Der eine dichtet, der andere komponiert. Es entsteht ein einfaches Lied, das auch gut mit der Gitarre zu begleiten ist:

Stille Nacht! Heil’ge Nacht!
Alles schläft. Einsam wacht,
Nur das traute heilige Paar,
Holder Knab’ im lockigten Haar;
Schlafe in himmlischer Ruh!
Schlafe in himmlischer Ruh!

 

Musik: Bernhard Berchtold,
Tenor Rafael Fingerlos,
Bariton David Bader,
Gitarre OEHMS Classics OC 1879

 

So einfach/schlicht wie die Melodie ist auch der Text. Er beschreibt das Bild der Heiligen Familie im Stall von Bethlehem und sagt fast nebenbei: Dort ist die Erlösung. Diese Einfachheit ist genau das, was ich an Weihnachten brauche. Im Alltag muss ich mich um viele Probleme kümmern, und die politischen Herausforderungen heute machen mir auch oft Sorgen. Da bin ich froh, wenn ich an Weihnachten meinem Bedürfnis nach Geborgenheit nachgeben kann. Das ist den Leuten vor zweihundert Jahren nicht anders gegangen, gerade weil ihr Leben sonst wenig romantisch war.

Überall, wo die Sehnsucht nach einem besseren Leben herrscht, kommt das Lied gut an. So auch bei der schwarzen Bevölkerung in den USA. Schon 1941 glauben viele Amerikaner, dass „Silent night“ein uraltes amerikanisches Volkslied ist: Aus „Jesus der Retter ist da“ ist „Christ the savior is born!“ geworden:

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel „Hallelujah!“
Tönt es laut bey Ferne und Nah:
„Jesus der Retter ist da!“
„Jesus der Retter ist da!“

 

Musik: Mahalia Jackson M0384236

„Stille Nacht“ bleibt ganz bei jener Nacht in Bethlehem. Die Nacht ist eine Zeit, in der ich eine besondere Sehnsucht spüre und vertrauen können muss. Ich kenne auch Nächte, in denen ich nicht einschlafen kann, weil ich Probleme wälze. Die Botschaft der Engel in der Weihnacht zeigt die Richtung: „Fürchtet Euch nicht!“. Denn an Weihnachten feiere ich, dass es einen guten Grund gibt, Vertrauen ins Leben zu haben. Nur anders als ich es erwarten würde: Gott greift nicht mit Macht in die Weltgeschichte ein. Er zeigt sich in einem Kind, hilfsbedürftig. Für mich heißt das, dass ich mein Heil und den Frieden für alle ich nicht erzwingen kann. Sondern nur, wenn ich vertraue und mich darauf verlassen kann, dass die anderen es gut mit mir meinen. Der Wunsch nach „Frieden auf Erden – Peace on earth“ verbindet alle, die dieses Lied singen.

 “Peace on earth”

 

Musik: Joyce DiDonato Erato LC 02822 (M 0190195642198)

 

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