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SWR2 Lied zum Sonntag

„Der Glaube ist der Vogel, der singt, wenn es noch Nacht ist“. An dieses Wort von Rabindranath Tagore denke ich beim Lied zum heutigen Sonntag: „Die helle Sonn leucht jetzt herfür“. Denn – vielleicht leuchtet die Sonne jetzt gar nicht. An manchen Orten ist es noch dunkel oder sogar Nacht.

Und doch -  der Vorschein des Tages, das junge Tageslicht, ist schon deutlich zu spüren.Und darum hat dieses Lied Recht, wenn es die helle Sonne besingt. Selbst dann, wenn sie noch nicht leuchtet. Und rückblickend dankt für eine behütete Nacht.

Die helle Sonn leucht jetzt herfür,
fröhlich vom Schlaf aufstehen wir.
Gott Lob, der uns in dieser Nacht
behüt hat vor des Teufels Macht

Der Dichter dieses Verses ist Nikolaus Hermann. Er kam im Jahr 1518 in die neu gegründete böhmische Bergwerkstadt Joachimsthal und wirkte dort als Kantor und Lehrer. Ihm wurde ein großes pädagogisches Geschick im Umgang mit der Jugend nachgesagt. Er hatte aber auch ein feines Gespür für die Welt und die Sprache der Bergleute.

Das helle Licht der Sonne, das liebten die Bergleute, wenn sie von ihrer Arbeit unter Tage wieder ans Tageslicht kamen. Sie wussten, dass sie dort unten eines besonderen Schutzes bedurften.
Darum endet die nächste Strophe mit der Bitte: „Lass deine lieben Engelein unsere Hüter und Wächter sein.

Herr Christ, den Tag uns auch behüt
vor Sünd und Schand durch deine Güt;
laß deine lieben Engelein
unsere Hüter und Wächter sein.

Melchior Vulpius hat zu diesem Lied die Melodie komponiert. Strahlend   - wie die aufgehende Sonne - bewegt sich die Melodie gleich zu Beginn nach oben und bringt die Lebensgeister in Fahrt. Genauso aufgeweckt wie seine Melodien muss dieser Vulpius selbst gewesen sein.

Im Jahr 1596 wurde er zum Stadtkantor in Weimar berufen. Dort blieb er bis zu seinem Tod. Für eine lebendige, singbare Kirchenmusik hat er sich ein Leben lang eingesetzt. Für eine Musik, die zusammen mit dem Wort, den Menschen erreicht – als Brücke zwischen Himmel und Erde, als Verbindung zwischen Gott und Mensch.

Dass unser Herz in Gehorsam leb,
deim Wort und Willen nicht widerstreb,
daß wir dich stets vor Augen han
in allem, was wir heben an.

„Der Glaube ist der Vogel, der singt, wenn es noch Nacht ist.“ Wie der Vogel, der sein Lied noch im Dunkeln anstimmt, bringt der Glaube zum Vorschein, was gegenwärtig noch nicht da ist. Von dem er aber gewiss ist, dass es kommt.

Eine hellere Welt als die gegenwärtige. Eine Welt, an der ich mitarbeiten kann und darf.
Darum enthält der letzte Vers des Liedes auch eine besondere Bitte: „Gott, lass das, was ich tue, gut geraten! Lass meine Arbeit und Mühe nicht vergeblich sein! Lass in meinem Tun und Lassen etwas aufscheinen von dem, was die Welt ein wenig heller macht!“

Lass unser Werk geraten wohl,
was ein jeder ausrichten soll,
dass unsre Arbeit, Müh und Fleiß
gereich zu deinem Lob und Preis.

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Der Tag bricht an. Berühmte Choräle, Stuttgarter Hymnus-Chorknaben, CD 98.515 hänssler classic, 2009, LC 06047

https://www.kirche-im-swr.de/?m=25214