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SWR2 Lied zum Sonntag

Es gibt Musik, die muss ich wiederholen. Einmal hören ist einfach nicht genug. Weil ich nicht von ihr genug bekommen kann. Oder sie beim einmaligen Hören nicht ganz erfassen kann. Ich will wieder hören, bis dieser merkwürdige Zustand kommt: Ich werde beim Hören Teil der Musik und zugleich kommt die Musik ganz in mich. So dass ich einstimmen muss.

Diese Musikerfahrung ist dem Beten ähnlich. Für mich ist deshalb das folgende Lied ein Glücksfall. Nikolaj Rimskij-Korsakov hat dieses „Vater Unser“ komponiert. In der musikalischen Tradition der russisch-orthodoxen Liturgie. Diese Musik muss ich immer wieder hören. Dann komme ich mit Musik ins Beten und singend immer tiefer in die Worte hinein. Wenn ich „VaterUnser, Dein Reich komme“ bete, begegne ich mir selbst, vielleicht sogar neu.

Musik 1  „Vater Unser“ Teil 1

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
„Vater Unser  - im Himmel“.

Wenn man so betet, geht man in sich, indem man aus sich herausdenkt. Ich finde das sehr klug von Jesus, dem wir Christen das Vater Unser verdanken. Kann man Mensch sein und menschlich werden, wenn man bei sich bleibt?

Erst wenn ich so geöffnet bin, kommen meine Bedürfnisse ins Spiel. Aber auch nur wieder über diese Brücke: Gott und die anderen. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser täglich Brot gib uns heute.“

Beten geht nicht ohne denken. Was will ich denn für mich erbitten? Wo geht mein Wunsch, gut zu essen, über gutes Maß und Genuss hinaus? Wo wird aus echtem Bedürfnis maßloses Begehren? So dass ich viel mehr will, als ich wirklich brauche. Beim Vater Unser kommen mir diese Fragen fast zwangsläufig. Auch darum tut es gut, wenn man es wiederholen kann. Vielleicht findet man beim zweiten Hören und Beten eine erste Antwort. Oder beim dritten.

Musik 2  „Vater Unser“ Teil 2  

Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Dieses russisch-orthodoxe Vater Unser macht Lust, es zu singen wie eine Litanei. Immer und wieder. Vielleicht sogar bis der Atem knapp wird. Und die Gedanken ruhiger. Wenn man so singt, verändert sich die Zeit. Sie läuft nicht mehr dahin wie eine Gerade. Sie vergeht eigentlich gar nicht mehr. Im Gegenteil, man scheint der Zeit entnommen. Ist ganz hier. Vielleicht ist das eine Ahnung von Ewigkeit?

Mystiker in allen Religionen haben in solchen Momenten auch Gott erfahren.

Vielleicht ist es darum kein Wunder – nachdem man um elementare menschliche Bedürfnisse gebetet hat – dass das Vater Unser in das Lob Gottes mündet. Und nicht aufhört zu sagen: Er ist schon da und muss noch kommen.

Musik 3„  Vater Unser“ Teil 3 

Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.

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Musiken 1-3 „Vater Unser im Himmel“     

                   SWR Archiv Musikarchiv                    M047 2059  009

                   Coro Piccolo   Ltg Christian Markus Raiser

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24912