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SWR2 Lied zum Sonntag

Ich liebe die warmen Hochsommertage. Ich freue mich daran, mit dem Fahrrad an den reifen Kornfelder vorbeizufahren, über denen die Luft flimmert, und ihren Duft einzuatmen. Ich freue mich über den leuchtendroten Klatschmohn und die sattblauen Kornblumen zwischen den goldgelben Ähren.

Wenn ich so unterwegs bin, summe ich gerne ein Lied vor mich hin, das mir dann aus dem Herzen spricht. Philipp Spitta, ein niedersächsischer Pfarrer, hat es vor fast 200 Jahren gedichtet:

Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud‘.
O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut!
O was hatfür Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut!

Mir gefällt das Bild, dass ich da vor meinem inneren Auge sehe: Dass Gott wie ein Künstler kleine Kunstwerke hier und da verteilt, um uns zu erfreuen. Einfach so, ganz gratis und für jeden und jede zugänglich. Wir müssen uns nichts erarbeiten und keinen Eintritt zahlen. Das einzige, was wir brauchen, ist ein wacher Blick und ein wenig Zeit, es zu genießen:

Freuet euch der schönen Erde!

Allerdings: Der Theologe Philipp Spitta wollte mit seinem Lied noch mehr als nur auf die Schönheit der Natur aufmerksam machen. Für ihn weist die „schöne Erde“ vor allem auf ihren Schöpfer hin, wie es in der zweiten Strophe heißt.

Und doch ist sie seiner Füße reich geschmückter Schemel nur,
st nur ein schön begabte, wunderreiche Kreatur.

Und auch die Schönheit am Himmel, Sonne, Mond und Sterne, sind für Spitta nur ein Abglanz ihres Schöpfers:

Freuet euch an Mond und Sonne und den Sternen allzumal,
wie sie wandeln, wie sie leuchten über unserm Erdental.
U
nd doch sind sie nur Geschöpfe von des höchsten Gottes Hand,
hingesät auf seines Thrones weites, glänzendes Gewand.

Dass die Natur, Berge, Bäume oder Gestirne, nicht selbst Götter sind, sondern nur Geschöpfe des einen Gottes, war eine der bahnbrechenden theologischen Erkenntnisse der Schöpfungsgeschichten der Bibel. Für die Menschen zu biblischen Zeiten war es befreiend zu erkennen: Die Naturerscheinungen sind keine unerklärlichen und unkalkulierbaren Mächte, denen wir hilflos ausgeliefert sind, sondern werden begrenzt von Gottes Macht.

Denn trotz aller Schönheit der Natur – es gibt auch ihre furchterregenden, für uns Menschen zerstörerischen Seiten. Gottes Güte allein in der Schöpfung zu erkennen, ist deshalb kaum möglich. Der Glaube, dass jeder einzelne Mensch Gott wichtig ist, der ist, so glaube ich, letztlich nur von Mensch zu Mensch weiterzugeben. Für Christen in den Worten der Bibel, in den Erzählungen von Jesus und in der Art, wie wir miteinander umgehen.

Aber: Wenn ich davon berührt bin, dann berühren mich auch die Sonnenstrahlen, die Kornblumen und der Duft von reifen Getreide. Dann spüre ich auch darin, dass Gott es gut mit den Menschen meint. Das macht mich fröhlich – und ich teile die Hoffnung von Philipp Spitta, dass eines Tages in Gottes Gegenwart alles Zerstörerische, alles Leid sich in Freude und Schönheit verwandeln.

So wie Spitta es in der Schlussstrophe seines Liedes schreibt:

Wenn am Schemel seiner Füße und am Thron schon solcher Schein,
o was muss an seinem Herzen erst für Glanz und Wonne sein.

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