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SWR2 Lied zum Sonntag

GL 366

Schafe haben den Ruf, nicht besonders schlau zu sein. Wenn sie auf sich alleine gestellt sind, finden sie nicht einmal den nächsten Weideplatz. Sie sind wehrlos und brauchen einen Hirten, der sie beschützt und der sich um sie kümmert. Mit einem Schaf mag man deshalb nicht gerne verglichen werden.

Das heutige Lied zum Sonntag tut es trotzdem. Vor knapp zwanzig Jahren hat die Franziskanerin Adelgart Gartenmeier den Liedtext geschrieben und verwendet für Jesus das biblische Bild des Hirten, der sich um uns wie um seine Schafe sorgt.

Jesus Christus, guter Hirte – mit diesen Worten beginnt das Lied:

Jesus Christus, guter Hirte, Hoherpriester, Osterlamm, für das Lamm, das sich verirrte, starbst Du an dem Kreuzesstamm. 

Alle sprachlichen Bilder kommen irgendwann an Grenzen. So auch der Vergleich des Menschen mit einem Schaf. Vor allem, wenn ich allein darauf schaue, was ein Schaf nicht kann. Da entsteht leicht der Eindruck, dass der Mensch ein hilfloses Wesen ist, das von Gott abhängig ist. Jemand, der alleine nichts fertig bringt.

So möchte ich mich nicht verstehen. Das Bild passt auch nicht zu den Erfahrungen der Menschen mit Gott, die in der Bibel stehen. Schon am Beginn, in der Schöpfungserzählung, bekommt der Mensch einen ganz besonderen Wert zugesprochen. Er ist Gottes Partner, sein Ebenbild, mit dem Auftrag das Leben auf der Erde zu gestalten und damit Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen.

Ich glaube beide Erfahrungen gehören zum menschlichen Leben. Dass ich Talente habe und mir vieles gut gelingt. Dass ich mein Leben gestalten kann. Aber eben auch die Erfahrung, dass ich nicht immer alles selbst in der Hand habe. Manches kann ich nicht aus eigener Kraft. So sehr ich mich auch anstrenge.

Am deutlichsten wird das beim Thema Tod. Gegen ihn bin ich machtlos. Dem Tod bin ich, wie ein Schaf seinem Feind, wehrlos ausgeliefert. Als Christin hoffe ich aber, dass der Tod nicht das Ende ist. Denn Jesus, der Hirte, ist den Weg durch den Tod bereits gegangen. Er kann uns in ein neues Leben führen.

Die zweite Strophe greift diesen Gedanken auf. Dort heißt es „…du führst die Deinen in das Leben aus dem Tod.“

Baum des Lebens, Strom des Heiles, edler Weinstock, Himmelsbrot, du nur kennst und führst die Deinen in das Leben aus dem Tod. 

Der Liedtext ist voll von ausdrucksstarken Bildern, die eng nebeneinander stehen. Baum des Lebens, Strom des Heiles, edler Weinstock, Himmelsbrot, hieß es eben. Und auch die dritte und letzte Strophe des Liedes beginnt mit starken Bildern, die beschreiben, wer Jesus war und vor allem, was er für uns Menschen bedeuten kann: Wort des Vaters, offne Türe, Licht der Stadt Jerusalem.

Zu jedem einzelnen Bild ließe sich eine Menge sagen und nicht alle erschließen sich auf den ersten Blick. Aber ich verstehe das Lied so, dass ich es immer wieder singen und meditieren kann. Je nachdem, was in meinem Leben gerade los ist, passt vielleicht das Bild von Jesus als dem Baum des Lebens, in den ich fest verwurzelt bin. Oder das Bild der offenen Tür, die Neues möglich macht. Oder eben das Bild des guten Hirten, mit dem das Lied beginnt. Ein Bild, das mich ermutigt, nicht alles selbst machen zu wollen. Und auch wenn man von Schafen sagt, dass sie nicht gerade clever sind: vielleicht haben sie mir doch etwas voraus, wenn sie sich ohne Einschränkung auf ihren Hirten verlassen und seine Wege gehen.

Wort des Vaters, offne Türe, Licht der Stadt Jerusalem, lass uns deine Stimme hören, lass uns deine Wege gehn. 

Musikeinspielungen aus: Lied „Jesus Christus, guter Hirte“ – CD-Track 16
Chormusik zum Gotteslob – Carus 2.160/99

Kölner Dommusik

Carus Verlag 2013

https://www.kirche-im-swr.de/?m=21820