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SWR2 Lied zum Sonntag

GL 253/ EG 35  

So klingt die Melodie von “In dulci jubilo“ – dem alten Weihnachts-Klassiker. Das Lied tanzt etwas aus der Reihe, im Vergleich zu vielen anderen Weihnachtsliedern. Das Besondere an diesem Lied sind der Walzertakt und die Mischung aus lateinischen und deutschen Satzbrocken. 

„In dulci jubilo, nun singet und seid froh. Unseres Herzens Wonne liegt in praesepio.“ Es klingt manchmal ein bisschen wie Kauderwelsch, dieses Nebeneinander von hoher Kirchensprache und einfacher Landessprache. Auch wenn es weiter heißt: „und leuchtet wie die Sonne matris in gremio. Alpha es et O.“ In der Zeit des Mittelalters waren solche Mischtexte gar nicht ungewöhnlich. Die Menschen haben eben zusammengedichtet, was sie zur Verfügung hatten: einmal das Kirchenlatein aus den Gottesdiensten. Und dann das, was man im Volk gebetet hat. Das war oft konkreter und so, dass sich jeder was drunter vorstellen konnte: auch an Weihnachten. So wie heute noch: Beim Stichwort Weihnachten haben viele gleich dieses eine Bild vor Augen: Maria und Josef mit dem Neugeborenen.                 

          O Jesu parvule, nach dir ist mir so weh.

         Tröst mir mein Gemüte, o puer optime,

         durch alle deine Güte, o princeps gloriae.

         Trahe me post te, trahe me post te.

Was frischgebackene Eltern normalerweise zu tun haben, ist klar: sie müssen ihr Neugeborenes beschützen und es immer wieder tröten und beruhigen.

Im Text von eben, ist es aber andersherum. Nicht das Jesuskind ist unruhig und will getröstet werden, sondern der Erwachsene, der dieses Lied singt. Er ist der Kleine und das Jesuskind wird immer größer. In den lateinischen Ausdrücken für Jesus wird das deutlich: zuerst ist er der puer optime, also der beste Knabe und am Ende gar der princeps gloriae, der Fürst der Herrlichkeit. Und der soll Trost spenden. 

Was für eine verkehrte Weihnachtswelt: ein Neugeborenes soll die Erwachsenen trösten. Das passt nicht zum idyllischen Bild mit dem süßen Kind.

Aber so ist Weihnachten. Es hat nun einmal diese zwei Seiten: das hilflose Baby Jesus und die hilfsbedürftige Welt. Und mir scheint, die braucht dringend den einen, der allen helfen kann. Beides kommt im alten Weihnachtslied vor.

Gott sei Dank. Denn an ein einseitiges Weihnachten nur mit dem süßen Baby hätte ich in diesem Jahr sowieso nicht glauben können.

Da passt das, was am Ende der dritten Strophe steht: Quanta gratia – welch große Gnade. Jesus kommt zu uns, weil es ihm nicht egal ist, was bei auf unserer brüchigen Welt passiert.

Und das klingt noch ganz schön lange nach.                

 

         Quanta gratia

         (In dulci jubilo, Singer Pur, CD Drei Schiffe sah ich segeln nach Bethlehem. A German      Christmas, Archivnummer M0108115)

 

        

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