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SWR2 Lied zum Sonntag

Das Lied, das ich Ihnen heute vorstellen möchte, hat mich selbst überrascht. Genau gesagt, zuerst nicht das Lied, sondern sein Textdichter. Gerade mal 22 Jahre war Philipp von Zesen alt, als er 1641 sein Gedicht „die güldene Sonne bringt Leben und Wonne“ veröffentlicht hat.
Von Zesen hatte jugendliches Feuer und großes Sendungsbewusstsein. Seine Mission war die deutsche Sprache. Zusammen mit anderen jungen Autoren wollte er „Deutsch“ kulturell zum Durchbruch verhelfen. Zuvor galt nur als gebildet, wer seine Texte griechisch und lateinisch anreichern konnte. Von Zesen lag daran, auch Deutsch ins Poesiefähige zu heben.

„Die güldene Sonne“ Qualey

Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne,
die Finsternis weicht.
Der Morgen sich zeiget, Die Röte aufsteiget,
der Monde verbleicht.

Nun sollen wir loben den Höchsten dort oben,
daß er uns die Nacht
hat wollen behüten: vor Schrecken und Wüten
der höllischen Macht.

40 Jahre später haben diese Zeilen ihre Melodie gefunden. Und als Morgenlied, vertont von Johann Ahle, steht es bis heute im Evangelischen Gesangbuch.
Was mich daran heute besonders anspricht ist dieser Impuls: Lass Dich nicht einfach nur wecken - sei es von der Sonne, sei es vom Wecker - um dann sofort und ohne Halt in den Alltag zu stürzen. Im Gegenteil, das Lied ermuntert mich, mir eine Wachpause zu nehmen. In der ich mich geistig aufmerksam mache für den Tag, und in der auch eine geistliche Haltung zu ihm einnehme.

„Die güldene Sonne bringt Leben (Orgelspiel Schöne)

Es sei ihm – Gott also - gegeben mein Leben und Streben,
mein Gehen und Stehn.
Er gebe mir Gaben zu meinem Vorhaben,
laß richtig mich gehn.

In meinem Studieren wird er mich wohl führen
und bleiben bei mir,
wird schärfen die Sinnen zu meinem Beginnen
und öffnen die Tür.

340 Jahre nach von Zesen, also 1981, hat ein anderer Pfarrerssohn, der Liedermacher Gerhard Schöne, sich seinen Morgenreim gemacht. Auf die altbekannte Melodie. Seine Erfahrungen kommen mir vertraut vor: Er beginnt seinen Tag heiter mit Kaffee und Marmelade. Ein schönes Ritual, gerade auch am Sonntag. Nicht ganz so geistlich wie bei von Zesen. Aber dann, viel zu schnell, drängen sich die Sorgen in den Morgen. Und überdecken die Lebensfreude.

„Die güldene Sonne bringt

Wie oft lag am Morgen ein Berg voller Sorgen
wie Blei auf der Brust.
Nichts wollte gelingen. Mir fehlte zum Singen
und leben die Lust.

Hab tränenverschwommen kein Licht wahrgenommen,
doch die Sonne stand da.
Gott ließ aus den Pfützen die Strahlen aufblitzen
und war mir ganz nah.

Ach wenn ich doch sähe das Licht in der Nähe
jeden Augenblick.
So steh ich mitunter wie blind vor dem Wunder,
dem täglichen Glück.

Gerhard Schönes Erfahrung: Nicht, dass manche Tage nichts Helles hätten. Aber manchmal ist man wie blind dafür. „Gott ließ in den Pfützen die Strahlen aufblitzen, und war mir ganz nah,“ entdeckt er.
Vielleicht kann ihm und mir als moderne Menschen dabei diese Haltung von Zesens helfen. Den Tag mit einer Wachpause zu beginnen, in der ich die Sinne geistig und geistlich orientiere. Damit ich das Licht in den Pfützen nicht übersehe. –
In seiner letzen Strophe ermutigt Gerhard Schöne, den Tag beherzt in Angriff zu nehmen. Von Gott und der Sonne erwärmt sei er nun ‚über dem Berg‘.

Gleiches wünsche ich mir und Ihnen und einen guten Sonntag.

Die güldene Sonne

Die güldene Sonne bringt leben und Wonne.
Ich bin übern Berg.
Nun will ich beginnen mit hellwachen Sinnen
mein heutiges Werk.

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Musik 1  „Die güldene Sonne bringt Leben“ track 5 aus CD David Qualey, Daheim  ZDynamix  LC 10784

Musik 3  „Die güldene Sonne bringt“ track 3 aus CD Gerhard Schöne, Ich bin ein Gast auf Erden. Buschfunk 1991 (keine LC) EAN 4 021934 902525

Musiken  2 und 4 „Die güldene Sonne bringt Leben“
track 3 aus CD Gerhard Schöne, Ich öffne die Tür
LC 06312

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