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SWR2 Lied zum Sonntag

Der Titel des Chorals von Johann Sebastian Bach „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ ruft ein endzeitliches Bild auf.  Das des göttlichen Thrones, vor den ein Mensch – vielleicht am Ende seines Lebens – gerufen wird. Und so wurde der Choral auch vielfach verstanden. Einmal wohl deswegen, weil er zu den letzen Chorälen gehört, die Bach komponiert hat. Zum anderen, weil er in der Version als Orgelchoral oft den Abschluss bildet zur „Kunst der Fuge“, einem Werk aus Bachs Feder, das unvollendet geblieben ist.
Dabei handelt es sich, wie der Text des Chorals zeigt, um ein Morgenlied. Verfasst hat ihn Bodo von Hodenberg. Er war ein Zeitgenosse Bachs und stand als hoher Verwaltungsbeamter, als Landdrost wie es damals hieß, in Diensten des Herzogs Christian von Braunschweig-Celle.

Vor deinen Thron tret ich hiermit,
o Gott, und dich demütig bitt:
Wend doch dein gnädig Angesicht
von mir, dem armen Sünder, nicht.

Das Bild eines Thrones, vor dem die Untertanen zu erscheinen haben, ist uns heute fremd geworden. Der Thron symbolisierte die feudalistische Macht, die vom Landesfürsten ausging und der auch Bodo von Hodenberg gehorchen musste.

Aber in diesem Lied kommt eine ganz andere Macht zum Vorschein. Eine Macht, die mächtiger ist als jeder Fürst. Die nicht oberhalb oder außerhalb von mir ist, sondern in der ich geborgen bin. Wie es im nächsten Vers heißt:

Du hast mich, o Gott, Vater mild,
gemacht nach deinem Ebenbild
in dir web, schweb und lebe ich,
vergehen müsst ich ohne dich.

Das erinnert an ein Wort, das Paulus auf dem Areopag in Athen allen Gottsuchern sagte: „Fürwahr, Gott ist nicht ferne von einem jedem unter uns. Denn in ihm leben, weben und sind wir.“
Mit anderen Worten: was ich bin und habe, verdanke ich nicht dem Landesfürsten oder dem Kaiser, die mich von ihrem Thron herab regieren. Das, was mein Leben reich macht und schön, verdanke ich Gott. Und manchmal geschieht es, dass mir das in einer frühen Morgenstunde ganz neu aufgeht.

Drum danke ich mit Herz und Mund
dir, Gott, in dieser Morgenstund
für alle Güte, Treu und Gnad,
die meine Seel empfangen hat.

Nein, von einem Thron, vor dem wir  Rede und Antwort stehe müssten, reden wir heute nicht mehr. Aber letzte Instanzen, vor denen wir uns verantworten, gibt es immer noch. Vielleicht das Gewissen. Das Über-Ich. Der Evaluationsbericht. Das Arbeitszeugnis.
Letzte irdische Instanzen aber sollen keine letzte Gewalt haben über uns. Ich soll sie nicht inthronisieren und über mich herrschen lassen.
Sondern mit den Worten dieses Liedes darf ich beten und hoffen, dass es die Gnadenhand Gottes ist, die über mir, über uns allen, ausgespannt bleibt.

Und bitt, dass deine Gnadenhand
bleib über mir heut ausgespannt;
mein Amt, Gut, Ehr, Freund, Leib und Seel
in deinen Schutz ich dir befehl.

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Musiken 1-3 

„Für deinen Thron tret ich hiermit“  track 6 aus CD 1
Ein Choralbuch für Johann Sebastian Bach.
BMS (Bohemian Music Service)  MM 4195-2
EAN  8 590646 41952 3

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19642