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SWR2 Lied zum Sonntag

Bei diesen Tönen erinnere ich mich an meinen masurischen Großvater. Fünf Jahre war ich alt, als ich auf seinem Schoss saß. Ein würdiger, alter Mann im dunklen Anzug, einem gepflegten Bart und einer goldumrandeten Brille. Er kannte und sang dieses Lied, das sich noch heute im evangelischen Kirchengesangbuch findet. „Das Feld ist weiß; vor ihrem Schöpfer neigen die Ähren sich, ihm Ehre zu bezeigen...“ 
Mein Großvater ist schon lange tot. Aber die Erinnerung an ihn verbindet sich für mich mit diesen Tönen und Worten. Wie eine Brücke ist dieses Lied. Aus der Kindheit ins Heute. Von den Toten zu den Lebenden. Aus einem entlegenen Teil Deutschlands, Masuren, das früher zu Deutschland gehörte und heute ein Teil Polens ist, in meine Gegenwart.

Es ist ein altes masurisches Erntelied, dessen Melodie aus dem 17. Jahrhundert stammt. In der Erntezeit wurde es an vier aufeinander folgenden Sonntagen in den schlichten Kirchen Masurens gesungen. Die Ernte wird darin gefeiert und der Schöpfer, der sie geschenkt hat.
Ins Deutsche übertragen und erweitert wurde der Liedtext 1738 von dem evangelischen Pfarrer Bernhard Rostock. Nach einigen Überarbeitungen fand das Lied schließlich seinen Weg in das letzte ostpreußische Gesangbuch. Und von dort  ins evangelische Kirchengesangbuch von heute.
Bei einer Chorreise durch Masuren und Polen stieß der Karlsruhe Chor „Coro piccolo“ zusammen mit seinem Chorleiter Markus Raiser auf den alten Erntechoral. Und erweckte ihn zu neuem Leben...

Der letzte Vers dieses Liedes führt das Bild von der Ernte weiter aus -  weit über den engen Rahmen der menschlichen Lebenszeit hinaus. Die Scheuern auf den Feldern und Hügeln Masurens werden da zu Himmelsscheuern, in denen der Ertrag  des Lebens aufgehoben ist Das jährliche Erntefest wird zu einem Abbild für das große Freudenfest am Ende der Zeit.

Am End nimm, Jesu, in die Himmelsscheuern
auch unsre Seelen, Sabbat dort zu feiern.
Die hier mit Tränen streuen edlen Samen,
werden mit Freuden droben ernten. Amen.

So erinnert das masurische Erntelied auch daran, dass wir nicht aus uns selber schöpfen und leben. Sondern auf dem Schoss oder den Schultern derer sitzen, die vor uns waren.
Dabei denke ich heute, am Ewigkeitssonntag, ganz besonders an meinen Großvater. Aber auch an viele andere. An ihre Mühen zu pflanzen und ihre Freuden zu ernten. An ihren Glauben und an ihren Humor, die noch in die Gegenwart leuchten.

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