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SWR2 Lied zum Sonntag

Menschen brauchen besondere Räume. Räume, in denen die Erfahrung anders ist. Kirchen sind solche Räume, und deshalb gehen sogar manche Menschen, die gar nicht an Gott glauben, gerne in Kirchen, weil sie spüren: Hier ist etwas anders, besonders. Die Wirkung eines besonderen Raums kann man auch körperlich wahrnehmen. Der Atem wird ruhiger, der ganze Mensch kann zur Ruhe kommen, sich öffnen für eine spirituelle Dimension.
Gerhard Tersteegen gelingt das Kunststück, die ganze Welt als einen solchen besonderen Raum wahrzunehmen. Vielleicht liegt das auch daran, dass ihm kein Kirchenraum zur Verfügung stand, er war nicht Pfarrer, sondern Prediger und konnte sich nicht darauf verlassen, dass ein besonderer Kirchenraum seinen Worten eine Gestalt schenken konnte. So öffnet er die Augen und Ohren der Menschen, die ihm zuhören für eine fremde, andere Wirklichkeit, die sie umgibt wie ein unsichtbarer Raum: Die Wirklichkeit des Heiligen um uns, eine spirituelle Wahrheit, die sich fühlen lässt: Gott ist gegenwärtig.

Strophe 1

Die Luft, die wir einatmen wird plötzlich zum Raum, in dem Menschen schweben – das klingt schon ziemlich engelhaft. Und in der Tat sieht Tersteegen auch die Engel am Werk, die das Lob Gottes singen, am liebsten gemeinsam mit den Menschen. Das Meer wird in seiner scheinbar unendlichen Weite zum Gleichnis für eine Tiefe, in die Menschen sich versenken können. Die Blumen, die sich für die Sonne öffnen, werden zum Bild für den Menschen, der sich für Gottes Wirklichkeit öffnet und sein Gesicht dem Heiligen zuwendet. Der majestätische Adler, der sich zum Himmel aufschwingt, wird zum Beispiel für das Herz, das sich zu Gott erhebt. Die Elemente der Welt, die Tiere und Pflanzen sind Teil des großartigen Heiligen Raums. Wer die Augen und Ohren öffnen kann und mag, erkennt ihre spirituelle Tiefe. Ein besonderer Raum, unsere Welt.
Schließlich wird der Mensch selbst zum Heiligen Raum, in dem Gott wohnen kann. Das ist nun wirklich im besten Sinne äußerst raffiniert beschrieben, zugleich ist es die tiefste mystische Erfahrung. Dass der unendliche Gott in einem sterblichen Menschenwesen Wohnung nimmt. Da werden die Verhältnisse umgekehrt. Das Größte ist im Kleinen zuhause, das Kleine wird Teil des Größten. Dann brauche ich keine äußeren Räume mehr, weil in mir selbst der Heilige Raum ist.

Strophe 3

Auch wenn man kein Mystiker ist kann man das erfahren. Wenn man verliebt ist, etwa. Dann scheint es, als ob das Herz die Freude schier nicht fassen könnte, als ob die ganze Welt widerklingt und –schwingt voller Freude, dann bin ich ein Resonanzraum der Liebe. Und darum geht es ja auch der Mystik, um die innigste Verschmelzung. Der ganze Mensch sehnt sich danach, sich zu vereinigen. Und darum geht es auch Gott.

1) "Gott ist gegenwärtig"
CD 2 track 32
"Aus meines Herzens Grunde" Interpreten: Andreas Weller, Gesang; Götz Payer, Klavier
Carus Verlag LC 3989

https://www.kirche-im-swr.de/?m=17933