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SWR2 Lied zum Sonntag

Es sind zwei alte Leute, an die ich am heutigen Sonntag erinnern möchte. An den greisen Simeon und die hochbetagte Prophetin Hanna. Sie treffen im Tempel zu Jerusalem, so erzählt es die biblische Geschichte, auf das wenige Wochen alte Jesuskind mit seinen Eltern.
Es kommt zu einer für Simeon und Hanna unvergesslichen Begegnung. Die beiden, die ihr Leben lang auf den Erlöser gewartet haben, sie spüren, dass der Erlöser in diesem Kind da ist.
Der ersehnte Morgenstern, den Menschen bislang nur als fernes Gestirn am Himmel sehen konnten, er ist auf Erden angekommen. Niedergekommen in Maria, einer jungen Frau. Hineingeboren in finstre Verhältnisse. Ein Licht, das die Nacht zum Leuchten bringt.
Simeon und Hanna jedenfalls wissen beim Anblick des Kindes sofort, was die Stunde geschlagen hat. Sie sind ja ins Warten geübt. Und sind sich im Klaren darüber, dass ihr Warten und ihre Sehnsucht mit dem Aufgehen dieses Sterns ein Ende hat.
Das Lied vom Morgenstern, das wir gleich hören, ist darum, so meine ich, genau ihr Lied. Johann Sebastian Bach hat es vertont und Philipp Nicolai in Verse gesetzt. Das Lied vom himmlischen Stern, der das menschliche Herz unvergesslich berührt.

Musik 1
Coro aus „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, BWV 1,

Wie schön leuchtet der Morgenstern
Voll Gnad' und Wahrheit von dem Herrn,
Die süße Wurzel Jesse!
Du Sohn David aus Jakobs Stamm,
Mein König und mein Bräutigam,
Hast mir mein Herz besessen,
Lieblich, freundlich,
Schön und herrlich, groß und ehrlich,
Reich von Gaben,
Hoch und sehr prächtig erhaben!

Was da erklingt, ist ein Liebes- und Brautlied. Ein Gesang reinster Zuneigung, in dem Zwei ineinander versinken. Die singende Seele, die ans Ziel ihrer Sehnsucht gelangt ist. Und ihr „König und Bräutigam“, der lang erwartete Geliebte. In zärtlicher Zuwendung scheinen sich Gott und Mensch zu umarmen.
Lieblich bist Du, Gott, und freundlich, heißt es da. Und – wie soll ich es sonst noch ausdrücken? – schön und herrlich bist du, groß und ehrlich, hoch und prächtig. Merken Sie etwas? So redet jemand, dem eigentlich die Worte fehlen vor lauter Verliebtheit
Und wer in diesen Wärmestrom hineingerät, der, so spüren wir, klammert sich nicht mehr an dieses oder jenes. Sondern öffnet seine Hände wie der alte Simeon im Tempel: „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren,“ sagt er. „Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“
Auftauen aus der Erstarrung. Aufblühen unter diesem Sternenlicht, das eine Wärme verbreitet, die das Eis zum Schmelzen bringt. Ein Freudenfest feiern im Abglanz dieses Lichtes. Wo zwei sich gefunden haben, deren Liebe stärker ist als der Tod.
Für Simeon und Hanna ist ihr Lebenstraum Wirklichkeit geworden. Ihre Sehnsucht hat einen Namen bekommen.
Wer von uns aber wollte da nicht mit einstimmen in die schwungvolle Bewegung dieses Gesangs? Wer wollte sich nicht mitreißen lassen vom Strom der Zuneigung und Liebe? Und glücklich mitseufzen:
„Wie bin ich doch so herzlich froh, dass mein Schatz ist das A und O, der Anfang und das Ende!“

Musik 2
Choral aus „Wie schön leuchtet der Morgenstern, BWV 1

Wie bin ich doch so herzlich froh,
Dass mein Schatz ist das A und O.
Der Anfang und das Ende!
Er wird mich doch zu seinem Preis
Aufnehmen in das Paradeis,
Des klopf' ich in die Hände.
Amen! Amen!
Komm, du schöne Freudenkrone,
Bleib nicht lange,
Deiner wart' ich mit Verlangen!

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