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SWR2 Lied zum Sonntag

GL 657 / EG 528 „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ 

Verregnete Tage, kahle Bäume und dichter Nebel – das ist der November. Und nicht nur wegen des Wetters gilt er als düsterer Monat. Auch die vielen Totengedenktage tragen zu diesem Image bei. Allerseelen am Monatsanfang, der heutige Volkstrauertag und auch der Ewigkeitssonntag der evangelischen Kirche.

Bei allen geht es um Endlichkeit, Vergänglichkeit und Tod. 

In der Vergänglichkeit des Novembers kann ich aber noch etwas anderes entdecken.

Denn auch wenn die kahlen Bäume wie tot aussehen, so treiben sie im Frühling immer wieder neu aus. Auch das ist der November: ein Durchgang zum neuen Erblühen! 

op. 86, Nr. 1 Rosaline Haas, Max Baumann (40 sec) – darüber gesprochen: 

Von dieser Perspektive lässt das Kirchenlied „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig“ des evangelischen Dichters und Musikers Michael Franck aber nichts erahnen.

Der Liedtext greift die Erfahrung auf, die Michael Franck selbst während des dreißigjährigen Krieges gemacht hat. Und auch 1652, als dieses Lied entstanden ist, sind die Folgen des Krieges immer noch deutlich zu spüren. Not, Hunger und Armut prägen das Leben der Menschen.

Da wundert es mich nicht, dass sein Lied sich schnell in ganz Deutschland verbreitet hat. Text und Musik drücken aus, was die Menschen empfinden.

Letztlich bleibt nichts übrig von dem, was wir heute sind. 

Ach wie nichtig, ach wie flüchtig,
ist all unser Leben!

aus: Ach wie flüchtig, ach wie nichtig. 5 Trauerchöre für Männerchor a cappella, op. 9 Kammerchor Saarbrücken, Männersti

Nichtig, flüchtig. Diese beiden Worte tauchen am Beginn jeder Strophe auf.
Aber nicht nur die Menschen damals wissen um die Flüchtigkeit des Lebens– auch ich kenne das Gefühl, dass die Zeit mir nur so durch die Finger gleitet. Dass die Tage viel zu schnell vergehen und dass man sich fragt, wohin denn all die Zeit gegangen ist, das ist sicher keine Frage des Lebensalters.

Flüchtig ist aber nicht nur die Zeit. Auch die Dinge, die unser Leben so schön machen: Freude, Glück, Schönheit, Geld und Ansehen.

Michael Franck beschreibt das auf eindrückliche Weise in vielen Strophen: 

Ach wie nichtig, ach wie flüchtig
ist der Menschen Freude!
Wie sich wechseln Stund und Zeiten,
Licht und Dunkel, Fried und Streiten,
so sind unsre Fröhlichkeiten. 

aus: Ach wie nichtig, ach wie flüchtig.Choral für Singstimme und Basso continuo Telemannisches Gesangbuch

Ja, das Leben ist flüchtig. Das allein ist oft schon schwer zu akzeptieren.

Aber dass mein Leben auch nichtig sein soll, das gibt mir ziemlich zu denken. Denn dann ist es nicht nur vergänglich, sondern auch ohne Sinn und ohne Wert.  

Da hilft es mir zu wissen, dass in der ersten Schöpfungserzählung, ganz am Beginn der Bibel, eine andere Aussage steht. Gleichsam als Überschrift steht über der Erschaffung der Welt: Gott sah alles an, was er gemacht hatte. Es war sehr gut.

Ich bin fest davon überzeugt, dass diese Zusage gilt und dass sie der Grundtenor ist, der immer mitklingt. Auf diesem Hintergrund kann ich dann z.B. auch verstehen, warum das Buch Kohelet im Alten Testament zu finden ist. Darin wird das Leben mit einem Windhauch verglichen, der unbeständig kommt und geht. 

Das Leben ist sehr gut, weil Gott es uns gegeben hat, das Leben ist aber auch vergänglich und nichtig: Beides steht in der Bibel – und beides nehme ich in meinem Leben wahr.

Auch Michael Franck löst diese Spannung nicht auf. In acht Strophen konfrontiert mich sein Lied mit meiner Vergänglichkeit. Zum Glück gibt es aber auch die letzte Zeile des Liedes, in der es heißt: Wer Gott fürcht´, wird ewig stehen. 

Wenn ich Gott als Lebensspender erkenne, der meinem Leben Sinn und Wert gibt, dann fällt es mir auch etwas leichter mit der Vergänglichkeit des Lebens zurechtzukommen.

 Ach wie flüchtig, ach wie nichtig
sind der Menschen Sachen!
Alles, alles, was wir sehen,
das muss fallen und vergehen.
Wer Gott fürcht´, bleibt ewig stehen.

aus: Kantate am 24. Sonntag nach Trinitatis für Sopran, Alt, Tenor, Bass, Chor und Orchester, BWV 26

 

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