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SWR2 Lied zum Sonntag

Einspiel Jazz-Version „Trio Three Times" (SWR-Archiv)

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit. Ein Protestsong. Der Text ist über zweihundertfünfzig Jahre alt, aber offenbar zeitlos aktuell. Der Ruf nach Gerechtigkeit, die eine Gesellschaft wärmt und erleuchtet wie die Sonne - er veraltet nicht.

Strophe 1 (Aufnahme Münchner Chöre, SWR-Archiv)

Sonne, der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit: Brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich Herr.
130 000 Menschen haben dieses Lied im Mai zum Abschluss des Evangelischen Kirchentages in Hamburg gesungen - nachdem sie vier Tage lang diskutiert hatten. Zum Beispiel darüber wie wir so wirtschaften können, dass es allen nützt oder wie Menschen mit und ohne Behinderung zusammen aktiv werden können.
1989 hatte das Lied seinen festen Platz bei den Friedensgebeten und Demos in Leipzig und anderen Städten der DDR. Tu der Völker Türen auf - dieser Ruf hatte in der DDR der achtziger Jahre eine eindeutige Zweitbotschaft.

Strophe 4 (Sologesang CD „Aus meines Herzens Grunde")

Tu der Völker Türen auf, deine Himmelreiches Lauf hemme keine List noch Macht, schaffe Licht in dunkler Nacht. Erbarm dich Herr.
Die Strophen des Liedes, wie sie heute im Gesangbuch zu finden sind, stammen von drei verschiedenen Dichtern. Der später in der Bekennenden Kirche engagierte Jugendpfarrer Otto Riethmüller hat sie Anfang der dreißiger Jahre zusammenfügt und mit der markanten Melodie verbunden.
Trotz oder gerade wegen dieser Vielfalt hat die Komposition Riethmüllers es geschafft, über alle Konfessionen und Frömmigkeitsrichtungen der Kirche hinweg beliebt zu werden. Politischer Protest, ökumenische Verbundenheit oder innere Erneuerung der Kirche - „Sonne der Gerechtigkeit" nimmt alle Anliegen auf, verbindet und macht Mut.
Allerdings: Manchmal scheint mir der selbstbewusst-schmetternde Ton, mit dem Gemeinden und besonders kirchliche Amtsträger das Lied gerne anstimmen, nicht passend. Immerhin ist es in seinem Kern, das finde ich bemerkenswert, auch ein kirchenkritisches Lied:

Auf Melodie gesprochen (Instrumentalfassung der Mitsing-CD zu „Aus meines Herzens Grunde, Orgelversion):

Sonne, der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit: Brich in deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann. Erbarm dich Herr.
Weck die tote Christenheit aus dem Schlaf der Sicherheit, dass sie deine Stimme hört, sich zu deinem Wort bekehrt, erbarm dich Herr.

Die Kirche also, so macht der Text deutlich, ist nicht unbedingt gerechter oder besser als der Rest der Gesellschaft. Nur wenn sie sich auf ihre Quelle bezieht, auf Jesus, der vorgelebt hat, was Gerechtigkeit ist, dann kann sie Anstöße geben für eine bessere Gesellschaft.
In den Kirchen der DDR ist das geschehen. Und es geschieht auch heute, in Asylzentren, kirchlichen Umweltinitiativen, Hospizgruppen und an vielen anderen Stellen.

Die Versuchung, es mir als Christin in meinem Gemeindezentrum gemütlich zu machen, ist allerdings groß. Deshalb brauche ich immer wieder diese Sonne, die mich wach macht. Und das Lied, das mich daran erinnert.

Bläserversion Landesposaunentag (SWR-Archiv)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=15545