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SWR2 Lied zum Sonntag

Einspiel Bläserquintett

So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich" Wenn ich Beerdigungen zu halten habe, ist dieses Lied ein treuer Begleiter. Immer wieder wird es gewünscht - und sei es nur deshalb, weil kaum ein anderes so bekannt ist. Immer wieder erklingt es auf Friedhöfen - und immer wieder rühren der Text von Julie von Hausmann und die Melodie von Friedrich Silcher mich in dieser ganz besonderen Situation auf eigentümliche Weise an:

Lied Strophe 1 Chor der Stiftsmusik St. Peter

So nimm denn meine Hände und führe mich
bis an mein selig Ende und ewiglich
ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt
wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.

„Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt" - ich muss zugeben: Lange Zeit konnte ich mit dem Text wenig anfangen - obwohl, oder vielleicht gerade weil es eines der wenigen Kirchenlieder ist, das von einer Frau geschrieben wurde. Die aus dem Baltikum stammende Julie von Hausmann hat den Text 1862 gedichtet - und er schien mir mit seinen kindlich-regressiven Tendenzen doch allzu sehr ein religiöser Spiegel des Frauenbilds des 19. Jahrhunderts zu sein. „Lass ruhn zu deinen Füßen, dein armes Kind, es will die Augen schließen und glauben blind", heißt es in der zweiten Strophe. Dass das Lied früher auch gerne bei Trauungen gesungen wurde, zeigt, dass es zumindest anfällig für Missverständnisse ist.
Die Dichterin dieser Zeilen jedoch hat ein erstaunlich bewegtes und für eine Frau ihrer Zeit und ihres Standes eher außergewöhnliches Leben gelebt. Julie von Hausmann hat nie geheiratet. Und hat mehrere Jahre bei jeweils einer ihrer Schwestern im mondänen Biarritz und der Metropole St. Petersburg gelebt. Ihr eigenes Leben hatte allerdings wenig von der beschwingten Leichtigkeit ihrer Umgebung. Sie wirkte auf andere herb und verschlossen, litt an chronischen Kopfschmerzen, für die sie Linderung auf verschiedenen Reisen durch Deutschland und den Alpenraum suchte. Ihre Gedichte zeugen aber auch von einer tiefen und unglücklichen Zuneigung zu einer anderen Frau.
Viel spricht also dafür, dass Julie von Hausmanns Gottvertrauen nicht naiv war. Sie kannte Zweifel, das Gefühl, von Gott verlassen zu sein - und hat trotzdem an ihrem innigen Glauben festgehalten.

CD „Aus meines Herzens Grunde" (Solo) - Strophe 3:

„Wenn ich auch gar nichts fühle von deiner Macht, du bringst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht"

Wenn ich auch gar nichts fühle von deiner Macht - vielleicht ist es diese Erfahrung der Gottferne, die Julie von Hausmanns Zeilen unterscheidet von religiösem Kitsch.
Ja, es spricht ein tiefes, kindliches Bedürfnis nach Geborgenheit daraus. Aber ich glaube: Auf dem Friedhof, im Angesicht des Todes, da hat dieses Bedürfnis seinen Platz. Da muss niemand seine Hilflosigkeit verbergen. Wer trauert, muss nicht gefasst, erwachsen, verantwortungsbewusst seinen Mann oder seine Frau stehen. Sondern darf weinen wie ein Kind, sich fürchten und eben nach Geborgenheit sehnen.

Lied Strophe 2 Chor Stiftsmusik St. Peter

In dein Erbarmen hülle, mein schwaches Herz
und mach es gänzlich stille, in Freud und Schmerz.
Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind:
Es will die Augen schließen und glauben blind.

Ich glaube: Auf dem Friedhof, im Angesicht des Todes, wird dieses Lied zu Recht so oft gesungen. Deshalb singe ich gerne mit und lasse mich anrühren von den Zeilen dieser Frau aus einer anderen Zeit.

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